Shin Megami Tensei: Strange Journey Redux bei uns im Test

Seltsame Reise, vertrauter Ablauf – Unser Test zu Shin Megami Tensei: Strange Journey Redux auf dem Nintendo 3DS

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Wiedersehen mit Überraschung

Alteingesessene Fans der Reihe, dürften bereits zu Beginn von Shin Megami Tensei: Strange Journey Redux verwundert die Stirn runzeln. Statt dem obligatorischen Schauplatz Tokio, feiert Publisher Atlus das 25-jährige Bestehen der Serie mitten in der Antarktis. Statt postapokalyptischem Teeny-Drama mit japanischem Großstadtflair, gibt es den Weltuntergang diesmal in bitterkalt-bizarrer Umgebung zum Anfassen.

Denn entgegen aller ungeschriebenen Gesetze des traditionsreichen Ablaufs, erlebt Shin Megami Tensei: Strange Journey Redux nicht bloß einen überraschend geographischen Schauplatzwechsel, auch die meist minderjährige Besetzung wird gegen eine erwachsene, amerikanische Hauptperson und seine Militärkameraden im gleichen Alter ausgetauscht.

Klingt jetzt erstmal beiläufig, kommt der etwas angestaubten Ausgangssituation voriger Ableger aber durchaus zugute. War es zuvor noch die kindliche Naivität und entsprechende Ängste, die wir während der dämonischen Weltübernahme gespannt mitverfolgten, faszinieren uns nun die äußerst nachvollziehbar gezeichneten, reiferen Persönlichkeiten des Casts mit ihren ganz eigenen Sorgen und Nöten. Ja, selbst der Tag des jüngsten Gerichts ist in Strange Journey Redux noch längst nicht überstanden, viel mehr ist es unsere Aufgabe, den Untergang der Menschheit zu verhindern.

Aber selbst, wenn Shin Megami Tensei: Strange Journey Redux von vielen Konventionen innerhalb der Serie abweicht, um ein wirklich neues Werk handelt es sich hierbei nicht. Um genau zu sein, erschien der Titel bereits Ende 2009 in Japan und ein knappes Jahr später in Nordamerika. Allerdings noch für den Nintendo DS und ohne den Zusatz Redux, der in dieser Neuauflage einige Extras verspricht. Neben optischen Aufwertungen, die allerdings immer noch weit hinter modernen Standards zurückbleiben, bietet das Spiel nun alternative Enden und einen zusätzlichen Charakter, der hervorragend in die sonst unveränderte Story integriert wurde.

Schandfleck Schwarzwelt

Apropos Story. Wie bereits erwähnt, die Apokalypse ist nah. Zusammen mit einer ausgebildeten Eliteeinheit machen wir uns auf den Weg in die Antarktis, wo sich jüngst ein schwarzes Loch gebildet hat, das die gesamte Menschheit zu verschlingen droht. Alle Bemühungen der Forscher, aus sicherer Entfernung etwas über dieses seltsame Phänomen in Erfahrung zu bringen, sind kläglich gescheitert, weshalb es nun an uns liegt, die immer größer werdende Bedrohung zu erkunden.

Schwarzwelt wird sie genannt, womit der Titel eine spannende, wenn auch fiktive Verschwörungstheorie verfolgt, die das Ende der Menschheit voraussagt, sobald diese den Energiehaushalt der Erde verbraucht hat. Passt hervorragend zur freien Übersetzung von Shin Megami TenseiReinkarnation der Göttin – und lässt auch atmosphärisch keinerlei Wünsche offen. Gerade der Beginn von Strange Journey Redux zieht uns sofort in seinen Bann. Der Spannungsbogen baut sich sinnvoll auf, leise Momente zum Kennenlernen und narrative Höhepunkte sind bereits hier extrem gut verteilt.

