Along the Edge (Nintendo Switch) bei uns im Test

Am Rande zur perfekten Visual Novel? Unser Test zu Along the Edge!

0

Mit Along the Edge bringt das französische Entwicklerteam Nova-Box einen ihrer erfolgreichsten Titel endlich auch auf die Nintendo Switch. Warum sich die bildgewaltige Visual Novel dort ganz besonders heimisch fühlt, aber noch so einiges zu lernen hat, klärt unser Test. 

Es ist ja nicht so, als würde uns Along the Edge ein komplett unverbrauchtes Setting auftischen. Die Handlung um okkulte Geschehnisse inmitten verstrickter Familienverhältnisse, aufgefrischt durch romantische Aspekte, konnten wir in Büchern, Filmen und Co. bereits etliche male miterleben, fühlten uns, um nur mal ein halbwegs aktuelles Beispiel zu nennen, hier teilweise sogar an den Netflix-Geheimtipp Ragnarök erinnert. Trotzdem bietet Along the Edge genügend Gründe, als ganz eigenständige Erfahrung genossen zu werden. 

Eine Geschichte, unendliche Möglichkeiten

Wovon Along the Edge handelt? Nun, das liegt größtenteils an uns, bzw. den Entscheidungen, die wir während der knapp vier Stunden umfassenden Geschichte treffen. Als durchaus sympathische Protagonistin, gibt uns der Titel Daphné an die Hand. Die sieht in ihrer aktuellen Lebenssituation keinen Ausweg mehr und beschließt kurzerhand, von der Stadt in das mittlerweile geerbte Anwesen ihrer Großmutter aufs Land zu ziehen. Statt sauberem Neuanfang, erwarten die junge Lehrerin jedoch ganz alte Probleme, die sich bereits mit ihrem Stammbaum tief in der eigentlich so friedlichen Provinz Frankreichs verwurzelt haben.

Während Daphné also eigentlich versucht, Abstand von ihrem bisherigen, nicht gerade glücklichen Leben zu gewinnen, rückt die Vergangenheit ihrer Familie, die sie ja selbst kaum kannte, immer näher und reißt die junge Dame in einen Strudel aus Schuld und Verantwortung, Selbstbestimmung und Aufopferung, aber auch Liebe und vor allem Aberglaube. Denn das im beschaulichen Örtchen hin und wieder merkwürdige Dinge geschehen und selbst Todesfälle nicht ganz nachvollziehbar scheinen, kann kein Zufall sein. Oder etwa doch?

Die Antwort darauf ist jedenfalls ein klares Jein! Denn, wie zu Beginn bereits erwähnt, lässt uns Along the Edge weitestgehend freie Hand, wie wir die Geschichte beeinflussen wollen. Dafür geben die zahlreichen, überwiegend packend geschriebenen Dialoge auch genügend Anlass, denn ständig ist dort unser Eingreifen erforderlich, indem wir aus einer Reihe von vorgegebenen Antworten auswählen und damit die Ansichten und irgendwann sogar das Aussehen unserer Protagonistin verändern. Die Identifikation geht dabei erstaunlich schnell vonstatten, plötzlich treffen wir Entscheidungen nicht mehr nur stellvertretend für Daphné, sondern fühlen uns richtig rein versetzt, was unseren Antworten zusätzliches Gewicht und eine gewisse Dramatik verleiht, schließlich reagiert auch das Umfeld auf unser Verhalten.

Geben wir dem hier überall präsenten Aberglauben also nach und lüften die vermeintliche Wahrheit hinter den mächtigen Familienfehden oder bleiben wir, gemäß unserer wissenschaftlichen Berufswahl, schlicht rational und kommen dem Spuk mit guten Argumenten entgegen? Und wie entscheiden wir uns in der Liebe, den möglichen Freundschaften oder gar der eigenen Familie gegenüber? Die Möglichkeiten, die uns Along the Edge zur Gestaltung einer ganz individuellen Spielerfahrung mitgibt, fallen so faszinierend wie mannigfaltig aus. Klar, ohne ein paar unumgängliche Ankerpunkte, die sich nicht verändern lassen, kommt auch Daphnés Geschichte nicht aus, doch allein durch die hohe Anzahl an unterschiedlichen Enden, von denen es ganze 60 (!) gibt, fühlt sich nahezu jeder Durchlauf wie ein ganz frisches Erlebnis an.

Wohin geht die Reise?

