Aphelion im Test – Life is Strange…even in space!

von Dennis
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Weit, weit entfernt, in einer Galaxie ohne wütende Teenager, Vampyre oder Geister, da spielt Aphelion, der neueste Streich aus dem Hause DON’T NOD. Warum das Action-Adventure auf einem fremden Planeten zu den erzählerischen Highlights in diesem Spielejahr zählt und weniger manchmal mehr ist, lest ihr im Test zu Aphelion auf der Playstation 5.

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Neue Heimat, neues Glück? 

Wir schreiben das Jahr 2060. Unsere Erde, aufgrund des fortschreitenden Klimawandels mittlerweile unbewohnbar, sieht ihrem sicheren Ende entgegen. Die einzige Hoffnung der Menschheit liegt ausgerechnet am Rand des Sonnensystems, auf dem Planeten Persephone. Zumindest in dieser Hinsicht hochentwickelt, entsendet die Europäische Weltraumorganisation, die hier übrigens mit Rat und Tat zur Seite stand, um die Geschehnisse in Aphelion möglichst realitätsnah zu gestalten, zwei ihrer besten AstronautInnen: Ariane und Thomas.

Ihre Mission ist klar. Den fremdartigen Planeten untersuchen und auf ihren Forschungsergebnissen basierend entscheiden, ob die Menschheit hier eine Zukunft haben kann. Einen Sonntagsausflug dürfte da wohl niemand erwarten, doch ist es vor allem der fatale Absturz des Raumschiffs, der die Karten für das Weltall-Duo völlig neu mischt, sie voneinander trennt und der verantwortungsvollen Aufgabe damit eine Extraportion persönliche Dramatik verleiht. Aber damit längst nicht genug, denn auf ein entsprechendes Déjà-vu durch menschliche Besiedlung, hat dieser Planet so gar keinen Bock…

Statt schnödem Vollzeit-Walking-Simulator, erwartet euch hier nämlich ein abwechslungsreicher Gameplay-Mix […]

Doch so gerne ich euch noch ein Stückchen weiter auf diese spannenden Reise mitnehmen würde, verstumme ich jetzt lieber, schließlich lebt Aphelion von seiner eigenständigen Entdeckung. In meinen knapp sechs Stunden für einen vollwertigen Durchlauf mit dem Spiel, war es durchweg ein riesiger Spaß, jeden mir jungfräulich präsentierten Abschnitt des exotischen Himmelskörpers erkunden zu dürfen. Dass der Titel dabei mit optisch beeindruckenden Naturszenarien wie riesigen Fels- und Schneeformationen und bombastischer Panorama-Weitsicht regelmäßig klotzt statt kleckert und viele spannende Überraschungen bereithält, hat mich selbstverständlich noch mehr motiviert und mich das Action-Adventure in fast einer einzigen Sitzung abschließen lassen.

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Authentische Charaktertiefe auf Top-Niveau! 

Wirklich, der Planet Persephone ist der heimliche Star in Aphelion (no pun intended!). Da sich das Gefühl von noch nie zuvor berührtem Terrain in einer außerirdischen Welt und das absolute Unwissen über das dort herrschende Ökosystem derart herrlich auf SpielerInnen vor dem Bildschirm überträgt, hatte auch ich ein stetes Gespür, mit jedem Schritt in der Third-Person-Perspektive etwas Neues zu entdecken. Und selbst wenn sich das nicht immer bewahrheitet hat, war ich doch dankbar über jeden fantasiereichen Reiz, den mir das Spiel quasi dauerhaft in mein von Neugier erfülltes Köpfchen projizieren konnte. Fans von gutem Horror wissen genau, was ich damit meine. Aber auch das Verschmelzen von großartigen, teils bizarr-kreativen Sci-Fi-Elementen und der tatsächlichen Unterstützung durch die ESA, also die European Space Association, trägt gekonnt dazu bei, dass ich mit Aphelion eine zwar durchweg fantastisches Erfahrung erlebe, zeitgleich aber auch buchstäblich auf dem Boden der Tatsachen bleibe, da mir hier ein zumindest halbwegs realistisches Weltraumabenteuer der nahen Zukunft präsentiert wird. Es sind vor allem die optisch umwerfenden Größenverhältnisse, die mich als Spielfigur Miniaturartig erscheinen lassen und aus dieser erweckten Ehrfurcht 4D-Style dazu einladen, einmal die eigene Rolle auf der Erde zu reflektieren, während ich auf ein und denselben Wissensstand mit den ProtagonistInnen versetzt, langsam lernen muss, wer oder was hier die eigentliche Gefahr darstellt…

Weder schwarz noch weiß, ob starke Freundschaft oder tiefe Liebe, der Beziehung zwischen Ariane und Thomas fehlt jegliche Definition, erhält dafür aber etwas viel wichtigeres […]