Denn wie nicht anders zu erwarten, entpuppt sich die Aufklärungstour seriengemäß als echter Höllentrip ohne baldige Rückkehr und nach einer spektakulären Bruchlandung im düsteren Paralleluniversum, dürfen wir bereits eine Kostprobe des rundenbasierten Kampfsystems zu uns nehmen.

Ideologischer Vorteil

Unsere Widersacher, die Dämonen, sind in Shin Megami Tensei längst keine simplen Abbilder, teuflischer Kreaturen. Ihr optisches Auftreten, aber auch ihr Handeln sind weitaus komplexer zu verstehen, als man auf den ersten Blick denken könnte. Nicht umsonst hebt der Titel in mysteriösen Dialogen immer wieder mahnend den Zeigefinger und stellt uns vor die ethisch schwerwiegende Frage, ob denn nun der Mensch oder die Dämonen das Problem wären, das die Welt so umfassend bedroht.

Doch die Frage nach dem eigentlichen Dilemma sollten wir vorerst getrost Beiseite legen, denn trotz menschlicher Züge wollen die Biester natürlich kämpfen. Dafür greift auch Strange Journey Redux auf das klassische, rundenbasierte Kampfsystem zurück, das innerhalb der Shin Megami Tensei-Serie schon lange keine nennenswerten Veränderungen mehr erfahren hat. Mit physischen Angriffen und diversen Zaubern, setzen wir den Dämonen ordentlich zu, wobei uns Namensgebungen von Attacken und die der Kreaturen bereits ziemlich Vertraut vorkommen.

J-RPG-Fans, die Shin Megami Tensei IV: Apocalypse auf dem Nintendo 3DS oder auch den beliebten Ableger der Bruderreihe Persona 5 gespielt haben, fühlen sich auch in der Schwarzwelt sofort heimisch. Ein paar Besonderheiten gibt es dann aber doch, denn der sonst so mächtige Einsatz von Elementvorteilen, um einen zusätzlichen Zug in den Auseinandersetzungen zu erhalten, fällt hier mehr oder weniger weg. Stattdessen gibt es nun die Alignments, ein System, das die ideologische Orientierung unserer Persönlichkeit offenbart. Geben wir in den zahlreichen Multiple-Choice-Dialogen eine bestimmte Antwort ab, beeinflusst das unweigerlich die Gesinnung unseres Charakters. Somit formen wir entweder eine besonders freundliche, gesetzestreue Persönlichkeit oder erschaffen ein Alter-Ego, das eher bösartig (re)agiert und das dämonische Chaos willkommen heißt. Neutral dürfen wir ebenfalls bleiben.

Die eigene Weltanschauung hat nicht nur Auswirkungen auf das Ende des Abenteuers oder zukünftige Unterhaltungen, auch das Kampfsystem ist maßgeblich davon betroffen. Wie aus der Serie bekannt, müssen wir die Dämonen nicht zwangsläufig bekämpfen. Auch ein Smalltalk ist mal drin und wer sich richtig anstellt und vielleicht eine kleine Opfergabe, meist in Form von Items bereithält, darf sich schon bald über einen von insgesamt 300 verschiedenen Begleitern freuen. Die Pokémon-ähnliche Sammelhatz kennen Serienveteranen bereits zur Genüge und auch in Shin Megami Tensei: Strange Journey Redux motiviert die Jagd nach immer besseren Monstern ungemein, doch durch die Alignments ändert sich die Wahl unserer Kameraden ein klein wenig.

Denn selbstverständlich verfügen auch die teuflischen Biester über eine entsprechende Gesinnung, die nun anstelle der Elementvorteile tritt und bei richtiger Kombination eine All-Out-Attack aller am Kampf teilnehmenden Partien auf arglose Gegner verspricht. Das ist zwar grundlegend ganz cool und bringt etwas mehr Dynamik in die Scharmützel, doch genauso sehr wird dadurch auch die Wahl unseres monströsen Kaders beeinflusst. Egal wie stark ein dämonischer Kompagnon sein mag, im Zweifel ist er nutzlos für unser Team, weil er schlicht über eine unpassende Denkweise verfügt. Das schränkt uns ziemlich ein und selbst beim Fusionieren einiger Monster, um noch bessere, eventuell sogar völlig neue Varianten zu erhalten, zeigen wir uns weniger experimentierfreudig als in anderen Ablegern der Reihe.

