The Surge 2 bei uns im Test

Lieber Arm ab, als Arm dran – Unser Test zum spaßigen Sci-Fi Soulslike mit extrahierten Extremitäten!

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Nach Lords of the Fallen und einem eher durchschnittlichen Vorgänger, rückt Entwickler Deck 13 mit The Surge 2 dem großen Vorbild Dark Souls qualitativ ein gutes Stück näher und überzeugt mit eigenen Ideen und sinnvollen Verbesserungen. Zum großen Hit reicht das allerdings noch nicht. Warum, klärt unser Test zum Action-Rollenspiel auf Xbox One.

The Surge 2 ist so etwas wie die deutsche Antwort auf Dark Souls im unverbracht alternativen Setting. Mit knallhartem Schwierigkeitsgrad, komplexen RPG-Mechaniken und einer gehörigen Portion Verzweiflung vor dem Bildschirm, lädt das Frankfurter Entwicklerstudio einmal mehr zu einem herausfordernden Trip ins Soulslike-Genre.

Der Kritik an der monotonen Spielwelt und dem unsympathischen Protagonisten des Vorgängers, muss sich The Surge 2 nicht länger stellen. Bevor es überhaupt richtig losgeht, landen wir nämlich im Charaktereditor und erstellen dort unser eigenes Alter-Ego. Zugegeben, besonders umfangreich fällt die Bastelei nicht aus, unterm Strich sollte aber jeder in der Lage sein, einen passenden Charakter für die nächsten 50+ Spielstunden zu kreieren.

Die beginnen übrigens nur wenige Wochen nach dem Ende des Erstlings und begleiten unseren sprachlosen Protagonisten auf seiner Reise nach Jericho City, einem verheißungsvollen Versprechen des Konzerns CREO folgend. Doch statt glorreicher Zukunft im urban-digitalisierten Umfeld, erwartet uns nach unsanfter Landung der Ausnahmezustand. Gewalt und Drogen, religiöse Gruppen und eine aus dem Vorgänger bereits bekannte Seuche prägen das ohnehin instabile Stadtbild. Neben reichlich Propaganda an Häuserwänden, wird das finstere Zukunftssetting durch patrouillierende Roboter und Milizen, die selbstverständlich eine weitaus größere Bedrohung darstellen als meinungsbildende Monitorübertragungen, abgerundet.

Und täglich grüßt die Dystopie

Es geht um Menschen, um Robotik und Digitalisierung und eigentlich auch um die Frage, die sich so mahnend dazwischenschiebt, wie all das harmonisieren soll. Doch den ethischen Ansatz überspringt The Surge 2 und schmeißt uns stattdessen lieber in den postapokalyptischen Hexenkessel, das Leitbild-Armageddon eines 90s-Kid, auf dessen Videothekenausweis das Adressfeld mit Jenseits der Donnerkuppel beschriftet wurde. Müde lächelnd begrüßt uns die Dystopie als Flickenteppich aus cineastischen Sci-Fi-Analogien der letzten drei Jahrzehnte. Jericho City, mehr klischeebefleckte Karikatur futuristischer Schreckensvisionen, als stilistische Harmonie aus Architektur, Symbolik und vorherrschender Ideologie. Mediale Einflüsse anderer Werke sind deutlich zu spüren, einen roten, selbst gestrickten Faden vermissen wir dagegen schmerzlich.

Dahinter wartet die bekannt-generische Mischung aus einflussreichen Ganoven in besetzten Einkaufszentren, unterdrückten Bürgern auf der Straße, Junkies und fanatischen Kultanhängern, die Verzweiflung weniger in ihrer zugeteilten Rolle transportieren, als beim kläglichen Versuch, glaubwürdige Dramaturgie zu vermitteln. Irgendwo dazwischen reihen wir uns ein, stampfen stumm durch die mit Autowracks und am Galgen hängenden Widerstandskämpfern gesäumten Straßen. Environmental Storytelling gone wrong. Zu grell der Kontrast zwischen Altbaufassaden und progressiven Hightech-Bauten, um darin auch nur einen Funken immersiver Ernsthaftigkeit zu erkennen. Die neugewonnene Weitsicht, schlicht erdrückt unter der Summe ihrer unterschiedlichen Einflüsse. Lore, das ist auch bei The Surge 2 das Stichwort, um komplexe Handlungsabläufe zu bekräftigen. Audiologs und Streetart schaffen es hier jedoch nicht, erzählerisch qualitativen Tiefgang in den angestaubten Plot, der sowieso nur als nicht weiter beachtenswerte Rahmenhandlung fungiert, zu bringen.

