WorldEnd Syndrome bei uns im Test

WorldEnd Syndrome - Kein Weltuntergang, nur ein lauwarmer Sommer!

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Der Herbst nähert sich mit großen Schritten, und während vorm Fenster schon das goldglänzende Laub zu Boden sinkt, lasse ich den Sommer gedanklich noch einmal Revue passieren. Neben reichlich Sonne und Hitze gab es da nämlich ein Spiel, das sich wie ein dunkler Schleier über die freundlichen Tage legte und mich fast in den Wahnsinn trieb: WorldEnd Syndrome!

Dabei hatte ich mich, als waschechter Visual Novel-Fan, natürlich riesig auf den bereits am 14. Juni 2019 veröffentlichten Titel gefreut. Endlich neues Futter für die Nintendo Switch und meinen Hang zu ausladenden Textboxen und 2D-Charaktermodellen mit fernöstlichem Flair. Nach dem genialen Steins;Gate Elite war der Hunger wirklich groß und so stürzte ich mich mit WorldEnd Syndrome reichlich euphorisch in die fiktive Küstenstadt Mihate Town.

Dort angekommen, schlüpfe ich ohne Umschweife in die Rolle eines hinzugezogenen Schülers mit frei wählbarem Namen, der alle wichtigen Persönlichkeiten und Orte in einem ausführlichen Prolog kennenlernt. Doch das beschauliche Idyll aus malerischen Sandstränden, einladenden Cafés und tuschelnden Highschool-Schönheiten wird jäh unterbrochen, als meine neuen Freunde und ich einem grausigen Mord zum Opfer fallen, der irgendwo in der hiesigen Folklore verwurzelt zu sein scheint. Kurz aufatmen, denn dieser Bildschirmtod war natürlich vorgegeben, weshalb die nächste Sequenz wenige Tage in der Vergangenheit ansetzt und mir im Stil der 999-Triloge die Chance gibt, dieses Ereignis zu verhindern.

Mit dem Beginn der nun anstehenden Sommerferien, öffnet sich auch das Gameplay von WorldEnd Syndrome und verwandelt den Titel von der starren Visual Novel in ein interaktives Adventure. Doch genau hier liegt der Hund begraben. Wer sich nicht schon im Vorfeld informiert, wird die folgenden Wochen im Spiel ziellos durch Mihate Town streifen und sich bestenfalls wundern, warum alles so belanglos vor sich hinplätschert und mit dem Ende der Ferien genau das passiert, was eigentlich hätte verhindert werden sollen…

Der Titel selbst unterstützt oder erklärt zu keiner Zeit. Irgendwann finde ich heraus, dass jeder Ingame-Tag über insgesamt drei Zeit-Slots verfügt, von denen ich jeweils einen verbrauche, sobald ich über die hübsch gestaltete Stadtkarte eine von sieben Locations ansteuere, weshalb es wohl wichtig sein muss, wie und vor allem mit wem ich meine knapp bemessene Freizeit verbringe. Doch jeder der fünf Protagonisten geht seinem eigenen Alltag nach und verbringt diesen, je nach Tageszeit und Datum, an einem unterschiedlichen Ort. Nur selten verraten Dialoge im Vorfeld, wo sich eine Person als nächstes aufhalten wird, sogar die Karte bleibt vorerst stumm. Erst ein Besuch gibt tatsächlichen Aufschluss über dort befindliche Charaktere.

Nach noch mehr Ratlosigkeit und kurzer Recherche im Netz, fällt auch bei mir so langsam der Groschen. Endlich verstehe ich die wahre Natur dieser konfusen Konversations-Kirmes. Statt für ein ausgewogenes Verhältnis im neu gewonnenen Bekanntenkreis zu sorgen und dabei eine spannende Geschichte um Freundschaft, Liebe und Mord zu erleben, bin ich in die hinterlistigen Fänge einer Social-Simulation mit Dating-Elementen getappt, in der ich mich pro Spieldurchgang nur einer einzigen Person widmen darf, um damit das richtige Ende zu triggern. Großartig!

Im Hinblick auf die undefinierbaren Aufenthaltsorte der Protagonisten in WorldEnd Syndrome entfaltet sich dieses Unterfangen jedoch zu einem nervenaufreibenden Katz-und-Maus-Spiel, das mich immer wieder ins Hauptmenü schickt um den letzten Spielstand zu laden, denn verbringe ich meine wertvolle Zeit nicht mit dieser einen Person, steht erneut das schlechte Ende auf dem Programm. Löblich sei an dieser Stelle noch die interne Speicherfunktion erwähnt, die auch nach dem Laden des Hauptspeicherstands und über sämtliche Spieldurchläufe alle wichtigen Informationen behält und die Suche nach den anderen ab einem gewissen Punkt etwas erleichtert.

