The Shapeshifting Detective bei uns im Test

Wer bin ich - und wenn ja, wieviele?

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Wenn mich irgendetwas aus der Versenkung lockt, dann sind es Murder Mystery-Spiele. Bevorzugt als Visual Novel oder modernes Adventure. FMV geht aber auch klar, zumindest seit kurzem. Das größtenteils wirklich geniale The Infectious Madness of Doctor Dekker machte mir ein ganzes Sub-Genre schmackhaft, weshalb ich auf den nächsten okkulten Mordfall von Wales Interactive und den D’Avekki Studios mehr als nur gespannt war.

The Shapeshifting Detective entführt mich in ein kleines britisches Dorf. Jeder kennt jeden, alles scheint in bester Ordnung. Doch die Fassade bröckelt, als ein grausamer Mord geschieht, der zuvor von einer Gruppe aus Tarotkartenlegern vorhergesagt wurde. Von der lokalen Polizei angeheuert, lasse ich mich im hiesigen Gasthaus nieder und statte dem ebenfalls dort untergekommenen Esoterik-Verein einen Besuch ab.

Schnell wird allerdings klar, dass hier weitaus mehr vor sich geht, als es die eher klassische Ausgangslage vermuten lässt. Paranormale Ereignisse häufen sich und immer wenn ich dachte, den Plot so langsam durchschaut zu haben, ist etwas neues, völlig unerwartetes passiert, was meinen bisherigen Ermittlungsstand kräftig durcheinander gebracht hat. Mehr will ich auch gar nicht verraten, Spoiler gäbe es bei einer ausführlichen Erklärung an jeder Ecke. Viel lieber empfehle ich, selbst in die Haut des Gestalten-wandelnden Detektivs zu schlüpfen. Statt mir noch irgendeine Krimi-Serie vor dem Schlafengehen zu geben, habe ich die letzten Abende mit The Shapeshifting Detective verbracht und bereue es zu keiner Sekunde.

Das erzählerische Tempo, der pace, ist im Gegensatz zur Therapiesitzung bei Doktor Dekker deutlich angestiegen. Es gibt mehr Twists, Überraschungen und auch den ein oder anderen Jumpscare. Im Austausch gegen das kleine Kammerspiel mit dem grünen Sofa, erwartet mich diesmal ein gesamter Ort voll dunkler Geheimnisse. War die schauspielerische Leistung im indirekten Vorgänger noch eher durchwachsen, hänge ich den Protagonisten jetzt regelrecht an den Lippen. Klar, Hollywood ist das hier nicht, doch für seinen Low Budget-Charakter leisten die Darsteller eine enorm gute Leistung. Mit Aislinn De’Ath gibt es sogar ein relativ bekanntes Gesicht zu sehen. Insgesamt wirkt der Cast ziemlich gelungen, in seiner Besetzung gut durchdacht und deutlich abwechslungsreicher, als jemals in einem Spiel der Entwickler zuvor.

Spielerisch geht The Shapeshifting Detective einen eher traditionellen Weg, und dafür bin ich dankbar. Ohne USB-Tastatur war The Infectious Madness of Doctor Dekker ein regelrechter Krampf. Eigene Fragen stellen, das klang auf dem Papier richtig cool, fühlte sich letztlich aber nur durchschnittlich an. Zum Glück erscheinen Fragen und Antworten nun vorgefertigt auf dem Bildschirm. Auf der Nintendo Switch kann ich sogar ganz bequem die Touchscreen-Steuerung verwenden. Trotzdem ist Vorsicht geboten, denn meine Entscheidungen beeinflussen das Geschehen maßgeblich. Verhalte ich mich lieber freundlich oder offensiv? Wem bin ich bereit zu glauben? Und vor allem, wer bin ich überhaupt?

Anscheinend ja, und sehr viele, denn die Namensgebung des Titels kommt nicht von ungefähr. Als The Shapeshifting Detective schlüpfe ich nach Lust und Laune in die Haut aller teilnehmenden Protagonisten. Das fühlt sich richtig frisch an und gibt dem Gameplay eine besondere Note. Ist eine Person einmal nicht bereit, ihr Wissen über die Vorfälle mit meinem eigentlichen Ich, dem Detektiv, zu teilen, komme ich wahrscheinlich in der Rolle eines anderen Darstellers weiter, dem diese Person vertraut. So offenbaren sich auch immer mehr menschliche Abgründe, in die das Spiel mich schon nach kurzer Zeit stürzen lässt.

Der heimliche Star von The Shapeshifting Detective ist aber definitiv die Präsentation und die damit verbundene Immersion. Der Dreh- und Angelpunkt aller Begegnungen, das Gasthaus, kommt wie eine moderne Mischung aus Resident Evil-Herrenhaus und dem riesigen Anwesen aus Stephen King’s The Shining daher. Frei bewegen darf ich mich zwar nicht, doch während meiner Navigation durch die Menüpunkte zum nächsten Ziel, flimmert stets ein loopender Clip des aktuellen Standorts über den Bildschirm, dem ich in meiner langsam aufsteigenden Paranoia irgendwann auch nicht mehr so richtig traue. Trotz der eigentlich eher statischen Inszenierung, habe ich ständig das Gefühl, jemand könnte plötzlich aus einer Ecke hervorspringen und mich zu Tode erschrecken. Ein insgesamt sehr düsteres Setting, gelungene Kamerafahrten und Schnitte, die sich wirklich sehen lassen können, tun ihr Übriges, um diese bedrückende Atmosphäre aufrechtzuerhalten.