Du bist, was Du tötest

Dieses Motto hat sich The Surge 2 buchstäblich auf den Leib geschrieben. Den Leib, den wir während der fordernden Kämpfe immer wieder in tausend Stücke schneiden, sägen, bohren. Denn die Auseinandersetzungen mit humanoiden und robotischen Gegnern machen dank ihrer zugänglichen Dynamik nicht nur verdammt viel Spaß, unser Auftritt als metallischer Metzger ist sogar direkt mit den motivierenden Loot-Mechaniken des Spiels verknüpft. Waffen und Rüstungen liegen in Jericho City selten einfach so herum, stattdessen erhalten wir Schemata für deren Herstellung von besiegten Feinden. Dafür visieren wir Gliedmaßen, Köpfe und Rümpfe einzeln an und trennen sie mit einem stylischen Finisher ab. Ein großes Alleinstellungsmerkmal von The Surge 2, das dem Titel eine überaus charakteristische Eigenschaft verleiht.

Looten und craften, das funktioniert im Prinzip genauso motivierend wie bei Monster Hunter. An Teile für ein bestimmtes Rüstungsset kommen wir nur dann, wenn wir den dafür jeweiligen Gegnertyp immer wieder aufs Korn nehmen. Dass ein gewünschtes Schemata droppt, ist keinesfalls garantiert. Doch selbst wenn uns das Glück einmal hold ist, benötigen wir für die anstehende Herstellung oder Verbesserung immer noch spezielle Komponenten, die es sich auf gleichem Wege zu besorgen gilt.

Für komplette Sets, mit denen wir unser Alter-Ego stilvoll ausstatten, winken besondere Boni. Gift-Immunität oder mehr Agilität sind da nur zwei von etlichen Buffs. The Surge 2 geht hier wirklich unglaublich in die Tiefe und lässt aufgrund des zugänglichen Kampfsystems zuerst gar nicht erahnen, was für eine Vielzahl von Werten wir später unbedingt noch beachten sollten. Umso besser, denn zusammen mit ständig wechselnden Anforderungen, sind wir stets darauf bedacht, unser aktuelles Loadout zu optimieren. Gegebenenfalls müssen wir sogar komplett in andere Klamotten schlüpfen, was mit selbsterstellten Presets in Sekundenschnelle geschieht.

An die Hand nimmt uns der Titel jedoch nie. Das schafft spielerische Freiheit im großen Stil und etliche Möglichkeiten, wie wir an eine Situation herangehen wollen. Ähnlich wie schon bei Nioh oder Sekiro, lässt das Kampfsystem auch blitzschnelle Kombos zu, die unseren Widersachern erst ihre Ausdauer und dann im wehrlosen Zustand das digitale Leben rauben. Hin und wieder ist es durchaus klug, derart rabiat vorzugehen, was aber keinesfalls zur Dauerlösung werden sollte. Bedachte Methoden sind ebenso ratsam, wie das Verständnis über feindliche Bewegungsmuster.

Das Abtrennen von Extremitäten und Co. reiht sich nahtlos in diese spielerische Freiheit ein. Denn gepanzerte Körperteile locken zwar mit Bauplänen und Komponenten für dessen Herstellung oder Verbesserung, bieten dem jeweiligen Gegner aber auch deutlich mehr Schutz. Kommen wir also mal in Bedrängnis, ist es sogar empfehlenswert, auf den wertvollen Loot zu verzichten und freie Körperstellen zu attackieren, was gleichzeitig mehr Schaden am Ziel bedeutet. Trotzdem lohnt es sich meist, die aktuelle Auseinandersetzung aufrechtzuerhalten. Heilende Medipacks sind nämlich nicht begrenzt, lediglich ihr Einsatz wird von Akkuladungen reguliert und die laden sich stückweise auf, sobald wir einen Treffer landen. Für den Einsatz der chirurgischen Finisher ist unser Akku aber ebenso unerlässlich und so wohnt den actionreichen Kämpfen jederzeit eine gewisse taktische Komponente bei, wegen der wir oft blitzschnelle Entscheidungen treffen müssen.

Gegnerdesign und -vielfalt wurden gegenüber dem Vorgänger nochmal ordentlich aufgestockt. Vertikale oder horizontale Schläge entscheiden nun nicht mehr ganz so strikt darüber, ob ein anvisiertes Körperteil tatsächlich als getroffen gilt. Das bringt vorwiegend jede Menge Komfort mit sich, macht den Titel aber keinesfalls zu einem Spaziergang.