Etwas ungewohnt rückt Entwickler DON’T NOD Protagonisten und Dialoge diesmal in den Hintergrund und erzählt eher in leisen, zarten Tönen von zwei tief miteinander verbundenen Charakteren, die sich scheinbar nicht erst auf Persephone verloren haben. Weder schwarz noch weiß, ob starke Freundschaft oder tiefe Liebe, der Beziehung zwischen Ariane und Thomas fehlt jegliche Definition, erhält dafür aber etwas viel wichtigeres: Bedeutung. Fernab üblicher, allen gefallen wollender Narration aus dem Mainstream, verzichtet Aphelion auf das deutliche Wort oder eine offensichtliche Interpretation und lässt im Gegenzug Raum für überraschend nachvollziehbare, weniger klare Gefühle und einen philosophischen Ansatz über das Leben. Getragen von einer mitunter erdrückenden Stimmung der Melancholie, des sich Verlierens und der Isolation, streckt Aphelion dem ach so irdischen „hätte“ und „könnte“ ein bitteres „womöglich zu spät“ entgegen, das im emotionalen Finale zwischen Schmerz und Bedauern auch in etwas wie Akzeptanz und Weiterentwicklung gipfelt und der Erkundung des Planeten einen metaphorischen Stempel aufdrückt.

Manchmal können wir nicht sagen, was wir eigentlich sagen wollen oder das fühlen, was wir eigentlich fühlen sollten. Liebe und Hass, Freude und Trauer, die Abnabelung und doch ewig währende Verbundenheit sind oft untrennbar miteinander verbunden und lassen sich ohne Probleme auf eine einzige Person in unserem Leben übertragen. Wenn nichts schwarz, wenn nichts weiß, dafür alles unglaublich komplex und verwirrend genug erscheint, dann ist das das echte Leben, dem sich auch Aphelion in seiner Charakterzeichnung annähert, gleichzeitig mit so oft wiederholten Klischees bricht und mir mit seiner dadurch entstandenen Authentizität unwahrscheinlich imponiert hat.

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Ist das etwa Nathan Drake? 

Apropos, denn auch spielerisch überrascht Aphelion angenehm positiv. Statt schnödem Vollzeit-Walking-Simulator, erwartet euch hier nämlich ein abwechslungsreicher Gameplay-Mix, der ruhige Momente mit adrenalingeladener Action gelungen vereint. Ohne Frage, die größte Inspiration hat sich DON’T NOD Entertainment dafür wohl in den eigenen vier Wänden geholt, denn Arianes Abschnitte sind gespickt mit Klettereinlagen und Sprungpassagen, in denen die Astronautin auch mal an einem Enterhaken inklusive praktischem Seil hängt, was sich original wie im 2023 veröffentlichten Jusant anfühlt. Gut so, schließlich galten die Parkour-Sequenzen bereits dort als äußerst spaßig und spielten sich dynamisch weg, was sich ohne Qualitätsverluste auf Aphelion übertragen lässt und durch clever integriertes Momentum für wiederholt spannende Momente in schwindelerregenden Höhen sorgt.

Stealth ist ebenfalls mit von der Partie, funktioniert erstaunlich gut und verlässt sich eher auf klassisch-simple Elemente, anstatt euch mit unzähligen Möglichkeiten oder Gadgets zu überfordern. Aufgrund der festen Überzeugung, mit Aphelion einen Titel zu erhalten, der von Grund auf selbstständig erkundet werden möchte und eure Wissbegierde ins Unendliche treibt, während Überraschungen und spannende Wendungen permanent euren Weg begleiten, bleibe ich auch bei diesem Thema eher oberflächlich und verrate nicht, wann oder wofür diese Stealth-Segmente zum Einsatz kommen. Anmerken möchte ich aber, dass sie im Kontext durchaus Sinn ergeben und dank ihrer durchdachten Spielbarkeit kaum Platz für Frustration bieten.

Zugegeben, ganz so flott spielen sich die Abschnitte mit Konterfei Thomas nicht. Der ist aus narrativen Gründen deutlich eingeschränkter unterwegs, muss regelmäßig den beschädigten Sauerstofftank seines Raumanzugs auffüllen und vertritt dadurch schon eher den traditionellen Ansatz einer Walking-Simulation. Da ihr beide Charaktere ohnehin stets im Wechsel spielt, weiß das meist entspannte Konzept dieser Parts aber ähnlich zu überzeugen. Hier fällt dann auch mal das ein oder andere kleine Rätsel an, während auffindbare Lore mehr über den Planeten und bisherige Ereignisse an dessen Oberfläche verrät. Denn ja, sogar ein Spiel wie Aphelion braucht scheinbar Sammelgegenstände. Doch keine Panik, die fallen in ihrer Anzahl derart gering aus, dass die Jagd nach der Platin-Trophäe regelrecht zum leichten Spiel mutiert. Macht ihr fleißig Gebrauch von Arianes Pathfinder-Fernglas, offenbaren sich zudem interessante Orte, Landmarken und alternative Pfade.

