Das Spielemagazin für PS4, XBoxOne, 3DS, WIIU und Brettspiele

theHunter: Call of the Wild bei uns im Test

Was hat ein Hirsch eigentlich mit Dark Souls gemeinsam?

1 644

Ein völlig neues Spiel ist theHunter: Call of the Wild nicht. Der Nachfolger zum Free-to-Play-Titel theHunter, erschien bereits Anfang 2016 für den PC, wo die Jagdsimulation bis heute eine recht große Fangemeinde verzeichnen kann. Kein Wunder also, dass die Avalanche Studios, unter anderem verantwortlich für Just Cause 3, den Titel nun auch auf Xbox One und Playstation 4 veröffentlichen. Ob sich die Heimkonsolen-Portierung wirklich gelohnt hat, verrät unser Test.

Eine der großen Stärken von theHunter: Call of the Wild – Die stimmungsvolle Atmosphäre.

Wanderlust

Wenn theHunter: Call of the Wild ein ganz besonders dickes Lob verdient, dann für seine riesige und zugleich wunderschöne Open-World. Dank hauseigener Apex-Engine, lässt Entwickler Expansive Worlds sowohl das mitteleuropäische Hirschfelden, als auch den Layton Lake District im pazifischen Nordwesten in herausragender Grafikpracht erstrahlen.

Denn auch wenn sich diese beiden Jagdgebiete in ihrer Flora und Fauna maßgeblich voneinander unterscheiden, eines haben sie stets gemeinsam: Die besonderen Augenblicke. Es ist schlicht unbezahlbar, wenn nach einem kräftigen Regenschauer die ersten Sonnenstrahlen durch das Dickicht brechen und dabei den Blick auf eine mit Farn bedeckte Lichtung freigeben, dessen Blattwerk noch feucht glänzt und sich dynamisch im Wind wiegt. Doch auch auf buchstäblich weite Sicht, hat theHunter: Call of the Wild einiges zu bieten. Wer einen der unzähligen, meist hoch gelegenen Aussichtspunkte entdeckt, freut sich über Postkarten-würdige Panoramen und das erhabene Gefühl, jeden Quadratzentimeter, den das Auge hier einfängt, frei erkunden zu dürfen.

Dabei ist es völlig egal, ob wir gerade einen steilen Berghang erklimmen oder das Gestrüpp eines Tannenwaldes hinter uns lassen, um ein nahe gelegenes Maisfeld zu erreichen, das im lebhaften Lichteinfall golden glänzt, denn die dichte Atmosphäre von theHunter: Call of the Wild packt uns zu jeder Zeit. Selten durften wir eine so authentische Spielwelt erleben, die darüber hinaus mit einem dynamischen Tag- und Nachtzyklus und sich ständig ändernden Wetterbedingungen zu unterhalten weiß.

Zusammen mit dem genialen Sound, der uns allerlei Geräusche aus der Natur um die Ohren schmettert und durch Warn- bzw. Brunftrufe der Tiere auch eine taktische Komponente im Gameplay bietet, entsteht ein nahezu täuschend reales Abbild von Feld und Wald.

Umwerfende Weitsicht! Die zahlreichen Aussichtspunkte locken aber auch mit wertvollen Erfahrungspunkten.

Weidmanns Heil!

Vielleicht hinterlässt das jetzt genau diesen Eindruck, aber für gemütliche Wanderausflüge sind wir bestimmt nicht hier. Unser eigentliches Motiv ist weitaus weniger friedlich, denn in theHunter: Call of the Wild geht es natürlich ums Jagen. Dabei versteht sich der Titel als waschechte Simulation – losrennen und stupide herumballern ist absolut keine Option und verscheucht die wertvollen Trophäen lediglich. Stattdessen brauchen wir jede Menge Geduld!

Beim Aufspüren der örtlichen Fauna sorgt ein siebter Sinn für optisch hervorgehobene Spuren, aus denen wir Richtung und Gangart herumstreunender Tiere lesen. Allerdings reagieren die Vierbeiner äußerst empfindlich auf unsere Anwesenheit, weshalb wir uns also extrem langsam und vor allem leise fortbewegen müssen. Gestrüpp kann dabei als Deckung vor den wachsamen Tieraugen genutzt werden, erzeugt bei Bewegungen aber auffällige Geräusche. Ebenso sollten wir die aktuelle Windrichtung bedenken, die Viecher können uns nämlich nicht besonders gut riechen. Zum Glück geben mehrere Bildschirmanzeigen Aufschluss über unsere Sicht- und Hörbarkeit und die aktuellen Witterungsbedingungen.

Zur besseren Orientierung dürfen wir eigene Wegpunkte auf der Map setzen.

Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen

Doch selbst wenn wir äußerst vorsichtig auf die Pirsch gehen, ist das in theHunter: Call of the Wild kein Garant für eine erfolgreiche Jagd. Oft sehen wir lediglich den sichtbar gemachten Warnruf der Tiere aus der Ferne und hören ein gutes Dutzend Hufe stürmisch flüchten. Vor allem Anfänger haben es hier zu Beginn extrem schwer. Die Jagd auf lohnenswerte Beute erfordert meist eine gute Ausrüstung, die gibt es aber nur gegen das nötige Kleingeld, sprich erlegte Tiere – ein echter Teufelskreis also. Auch das Aufleveln, um an weitere Punkte für  den durchdachten Fähigkeitenbaum zu kommen, stellt sich als äußerst müßig und langwierig dar.

Das uns zum Spielstart zur Verfügung gestellte Gewehr hat nur wenig auf dem Kasten und die kostenlose Munitionsart bringt viele Tiere, trotz Kopftreffer oder Blattschuss, nie sofort zu Fall, was oft nervige Verfolgungsjagden mit angeschossenem Wild mit sich bringt. Die Preise für hochwertigere Ausrüstung sind hoch angesetzt und zudem an das Levelsystem gebunden. Wer beispielsweise die Geweihrassel kaufen möchte, die das Balzverhalten junger Hirsche imitiert und sie somit auch anlockt, muss zuvor mit Ausrüstung aus der selben Kategorie einen gewissen Erfahrungswert erreichen.

Deutlich angenehmere Arten der Jagd, wie zum Beispiel vom Hochsitz aus, bleiben uns zu Beginn ebenfalls verwehrt. Das Errichten der Jägerstühle schlägt genauso kräftig zu Buche, wie die wichtigen Lockmittel, mit denen wir Tiere aller Art ködern. Immerhin begleiten uns stets Story- und Nebenmissionen durch die Spielwelt. Die halten neben einem gut verständlichen Tutorial, auch abwechslungsreiche Missionsziele, wie das Auffinden von vermissten Personen und knifflige Foto-Safaris, bereit.

Ein Blick durch das Fernglas lässt uns nahe Tiere markieren – allerdings nur für wenige Sekunden. Dranbleiben lautet hier die Devise!

 

Frustmomente sind trotzdem noch vorprogrammiert. Zwar können wir die besagten Startschwierigkeiten irgendwann überwinden und den eigenen Cashflow langsam ins Rollen bringen, wodurch auch endlich Spielspaß aufkommt, ein paar Probleme bleiben aber weiterhin bestehen. So kann es durchaus passieren, dass garantierte Kopftreffer aus nächste Nähe komplett danebengehen oder wir irgendwo in der Umwelt steckenbleiben – alles Bugs, die eigentlich der Vergangenheit angehören sollten, weil sie bereits in der PC-Version von theHunter: Call of the Wild auftauchten.

Dagegen sind die durchaus skurrilen Ansichten im Belohnungsbildschirm fast schon wieder lustig. Waren unsere Jagdversuche erfolgreich, bietet das Spiel nämlich eine anatomische Röntgenansicht, die mit allerlei Details über das erlegte Tier aufwartet. Hier können wir nochmal nachvollziehen, welche Körperteile unser abgefeuertes Projektil getroffen hat. Die Erkennung funktioniert in den meisten Fällen recht gut, warum ich aber ein Reh mit einem geradlinigen Schuss durchs Ohr und ein weiteres mit einem Treffer direkt in die…Kehrseite sofort töten konnte, bleibt mir weiterhin ein großes Rätsel.

Der Bildschirm nach dem Erlegen unserer Beute beherbergt allerlei Infos über Trefferzonen und Merkmale des Tieres. Anhand dessen errechnet sich übrigens auch die erhaltene Menge an EP und Geld.

Jagdrevier in Übergröße

Optisch und immersiv auf dem höchsten Level, fällt die riesige Spielwelt in Puncto Gameplay-Mechanik deutlich ab. Für das Erreichen von Missionszielen, Schnellreisepunkten oder den Aussichtstürmen, die unsere Umgebungskarte wie bei Assassins Creed freilegen, sind meist extrem lange Laufwege nötig. Eine gute halbe Stunde ist man da schon mal unterwegs, um die nächste Schlafgelegenheit ausfindig zu machen. Besonders ärgerlich wird es natürlich dann, wenn wir kurz vorm Ziel eine unfreiwillige Begegnung mit einem Schwarzbären machen. Der digitale Bildschirmtod hat in theHunter: Call of the Wild zwar keine weiteren Konsequenzen, ein Neustart am letzten Schnellreisepunkt reicht aber schon völlig aus, um uns verbittert den Controller in die Ecke werfen zu lassen.