Zähe Erkundungstour

Bei so viel Tradition und nur leichten Änderungen, bleibt auch Shin Megami Tensei: Strange Journey Redux vor allem eines: Ein Dungeon-Crawler. Ähnlich wie in Etrian Odyssey, erkunden wir unsere Umwelt in der Ego-Perspektive. Wobei Umwelt vielleicht etwas zu weit gegriffen ist, denn die Verliese entpuppen sich als äußerst schmale, verschachtelte Labyrinthe, die optisch nur wenig Abwechslung bieten. Dabei bleibt das Aufdecken der Karte uns allein überlassen und so tappen wir schon mal munter in eine gut versteckte Falle und lassen uns einiger Lebenspunkte berauben. Allein deswegen sollten wir die Karte auf dem unteren Bildschirm des Nintendo 3DS stets im Auge behalten und eigene Notizen und Symbole darauf hinterlassen.

Das war es aber noch nicht mit den Überraschungen, denn beim Erkunden neuer Gebiete, wollen auch bislang unerforschte Dämonen erstmal identifiziert werden. Statt direkter Konfrontation, stehen wir also vorerst einem schwebenden Datensatz gegenüber. Ziemlich fies, finden wir, denn dadurch kann es schon mal vorkommen, dass wir unserem noch unbekannten Gegner ein völlig falsches Element entgegensetzen. Ein Eis-Zauber auf einen Gegner vom selben Element, das verheißt nichts Gutes und so werden wir für etwas bestraft, das wir nicht einmal erahnen konnten.

Zusammen mit dem eintönigen Design der Dungeons und immer härteren Zufallskämpfen, die in regelmäßigen Bosskämpfen ihren absoluten Herausforderungs-Höhepunkt finden, wird unserem Entdeckergeist doch ordentlich der Riegel vorgeschoben. Klar, es gibt wieder jede Menge zu tun und wer hier alles sehen, jede Nebenmission erfüllen und seine Ausrüstung bis zum Maximum aufwerten will, knackt locker die 100 Stunden-Marke, doch irgendwie fühlt sich der gesamte Spielfluss diesmal wahnsinnig zäh an. Das liegt zum einen an den oben genannten Kritikpunkten und an einem zwar einstellbaren, aber grundsätzlich doch herausfordernden Schwierigkeitsgrad, der in jedem Fall grinding vom Feinsten erfordert, um zumindest auf die harten Bossfights vorzubereiten. Zum anderen haben wir all das aber schon zig mal erlebt. Auf seiner erzählerischen Ebene ist Shin Megami Tensei: Strange Journey Redux ein wahrer Genuss, doch spielerisch machen sich wirklich viele Abnutzungserscheinungen bemerkbar, für die Atlus bald eine kleine Kehrtwende antreten sollte. Die Reihe, optisch und spielerisch verbessert, endlich mal auf die Nintendo Switch zu bringen, wäre zum Beispiel ein extrem guter Anfang.

Heilmittel für echtes Geld?

Über die Optik von Shin Megami Tensei: Strange Journey Redux lässt sich gewiss streiten. Das Dungeon-Design fällt monoton aus, weiß dann aber wieder mit clever platzierten Fallen auf Trab zu halten. Auch die Thematik der Labyrinthe ist stets interessant gehalten, hier finden wir alles, was der menschliche Sündenpool zu bieten hat. Einmal sind wir in einem Rotlicht-Bezirk unterwegs, dann wieder in einem Shoppingtempel, in dem uns das eigene Konsumverhalten buchstäblich ins Gesicht springt. Der Sound tut sein übriges und kommt stellenweise arg durchwachsen daher. Mal etwas dudelig, dann wieder überraschend imposant als echter Stimmungsträger.

