Victor Vran: Overkill Edition bei uns im Test

Von Monstern, Martin Keßler und Motörhead - Unser Test zur Victor Vran: Overkill Edition auf der Nintendo Switch!

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Mit der Victor Vran: Overkill Edition erhält die Nintendo Switch erneut Zuwachs im noch relativ mager besiedelten Hack&Slay-Genre. Simpler Trost über das enttäuschende Titan Quest oder nennenswerter Titel, der das Warten auf Diablo 3 verkürzt?

Victor V(r)an Helsing

Gestatten, Victor Vran – seines Zeichens Dämonenjäger und Held wider Willen. Auf der Suche nach einem alten Freund, verschlägt es den spitzzüngigen Protagonisten ungeahnt in die verfluchte Stadt Zagoravia, die, von fiesen Dämonen besetzt, auf ihre Befreiung durch einen tapferen Recken wartet. Kein Wunder also, dass die hiesige Königin von Victors Erscheinen überaus entzückt scheint und ihn ohne Umschweife in das erste verwinkelte Dungeon schickt.

Zugegeben, die Story um eine von Monstern belagerte, viktorianische Stadt und ihr Umland dient bestenfalls als begleitende Rahmenhandlung, dramaturgische Auszeichnungen kann der Titel mit seinem Plot gewiss nicht gewinnen. Dafür bleibt die Narrative zu generisch, die Präsentation zu unspektakulär. Statt spannenden Zwischensequenzen beizuwohnen, klicken wir uns durch öde Dialogfenster, deren handgezeichnete, zweidimensionale Charaktermodelle nur wenig Lebhaftigkeit versprechen.

Dafür rockt das Gameplay, für das wir ja schließlich auch hier sind. Als waschechtes Hack&Slay mit Action-RPG-Elementen, spielt sich Victor Vran wie eine gelungene Mischung aus Diablo 3 und den ebenfalls sehr beliebten, digitalen Abenteuern eines Van Helsing, von dem sich der gute Victor anscheinend nicht nur das Spielprinzip, sondern auch den überwiegend düsteren Look abgeschaut hat.

Blutbad mit Belohnung

So schnetzeln, prügeln und schießen wir uns auch in Victor Vran durch unzählige Dämonenhorden, deren Design überraschend Vielfältig ausfällt. Neben riesigen Spinnen, Hexen und Armeen von untoten Skeletten, bietet der Titel in der gegnerischen Riege alles, was das Fantasy-Herz begehrt. Aber da wir ja nicht auf friedlicher Forschungstour unterwegs sind, rücken wir dem Getier mit einer riesigen Auswahl an Nah- und Fernkampfwaffen auf den Leib. Während wir z.B. Schwert und Schrotflinte gleichzeitig ausrüsten und bequem per Tastendruck zwischen beiden Varianten wechseln dürfen, müssen wir für weitere Anpassungen den Weg ins übersichtlich gestaltete Ausrüstungsmenü gehen.

Das fällt überhaupt nicht schwer ins Gewicht, zumal die oft sehr hektischen Auseinandersetzungen gerne mal nach einer beruhigenden Denkpause verlangen. Wird es dagegen richtig brenzlig, greifen wir auf Spezialattacken und noch mächtigere Dämonenkräfte zurück, die mit vernichtenden Overkill-Moves, Flächenschäden und allerlei Statusboosts locken. Doch Achtung, die vermeintliche Rettung in letzter Sekunde ist stets mit einer Abklingzeit versehen. Jede dieser Angriffe braucht also eine gewisse Weile, bis wir sie wieder einsetzen dürfen. Wie schon beim Arsenal, ist der Wechsel aber jederzeit möglich, um so Schwächen und Resistenzen der Gegner geschickt auszunutzen.

Im Gegensatz zur Konkurrenz, verabschiedet sich Entwickler Haemimont Games mit Victor Vran vom gewohnt statischen Spielgeschehen im Genre und gibt ihrem Dämonenjäger ein paar äußerst agile Manöver mit auf den beschwerlichen Weg. Ausweichrolle und Sprung verleihen den Auseinandersetzungen eine gehörige Portion Dynamik, aber auch im geschickt verworrenen Leveldesign eröffnet diese Beweglichkeit völlig neue Wege – buchstäblich. Außerdem lobenswert: Mit der Rolle sind unsere Ausweichchancen nicht länger ausschließlich eine Frage der Charakterwerte, sondern vor allem der eigenen Fähigkeiten vor dem Bildschirm.