Diese Frage drängt sich beim Spielen von Along the Edge unweigerlich auf. Spätestens wenn die Credits über den Bildschirm laufen, fragen wir uns doch, was es denn nun mit dem geheimnisvollen Turm im Anwesen auf sich hat, wohin unser Verehrer so plötzlich verschwunden ist oder wir verlangen ganz einfach nach Antworten, denen ein sehnsüchtiges „Was wäre, wenn…“ stillschweigend vorausgeht. Logisch, das könnten wir bei einem weiteren Durchlauf alles erfahren, insgesamt fühlt sich jede der gut vierstündigen Erlebnisse dadurch aber auch recht unvollkommen an, da eben nie alle Aspekte der Story voll ausgearbeitet werden und zu einem großen, zusammenhängenden Gesamtbild verschmelzen. Along the Edge setzt zwar gute Standards, insgesamt hängt die Qualität der erlebten Geschichte aber genauso stark von unseren Entscheidungen und dem, was letztlich dadurch geschieht ab.

Dafür lässt uns der Titel auch schlicht zu oft alleine und bietet nur wenig Übersicht im Dschungel der Möglichkeiten. Als Indikator für getroffene Entscheidungen und die daraus (wahrscheinlich) resultierenden Konsequenzen, dient ein Pentagramm mit vier unterschiedlichen Symbolen, das permanent am oberen Bildschirmrand eingeblendet ist und den größten Teil des sonst eher zurückhaltenden UI-Designs ausmacht. Gut zu wissen, dass die soeben getroffene Antwort bei unserem Gesprächspartner freundlich ankommt, immerhin, doch mehr Orientierung mag man uns nicht geben. Zwar stellt uns Along the Edge auch auf der Nintendo Switch eine Vielzahl an Achievements zur Verfügung, an denen wir uns zumindest ein bisschen entlanghangeln dürfen, einen überschaubaren, nachvollziehbaren Leitfaden für all diese Verzweigungen innerhalb der Story, der Charakterentwicklung und den Enden, bleibt uns der Titel jedoch schuldig, was dann auch das UI-Design zum optischen Beiwerk degradiert.

Gelegenheitsspieler, die zwischendurch Lust auf eine spannende Geschichte haben und ihre Durchgänge lediglich auf die vier Grundcharakteristika – freundlich, böse, abergläubisch oder rational – konzentrieren, haben damit selbstverständlich keinerlei Probleme. Perfektionisten hingegen, könnten auf ihrer Suche nach allen Ausgangssituationen bereits daran verzweifeln, dass wirklich nie ersichtlich ist, wann Daphné eine bestimmte Verhaltensweise verinnerlicht, respektive in welche Richtung sich ihre Persönlichkeit gemäß unserer Antworten nun entwickelt.

Eine große Oberweite ist gemütlicher…

Wir hassen uns für diesen Spruch, ehrlich, aber irgendwie stimmt er auch. Along the Edge ist das Paradebeispiel für eine westlich-europäische Visual Novel. Statt drolligen Kulleraugen, die dem Ende der Welt tapfer entgegenblicken und den Eindruck erwecken, allein das Wippen ihrer Bildschirm-füllenden Oberweite könne dies verhindern, erwartet uns hier eine durchweg ernste Erfahrung mit, zumindest überwiegend, realistischen Handlungsabläufen und Ereignissen. Das ist toll, denn auch wir nehmen gerne mal Abstand vom immer gleichen Pathos fernöstlicher Novels, dennoch bleibt ein dicker Wermutstropfen.

Denn Along the Edge ignoriert ein paar echte Standards im Genre. So dürfen wir beispielsweise nie selbst speichern, das erledigt der Titel automatisch für uns. Praktisch, wenn man das Spiel als Bettlektüre nutzt und dabei einschläft, ansonsten aber ein richtig herber Schnitzer im Angesicht der interaktiven, derart individuellen Erzählstruktur. Eine getroffene Entscheidung bleibt getroffen…bis wir ein komplett neues Spiel starten. Doch selbst dann ist ein verdammt gutes Gedächtnis gefragt, im vorigen Run gewählte Antworten werden nicht entsprechend markiert. Wir entscheiden uns kurz vor Ende, aus Versehen, nochmal für die selbe Antwort, deren Ergebnis wir eigentlich schon kennen? Pff, Pech gehabt! Hallo, Neues Spiel!

Dafür ist die Portierung des bereits im Jahr 2016 auf Steam veröffentlichten Spiels außerordentlich gut gelungen. Technisch absolut einwandfrei, flüssig, mit kurzen Ladezeiten und geringem Akkuverbrauch, begeistert vor allem die Bedienbarkeit im Handheldmodus mit nur einem JoyCon unserer Wahl oder per Touchscreen. Egal wie wir uns entscheiden, gibt Along the Edge auf Wunsch ein dezentes haptisches Feedback, sobald wir die geschriebenen Zeilen vorantreiben. Das mag nichtig erscheinen, gibt beim eigentlich passiven Lesen der Texte aber irgendwie ein befriedigendes Gefühl.

