The Infectious Madness of Doctor Dekker (Nintendo Switch) bei uns im Test

Ist Wahnsinn ansteckend und wer ist eigentlich Doctor Dekker?

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Nach Late Shift und The Bunker, verfrachten Wales Interactive und D’Avekki Studios endlich auch das vielversprechende The Infectious Madness of Doctor Dekker auf die Nintendo Switch. Das FMV-Abenteuer hat bereits ein äußerst erfolgreiches Jahr auf Steam hinter sich und konnte seitdem sogar einen Eintrag im Guinness Buch der Rekorde verzeichnen.

Mit über 1600 verschiedenen FMV-Sequenzen in HD und damit ca. sieben Stunden Filmmaterial, verspricht der Titel eben nicht nur einen enormen Umfang, sondern auch jederzeit passende Reaktionen auf unsere manuellen Texteingaben. Das hat allerdings seinen Preis, denn auf der Nintendo Switch nimmt The Infectious Madness of Doctor Dekker mehr als 10 GB Speicherplatz in Anspruch. Auf anderen Plattformen mag das kein Problem sein, auf der portablen Konsole wird es aber ohnehin gerne mal etwas eng, wenn es um die Datenmenge installierter Spiele geht.

Das aber nur als kleiner Hinweis, schließen haben wir es mit einer weitaus größeren Tragödie zu tun: Dem Mordfall von Doctor Dekker.

…fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker

Der Psychologe Doctor Dekker wurde kaltblütig ermordet, jeder seiner Patienten steht unter dringendem Tatverdacht. Hier kommen wir ins Spiel, indem wir gleichzeitig den Ermittler mimen, uns aber auch stellvertretend für den dahingeschiedenen Seelenklempner um seine Patienten und ihre psychischen Probleme kümmern.

Um mehr über die Protagonisten, deren Erkrankungen oder ihre Beziehung zu Doctor Dekker in Erfahrung zu bringen, stellen wir Fragen am laufenden Band. Dafür greifen wir entweder auf eine Liste mit vorgefertigten Sätzen zurück oder rufen die Bildschirmtastatur der Konsole auf und sorgen so ganz einfach selbst für Gesprächsstoff. The Infectious Madness of Doctor Dekker glänzt dabei mit einer überraschend großen Datenbank an erkennbaren Wörtern, sodass wir nur selten eine Fehleingabe machen. Doch selbst wenn, ernten wir schlimmstenfalls die verwirrte oder gar trotzige Reaktion eines Patienten, die sich durch die hohe Vielfalt an FMV-Clips nie zu oft wiederholt.

Über die Schultertasten schalten wir durch die verschiedenen Patienten, bohren ordentlich nach, sammeln Beweismittel und vermerken wichtige Hinweise in einem Notizbuch, um mögliche Widersprüche aufzudecken. Weitere Fragen erscheinen erst, nachdem vorige gestellt wurden. So hangeln wir uns von Kapitel zu Kapitel und rücken unserem Ziel, den wahren Mörder des Doctor Dekker zu identifizieren, immer näher. Sollten wir an einer Stelle mal partout nicht weiterwissen, unterstützt uns der Titel mit einer nützlichen Hilfefunktion. Aber auch bereits angesehenes Filmmaterial dürfen wir nochmal zurate ziehen, um vielleicht doch selbst auf die Lösung zu kommen.

Wie bereits angesprochen, manuelle Texteingaben sind der besondere Clou von The Infectious Madness of Doctor Dekker und die erkennt das Spiel erstaunlich gut. Komplexe Satzkonstruktionen sind auch nie wirklich nötig, meist reichen bestimmte Schlüsselwörter, um eine entsprechende Reaktion des Patienten auszulösen. Trotzdem kann die Eingabe über die Bildschirmtastatur der Nintendo Switch irgendwann etwas ermüden, weshalb wir hier eine klare Empfehlung für die Verwendung einer kompatiblen USB-Tastatur aussprechen – das gestaltet den Job ambitionierter Hobby-Psychologen deutlich komfortabler.

Ein Sofa voller Probleme

Ein wichtiger Aspekt von FMV-Abenteuern, die ihren Fokus mehr auf das Erzählen einer spannenden Geschichte in bewegten Bildern legen, als durch spaßiges Gameplay punkten zu wollen, ist natürlich die schauspielerische Leistung der echten Darsteller. Und die schwankt in The Infectious Madness of Doctor Dekker teilweise gewaltig. Größtenteils überzeugt uns die dramaturgische Darbietung zwar, doch es gibt immer wieder Momente, in denen die Schauspielkunst deutlich übertrieben wirkt.