Hinterlistig wie eh und je

The Surge 2 kommt mit einem beinharten Schwierigkeitsgrad daher, der die Grenze zwischen Lust und Frust einmal mehr verschwimmen lässt. Aber es ist eben auch einer jener Titel, die damit erstaunlich gut umzugehen wissen und uns immer wieder aufs Neue motivieren. Erst kein Land sehen und dann beim zehnten Versuch den meterhohen Zwischenboss ohne Probleme legen, was für ein Gefühl! Doch das geht selbstverständlich auch ganz anders: Statt erfolgreich die Flucht vor einer ganzen Gegnerhorde zu ergreifen, stürzen wir versehentlich durch ein Loch im Boden in die nächstbeste Giftgrube und werden dort zu allem Überfluss von einer Gruppe Axtschwingender Anarchisten vermöbelt. Liebe und Hass, ein echt schmaler Grat.

Was dann passiert, ist wohl jedem From Software-versierten Spieler ein Begriff. Genau, es geht zurück zum letzten Bonfire, pardon, dem Medipot. Zuvor gesammelter Schrott, die wichtigste Währung im Spiel, bleibt an der Stelle unseres Ablebens liegen. Allerdings nicht für immer, denn ein Timer in der oberen Bildschirmecke verrät ein straffes Zeitfenster, in dem wir uns das Zeug zurückholen sollten, bevor es verschwindet. Ein tolles Feature übrigens, das der ohnehin zittrigen Reise zu den eigenen Hinterlassenschaften nochmal eine gänzlich neue Bedrohung verleiht und ganz viel Druck aufbaut. Denn sterben wir auf dem Weg dorthin erneut, ist all der Schrott für immer verloren. Als kleines Entgegenkommen, sacken wir im Idealfall aber auch die vollständige Summe wieder ein.

Darauf zu verzichten, sollte uns erst gar nicht in den Sinn kommen, denn wie bereits erwähnt, benötigen wir den Schrott für alles Mögliche. Zum einen für die Herstellung von neuen Waffen und Rüstungen, zum anderen aber auch, um unseren Charakter im Level aufzustufen und damit seine drei Hauptattribute zu verbessern. Neben der obligatorischen Gesundheit und einem Ausdauerbalken, spielt auch die Akkuladung eine wichtige Rolle – selbst wenn die eigentlich nur ein alternativer Begriff für Traglast ist. So kann es schon mal vorkommen, dass wir auf hilfreiche Mods verzichten müssen, weil Ausrüstung und Co. die komplette Kapazität bereits ans Limit bringen. Hier ist ausprobieren angesagt, und übrigens auch dabei, den eigenen Spielstil zu finden. Wer lieber richtig kräftig, dafür aber behäbig zuschlagen will, wählt den Hammer oder eine ähnliche Waffe. Verdammt spaßig wird es dagegen mit den Kettensägen, die wir uns an beide Hände montieren und damit wie ein Wirbelwind durch unsere Feinde fegen. Mit den zahlreichen Varianten eines Speers, konnten wir jedoch den besten Mittelweg finden, um Distanz, Stärke und Schnelligkeit auf ein ausgeglichenes, für uns angenehmes Niveau zu bringen. Doch damit nicht genug, The Surge 2 stellt uns auch eine Drohne zur Seite. In Auseinandersetzungen kann sie Feinde aufs Korn nehmen, hat aber noch ganz andere Überraschungen parat.

Leveldesign aus dem Lehrbuch

Aus Perspektive des Gameplays, glänzt das Leveldesign von The Surge 2 wie ein strahlender Stern über der optisch eher durchschnittlichen Präsentation. Es ist uns wirklich unbegreiflich, wie man abgesperrte Straßenzüge, Seitengassen oder gar mehrstöckige Gebäude derart clever miteinander verbinden kann. Denn die anfängliche Orientierungslosigkeit in jedem neuen Teilgebiet von Jericho City, weicht nach einem kleinen Erkundungstrip schnell dem erleichterten Gefühl eines „Aha, hier bin ich also!“. Etwa dann, wenn wir wieder mal ein verstecktes Tor von der anderen Seite öffnen konnten und somit zwei Bereiche miteinander verbunden haben, die sonst weit voneinander entfernt schienen. Das schafft nicht nur beruhigende Abkürzungen zu den Medipots, auch hilfreiche Gegenstände lassen sich auf diese Weise finden. Wir haben uns in einem Spiel selten so gründlich umgeschaut, um auch ja jedes Schlupfloch zu entdecken. Doch das haben wir auch der großartigen Community zu verdanken, die mithilfe eines Graffiti-Features vor Gefahren warnt, zum nächsten Medipot weist oder sonst irgendwie dazu beiträgt, sich nicht vollkommen alleingelassen zu fühlen. Eine wirklich tolle Funktion, die wir so gerne öfter sehen würden. Als besonders motivierend haben wir die Metroidvania-Elemente von The Surge 2 empfunden. Im Prinzip steht uns die Spielwelt von Beginn an offen, lediglich diverse Türen und Abgründe stellen noch ein unüberwindbares Hindernis für uns dar. Um diese zu öffnen, bzw. darüber zu schwingen, benötigen wir bestimmte Gadgets, über die mächtige Bossgegner wachen. Von denen gibt es übrigens leider nicht sehr viele, dafür fallen die Begegnungen mit ihnen meist besonders imposant aus und fordern erfrischend alternative Herangehensweisen.

