Werewolf: The Apocalypse – Heart of the Forest bei uns im Test

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Von Aktivismus, Heimat, der eigenen Identität und, achja, Werwölfen – Unser Test zu Werewolf: The Apocalypse – Heart of the Forest auf der Nintendo Switch.

Werewolf: The Apocalypse – Heart of the Forest versteht sich als Teil der weltweit beliebten World of Darkness-Serie. Ursprünglich als Tabletop-RPG entworfen, folgten literarische Werke und ein weiterer Ausbau des Universums in Form diverser Videospiel-Produktionen. Ob Vampire oder Werwölfe, spannend war die Mischung aus phantastischen Wesen vor realem Hintergrund schon immer, konnte sich aufgrund mangelnder Qualität jedoch nie richtig auf dem Konsolenmarkt etablieren. Seit der Veröffentlichung der ersten Visual Novel im Kosmos der Reihe, hat sich daran aber einiges geändert. Hier stören schließlich keine unausgereiften Spielmechaniken oder eine durchschnittliche Technik. Mit der Konzentration auf die eigentliche Stärke der gesamten Serie, das Erzählen einer spannenden Story, gelang den beiden Ablegern von Vampire: The Masquerade bereits ein starker Einstieg ins Genre.

Werewolf: The Apocalypse – Heart of the Forest macht da keinen signifikanten Unterschied, wenn auch vieles anders. Statt blutsaugender Großstädter mit ausgeprägtem Wirtschaftsinteresse, erleben wir das Geschehen diesmal aus der Sicht zotteliger Teilzeitvierbeiner, die sich viel lieber dem Umweltschutz verschreiben. Außerdem geht es deutlich interaktiver zur Sache, denn die Fusion aus Visual Novel und Tabletop-RPG erlaubt uns im Rahmen der Handlung zahlreiche Freiheiten.

So begleiten wir Protagonistin Maia in das beschauliche Dorf Bialowieźa. Denn dort, inmitten alter Familienfehden, vermutet die Studentin mit polnischen Wurzeln den Ursprung ihrer Albträume. Noch vor unserer Ankunft erleben wir diese merkwürdig animalisch wirkenden Traumsequenzen am eigenen Leib und wollen natürlich unbedingt wissen, was es damit auf sich hat. Tatsächlich gelingt dem Titel ein durchaus fesselnder Start. Vom Tabletop-RPG inspiriert, fallen bereits früh etliche Entscheidungen an, die teilweise weitreichende Konsequenzen haben und Maias Charakter nachhaltig prägen.

Mit welcher Motivation treten wir diese Reise überhaupt an – wollen wir etwas über unsere Wurzeln in Erfahrung bringen oder uns unabhängig davon selbst finden? Entgegnen wir unserer Reisebegleitung mit demselben Respekt, den sie wohl mit der Teilnahme an dieser Odyssee uns gegenüber aufgebracht hat oder lassen wir sie noch im Bus wissen, dass ihre Anwesenheit eigentlich unerwünscht ist? Im Zentrum dieser Mechanik stehen diverse Eigenschaften und Beziehungen zu anderen Charakteren, die wir je nach Verhalten weiterentwickeln können. Auf dieser Grundlage lassen sich in den Dialogen dann andere Antworten auswählen oder alternative Entscheidungen treffen, was erstmal spannend klingt und zumindest den Wiederspielwert von Werewolf: The Apocalypse – Heart of the Forest ordentlich in die Höhe treibt.

Über diesen Persönlichkeitswerten stehen allerdings drei viel wichtigere Attribute: Willenskraft, Gesundheit, vor allem aber Wut. Die Ausprägung dieser Werte hat maßgeblichen Einfluss auf den Lauf der Geschichte, wir sollten sie also im Auge behalten. Mittels eines Charakterbogens, der sich jederzeit bequem aufrufen lässt, funktioniert das auch wunderbar. Hält Maia ihre Wut beispielsweise nicht zurück, gibt also freche oder genervte Antworten, lässt sich auf Streitigkeiten ein, dann werden viele Charaktere ihr gegenüber weniger aufgeschlossen sein. Doch so manche Person wird dieses Auftreten vielleicht sogar begrüßen und eine Perspektive auf die Geschehnisse geben, die uns bei friedlichem Verhalten verborgen geblieben wäre. Wie fast immer im Genre gilt also: Ein Richtig oder Falsch gibt es nicht, nur die Konsequenzen. Einmal der Wut verfallen, lassen sich diplomatische Antworten nicht länger auswählen und wer dagegen handzahm bleibt, wird wohl nie die Möglichkeit auf eine hitzige Debatte erhalten, auch wenn sie eventuell hilfreich wäre. Ähnlich verhält es sich mit der Willenskraft. In Werewolf: The Apocalypse – Heart of the Forest wird sie quasi als Zahlungsmittel verwendet, um bei schwierigen Themen ehrliche Antworten von diversen NPCs zu erhalten. Doch Vorsicht, wer die Dialoge nicht genauso nutzt, um die eigene Willenskraft erneut aufzubauen, endet vielleicht mit einer Protagonistin, die ihr eigenes Ziel aus den Augen verliert.

Angesichts dieser tollen Mechanik und dass es überhaupt gelingt, ein Tabletop-RPG für Einzelspieler zu digitalisieren ohne dabei auf Atmosphäre und Spielspaß zu verzichten, schmerzt es umso mehr, dass Werewolf: The Apocalypse – Heart of the Forest seine eigentliche Prämisse bereits im Titel so deutlich zu verstehen gibt. Maias Reise mag von verschiedenen Motivationen geprägt, ihr Charakter überraschend wandelbar sein, doch letztlich ist es stets die Mutation zum Werwolf, die das finale Ziel dieser Erzählung darstellt und somit keinerlei Platz für Wendungen oder gar einen Spannungsbogen bietet. Wenn von Beginn an klar ist, worauf alle Ereignisse hinauslaufen, ist der Weg dorthin nur noch halb so mitreißend.