Die zweidimensionalen, handgezeichneten Charaktermodelle wissen dagegen zu überzeugen. Narrativ bleibt die Besetzung leider etwas blass und deutlich hinter den Erwartungen zurück, dafür gefallen die jederzeit vertonten Dialoge in japanischer Sprachausgabe. Eine englische Synchronisation hat es leider nicht ins Spiel geschafft. Trotzdem ein guter Stichpunkt, denn wie bei Releases von Atlus hierzulande so üblich, sollten Spieler dringend über fortgeschrittene Kenntnisse in englischer Sprache verfügen, um die etlichen Dialogboxen und Menüeinträge auch zu verstehen. Einen 3D-Effekt gibt es übrigens nicht, den spart sich Nintendo ja schon seit einiger Zeit. Dafür können wir auf diverse In-App Käufe zurückgreifen, die sich allerdings auf ein paar hilfreiche Items beschränken, die das Abenteuer lediglich erleichtern. Einen ganzen Koffer voller Heilmittel gibt es sogar kostenlos zum Download. Einen gravierenden Einschnitt beim Verzicht auf XP-Boosts und Co. haben wir jedenfalls nicht erlebt, es ist und bleibt eben eine optionale, kostenpflichtige Zeitersparnis.


Shin Megami Tensei: Strange Journey Redux ist seit dem 18. Mai 2018 exklusiv für den Nintendo 3DS erhältlich. Zum Vollpreis von 39,99 Euro, könnt ihr den Titel entweder digital im eShop oder als physische Version mit Verpackung und schickem Poster erwerben.

Der Test basiert auf unserer Testversion von Shin Megami Tensei: Strange Journey Redux, die uns freundlicherweise von Koch Media zur Verfügung gestellt wurde. Screenshots stammen diesmal vom offiziellen Presse-Server.

75%

Ein durchwachsener Trip...

Mit Shin Megami Tensei Devil Survivor 2: Record Breaker habe ich die Reihe vor einigen Jahren kennen und lieben gelernt und dabei schon einige vergangene Perlen nachholen können. Strange Journey war mir bislang unbekannt und so habe ich mich eigentlich auf ein weiteres, modernisiertes Abenteuer im okkulten Universum der reinkarnierten Göttin gefreut. Doch was soll ich sagen? Ich liebe das unverbrauchte Setting und die Story, die sich wie eine Mischung aus Das Ding aus einer anderen Welt und Alien anfühlt. Der jederzeit gut platzierte Aufbau von leisen Untertönen und toll dargestellter Action lässt mich nur selten vom Nintendo 3DS aufblicken und auch die Charaktere schließe ich irgendwann in mein Herz. Doch spielerisch ist Strange Journey Redux nicht der Höhepunkt der Reihe. Zu viel von dem, was ich innerhalb der Serie schon erlebt habe, trübt den gewohnten Spielspaß. Und das Festhalten an alten, immerhin funktionierenden Spielmechaniken, offenbart langsam doch einige Ermüdungserscheinungen, die zusammen mit dem riesigen Umfang für ein oft zähes Erlebnis sorgen.

Ein bisschen weh tut es schon, doch diesmal kann ich den Titel nur beinharten Fans der Reihe empfehlen, die Bock auf ein weiteres, spielerisch durchwachsenes Shin Megami Tensei mit spannender Story haben und im Gegenzug wenig Neues, tristes Dungeon-Crawling und fragwürdige Designentscheidungen, wie etwa die neuen Alignments, billigend in Kauf nehmen.

  • Grafik 70%
  • Sound 60%
  • Umfang 80%
  • Story/Atmosphäre 80%
  • Steuerung 80%
  • Balance In-App Käufe / eigene Leistung 80%