Nicht ganz die Zukunft

Narrativ irgendwo in ferner Zukunft angesiedelt, unternimmt The Surge 2 auf technischer Ebene einen Trip in die Vergangenheit. Die eigentlich lobenswert detaillierten Rüstungen und Waffen verkommen gelegentlich zu einer undefinierbaren Masse, weil die dafür nötigen Texturen einfach nicht laden. Gesichtsanimationen wirken wie aus der vorletzten Generation und auch sonst passiert in Puncto Präsentation wenig, das uns gebannt auf den Bildschirm blicken lässt. Dazu gesellen sich immer wieder nervige Einbrüche in der Bildwiederholungsrate. Bei mehreren Gegnern gleichzeitig droppen die FPS sichtlich, Partikeleffekte verwandeln das Geschehen in eine regelrechte Diashow.

Besonders merkwürdig: Introsequenz und das animierte Hauptmenü werden von störenden Kompressionsartefakten begleitet. Fraglich, was da schieflaufen konnte. In dieser Art haben wir das jedenfalls zuletzt auf dem Nintendo 3DS beobachtet. Immerhin ist The Surge 2 ein für Xbox One X optimierter Titel, der durch 4K- und HDR-Support zumindest Auflösung und Kontraste gut im Griff hat. Im direkten Vergleich zu einem Full HD-Monitor, profitiert der Titel deutlich von diesen technischen Verbesserungen, in 1080p ohne HDR schaut’s nämlich schon mal echt gruselig aus.

Das Sounddesign hält sich vorwiegend zurück und lockt nur in besonderen Momenten, beispielsweise bei Bosskämpfen, mit treibenden Tracks, kommt dann aber ganz besonders zur Geltung. Gerne hätten wir mehr gehört von dieser unheilvoll untermalenden Mischung aus Drum ’n’ Bass und anderen elektronischen Einflüssen. Die Vertonung der NPCs geht durchaus klar, sogar als deutsche Synchronisation. Leider ändert das nichts an ihrer austauschbaren Präsentation und der blassen Dramaturgie, weshalb wir die Dialoge auch viel lieber überspringen, als den durchaus motivierten Sprechern zu lauschen.


The Surge 2 ist seit dem 24. September 2019 für Xbox One, Playstation 4 und Microsoft Windows PC erhältlich und schlägt mit einem Preis von 59,99 € zu Buche. Die physische Version gibt es derzeit noch in der Limited Edition, inklusive coolem Poster und Comic.

Der Test basiert auf unserer Testversion von The Surge 2 für die Xbox One, die uns freundlicherweise vom Publisher Focus Home Interactive zur Verfügung gestellt wurde. Screenshots stammen aus dem beigefügten Press-Kit (Achtung! Kein tatsächliches Gameplay!). 

 

70%

Super Sci-Fi Soulslike!

Es ist diese unglaubliche packende Mischung aus erkunden, kämpfen und looten, mit der uns The Surge 2 regelrecht ans Gamepad fesseln konnte. Hatte uns ein Boss mal wieder zur Weißglut getrieben, haben wir einfach ein wenig die nähere Umgebung erkundet, Abkürzungen entdeckt, der Lore gelauscht, Nebenmissionen abgeschlossenen und nebenbei ordentlich Schrott gefarmt oder gar völlig neue Baupläne gesammelt, um unser Alter Ego damit noch stärker zu machen. Dazu gesellt sich ein vom Charaktersystem völlig losgelöster Lernprozess, der uns zu immer größeren Herausforderungen anspornt und diese letztlich auch meistern lässt. Klar, The Surge 2 IST Dark Souls aus Deutschland, denn selbst wenn hier alles einen anderen Namen trägt, die Funktionsweise der Features bleibt doch gleich. Einen billigen Klon sollte trotzdem niemand erwarten, dafür bietet der Titel genügend eigene Ideen, die richtig gut funktionieren und für ein extrem spaßiges, stets motivierendes Spielgefühl sorgen. Wer auf eine toll inszenierte Story verzichten kann und dafür ein merkwürdig klischeegefülltes Setting mit durchschnittlicher Technik in Kauf nimmt, kommt an The Surge 2 nicht vorbei, denn das ist, zumindest aus spielerischer Sicht, Soulslike auf ganz hohem Niveau.

  • Grafik 70%
  • Sound 70%
  • Story / Atmosphäre 40%
  • Steuerung 80%
  • Gameplay 90%