The Banner Saga (Nintendo Switch) bei uns im Test

Schwerwiegende Entscheidungen vor malerischer Kulisse – The Banner Saga auf der Nintendo Switch.

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Ein winzige Karawane aus Soldaten stapft entschlossen durch den Schnee. Den eisigen Wind stets im Nacken, erblicken wir schon bald ein paar brennende Häuser in der Ferne. Eigentlich würden wir diesen vermeintlichen Zwischenfall gerne ignorieren – was geht es uns denn an? Doch der verzweifelte Schrei einer Frau und das damit aufpoppende Dialogfenster erinnert uns wieder daran, dass auch unsere Ressourcen langsam zur Neige gehen. Eine kleine Rettungsaktion könnte die Vorräte bestimmt auffüllen und irgendwie erscheint diese Möglichkeit ethisch weitaus vertretbarer, als das sture Ignorieren der Notlage.

Doch so einfach, wie wir uns das vorgestellt haben, gestaltet sich das Unterfangen leider nicht. In den wütenden Flammen droht ein herabstürzender Holzbalken, einen unserer Helden für immer unter sich zu begraben. Sollen wir ihm nun schnell zurufen oder selbst herbeieilen, um das denkbar schlimmste zu verhindern? Eine schwere Entscheidung, mit deutlich spürbaren Konsequenzen. Das Schicksal meint es nicht gut mit uns und so hinterlässt der schrille Warnruf nur einen verdutzt blickenden Soldaten, den die brennende Last kurz darauf unter sich begräbt.

Deutlich angeschlagen und selbst ziemlich traurig über den Verlust, geht es weiter und weiter, immer weiter…

Reise, Reise

Situationen wie diese sind in The Banner Saga absolut keine Seltenheit. Ganz im Gegenteil, denn der Titel baut, wie in einem klassischen Rollenspiel so üblich, auf genau diesem Multiple-Choice-Prinzip auf. Während wir mit unserer Karawane etwas unspektakulär, aber optisch überaus charmant durch ein seitlich scrollendes Panorama aus verschneiten Bergen und anderen, von der nordischen Mythologie angehauchten Landschaften ziehen, kommt es ständig zu Situationen, in denen wir irgendeine Entscheidung mit meist weitreichenden Folgen treffen müssen.

Ob Gewinn oder Verlust, das ist ganz abhängig von den jeweiligen Gegebenheiten. So kann es unter Umständen auch vorkommen, dass ein Stunden zuvor aufgegabelter Krieger erst gute Dienste leistet, uns dann aber in den Rücken fällt und mal eben die eigene Armee um ein paar Einheiten dezimiert. Da hätten wir wohl etwas misstrauischer sein sollen, doch das ausgeklügelte Ressourcensystem von The Banner Saga zwingt uns quasi, ständig Ausschau nach neuen Rekruten zu halten.

Schmerzen tut so eine falsche Entscheidung allemal, dafür sorgt schon allein die Bindung, die wir erstaunlich schnell zu unseren Protagonisten aufbauen. Auch eine tiefgreifende Story, nebst interessanten Charakteren und cleveren Dialogen zieht uns unaufhörlich in ihren Bann. Doch während wir uns wie ein roter Faden durch die malerische Landschaft schlängeln, hält die Narrative einige Abzweigungen parat, die gerade zu Beginn für viel Verwirrung sorgen. Das zerrüttete politische Gerüst des fiktiven Wikinger-Settings erschließt sich uns nur äußerst langsam und auch der ständige Wechsel zwischen den verschiedenen Reisegruppen trägt nicht gerade zum besseren Verständnis bei. Irgendwann fügen sich aber alle Puzzleteile zusammen und das Betrachten einer weltumfassenden Bedrohung, die wir hier als eine Art permanente Mittsommernacht erleben, wirkt aus mehreren Perspektiven erst so richtig interessant.

