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Videospiele beschreiten manchmal seltsame Wege. Da wird ein gut funktionierender Erstling für den Nachfolger so sehr mit zusätzlichen Mechaniken vollgepackt, dass es eine ganze Community spaltet, nur um all diesen Ballast im dritten Ableger plötzlich wieder von sich zu werfen. Grundsätzlich eine gute Idee, im Fall von Shadow Warrior 3 geht uns der Ausflug zurück zu den Wurzeln allerdings ein wenig zu weit. Von verrückten Hühnern, Boybands und Doom, unser Test zum aberwitzigen Arena Shooter Shadow Warrior 3.

Neueinsteiger erhalten mit Shadow Warrior 3 einen äußerst kompromisslosen Arena Shooter mit dynamischer Fortbewegung und wuchtigen Kämpfen, langjährige Serien-Veteranen aber gleich mehrere Überraschungen. Karten werden nun nicht mehr zufällig generiert, Charakterfortschritt und RPG-Elemente suchen wir vergebens und wer sich bereits auf spaßige Spielstunden mit Freunden gefreut hat, darf den zweiten Controller getrost Beiseite legen, der Koop-Modus ist nämlich ebenfalls Geschichte. Was bleibt, ist ein übermächtiger Protagonist namens Lo Wang, der mit dem Humor (und Charme) eines vorpubertären Fünftklässlers die Welt einer fiktiven Asia-Folklore vor einem alles zerstörenden Drachen retten muss, und so etwas lose an das Ende des Vorgängers anknüpft, dabei auf alte Bekannte stößt und sie mit nervigen Einzeilern in den Wahnsinn treibt, während es unendlich heranströmenden Gegnerhorden in Arena-artigen Umgebungen mit insgesamt sieben Waffen an den Kragen geht und wir die Zeit dazwischen mit kurzweiligen Parkours-Einlagen in Schlauchlevels totschlagen…

Jap, das ist Shadow Warrior 3 – nicht mehr, nicht weniger. Eine richtige Geschichte ist quasi nicht vorhanden, weshalb Lo Wangs kleiner Fauxpas am Ende des Vorgängers nun dafür herhalten muss, uns eine narrative Motivation zum Schnetzeln zu bieten. Der damals freigelassene, altertümliche Drache will mit seinem Zerstörungsfeldzug durch das neo-feudale Japan nämlich gar nicht aufhören und so sehen wir uns einmal mehr in der Pflicht, die Welt vor ihrem drohenden Untergang zu bewahren. Die Hoffnung auf ein ernstzunehmendes Epos sollten wir allerdings schnell begraben, Shadow Warrior 3 ist viel mehr der wahr gewordene Traum eines jeden Slapstick-Enthusiasten und macht aus allem eine große, alberne Show. Neben oft sehr nervigen Sprüchen unter der Gürtellinie, kann dieser überdrehte Humor aber auch wunderbar funktionieren. Etwa dann, wenn uns in geschickt geschnittenen Zwischensequenzen ein vermeintlich fieser Boss angedeutet wird, der sich in der tatsächlichen Begegnung am Ende des Levels als torkelnder Hahn mit buntem Federkleid entpuppt. Doch der laute Lacher bleibt uns fast im Hals stecken, als der Gockel ohne jegliche Vorwarnung einen fetten Laserstrahl aus seinem Schnabel abfeuert. Das wirkt alles dermaßen absurd, dass wir durch dieses überraschende Manöver aber weniger unsere Lebensenergie, als viel mehr unser Zwerchfell in erneuter Gefahr sehen.

Unterm Strich bleibt der Humor von Shadow Warrior 3 jedoch ein zweischneidiges Schwert. Der Titel hält ein paar gut gesetzte Schenkelklopfer parat und der durchweg flapsige Umgang mit der eigentlich so ernsten Ausgangslage weiß in der heutigen Videospiellandschaft irgendwo auch zu erfrischen, doch vor allem Lo Wangs untertitelte Einzeiler während des Spielgeschehens lassen sich bestenfalls im Fachjargon vorpubertärer Jugendlicher einordnen und verlieren durch die deutsche Übersetzungen sogar völlig ihre Wirkung. Wer also die geballte Packung Blödsinn haben möchte, sollte unbedingt englische Untertitel passend zur Sprachausgabe einschalten oder diese gleich deaktivieren. Keine Sorge, verpassen lässt sich dabei nichts, weil auch einfach nichts passiert. Dialoge dienen ausschließlich dazu, das Geschehen mit den beklopptesten Sprüchen zu kommentieren, nicht aber um die Story mit Wendungen zu versehen oder Charaktere zu entwickeln.