Auf vertonte Dialoge müssen wir zwar verzichten, dafür erreicht die inhaltliche Qualität der Gespräche und die der allgemeinen Narrative ein, entsprechend ihrer ausgewählten Themen, angemessen hohes Niveau, das sich vordergründig an erwachsene Spieler richtet.

Ein kleines Fenster nach Frankreich

Als heimlicher Star von Along the Edge entpuppt sich ohnehin die Präsentation. Während uns vorwiegend sanfte Klavier-Klänge mit auf die Reise nehmen, bieten die im Aquarell-Stil gehaltenen Hintergrundbilder nicht bloß perfekte Postkartenmotive, sondern eine direkte Einladung in das ländliche Idyll der französischen Provinz. Im Grundprinzip äußerst minimalistisch gehalten, überraschen uns die handgezeichneten Grafiken mit ihrer Lebendigkeit und Ausdrucksstärke.

Der eigentlich anlastenden Statik des Genres trotzend, verzaubert uns Along the Edge zu jeder Sekunde mit einer Immersion, die so manch dreidimensionaler Titel nicht zustande bringt. Satte, lebhafte Komplementärfarben begleiten Frühling und Sommer in unserem virtuellen Jahr mit Daphné, während sich der Herbst und Winter melancholisch-monoton in grauen Tönen oder im starken Kontrast bedrohlich rot präsentieren und auch das Piano andere Klänge anschlägt, die uns beinahe vergessen lassen, wie wir im Sommer fast den Wein geschmeckt, die blühenden Blumen gerochen hätten und uns einmal mehr dabei ertappen konnten, den Score als Wiegenlied zu entfremden, gemütlich und zufrieden, auf dem heimischen Sofa – großartig!

Dieser ausdrucksstarken, bildgewaltigen Präsentation mögen die Sprites der Charaktere, deren limitierte, zeitweise schlicht unpassende Mimik nicht sonderlich viel Glaubwürdigkeit transportiert, stattdessen aber ihre Austauschbarkeit unterstreicht, deutlich gegenüberstehen. Dank der hochwertigen Erzählung und der mitreißend geschriebenen Texte – wahlweise auf Deutsch, Englisch oder Französisch – drücken wir da aber gerne mal ein Auge zu.


Along the Edge erscheint am 15. Oktober 2020 zu einem Preis von 16,99€ ausschließlich digital für die Nintendo Switch. Über die Plattform Steam ist der Titel bereits seit Oktober 2016 erhältlich.

Der Test basiert auf einem Reviewcode für Along the Edge, der uns freundlicherweise von unseren Medienpartnern bei Neonhive zur Verfügung gestellt wurde. Screenshots entstammen dem offiziellen Presse-Kit.

Hinweis: Auch Seers Isle, der nächste Titel von Nova-Box, erscheint am 15. Oktober 2020 für die Nintendo Switch. Der Test dazu folgt zu einem späteren Zeitpunkt.
82%

Grenzgänger(in)...

Along the Edge ist wie ein Abend mit guten Freunden. Wir versinken ein wenig, hören gespannt zu, reden aber genauso mit. Die vertraute Stimmung gibt uns ein wohliges Gefühl, vielleicht wird es auch mal unangenehm, aber an diese Momente werden wir uns bestimmt noch lange erinnern, denn letztendlich ist es immer das, was wir daraus machen.
In anderen Worten:
Along the Edge ist eine verdammt atmosphärische, hübsche Visual Novel, die einen ganz besonderen Fokus auf den interaktiven Aspekt des Genres legt, darüber hinaus aber komfortable Key-Features vermissen und uns auf der Suche nach allen möglichen Szenarien ordentlich im Dunkeln tappen lässt. Die Qualität der Geschichte hängt teilweise stark von den getroffenen Entscheidungen und den damit verbundenen Themen ab, denn manche Erzählungen schließen sich leider gegenseitig aus, was nie zu einer vollständigen Erfahrung führt, dafür jedoch den Wiederspielwert enorm nach oben treibt. Bis auf die austauschbaren Charaktere, bietet die gelungene Mischung aus realistischen, wenn auch komplexen Problemen und dem Hauch von Magie genügend Spannung, um zumindest einmal, für gute vier Stunden, mit immersiver Bestleistung unterhalten zu werden. Und das ist, angesichts der fairen Preisgestaltung und seiner guten Figur, die der Titel auf der Nintendo Switch macht, ein durchaus verlockendes Angebot für Fans des Genres und alle, die es noch werden wollen.

  • Grafik 90%
  • Sound 80%
  • Story / Atmosphäre 90%
  • Steuerung 90%
  • Spielspaß / Komfort 60%