Falls das jetzt nach großer Freiheit für euch klingen sollte, kommt hier der große Dämpfer. Trotz aller Begeisterung, die ich selbst nach dem Spielen von Aphelion noch empfinde, bleibt Kritik wie üblich nicht aus. Auf den Freiheitsaspekt bezogen, sind zum Beispiel nicht alle Gebiete mit einer natürlichen Abgrenzung gesegnet. Ein paar mal zu oft laufe ich also gegen unsichtbare Wände und frage mich auch bei der Story protestierend, wo ich denn jetzt endlich mal Mitspracherecht erhalte. Klar, seinen deutlich überzogenen Fokus auf den Einfluss der Geschichte durch jede einzelne Aussage hat das Entwicklerteam von DON’T NOD längst über Bord geworfen, aber ein bisschen mehr Beteiligung hätte ich mir dann doch gewünscht. Aber selbst wenn Aphelion seine Entscheidungen ganz alleine trifft und Dialoge ohne Interaktion abspult, dadurch also wenig bis gar keinen Wiederspielwert bietet, funktioniert der Titel unterm Strich als geführt-lineare Erfahrung eindeutig am besten.

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Postkarten-Planet

Atemberaubende Landschaften mit Panorama-Blick, außerirdisch anmutende Formationen aus schroffem Gestein oder halbtransparentem Eis vor unendlich in die Ferne ragenden Gebirgsketten. Düstere Höhlensysteme, die ihre faszinierend natürliche Architektur erst im Schein einer Taschenlampe glitzernd und reflektierend preisgeben, tobende Schneestürme und die Isolation staubtrockener Sandwüsten – so unwirtlich wie faszinierend. Einen dicken Preis für seine unvergessliche Atmosphäre hat sich Aphelion schon mal gesichert. Was ein Glück, dass all der visuelle Bombast, zu dem sich übrigens auch die Charaktermodelle, Gestik und Mimik, die allgemeine Optik und sogar das Color Grading zählen dürfen, von einer sauberen Technik gestützt wird. Bis auf ein paar kleinere Grafik-Bugs wie flackernde Lichter oder den kompletten Niedergang der Bildwiederholungsrate in einer späten Cutscene, präsentierte sich mir der Weltraumtitel stets in knackig scharfer 4K-Auflösung bei flüssigen 60 Bildern pro Sekunde. Dazu sei außerdem erwähnt, dass diese Erfahrungen auf einer recht frühen Version des Spiels von vor einigen Wochen basieren und mittlerweile ein paar Patches veröffentlicht wurden, die sich dieser Probleme annehmen konnten.

Außerdem erscheint Aphelion hierzulande vollständig lokalisiert mit deutschen Texten und Sprachausgabe. Da mir mein persönlicher Geschmack bei auf deutsch vertonten Dialogen immer im…ähm…Ohr hängt und eine holprige Aussprache einfach nicht verzeihen mag, habe ich den Titel komplett auf Englisch gestellt und eine durchweg glaubwürdige Vertonung nebst gelungenem Voice-Acting und authentischer Schauspielleistung der SprecherInnen genossen. Das immersive Sounddesign sowie der oft auch sehr stille Soundtrack sind ein wahrer Genuss, der den Gebrauch von guten Kopfhörern nahezu verpflichtet. Wer sich an flackernden Lichtern, zu starker Vibration oder sonstigen Inhalten stört, erhält in den Einstellungen zudem eine Vielzahl von Accessibility-Optionen, die sich unter anderem auch der Schriftgröße von Untertiteln annehmen. SpielerInnen auf der Playstation 5 erhalten wieder mal ein nettes Audio-Feature über den integrierten Lautsprecher des Dualsense-Controllers.


Aphelion ist seit dem 28. April 2026 für Playstation 5, Xbox Series X/S sowie den PC via Steam erhältlich und schlägt digital mit 34,99€ zu Buche, während die physische Handelsversion 39,99€ kostet.

Für diesen Test zu Aphelion auf der Playstation 5, wurde uns freundlicherweise ein Reviewcode vom Publisher/Entwickler DON’T NOD zur Verfügung gestellt. Screenshots und Assets stammen aus dem offiziellen Pressekit.


Fazit/Wertung: 9.0/10

Aphelion ist das narrative Highlight dieses Jahres. Mit einem erkundungswürdigen Planeten voll wundersamer Mysterien im Vordergrund, hinterlässt das Action-Adventure sein emotional beladenes Protagonisten-Duo ehrfürchtig wortkarg, erzählt dank dichter Atmosphäre und authentischer Schauspielleistung dabei aber mehr als jeder Buchbestseller. Durch eine saubere Präsentation und Technik getragen, sorgt der optische Bombast schon mal für offene Münder, während auch das dynamische Gameplay zu überzeugen weiß. Kaufen, anschnallen und ab in den Weltraum!

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