Lobenswert sind übrigens auch etliche Anspielungen auf ikonische Horrorfilme oder die Analogien zu eigenen Werken, die Wales Interactive und die D’Avekki Studios in The Shapeshifting Detective immer wieder einstreuen. Das Radio im Gasthaus, das mit unheilvoller Stimme die fürchterlichen Geschehnisse in den Äther posaunt, ist beispielsweise vom fiktiven Hersteller Dekker.

Ja, offensichtlich haben die Entwickler ihre Hausaufgaben gemacht und The Shapeshifting Detective ist endlich wieder ein FMV-Abenteuer, das sich, spielerisch eher unaufgeregt, auf das Erzählen einer spannenden Sci-Fi-Geschichte voller Mysterien und Lovecraft-Parabeln konzentriert. Dennoch bleibt das jüngste Werk nicht ohne Fehler.

Die Story präsentiert sich ordentlich komplex. Alle Charaktere sind auf gewisse Art und Weise miteinander verbunden, was letztlich ein schier undurchschaubares Netz aus möglichen Interaktionen ergibt. Das ist durchaus so gewollt, hätte aber aus genau diesem Grund auch einen Leitfaden verdient. Um wirklich alles zu begreifen, bin ich gezwungen das Spiel mehrmals durchzuspielen. Basierend auf meinen Entscheidungen, Aussagen und dem Zufallsprinzip, das jedes mal einen neuen Mörder aus dem Cast wählt, entwickeln sich alternative Abläufe und dadurch auch andere Enden. Grundsätzlich wieder eine tolle Idee, zumal ein Durchlauf mit knapp drei Stunden relativ kurz ausfällt und der Titel auf diese Weise einen enorm hohen Wiederspielwert erhält.

Ab einem gewissen Zeitpunkt komme ich aber einfach nicht mehr mit. Ich weiß nicht mehr, welche Entscheidungen ich bereits gefällt habe und wie ich nun neue Ereignisse auslösen soll. Das ist aufgrund der Vielzahl von Möglichkeiten und dem offenen Spielprinzip auch äußerst schwer nachvollziehbar. Oft wechsle ich wahllos zwischen den Charakteren hin und her, klappere alle Personen ab, bis endlich etwas geschieht, das den Weg zum nächsten Kapitel öffnet.

Eine übersichtliche Timeline hätte dem Titel sicher geholfen. Ein verzweigter Strang aus Ereignissen, die mich meine Entscheidungen und mögliche, noch offene Wege einsehen lassen. Haben Detroit Become Human und die 999-Trilogie ja auch geschafft. Und stellt euch mal bitte diese Titel ohne ein solches Feature vor. Das ist jetzt war kein Gamebreaker, ein wenig hindert es mich aber schon daran, The Shapeshifting Detective so oft durchzuspielen, bis ich es wirklich verstehe. Daran sind dann wohl auch ein paar Bugs schuld, die den eigentlich so gelungenen Übergang zwischen den Kapiteln, der sich hier als eine Art Radioshow zur vollen Stunde mit morbiden Sprüchen und echtem Blickfang präsentiert, gerne mal doppelt abspielen oder den Titel, zumindest in unserer getesteten Nintendo Switch-Version, nach Abschluss eines Durchgangs abstürzen lassen.

Achtung: Sprachbarriere! Wer die Ermittlungen als Shapeshifting Detective aufnehmen möchte, sollte über mindestens fortgeschrittene Englisch-Kentnisse verfügen. Der Titel wurde nicht lokalisiert und erscheint ausschließlich mit englischer Sprachausgabe und ebensolchen Untertiteln / Bildschirmtexten!


The Shapeshifting Detective ist seit dem 6. November 2018 für Playstation 4, Xbox One, Nintendo Switch und den PC über Steam erhältlich. Für den kleinen Preis von 10,99 € (oder noch weniger, da sich der Titel derzeit noch in sämtlichen Sales befindet), könnt ihr das Spiel im jeweiligen Store digital erwerben.

Der Test zu The Shapeshifting Detective basiert auf unserer Testversion des Spiels für die Nintendo Switch, die uns freundlicherweise von Herausgeber und Entwickler Wales Interactive zur Verfügung gestellt wurde. Screenshots stammen aus dem offiziellen Press-Kit.

82%

Multipel morden macht mehr Spaß!

Eine spannende Story, glaubwürdige Charaktere und simples Gameplay, das durch frische Ideen besticht – ich bin voll dabei. The Shapeshifting Detective hat mich begeistert. Natürlich ist das nicht diese Art von Begeisterung, die einen erwischt, sobald man die Größe der Karte eines Red Dead Redemption 2 begreift, doch ich bewundere die Arbeit, die das kleine Entwicklerteam hier abliefert. Bei dem kleinen Preis, für den der Titel angeboten wird, kann ich mir kaum vorstellen, dass die Darsteller eine besonders hohe Gage erhalten haben. Trotzdem sind alle ambitioniert dabei und halten die düstere Immersion jederzeit aufrecht. Der komplexe Plot hätte fast schon einen kleinen Oscar verdient, nur leider versäumen es die D'Avekki Studios und Wales Interactive den auch in Sachen Spielerkomfort zu begleiten. Der Vergleich mit 999 oder Detroit Become Human trifft es sicher ganz gut, hier fehlt einfach eine kleine Orientierungshilfe. Für Fans des Genres und übernatürlichen Kriminalfällen aber immer noch ganz klar zu empfehlen.

  • Grafik
  • Sound
  • Umfang
  • Story/Atmosphäre
  • Steuerung