Politische Themen sind stets präsent, aber nie der einzige Anstoß für unsere Entscheidungen. Liebe, Eifersucht, Verrat, Freundschaft, Trauer – The Banner Saga fährt genauso gerne die komplette Gefühlspalette auf und überrascht mit allerlei dramaturgischen Fragestellungen. Dabei sticht vor allem das schwierige Verhältnis zwischen Menschen und den Varl hervor, dessen Lebensdauer und Körpergröße nicht unterschiedlicher ausfallen könnte und allein damit für allerhand Zündstoff in den gesellschaftlichen Wirrungen von The Banner Saga sorgt.

Präsentiert wird die Story meist eher unaufgeregt mit Untertiteln in statischen Bildern. Hier bringen nur vereinzelte Details, wie zum Beispiel das Wehen der Haare im Wind, etwas Dynamik ins Geschehen. Macht aber nix, denn die optische Präsentation von The Banner Saga haben wir gerade deswegen sofort ins Herz geschlossen. Der handgezeichnete Stil, der starke Inspiration in den Werken des Künstlers Eyvind Earle findet, fängt die Atmosphäre des Spiels perfekt ein. Charaktere transportieren ihre Gefühle glaubhaft, visuell und durch tolle Sprecher auch akustisch, und selbst am seitlich scrollenden Reisebildschirm sehen wir uns selten satt.

Zwischensequenzen bleiben zwar eine echte Rarität, sind dafür aber umso hübscher gestaltet. Zusammen mit dem grandiosen Soundtrack aus nordischen Gesängen und dazu passenden Instrumentalstücken, befinden wir uns schnell in einer glaubhaften Immersion, die nur leider komplett erdacht wurde und keinerlei reale, historische Bezüge bereithält.

Fire Emblem im hohen Norden

Da sich der damals durch Kickstarter finanzierte Titel aber nicht als reines Text-Adventure versteht, stehen uns zahlreiche Kämpfe bevor, die in klassischer, rundenbasierter Taktik-Manier ablaufen. Fans der Fire Emblem-Reihe wissen schon Bescheid und so ziehen wir unsere Figuren auch in The Banner Saga über ein Rasterfeld aus mehreren quadratischen Feldern. So weit, so bekannt, doch neben obligatorischen Angriffen auf kurze oder lange Distanz, verschiedenen Klassen und diversen Fähigkeiten, hält der Titel noch einen ganz besonderen Twist parat. Jede Einheit verfügt über einen roten Stärkewert und einen blauen Rüstungswert.

Der Stärkewert gibt gleichzeitig die Lebenspunkte wieder. Sollte einer unserer sechs am Kampf teilnehmenden Einheiten Schaden einstecken, teilt er in seinem nächsten Zug auch deutlich schlechter aus. Der blaue Wert hingegen, schützt Einheiten vor Schaden. So kann es mitunter vorkommen, dass wir erstmal die Rüstung von Feinden zerlegen müssen, um ihnen überhaupt Lebenspunkte abzuziehen. Auch die Zugreihenfolge und die Positionen unserer Soldaten sollten wir dabei nicht aus den Augen verlieren, denn bereits auf den niedrigen Schwierigkeitsgraden verlangen uns die Taktikgefechte einiges ab.

Zu unserem Vorteil dürfen wir Fallen auslegen, Gegner provozieren, um ihre Angriffe auf besonders belastbare Einheiten zu lenken, Rammattacken ausführen, die Feinde ein paar Felder zurückwerfen, unsere Rüstung verstärken, Rundumschläge verteilen und so weiter. Die Anzahl möglicher Buffs und anderer, einflussreicher Fähigkeiten scheint schier unbegrenzt. Ihr wohl überlegter Einsatz ist letztlich der Schlüssel zum Sieg.

