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Wayward Strand – Unser Test zum unfreiwilligen Zivildienst in luftiger Höhe (Nintendo Switch)

Sommer 1978 – Am strahlend blauen Himmel schwebt ein riesiges Luftschiff unbekannten Ursprungs meterhoch über dem Festland. Nur über eine Gondel zu erreichen, zieht der mysteriöse Zeppelin nicht nur uns in seinen Bann, auch Protagonistin Casey macht sich im Namen der hiesigen Schülerzeitung auf den Weg, die Rätsel der Wolkenbastion zu ergründen. Doch so rätselhaft scheint das alles überhaupt nicht zu sein, denn wie sich schon bald herausstellt, beherbergt das historische Flugzeug ein Alten- und Pflegeheim auf drei Etagen. Casey’s Mutter, die leitende Krankenschwester und unser persönliches Flugticket, verdonnert uns außerdem gleich mal zu einem eher unfreiwilligen Zivildienst während der nächsten drei Tage – so fangen die Sommerferien ja gut an. Aber unsere journalistische Neugier sollten wir auf keinen Fall begraben und Geheimnisse lauern schließlich auch an jedem noch so gewöhnlichen Ort.

Denn statt uns folglich mit anstrengender Pflegearbeit zu quälen, entpuppt sich Wayward Strand relativ zügig als sensibles Kammerspiel, in dessen luftigem Mittelpunkt die betagten Bewohner und ihre Geschichten stehen. Mit einer überraschend großen Portion Feingefühl und Entscheidungsfreiheit, lässt uns Entwickler GhostPattern in der Rolle von Casey mit den Senioren agieren, nachvollziehbare Dialoge führen und immer weiter in die wundersame Welt von Wayward Strand abtauchen. Kindliche Naivität und ungebremste Neugier treffen hier mit einem oft humoristischen Unterton auf festgefahrene, aber mindestens genauso weise und frohgesinnte Weltanschauungen.

Warmes Herz, feuchte Augen

Anfangs noch von Tomi’s non-verbaler Kommunikation verunsichert, schauen wir schon bald gerne in ihrem Zimmer vorbei und wollen unbedingt wissen, wofür sie die zahlreichen Pokale im Regal verdient hat. Da sie uns das aber nicht einfach selbst sagen kann, zieht sich die Suche nach einer Antwort wie eine kleine Nebenquest durch sämtliche Flure und Zimmer des Luftschiffs. Oder Mr. Avery, der mag zwar etwas schräg wirken, doch seine überschwängliche Leidenschaft als Schriftsteller konnte sogar uns einen kleinen Schub für diesen Testbericht verschaffen – ja, wirklich. Astrologie-Expertin Esther hingegen, gibt sich zuerst betont unnahbar, lässt es sich wenig später aber schon nicht mehr nehmen, uns höchstpersönlich die Zukunft von der Handfläche zu lesen, während ein Besuch bei der häkelnden Ida immer eine gute Idee ist, um ein bisschen zu relaxen und gute Ratschläge abzustauben.

Wir könnten hier wirklich ewig so weitermachen, uns in detaillierten Beschreibungen über die Charaktere verlieren, ihre teils ur-komischen, aber genauso wunderbar authentischen Interaktionen mit uns oder untereinander lebhaft zu Papier bringen, doch die tatsächliche Wahrheit lautet ganz einfach: Wir haben sie alle verdammt schnell lieb gewonnen und möchten jeden einzelnen mal ganz fest drücken!

Wayward Strand bietet kein motivierend-spaßiges Gameplay, dafür fallen die zweidimensionale Navigation von Casey und die Adventure-artigen Interaktionen schlicht zu anspruchslos aus, doch der narrativen Magie des Titels können wir uns dennoch nicht entziehen. Es dauert keine volle Stunde, bis uns der potentielle Indie-Hit mit seinen realitätsnahen Dialogen voller Kontraste, aber einer spürbaren Verbundenheit zwischen den Charakteren, an den Punkt bringt, an dem wir ohne Aussicht auf Erfolge oder irgendein übergeordnetes Ziel wirklich wissen wollen, wie sich Tomi heute fühlt oder ob Mr. Pruess mehr aus seiner Vergangenheit in Österreich erzählen möchte. Auch vor dem Bildschirm nachhaltig prägend, vermittelt Wayward Strand kleine, aber wichtige Werte: Ganz gleich wie belanglos eine Unterhaltung auch erscheint, gemeinsame Zeit und aufrichtiges Interesse sind für Menschen jeden Alters essentiell. Denn nicht nur die Bewohner finden in Casey eine wertvolle Gesprächspartnerin, auch die von ihrer Mutter so abgewertete Story für die Schülerzeitung findet bei den Senioren großen Anklang und eine gewisse Motivation, sich an alte Zeiten zu erinnern.