Apropos, denn die Charakterentwicklung verfolgen wir in Victor Vran weitestgehend passiv, haben also nur wenige Chancen, unser Alter Ego selbstständig und nach eigenen Wünschen zu formen. Für geneigte Rollenspieler mag diese Simplifizierung zwar etwas schmerzen, mit Tarotkarten, unterschiedlichen Charakterklassen und verschiedensten (Vor-)Einstellungen, die unsere Dämonenjagd zum wahren Höllentrip machen können, bietet der Titel dann doch noch ausreichend Personalisierungsoptionen, die jedes Abenteuer zum Individualausflug machen.

Doch warum tun wir das alles? Warum stellen wir uns Horden von Gegnern, um Minuten später doch wieder vom letzten Checkpoint zu starten? Warum verirren wir uns regelmäßig in den verwinkelten Levels? Natürlich für den Loot, und der fällt bei Victor Vran äußerst motivierend aus. Statt uns ständig mit einem legendären Artefakt oder einer ähnlichen Waffe zu belohnen, hat man hier bei der Ausschüttung der Preise peinlich genau auf das Balancing geachtet. Seltene Schätze bleiben eine Rarität, weshalb wir uns dann doppelt freuen, wenn wir einmal ein besonders starkes Item erhalten. Doch auch häufiger vorkommendes Loot hält uns enorm lange bei der Stange, denn die Zahl der unterschiedlichen Werte und Nebeneffekte, die eine Waffe haben kann, ist schier unendlich. Außerdem dürfen wir unnütze Gegenstände lukrativ verscherbeln und später sogar über die Transmutation verbessern. Immer ein Stückchen stärker und besser werden, die Motivation wird hier schnell zur Sucht und treibt die Spielzeit locker in den dreistelligen Bereich.

Wem das alles noch nicht genügt, der darf sich an den Gebietsherausforderungen versuchen. Die Mini-Missionen innerhalb eines abgesteckten Areals bestehen meist aus kleineren Aufgaben, die den Levelalltag gekonnt auflockern. Besiege einen bestimmten Boss, erleide für gewisse Zeit keinen Schaden – auch hier winkt der Abschluss mit Ingame-Währung oder neuen Gegenständen.

Mitunter etwas wuselig, aber mit genügend taktischem Tiefgang, haben uns die Kämpfe in Victor Vran durchaus Spaß bereitet. Das Finden, kaufen oder aufwerten von Waffen trägt gehörig zur Motivation bei. Auch die Steuerung ist sinnvoll belegt und geht schnell in Fleisch und Blut über.
Einzig und allein das Trefferfeedback könnte in den zahlreichen Auseinandersetzungen etwas ansprechender ausfallen. Egal ob großer Bossgegner oder eine Flut an winzigen, nicht minder tödlichen Spinnen, die Joy Con-Controller wollen der kompromisslosen Action nicht immer ganz Buße tun.

Licht und…

Optisch fällt es dem Nintendo Switch-Auftritt von Victor Vran sichtlich schwer, mit seinen großen Brüdern auf PC, Xbox One und Playstation 4 mitzuhalten. Generell hinterlässt der Titel einen soliden Gesamteindruck, doch wie so oft steckt der Teufel im Detail. So muss die Switch-Version auf sämtliche Schatten verzichten und der Blick auf den Bildschirm wirkt oft ein wenig verwaschen. Der Handheld-Modus leistet da leider auch keine Abhilfe. Hier schaut zwar alles deutlich schärfer aus, eine Optimierung für das kleinere Display wurde aber anscheinend gar nicht in Betracht gezogen, was in extrem kleinen Bildschirmtexten und fast unlesbaren Statuswerten resultiert. Das lässt sich im Docked-Modus der Konsole selbstverständlich vermeiden, doch in dieser Variante werden wir von störenden Einbrüchen in der Framerate geplagt.

Schade, denn in anderen Bereichen hat Entwickler Haemimont Games bereits gut mitgedacht. So müssten wir, aufgrund der Levelarchitektur eigentlich ständig mit der Kamera an irgendwelchen Häuserfassaden hängenbleiben, die verschwinden aber einfach, sobald wir die Perspektive ändern und sie „berühren“.