Etwas, bei dem Shadow Warrior 3 deutlich weniger Kompromisse eingeht, ist das Gameplay. Hier erwartet uns feinste Action im Stil eines modernen Doom, wenn auch gefühlt noch in den Kinderschuhen. Lo Wang scheint beweglicher denn je, und so hasten wir durch die schlauch-artig streng linearen, aber immerhin anschaulich bunten Level per Wallrun, nutzen einen praktischen Greifhaken und kombinieren diese Manöver mit einem Doppelsprung, um Abgründe in schwindelerregender Höhe stylisch zu überwinden. Unseren Bewegungsdrang nehmen wir mit in die Arenen, die uns der Titel in regelmäßigen Abständen vor die Füße wirft und heizen dort den Gegnern so richtig ein. Mit einem abgespeckten Arsenal aus insgesamt sieben Schusswaffen und einem Katana, treiben wir den Kombozähler in die Höhe, aktivieren fiese Fallen und lassen natürlich in blutigster Genre-Manier Köpfe und andere Körperteile zum rockigen Soundtrack platzen. Falls es einmal brenzlig wird, zieht uns der Greifhaken flott an einen sicheren Ort. Auch das Gunplay weiß dabei zu gefallen und bringt den nötigen Wumms in die Gefechte, die sich allesamt ziemlich dynamisch spielen. Der zuvor angesprochene, absurde Humor macht selbstverständlich auch vor dem kreativen Gegnerdesign nicht halt, weshalb wir während der Kämpfe gegen die feudal angehauchten Fieslinge immer das Gefühl bekommen, auf eine Mischung aus versucht akkurater Geschichtsdarstellung und fantasievollem Meme einzudreschen. Durch Finisher gelangen wir sogar an die einzigartigen Waffen von Gegnern, die von Frostbomben bis hin zu wuchtigen Hämmern reichen.

Es fühlt sich verdammt gut und richtig an, wie uns das Spiel von der ersten Sekunde an in die Action wirft und wir durch diesen Fokus auf ganz simple Kernelemente eines First Person-Shooters auch sofort loslegen, ohne wirklich darüber nachdenken zu müssen. Doch mit seiner allzu argen Besinnung auf das Wesentliche, stößt Shadow Warrior 3 leider auch beim Gameplay an seine Grenzen. Nach bereits kürzester Zeit haben wir schlicht alles gesehen. Gegnertypen wiederholen sich und bieten keinerlei Variationen. Das Arsenal aus Pistolen, Granatwerfern und Shotguns – da blättern wir nur mehr so halbherzig durch und wählen im Eifer des Gefechts die Waffe, die momentan die meiste Munition hat. Finisher Moves sind an unsere Widersacher gebunden, weshalb der Wow-Effekt eines geköpften Hattori irgendwann auch im gefühllosen Nichts verpufft. Stellen zum Klettern und Entlanglaufen in und außerhalb der Arenen gelten ebenfalls als fest vorgeschriebene Skript-Marker, was unseren kreativen Bewegungsdrang immens einschränkt und aufgrund teils extrem schlechter Kollisionsabfrage zu häufigen Abstürzen führt.

Das alles ist von Entwickler Flying Wild Hog durchaus so gewollt, denn die möchten uns mit Lo Wang einen mächtigen Helden an die Hand geben, der mit so einer Leichtigkeit durch Gegnerhorden schnetzelt, so unbedacht durch die Level hüpft, dass Überraschungen und Diversität nicht in dieses Prinzip passen. Wir sollen wissen, was uns erwartet und dann einfach möglichst cool drauflos stürmen und die rasante Action aufrecht erhalten. Auch der abgesetzte Charakterfortschritt unterstreicht diese Intention. Nichts soll uns aufhalten, kein falsch gesetzter Fähigkeitenpunkt ein Bein stellen. Lo Wang bleibt somit unberührt, nur noch die Waffen lassen sich durch überall in den Leveln versteckte Orbs aufrüsten und zum Beispiel mit Element-Schäden ausstatten.