Dazu gesellt sich ein interessantes System aus Sternen, mit denen wir zum Beispiel unsere Bewegungsreichweite erhöhen oder Angriffen mehr Power verleihen. Sparsam sollten wir dabei aber schon sein, denn zu Beginn jeder Schlacht steht uns davon nur eine gewisse Anzahl zur Verfügung, die je nach Charakter und seiner Stufe variiert. Für getötete Feinde gibt es zwar Nachschub, aber selbst dann ist Sparsamkeit immer noch Trumpf, der Effekt von Sternen bleibt uns nur einen Zug lang erhalten.

Die taktische Tiefe von The Banner Saga entfaltet sich äußerst früh im Spiel, dank ausführlicher Erklärungen kommen wir aber genauso flott hinterher. Bei größeren Problemen schrauben wir einfach den Schwierigkeitsgrad herunter, was zum Glück auch keinerlei Einfluss auf die Geschehnisse in der Story hat. Von einem bestrafenden Perma-Death-Feature hat man ebenfalls abgesehen. In der Schlacht gefallene Helden stehen nach einer kurzen Erholungsphase nämlich schon bald wieder auf den Beinen. So bleiben die Scharmützel zwar stets herausfordernd, werden dabei aber nie unfair. Auf der sicheren Seite sind wir damit trotzdem nicht, denn wie bereits erwähnt, gibt es noch zig andere Möglichkeiten, bei denen liebgewonnene Begleiter ins Gras beißen können.

Schade nur, dass sich hinter der taktischen Finesse auch ein äußerst monotones Gegnerdesign verbirgt, das den sonst so spaßigen Kämpfen manchmal ein wenig die Freude raubt. Auch die Arenen schauen zwar hübsch aus, im Prinzip sind sie aber bloß optisches Beiwerk. Das Spielfeld bleibt flach und Interaktionen in Form von Deckung, erhöhten Plateaus oder Abgründen, in die sich Gegner hineinstoßen ließen, bleiben dem Geschehen fern.

Ruhmreicher Roadtrip

Nach jeder erfolgreichen Auseinandersetzung, oder auch für so manch andere Aktion, erhalten wir Ruhm. Mit diesem Ruhm stufen wir unsere Charaktere auf, kaufen magische Artefakte bei Händlern oder investieren in Vorräte. Letzteres klingt eher beiläufig, ist in Wahrheit aber äußerst essentiell, denn auf der beschwerlichen Reise verbraucht unser Trupp selbstverständlich ordentlich Proviant. Mit knapper Nahrung im Gepäck, sinkt die Moral der gesamten Karawane, was sich auch auf die nächsten Kämpfe auswirkt.

Trotzdem sollten wir nicht davor zurückschrecken, unsere Helden aufzustufen oder gar neue Kämpfer zu rekrutieren, um für bevorstehende Herausforderungen gewappnet zu sein. Auf der anderen Seite bedeutet das aber auch wieder einen erhöhten Verbrauch von Vorräten und weniger Ruhm für die Charakterentwicklung. Die Verwaltung von Ressourcen und der eigenen Folgschaft offenbart sich schon früh als ernstzunehmendes Spielelement, das immer ein wenig bedrohlich über der eigentlich verträumten Landschaft hängt, die unsere Karawane so unaufhaltsam durchquert. Wie man es auch nimmt, The Banner Saga meint es verdammt ernst mit den Entscheidungen. Keine Tat bleibt ohne Folgen und Situationen, in denen sich unser Schicksal von jetzt auf gleich komplett überschlagen kann, sind regelrecht an der Tagesordnung. Dabei ist jedes noch so kleine Detail geschickt mit dem großen Ganzen verbunden und hält bis zum spannenden Finale bei Laune.