Ein Mann, eine Stimme

Die zu Beginn erwähnte, leicht schwächelnden Narrative, erhält mit der Synchronisation der vertonten Dialoge eine letzte, aber dennoch sehr nennenswerte Rettung. Im redseligen Cast finden wir nämlich allerlei bekannte Größen der Branche. Martin Keßler, der den meisten unter uns als die deutsche Synchronstimme von Nicholas Cage und Vin Diesel bekannt sein sollte, leiht Titelheld Victor Vran seine gut gewählten Worte, was jederzeit glaubwürdig, authentisch und irgendwie auch ziemlich cool klingt.

Den größten Humor bezieht das Spiel dabei durch eine immer wiederkehrende Stimme. Die, ebenfalls prominent besetzt, Victors Treiben unentwegt kommentiert oder besser gesagt, hämisch kritisiert. Der oft sarkastisch-frotzelnde Unterton zaubert uns selbst im hektischsten Kampfgeschehen noch ein Schmunzeln aufs Gesicht. So lockt die vermeintlich imaginäre Stimme Victor in ein Labyrinth und ermahnt ihn scharfzüngig, als wir auf die Idee kommen, einfach über die Hecken zu hopsen, anstatt das böswillige Spiel der Stimme mitzuspielen.

Umgebungsgeräusche und der Score passen sich dieser hohen Audio-Qualität übrigens an und versprechen auch in akustischer Hinsicht eine atmosphärisch dichte Erfahrung.

Add-On mit Taktgefühl

Auf der Nintendo Switch erscheint Victor Vran ausschließlich in der Overkill Edition. Die enthält neben dem Hauptspiel, zwei große Erweiterungen. Fractured Worlds wirft uns in zufällig generierte, gewollt zerstückelte Dungeons der Hauptkampagne. Dabei bietet sie täglich neue Herausforderungen, die sich vorwiegend an erfahrene Spieler mit gewissem Fortschritt richten.

Als besonderes Schmankerl, ist auch Mötorhead: Through the Ages mit an Bord. Die zweite Erweiterung bringt das ohnehin schon dick geschnürte Hack&Slay-Paket fast zum Platzen und bietet den wohl verrücktesten Inhalt, den ein Titel in diesem Genre je gesehen hat. In Trough the Ages nehmen die bekanntesten Songs der Metalband Mötorhead Gestalt an. Und zwar als völlig abgedrehte Levels in unverwechselbarem Artdesign. Es gibt wohl keinen besseren Weg, um Legende Lemmy Kilmister mehr Tribut zu zollen, als dieses Manifest voller Anspielungen, Songs und Zitate der gefeierten Gruppe.

Einsam wird es jedenfalls nie. Denn mit lokalem und Online-Koop steht Victor Vran auch für jede Menge Multiplayerspaß. Dieser erhält höchstens dann einen Dämpfer, wenn wir uns über den fehlenden Splitscreen aufregen.


Victor Vran: Overkill Edition ist seit dem 28. August 2018 für die Nintendo Switch erhältlich. Zu einem Preis von 39,99 € dürft ihr euch den Titel aus dem Nintendo eShop herunterladen oder als hübsche Retail-Version im Handel erwerben.

Der Test basiert auf unserer Testversion von Victor Vran: Overkill Edition für die Nintendo Switch, die uns freundlicherweise von Publisher Wired Productions zur Verfügung gestellt wurde. Screenshots stammen diesmal von der offiziellen Seite des Herstellers.

78%

Schönes Schnetzeln...

Inhaltlich und vor allem in technischer Hinsicht nicht ganz tadellos, bietet Victor Vran unterm Strich ein solides Hack&Slay-Erlebnis, das durch seinen enormen Umfang und das motivierende Gameplay besticht und mehr als nur die Wartezeit auf Diablo 3 verkürzt. Fans des Genres greifen bedenkenlos zu, Mobil-Muffel erwägen vielleicht eher den kostengünstigeren Kauf der Versionen für die großen Konsolen.

  • Grafik 70%
  • Sound 80%
  • Story / Atmosphäre 70%
  • Steuerung 80%
  • Umfang 90%