Apropos, denn mit einer Gesamtspielzeit von vier bis fünf Stunden, überzeugt vor allem die erste Hälfte des Titels durch seine zwar langsam, dafür umso packender aufgebaute Atmosphäre. So westlich und im internationalen Vergleich auf dem Boden geblieben, fast schon unspektakulär der Titel als Werk betrachtet wirken mag, so präsentiert sich auch sein Schauplatz. Ein typisch osteuropäisches Dorf mit argwöhnisch dreinblickenden Bewohnern, die lieber unter sich bleiben würden. Inmitten der Natur, ihren Traditionen und Gewohnheiten. Doch genau damit glänzt Werewolf: The Apocalypse – Heart of the Forest und entfaltet ein Kammerspiel aus provinziellen Konflikten, die uns Entwickler Different Tales zwischen den literarisch anspruchsvollen Zeilen immer wieder spüren lässt. Feinfühlig vermischen sich Einflüsse aus Folklore und Spiritualität mit Realität und Moderne. Jedoch stets für sich und nie zu einem großen Ganzen, so wie Maia und ihre alte Heimat. Die Frage nach der Identität, mal subtil im ruhigen Ambient-Soundtrack, dann wieder bildgewaltig in Fiebertraum-artigen Collagen aus Zeichnungen und stark kontrastreichen Fotografien transportiert, findet unter der Oberfläche genügend künstlerische Aufmerksamkeit, jedoch nie offensichtliche Anerkennung. Kein Wunder, denn hübsch anzusehen ist das Artdesign nun wirklich nicht, dafür aber ein genialer Ausdruck innerer Zerwürfnisse. Nur leider fehlt es an Gleichgewicht, dieser Schwere genügend Platz einzuräumen.

Die anfänglich sehr detailliert beschriebenen und in ihrer Darstellung glaubwürdigen Charaktere werden nach knapp der Hälfte der Spielzeit von einer wahren Flut an weiteren NPCs überrannt, für deren Ausarbeitung keinerlei Zeit übrigbleibt. Wo man sich zu Beginn noch in ausführlichen Erläuterungen über die Umgebung verlieren konnte, geht es nun Schlag auf Schlag. Ein wirrer Sprint mit unbekannten Begleitern auf ein Finale, das bereits bekannt ist und nur aufgrund der großen Entscheidungsvielfalt noch ein klein wenig Spannung birgt. Doch was ist die Wahl zwischen Menschlichkeit und animalischen Trieben noch wert, wenn kurz darauf der Abspann grüßt? Wenn wir uns wenige Augenblicke vor dem Ende noch tiefsinnig mit den Absichten einzelner Clans auseinandersetzen müssen, um eine persönliche Entscheidung zu treffen, wirkt das wie ein Auftakt ohne Aussicht. Eine Pilotfolge ohne Sendetermin für die komplette Serie. Kurzum, reichlich verschenktes Potential.

Was bleibt, ist aber der Respekt vor Different Tales, einem ziemlich kleinen polnischen Entwicklerteam, mit Werewolf: The Apocalypse – Heart of the Forest einen ambitionierten Titel geschaffen zu haben, der unter der Oberfläche das Thema Heimat aus einer sehr europäischen, sensiblen Sicht behandelt. Der Disput zwischen Tradition und Moderne, jungem Aktivismus und altem Frieden, zerstörerischem Kapitalismus und kostbarem Erhalt – vermischt mit einheimischer Folklore und einem Hauch Spiritualität. Vielleicht hätte es diesen Ausflug in die Welt der Dunkelheit gar nicht gebraucht. Die Werwolf-Thematik scheint fast überflüssig, das Potential im Subkontext viel deutlicher erkennbar. Erzählerisches Geschick ist jedenfalls vorhanden und würde nach der experimentellen Wanderlust-Reihe der Entwickler perfekt zur einem realistischen Setting passen. Also, Different Tales, wie wäre es denn mit ein paar echten Geschichten aus Europa?

Werewolf: The Apocalypse – Heart of the Forest ist seit dem 7. Januar 2021 für die Nintendo Switch erhältlich und schlägt digital mit einem Preis von 14,99€ zu Buche. Für Steam ist der Titel bereits im Oktober 2020 erschienen.

Der Test basiert auf einem Reviewcode für Werewolf: The Apocalypse – Heart of the Forest auf der Nintendo Switch, der uns freundlicherweise vom Publisher Walkabout Games zur Verfügung gestellt wurde. Screenshots stammen aus dem offiziellen Pressekit.


66%

Zum Heulen…

Werewolf: The Apocalypse – Heart of the Forest ist eine hervorragende Imitation des Tabletop-RPGs und hält neugierige Spieler mit einer beispiellosen Entscheidungsvielfalt glaubhaft bei Laune, kann als Visual Novel gleichzeitig aber nur wenig begeistern. Ein immersiver Start steht dem völlig überhasteten Finale genauso gegenüber, wie die wichtigen Themen auf der Metaebene dem eigentlichen Plot. Angesichts der niedrigen Preisgestaltung und einer verfügbaren Demo, darf jeder ruhig mal einen Blick riskieren.

  • Grafik
  • Sound
  • Story/Atmosphäre
  • Steuerung
  • Spielspaß