Der Cast löst bei uns ebenfalls gemischte Gefühle aus, denn der gibt sich ziemlich monoton. Mal abgesehen von den Nebendarstellern, sind alle sechs Hauptrollen mit jungen, recht hübschen Schauspielern besetzt worden. Hier fehlt ein wenig die Abwechslung, aber auch eine interessante Charakterzeichnung. Klar, alle Patienten haben unterschiedliche Probleme und ihre ganz eigenen Geheimnisse, doch insgesamt betrachtet, zieht sich schon ein roter Faden durch die Persönlichkeit der Protagonisten, die über den gesamten Cast hinweg etwas stereotyp ausfällt.

Das ist ziemlich schade, denn im Prinzip ist The Infectious Madness of Doctor Dekker ein clever gestrickter Psycho-Thriller, dessen spannender Erzählstil bis zum bitteren Ende begeistert. Mit der Zeit entwickelt sich ein atmosphärisch dichtes Kammerspiel, das räumlich immer mehr wie ein Gefängnis wirkt, uns aber gleichzeitig in die abgrundtiefen Persönlichkeiten der Protagonisten entführt. Doch es bleibt nicht bloß dabei, einen Mordfall mit nackten Tatsachen aufzuklären, denn der Titel hat auch einige übernatürliche Themengebiete in petto, die sich meisterlich am beliebt-bizarren Erzählstil eines H.P. Lovecraft bedienen. So nageln wir nach etlichen Stunden zwar den wahren Mörder fest, zweifeln aber genauso sehr an unserer eigenen, mentalen Gesundheit. Was ist real, wem können wir trauen? The Infectious Madness of Doctor Dekker dringt schnell in unsere Köpfe ein und veranstaltet dort ein maßloses Durcheinander, das sich, im positiven Sinne, nur schwer wieder ordnen lässt.

Therapie mit Nebenwirkungen

Nach ein paar Stunden ist aber lange noch nicht Schluss, denn The Infectious Madness of Doctor Dekker hat gleich sechs unterschiedliche Enden zu bieten. Vorwiegend um Spoiler zu vermeiden, wird der echte Täter zu Beginn jedes Spieldurchgangs zufällig ausgewürfelt. Das sorgt für jede Menge Wiederspielwert, auch wenn wir uns dadurch immersiv ein wenig betrogen fühlen. Jeder kann der Mörder sein, ist doch im Prinzip auch schon ein Spoiler, oder? So heißt es bei jedem Durchgang nur: „Ok, wer ist es denn diesmal?

Ansonsten ereilen den Titel die typischen Kinderkrankheiten, die das Genre schon seit Urzeiten heimsuchen. Hier und da gibt es ein paar Logiklücken – beispielsweise dann, wenn wir als stellvertretender Psychologe angeblich nicht über Patientenunterlagen verfügen und diverse Informationen erst aus unserem Gegenüber herausquetschen müssen – oder Aussagen, die definitiv an den Anfang einer Konversation gehören, tauchen auch mitten im Gespräch noch auf. Und während uns der Titel in seiner optischen Präsentation und all den perfekt gesetzten Schnitten äußerst gut gefällt, schafft es die eintönige Hintergrund Musik nur, dass wir sie irgendwann genervt stummschalten.

Um in den vollen Genuss von The Infectious Madness of Doctor Dekker zu kommen, benötigt ihr unbedingt fortgeschrittene Kenntnisse der englischen Sprache. Der Titel wurde nicht lokalisiert und wer nicht ohnehin gerne mal seine Lieblingsserien oder Filme im O-Ton schaut, bleibt hier schnell auf der Strecke.

The Infectious Madness of Doctor Dekker ist seit dem 5. Juni 2018 auch für die Nintendo Switch, Xbox One und Playstation 4 erhältlich. Zu einem äußerst fairen Preis von 12,99 € könnt ihr den Titel ausschließlich digital erwerben.

Der Test basiert auf unserer Testversion von The Infectious Madness of Doctor Dekker für die Nintendo Switch, die uns freundlicherweise vom Publisher Wales Interactive zur Verfügung gestellt wurde. Screenshots stammen diesmal von der offiziellen Seite des Publishers.

84%
Wahnsinnig gut...

Trotz inhaltlicher Schwächen, überzeugt The Infectious Madness of Doctor Dekker mit seiner spannenden, äußerst intimen Atmosphäre und dem einzigartigen Konzept. Schnell schlüpfen wir mit Kopf und Haar in die Rolle des Psychologen und stellen uns dem Wahnsinn, der uns in diesem clever gestrickten Kammerspiel entgegenschlägt. Fans von FMV-/Murder Mystery-Titeln sollten unbedingt mal einen Blick riskieren, aber auch für alle anderen könnte The Infectious Madness of Doctor Dekker ein guter Einstieg in dieses Genre sein.

  • Grafik
  • Sound
  • Umfang
  • Story/Atmosphäre
  • Steuerung