Lasse ich mich auf dieses unausgegorene Spielprinzip ein, erwartet mich letztendlich auch nichts, wofür sich der Aufwand wirklich lohnt. Mit klarem Fokus auf die Kulleraugen meiner Wahl, diskutiere ich mit Klassenclown Kensuke fleißig über Oberweiten oder gehe der geschäftstüchtigen Saya mit der Vermarktung eines Kinofilms zur Hand. Der vorwiegend weibliche Cast lockt dabei mit immer freizügigeren Bildern für das optionale Sammelheft, weil es ja nicht reicht, dass einem die weiblichen Rundungen in jedem Dialogfenster um die Ohren fliegen, und kann darüber hinaus nur wenig überraschen. Ein Harem aus monotonen Mädels drängt sich mir zwar nicht auf, unterm Strich wirkt die Charakterzeichnung aber deutlich klischeehaft und Themen wie Liebe und emotionale Bindungen sind auf ein derart dumm-kindliches Niveau heruntergebrochen, dass es irgendwann echt keinen Spaß mehr macht. Das vorgeschobene Mysterium aus Morden und blutüberströmten Teeny-Körpern wird übrigens erst dann aufgedeckt, wenn ich mit allen fünf Protagonisten das jeweils wahre Ende erreicht habe, was allerhand Geduld und Durchhaltevermögen voraussetzt.

Technisch spricht WorldEnd Syndrome eine andere Sprache. Viele der zweidimensionalen Hintergründe laden mit ihren traumhaften Motiven, der satten Farbgebung und vielen dynamischen Details zum Verweilen ein, während die gekonnte Darstellung von Licht und Schatten den statischen Situationen eine gewisse Lebendigkeit verleiht, die sich auch im Sounddesign widerspiegelt und das gezeigte jederzeit mit den passenden Geräuschen oder Melodien untermalt. Besonders schön: Alle Dialoge wurden mit japanischer Sprachausgabe vertont, für die Texte sind allerdings fortgeschrittene Englisch-Kentnisse nötig.

Die Umsetzung auf der Nintendo Switch ist dagegen nicht so gut geglückt. In Sachen Performance gibt es zwar nichts zu bemängeln, trotzdem hätten es gerne ein paar zusätzliche Komfortfeatures auf die Hybridkonsole schaffen dürfen. Dass keine Touchscreen-Steuerung integriert wurde ist ärgerlich, aber auch das Spielen mit nur einem JoyCon hätte durchaus Sinn ergeben, erlebt man solch ruhige Titel doch gerne mal gemütlich auf der Couch im Liegen.

54%

WorldEnd Syndrome enttäuscht auf ganzer Linie. Das offene Gameplay entpuppt sich als Falle, die es auf dem Weg zum wahren Ende vorsichtig zu umschreiten gilt. Den einzigen spielerischen Anspruch stellt dabei die ständige Rückkehr ins Hauptmenü dar, um von dort den letzten Spielstand zu laden, der die oft missglückte Suche nach einem bestimmten Charakter wieder ausbügelt. Doch das reißt ordentlich aus der Immersion und macht auch den angedachten Zeitplan zunichte, mit dem WorldEnd Syndrome eigentlich ein herausforderndes Alleinstellungsmerkmal schaffen wollte. Wer darüber noch hinwegsehen kann, wird in den knapp 30 Stunden Spielzeit aber ganz sicher über die unfassbar belanglosen Dialoge voller Nichtigkeiten und sexuellen Anspielungen stolpern, die das ursprünglich so düstere Ausgangsszenario durch knappe Miniröcke oder verträumte Kulleraugen irgendwann völlig vergessen lassen.

Visual Novel? Adventure? Social-Simulation? WorldEnd Syndrome geht viele Wege, doch keiner davon führt zum Ziel. Am Ende fehlt es schlicht an einer klaren Erzählstruktur und Ernsthaftigkeit. Durch das Gameplay entsteht eine Menge Aufwand, den die unglaublich öden Dialoge und Handlungsstränge nicht wieder wettmachen können.

  • Grafik 70%
  • Sound 70%
  • Spielspaß 20%
  • Steuerung 50%
  • Umfang 60%