Lost Words: Beyond the Page bei uns im Test

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Sketchbook Games feierten mit Lost Words:Beyond the Page bereits im letztens Jahr ihr Debüt. Bisher exklusiv für Google Stadia verfügbar, findet der Titel am 06. April seinen Weg auch auf die anderen Konsolen und den PC. Aber kann das Spiel auf der Switch sein volles Potential entfalten?

Der Traum einer Kreativen

Kreativität und Realität sind in der Theorie zwei sehr verschiedene Dinge. Wer schonmal etwas Zeit ins kreative Schreiben investiert hat, wird wissen, dass sich diese beiden Welten gerne mal vermischen. So lernen wir es auch von der Protagonistin des Spiels. Ein junges Mädchen mit Ambitionen zur Schriftstellerin, der wir in klassischer 2D Jump ’n‘ Run-Manier durch ihr Tagebuch folgen. Worte müssen verschoben werden, um zur nächsten Seite zu kommen und einige der süßen Illustrationen müssen genutzt werden, um Neues zu entdecken. So träumerisch und unglaublich schön das Tagebuch auch gestaltet sein mag, schnell wird klar, dass das Leben oft ganz andere Wege geht als den, den man sich erhofft hatte.

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Wir erleben den euphorischen Beginn und die Entstehung einer fantasievollen Geschichte, die immer mehr zum Leben erwacht, und können dabei sogar einige kleine Entscheidungen treffen. So wählen wir beispielsweise zwischen drei Namen – in unserem Fall Georgia – und verpassen der Hauptfigur ein paar Charakterzüge, bevor wir zum ersten Mal das Tagebuch verlassen und die Welt von Estoria betreten. Dort erhalten wir die Gabe, mit Worten unsere Umgebung zu unserem Vorteil zu verändern. Diese kommt uns nicht nur zu Gute, um einen armen Dorfbewohner aus einem Haufen Brettern zu befreien, denn kurz darauf wird unsere Heimat von einem Drachen angegriffen. Georgia, die frisch zur Wächterin des Dorfes und der Glühwürmchen ernannt wurde, muss sich nun der Gefahr stellen und herausfinden, wie sie das Chaos besiegen und alle retten kann.

Zwischen Fantasie und Realität

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Im Verlauf des Spiels springen wir zwischen Tagebuch und Estoria hin und her und merken, wie sehr beide Welten miteinander verknüpft sind. Das Mädchen muss damit fertig werden, einen geliebten Menschen verloren zu haben und wir begleiten sie dabei, wie ihre zu Beginn aufkeimende Hoffnung schnell zum Schock und von da zur Verzweiflung und Leere führt. Diese Phasen verarbeitete sie – bewusst oder nicht – in ihrer Fantasygeschichte. Somit plagt auch Georgia sich mit Schuldgefühlen und Zweifeln herum, die ihr später in manifestierter Gestalt begegnen.

Es wird deutlich, dass aus der Leidenschaft für das Erzählen fantastischer Geschichten schnell eine Flucht aus der harten Realität werden kann. Zumindest, bis der kreative Prozess gänzlich sein Ende findet und beide Mädchen sich erst einmal damit auseinandersetzen müssen, was sie eigentlich wollen und an welchem Punkt ihr Antrieb verloren ging. Wir sind jedenfalls davon beeindruckt, wie gut der Prozess der Trauer umgesetzt wurde und konnten uns die ein oder andere Träne nicht verkneifen.

Was fürs Auge und die Geduld

Nicht nur die Geschichte(n) von Lost Words:Beyond the Page können überzeugen, denn ebenso fasziniert waren wir von den Illustrationen, die uns durch das Tagebuch begleiten. Sämtliche Schilderungen und Erinnerungen werden geschmückt von passenden Darstellungen im Wasserfarben-Design und verleihen dem Spiel damit einen einzigartigen Flair. Dazu kommt noch der eindrucksvolle Soundtrack, der in jeder Situation passend ist und die Immersion noch um einiges verstärkt.