Versteht uns nicht falsch, Shadow Warrior 3 macht eine Menge Spaß, doch geht dem Titel erstaunlich schnell die Puste aus. Mehr Sprint als Marathon, wird aus der anfänglichen Begeisterung über die so seltene Aufgeräumtheit, schon bald Frust über mangelnde Abwechslung und sich ständig wiederholende Muster. Im Angesicht des momentanen Preis-/Leistungsverhältnisses wirkt das sogar ein bisschen dreist. Denn, und nun haltet euch bitte fest, mehr als knapp fünf Stunden werdet ihr für einen Durchlauf nicht benötigen, müsst aber trotzdem ganze 50€ hinblättern. Der Wiederspielwert geht gegen null, einzig und allein mehrere Schwierigkeitsgrade locken erneut vor den Bildschirm. Klar, Videospiele sind immer etwas wert und wir alle wollen, dass auch die Leute dahinter ihrer Arbeit entsprechend bezahlt werden, vor allem weil Shadow Warrior 3 so ein unüblicher, mutiger Titel ist, der angenehm auf moderne Entwicklungen pfeift und einfach sein Ding durchzieht, indem es puren Spielspaß und schnelles, flüssiges Gameplay in den Fokus rückt und die Wörter Mikrotransaktionen und nerviges Grinding nicht einmal zu kennen scheint. Betrachten wir aber all die negativen Aspekte, wie die kaum vorhandene Story, platte Charaktere, stur lineares Leveldesign, das in seiner Optik zwar charakterlich stark daherkommt, aber technisch gewiss nicht durchweg zu begeistern weiß, die immer gleichen Abläufe, Gegner, Bewegungen, all die gestrichenen Inhalte des Vorgängers – dann setzt Shadow Warrior 3 auf Preisniveau deutlich zu hoch an.

Durch die klare Struktur profitiert aber immerhin die Steuerung, die mit nur wenigen Kommandos auskommt und dadurch sofort in Fleisch und Blut übergeht…wie unser Katana durch das besessene Akkordeon Slinky Jakku. Ohne darüber nachdenken zu müssen, hopsen wir schon bald durch die Arenen, weichen Treffern aus und wechseln gekonnt zwischen Nahkampf, Schießeisen und dem Jedi-ähnlichen Machtschub, während uns etliche Gegner aus allen Richtungen aufs Korn nehmen. Ganz schön viel los und richtig schnell, Shadow Warrior 3 weiß das aber technisch durchaus zu verkraften. Mit stabiler Bildrate von 60fps und tollem Effektfeuerwerk, gefallen die dynamischen Auseinandersetzungen auch optisch. Die Artdirection geht mit seinem manchmal wie aus einem Fiebertraum entsprungenen, halb zerstörten Folklore-Japan zwar einen ansehnlich und visuell immersiven, schrill-bunten Weg, bleibt aber deutlich hinter den Möglichkeiten der aktuellen Konsolengeneration zurück. Auch eine HDR-Funktion vermissen wir noch schmerzlich.

Shadow Warrior 3 ist seit dem 1. März 2022 für Xbox, Playstation und den PC ausschließlich digital erhältlich und kostet derzeit 49,99€.

Der Test basiert auf einem Reviewcode von Shadow Warrior 3 für die Xbox Series X, der uns freundlicherweise von unseren Medienpartnern Cosmocover zur Verfügung gestellt wurde. Screenshots stammen aus dem offiziellen Presse-Kit.

70%
Videospiel süß-sauer...

Mal ehrlich, ihr könntet euch vor dem Spielen irgendeine lustige Pille schmeißen, den Titel in fünf Stunden durchrocken und euch danach an nichts mehr erinnern, hattet aber trotzdem eine verdammt gute Zeit. Klingt merkwürdig, doch genau darum geht’s. Shadow Warrior 3 ist genauso spaßig wie belanglos, genauso lustig wie albern dümmlich. Shadow Warrior 3 ist...ein Videospiel. Und zwar eines, das sich deutlich an den klassischen Freiheiten des Mediums bedient, Funktionalität vor Abwechslungsreichtum stellt und genau das sein will, was es letztendlich ist. Ein repetitiver Badass-Shooter mit simplen Mechaniken, in dem Köpfe platzen, Munitionsmangel kein Problem darstellt, der Protagonist einen bescheuerten Spruch nach dem anderen raushaut und Boyband-Gesang erklingt, während wir in Zeitlupe eine Leiche umarmen. Tja. Ob ihr den Titel nun an modernen Standards messen und ihn dafür verachten wollt oder ob ihr ihn als eine Art Liebeserklärung an Spiele wie Doom oder Serious Sam betrachet und gleichermaßen romantisiert, das liegt ganz an euch. Über ein paar angesprochene Mängel lässt sich allerdings nur wenig streiten, weshalb der Preis deutlich den gebotenen Inhalt übersteigt.

  • Grafik
  • Sound
  • Story/Atmosphäre
  • Steuerung
  • Spielspaß
About author

Dennis

Games-Magger Dennis findet gerne mal die Nadel im Heuhaufen und legt sie dann auf die Goldwaage. Wahre Liebe darf auch kritisieren. Heimisch auf Xbox One und Nintendo 3DS.

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