Während der Erkundung fällt zudem das Jagen quasi komplett flach. Da unsere Bewegungsgeschwindigkeit ohnehin nicht gerade der eines Usain Bolt gleicht, sprinten wir eh unentwegt durch die Open-World und verschrecken damit sämtliches Wild. Ein fahrbarer Untersatz in Form eines ATVs macht das selbstverständlich nicht besser, aber immerhin geht es damit etwas flotter voran. Trotzdem müssen wir uns entscheiden. Jagd oder Erkundung? Beides ist wichtig für unseren Fortschritt, die Balance fällt jedoch nur selten ausgewogen oder durchdacht aus, zumal es beim Aufdecken der Karte wenig zu entdecken gibt, das uns beim Leveln oder Geld verdienen behilflich ist. Die Auswahl der Tiere fällt übrigens relativ abwechslungsarm aus. Hier hätten es, neben dem obligatorischen Rotwild, etlichen Nagetieren und so manchem Bär, gerne noch ein paar weitere Beutetiere ins Spiel schaffen können. Da dürfen wir aber gespannt auf DLC warten, Entwickler Expansive Worlds versorgt die Reihe seit jeher mit neuen Inhalten oder besonderen Spin-Offs. Am 17. Oktober dieses Jahres soll bereits die neueste Erweiterung an den Start gehen – allerdings vorerst PC-exklusiv.

Wie eines dieser Bilder über Omi’s Couch 🙂

 

Und um nicht irgendwann als erfolgloser Jäger mit grauem Bart und Psychose in der einsamen Wildnis zu enden, verspricht der Multiplayer kooperative und kompetitive Jagdausflüge mit bis zu acht Spielern. Klingt jetzt erstmal toll, ist aber wieder so eine Sache. Beim Erstellen einer Lobby dürfen wir schon mal nicht zwischen Privat oder Öffentlich wählen, ausgeklügelte Treibjagden mit ausschließlich ein paar Freunden sind somit  ausgeschlossen. So wird es auch recht schnell wuselig im Dickicht und wir scheuchen kollektiv auf, anstatt gemeinsam Trophäen zu erlegen. Außerdem ist es nur dem Host der Session gestattet, mit der Umwelt zu interagieren und so beispielsweise neue Punkte auf der Karte freizulegen – der Rest der Gruppe schaut blöd zu und darf dann später nochmal selber ran.

Die Option für die kompetitiven Missionen konnten wir übrigens nicht ausfindig machen. Entweder fehlen die noch oder es ist dem ohnehin total umständlichen Menü geschuldet, das definitiv für die Navigation der PC-Version von theHunter: Call of the Wild gestaltet wurde, gleiches gilt für die Schnellauswahl. Hier darf gerne mal mit einem Update nachgeholfen werden, sodass auch Konsolenspieler in den Genuss einer übersichtlichen Menüführung gelangen.


Der Test und das Bildmaterial basieren auf unserer Xbox One-Testversion von theHunter: Call of the Wild, die uns freundlicherweise vom Publisher Avalanche Studios und deren Medienvertretern zur Verfügung gestellt wurde.

theHunter: Call of the Wild ist seit dem 2. Oktober 2017 endlich auch für Xbox One und Playstation 4 verfügbar. Ob digital oder als physische Version, mit 39,99 € wird der Titel derzeit zu einem fairen Preis angeboten.

81%

Das Dark Souls der Jagd-Simulationen

Eines wird nach nur wenigen Minuten mit theHunter: Call of the Wild sofort klar: Jagen ist kein Kinderspiel. Wer hier auf kurzweiligen und leicht zugänglichen Jagdspaß im Stil von Far Cry hofft, wird unweigerlich enttäuscht - vielmehr sind Geduld und Nerven aus Stahl gefragt. Für das Freischalten von hilfreicher Ausrüstung und das Erklimmen des Skill-Trees geht einiges an Zeit drauf. Gute Voraussetzungen für eine Simulation, aus spielerischer Sicht hätte Entwickler Expansive Worlds hier aber gerne etwas entgegenkommender agieren können. Die Lernkurve fällt extrem steil aus, Motivation suchen wir meist ebenso vergeblich wie das scheue Wild im hohen Gras. Trotzdem versprüht theHunter: Call of the Wild eine gewisse Magie, der wir uns nur schwer wieder entziehen mögen. Ist der frustrierende Einsteig nämlich erstmal überwunden, wartet jede Menge Spielspaß auf digitale Jäger.

  • Grafik 90%
  • Sound 90%
  • Umfang 70%
  • Story/Atmosphäre 95%
  • Steuerung 60%

Games-Magger Dennis findet gerne mal die Nadel im Heuhaufen und legt sie dann auf die Goldwaage. Wahre Liebe darf auch kritisieren.
Heimisch auf Xbox One und Nintendo 3DS.