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Ein fast magischer Nachthimmel im Wasserfarben-Look

Leider wird eben diese Immersion kurzerhand durch die recht steife Steuerung von Lost Words:Beyond the Page wieder zerschossen. Die Wörter, die wir im Tagebuch verschieben und in Estoria aus dem Buch picken müssen, sind allein durch die Sticks der Joy-Cons auswählbar. Warum auf den Gebrauch des Touch-Displays oder die Bewegungssteuerung über die Gyrosensoren gänzlich verzichtet wurde, ist uns schleierhaft. Dadurch wurde das Auswählen leider teilweise zu einer großen Fummelei, die manchmal wirklich keinen Spaß macht. Schade, wenn man bedenkt, dass für die Portierung fast ein Jahr Zeit zur Verfügung stand und entsprechend auf die technischen Vorzüge der Switch hätte eigegangen werden können.

Vom Schreiben und der Sprache…

Irren ist menschlich und niemand ist perfekt, was an sich auch nichts Schlimmes ist. Ärgerlich ist es in diesem Fall dennoch, da an diversen Stellen mit der deutschen Übersetzungen geschludert wurde. Beispielsweise werden wir zum Start begrüßt von der Aufforderung „Zum Starten auf A benutzen“. Auch während emotionsgeladenen Szenen werden Zitate Wort für Wort aus dem Englischen übersetzt und hinterlassen mit sowas wie „Vor der immer ist es dunkelsten am Dämmerung“ mehr Verwirrung als Mitgefühl. Besonders bitter ist das Ganze im Hinblick darauf, dass es hier ums Schreiben geht und damit eigentlich eine gewisse Rechtschreibkenntnis verbunden wird.

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Hier hätte eigentlich „tauschen“ statt „hergeben“ stehen sollen

Solche Fehler, die öfter auftreten, reißen uns erneut aus dem Spielverlauf heraus. Vor allem, wenn auch unsere magischen Worte betroffen sind. So sollen wir an einer Stelle mit dem Wort „schmerzt“ etwas machen. Ein Blick in unser Zauberbuch offenbart, dass wir eigentlich etwas anzünden sollen und das Wort „brennen“ heißen müsste. Ebenfalls verschieben sich manchmal Paragraphen. Dadurch stehen Sätze ineinander und werden unleserlich oder zu kurz für uns, um wirklich gekonnt über die Tagebuchseiten zu hüpfen.

…bis hin zu neuen Welten

Immerhin bietet uns Estoria Abwechslung. Die größte Herausforderung stellen die Rätsel zwar nicht dar, da ist es schon schwieriger, beim Sammeln der verlorenen Glühwürmchen nicht eines auf der Strecke zu lassen. Dafür ist das Leveldesign von Lost Words:Beyond the Page umso überzeugender.

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Von Lava umzingelt

Während Georgia anfangs noch fröhlich durch ihr Dorf läuft, führt ihre weitere Reise sie unter anderem durch die Wüste, den Untergrund und sogar das Meer. In jedem dieser Level gibt es neue bzw. andere magische Worte, mit denen Georgia sich ihren Weg bahnen muss. Sie begegnet aber ebenso immer wieder neuen NPCs, die sie zwar nicht immer wirklich unterstützen wollen, aber dennoch einen Einfluss auf sie ausüben und sie voranbringen. Dennoch findet sie treue Begleiter und immer ein Stückchen mehr zu sich selbst.

Neben großartigen Farbkompositionen in den einzelnen Welten und einem immer perfekt sitzenden Soundtrack, der nochmal zur Atmosphäre beiträgt, wissen wir zudem immer, wie es Georgia gerade geht. Je düsterer es in ihr aussieht, desto dunkler und farbloser wird die Umgebung. Im Umkehrschluss kommen mit ihrer Hoffnung aber auch die Farben wieder zurück.