Valhalla im eigenen Garten

Ja, auch The Banner Saga hat schon einige Jahre auf dem Buckel. Den Titel vier Jahre nach seiner ursprünglichen Veröffentlichung nochmal auf die Nintendo Switch zu hieven, ist aber ganz sicher keine schlechte Idee. Vielleicht ist es nur ein persönliches, total subjektives Gefühl, doch irgendwie gehört der Titel genau auf diese Konsole. Die Steuerung über den Touchscreen geht genauso gut von der Hand, wie die Bedienung mit den Joycons und über die Vorteile, das Taktik-RPG jetzt auch im Garten, am Strand oder sonst wo in immerhin 720p spielen zu können, müssen wir uns ja bestimmt nicht länger unterhalten. Wer mit der Nintendo Switch überwiegend im Docked Modus am heimischen TV-Gerät zockt, kann den Titel selbstverständlich auch gleich etwas günstiger über Steam oder für die Playstation 4, bzw. Xbox One erwerben, Handheld-Fanatiker wissen den späten, aber technisch einwandfreien Port dagegen durchaus zu schätzen.

Umso besser, dass Entwickler Stoic Studio bereits den dritten Teil angekündigt hat, der es ebenfalls pünktlich zum Release im Juli 2018 auf die Nintendo Switch schaffen wird. Was den zweiten Ableger angeht, hält sich Nintendo zwar noch bedeckt, wir gehen aber stark davon aus, dass auch The Banner Saga 2 auf der beliebten Hybrid-Konsole erscheint.


The Banner Saga ist seit dem 18. Mai 2018 für die Nintendo Switch erhältlich. Für 19,99 € könnt ihr den Titel derzeit ausschließlich digital im Nintendo eShop erwerben.

Der Test basiert auf unserer Testversion von The Banner Saga für die Nintendo Switch, die uns freundlicherweise von unseren Medienpartnern der Plan of Attack-Medienagentur zur Verfügung gestellt wurde. Screenshots stammen diesmal von der offiziellen Seite des Spiels.

91%

Gute Entscheidung!

Schreite ich da jetzt ein oder nicht? Kaufe ich Vorräte für die bevorstehende Weiterreise oder verstärke ich lieber meinen Lieblingshelden? Doch was, wenn der Recke bei der nächsten Begegnung mit einer arglosen, hilfesuchenden Magd das Zeitliche segnet, weil die Dame sich als Anführerin einer Banditenbande entpuppt? Treffe ich wirklich die richtigen, politischen Aussagen, um allen Bewohnern dieses märchenhaften Landes gerecht zu werden? Uff. Entscheidungen über Entscheidungen. The Banner Saga macht es mir wirklich nicht leicht. An jeder Ecke im Spiel wartet ein toll geschriebener Dialog, der meine Interaktion erfordert und mit weitreichenden Konsequenzen droht oder gar belohnt. Ständig bin ich auf der Hut und hinterfrage oder bereue mein Vorgehen.

The Banner Saga ist schlicht all das, was ich mir von einem westlich angehauchten Rollenspiel wünsche. Nachvollziehbare Charaktere, die in toll geschriebenen Dialogen eine spannende Story aus politischen Wirrungen und ethischen Fragestellungen vorantreiben, ein unverwechselbarer, in den Bann ziehender Artstyle und motivierende Taktik-Gefechte mit reichlich Tiefgang. Das mit Cutscenes so sparsam umgegangen wird, stört überhaupt nicht, die zahlreichen Textboxen und Multiple-Choice-Dialoge lassen das Herz von Pen-&Paper-RPG-Fans sogar noch ein ganzes Stück höher schlagen. Das clever gestrickte Entscheidungs-System präsentiert sich als gnadenloser Leitfaden für meine mehrstündige Reise durch die nordische Mythologie, ist aber vor allem eines, ein wahrer Geniestreich in Sachen Gamedesign.

Richtig oder falsch, das liegt wohl stets im Auge des Betrachters, aber immerhin erlebe ich so mein ganz eigenes Wikinger-Märchen. Und eine Entscheidung fällt mir überhaupt nicht schwer: The Banner Saga bleibt ein echter Pflichtkauf, auch oder gerade auf der Nintendo Switch.

  • Grafik 90%
  • Sound 90%
  • Umfang 90%
  • Story/Atmosphäre 95%
  • Steuerung 90%