Carry on my Wayward Daughter

Wayward Strand verfolgt trotz des eher statischen Adventure-Gerüsts, einen überraschend dynamischen Ablauf und es ist schon erstaunlich, wie organisch und lebendig die vermeintlich kleine Welt auf dem Luftschiff wirkt. Alle Charaktere gehen ihrem eigenen Tagesablauf nach, treffen sich auf den Fluren und halten angeregte Gespräche während des Mittagessens. Wir können uns jederzeit dazugesellen und die Geschehnisse beeinflussen oder das bunte Treiben der Damen und Herren untereinander gebannt verfolgen. Negative Konsequenzen haben unsere Aktionen allerdings nie. Begleiten wir beispielsweise Esther in die Kantine, die sich nach unserer Zusage wie ein kleines Kind freut, treffen dort aber auf Ida und entscheiden uns kurzerhand, stattdessen an ihrem Tisch Platz zu nehmen, kommentiert Esther diesen spontanen Korb überhaupt nicht. Doch Achtung, die spielinterne Uhr tickt unaufhörlich und wir müssen uns schon ein wenig entscheiden, mit wem wir wieviel Zeit verbringen oder welche Orte wir überhaupt aufsuchen wollen, bevor der Abspann über den Bildschirm flimmert. In Hektik artet das jedoch nie aus, dafür drückt uns die beruhigend-harmonische Atmosphäre auch viel zu tief in den Sessel. Viel mehr versteht es der Titel auch hierbei, cleveres Gamedesign zu nutzen, das der Erzählung eine zusätzliche Meta-Ebene spendiert und uns an Vergänglichkeit und die Zeit als wertvollstes Gut erinnern soll. Wiederspielwert inklusive, denn zwar ist der eigentliche Plot nach knapp 4 Stunden Spielzeit abgeschlossen und vielleicht ja doch noch um ein spannendes Mysterium leichter, die zahlreichen Interaktionsmöglichkeiten zwischen Casey und den Bewohnern locken aber mindestens noch ein weiteres mal in die fliegende Seniorenresidenz.

Entwickler Ghost Pattern spricht hier sogar von über 18.000 Zeilen voll vertonter Dialoge, die es über mehrere Durchläufe zu entdecken gilt. Und die klingen durchweg richtig toll, sofern ihr der englischen Sprache mächtig seid und so auch die stilvoll eingeblendeten Sprechblasen entziffern könnt. Apropos, denn optisch hat sich Wayward Strand einer eher unaufgeregten, aber nicht minder wirksamen Ästhetik verschrieben, die mit ihren Pastellfarbtönen und dem auffällig konturierten Celshading-Look für eine ansprechende Präsentation im Stile eines OlliOlli World sorgt. Eine stimmungsvolle Polaroid-Umrandung gibt es obendrauf und nun müssen wir nur noch die Lautsprecher aufdrehen, aus denen ein überwiegend friedlicher Score aus ruhigen Akustik-Gitarren-Klängen tönt und die Stimmung damit perfekt einfängt.

Unfreiwillig komisch wird es erst dann, wenn wir das Skript quasi zum Überlaufen bringen. Dialoge setzen sich zwar automatisch fort, weil die Uhr eben permanent in Echtzeit tickt, doch erst nach einer gewissen Weile. Reizen wir das voll aus, überschneiden sich gewisse Ereignisse. Mehrere Bewohner und Pfleger fluten so das Zimmer eines Patienten und warten auf den Einsatz ihres Skripts, das wir, mitten im Dialog, gerade noch blockieren. Zusammen mit einer kaum vorhandenen Kollisionsabfrage für animierte Objekte, ergeben sich dadurch ein paar skurrile Augenblicke, die den Gesamteindruck allerdings nie beeinträchtigen. Im Gegenteil, die von uns getestete Version für die Nintendo Switch überzeugt mit stabiler Performance, angenehmer Auflösung und einer hervorragenden Lesbarkeit der etlichen Texte – sogar im Handheldmodus des Hybriden. Zusätzlich lässt sich die Textgröße jederzeit vergrößern oder sogar verkleinern und als clevere Barrierefreiheits-Option, haben es kommentierte Soundeffekte in den Titel geschafft.


Wayward Strand ist seit dem 15. September 2022 für Nintendo Switch, Playstation, Xbox und den PC ausschließlich digital erhältlich. Aktuell zahlt ihr einen durchaus fairen Preis von 19,99€ in allen digitalen Stores. 

Der Test zu Wayward Strand basiert auf einem Reviewcode für die Nintendo Switch-Version des Spiels, der uns freundlicherweise vom Publisher zur Verfügung gestellt wurde. Screenshots stammen aus dem offiziellen Presse-Kit. 

92%

Zum Weinen schön!

Wayward Strand ist ein Spiel fürs Herz. Ein sensibles Kammerspiel über das Leben und seine Kontraste. Mit Charakteren und Dialogen, die in ihrer bodenständigen Darstellung belanglos wirken und erst bei genauerem Hinsehen ihren eigentlichen Wert offenbaren, entführt uns der potentielle Indie-Hit auf einen kurzen, aber dafür überraschend stilsicheren und nachhaltigen Ausflug, der garantiert zu Tränen rührt.

  • Grafik/Design
  • Sound
  • Story/Atmosphäre
  • Steuerung
  • Spielspaß
About author

Dennis

Games-Magger Dennis findet gerne mal die Nadel im Heuhaufen und legt sie dann auf die Goldwaage. Wahre Liebe darf auch kritisieren. Heimisch auf Xbox One und Nintendo 3DS.

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