Baustelle Gameplay

Dennoch gibt es etwas an Estoria zu bemängeln. Neben der bereits erwähnten Steuerung gibt es auch noch einige kleine Bugs und Details, die uns negativ aufgefallen sind. Es beginnt bereits damit, dass das uns begleitendes Glühwürmchen eine interessante Art des Fliegens hat. Genaugenommen fliegt es nicht, es ruckelt konsequent hinter uns her, wenn wir uns mit Georgia bewegen. Eine flüssige Fortbewegungsweise wäre um einiges stimmiger und weniger störend gewesen.

Ebenfalls auffällig sind die Renderzeiten der Umgebung. Wecken wir die Switch aus dem Standby-Modus auf und setzen unser Spiel fort, wirken die Grafiken und Schriften relativ verschwommen. Ausnahmsweise liegt das mal nicht daran, dass wir zuvor die Nacht durchgezockt haben, sondern an der technischen Umsetzung von Lost Words:Beyond the Page. Nach einigen Sekunden rendert das Ganze dann doch und wir sehen einen kleinen, aber merklichen Unterschied. Gut, wir können also in alter Frische ohne Probleme weiter durch Estoria ziehen, um unser Dorf zu retten, richtig?

Die Erzählung macht’s

Naja, nicht ganz. Also ja, wir können durchaus einfach weiterspielen. Allerdings zieht manchmal die Kamera langsamer oder schneller als gewünscht hinter uns her und ruckelt dabei an einigen Stellen mit dem Glühwürmchen um die Wette.

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Solche Bugs sind im Einzelfall ja nicht weiter tragisch, aber immer wiederkehrend kann das in der Menge schon gewaltig nerven. Ihr könnt darüber hinwegsehen? Super! Dann könnt ihr euch auf eine unglaublich rührende Geschichte freuen, die vom Kampf zwischen Hoffnung und Zweifel erzählt. Glücklicherweise wird hier aber nicht stumpf die Handlung runtergerattert. Die spannende Fantasywelt, die die Hauptfigur schafft, ist durchaus mit Humor gespickt und konnte uns zum Grinsen bringen. Und mal ehrlich – alleine für dieses künstlerische Meisterwerk, das sich hier Tagebuch schimpft, lohnt sich ein Blick ins Game allemal.


Lost Words:Beyond the Page ist seit dem 27.03.2020 für Google Stadia erhältlich. Ab dem 06. April könnt ihr es aber auch auf Switch, PS4, XBox One und dem PC erwerben.

Der Test sowie alle Screenshots basieren auf unserer Testversion von Lost Words:Beyond the Page für die Nintendo Switch. Diese wurde uns freundlicherweise vom Publisher Modus Games zur Verfügung gestellt.


76%

Klasse Storytelling mit Fehlern

Mit Lost Words:Beyond the Page erhaltet ihr einen spielerischen Einblick in die Welt eines jungen Mädchens, die gerne Schriftstellerin werden möchte. Der Prozess des Schreibens ist nicht immer einfach und von etlichen Entscheidungen geprägt, bei denen ihr teilweise selber mitwirken dürft. Nur das echte Leben funkt manchmal dazwischen und macht es der Protagonistin nicht einfach, ihre Geschichte zu vollenden.

Da der Fokus auf der Geschichte des Spiels liegt, scheinen die Entwickler leider mit der technischen Umsetzung an einigen Stellen Probleme gehabt zu haben. Neben einer schwerfälligen Steuerung gibt es leider auch etliche Übersetzungsfehler, die besonders in diesem Bezug ärgerlich sind.

Alles in allem bekommt ihr mit Lost Words:Beyond the Page aber eine großartige Story im Stile eines Jump 'n' Run geboten, mit der man sich gerne ein paar Stündchen die Zeit vertreibt.

  • Grafik
  • Sound
  • Story/Atmosphäre
  • Steuerung
  • Spielspaß
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