Raging Loop bei uns im Test

Und täglich grüßt der Werwolf - Unser Test zu Raging Loop!

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Halloween ist zwar schon wieder vorbei, doch das ist ja noch lange kein Grund, sich eine spannende Geschichte entgehen zu lassen. Warum Raging Loop zu den inhaltlich stärksten Vertretern seines Genres gehört und damit ein Muss für jeden Story-Fanatiker ist, lest ihr in unserem Test zur psychologischen Horror-Visual Novel für die Nintendo Switch.

Vom Regen in die Traufe

Ein Ausflug in die verlassene Berglandschaft Japans, das klingt auch für Protagonist Haruaki Fusaishi nach einer guten Idee, um endlich etwas Abstand zu gewinnen. Frisch von seiner Freundin getrennt, schwingt sich der junge Medizinstudent aufs Motorrad und entflieht dem bunten Treiben Tokios. Doch statt ländlichem Idyll, erwartet den rasenden Realitätsflüchtling der blanke Horror. Die abgeschiedene Siedlung Yasumizu, in die er nach einem Unfall eher zufällig stolpert, beherbergt nicht nur eine äußerst argwöhnisch gestimmte Gemeinschaft voll konservativer Glaubensanhänger, auch müssen ihre Bewohner aktuell das von den Göttern heraufbeschworene Feast, also Festmahl, über sich ergehen lassen. Ein mysteriös-dichter Nebel macht jeden Gedanken an eine Flucht schnell wieder zunichte und so wird Haru zum unfreiwilligen Teilnehmer eines uralten Rituals, das jeden Tag und jede Nacht ein blutiges Opfer fordert.

Leider kein Begrüßungskomitee für verlorene Großstädter mit reichlich gedecktem Tisch, stellt sich das Feast als lebensbedrohliches Ereignis heraus. Zwei von zwölf Dorfbewohnern sind nun Wölfe, doch ihre tatsächliche Identität bleibt verschleiert. Nur die Nacht gibt ihnen das Recht, ihre wahre Gestalt anzunehmen und einen der anderen Bürger im Verborgenen grausam zu ermorden. Und da das Festmahl ohnehin einer ganzen Reihe von fragwürdigen Regeln und Auflagen unterliegt, die jede Logiklücke stringent schließen, dürfen die Menschen im Gegenzug über den Tod einer weiteren Person pro Tag bestimmen. So hoffen sie zumindest, die mutierten Missetäter zu erwischen und der Lage schnellstmöglich wieder Herr zu werden. Neben ganz menschlichem Misstrauen oder dem familiären Stand in der Kommune, schleichen sich auch übernatürliche Sinne in die tägliche Abstimmung über Leben und Tod. Fünf Bewohner nehmen ebenfalls besondere, von den Göttern auferlegte Rollen ein. Die Spinne ist beispielsweise in der Lage, eine Person vor den nächtlichen Angriffen zu beschützen, während die Krähe die einzigartige Fähigkeit besitzt, einen Leichnam als Mensch oder Wolf zu identifizieren. Außerdem gibt es zwei Affen, die zwar keine besondere Funktion einnehmen, dafür aber über die Identität des jeweils anderen Bescheid wissen, was sie ebenfalls zu einflussreichen Teilnehmern des Festmahls macht. Zu guter Letzt kommt die Schlange ins Spiel und die weiß ganz genau, wer Mensch und wer Wolf ist. Doch auch in der menschlichen Rollenverteilung gilt vorerst absolute Geheimhaltung. Wer ist Freund, wer Feind? Wem gilt es zu trauen und wer täuscht in dieser Scharade bloß etwas vor?

Der Tod ist die Lösung

Ethische Grundwerte hat sich die eingeschworene Gemeinde von Yasumizu also schon mal nicht auf die Brust geschrieben, viel mehr folgt sie kaltblütig einer überlieferten Tradition. Mit modernem Weltbild und stets kühlem Kopf, passt der sympathische Hauptdarsteller Haru so gar nicht in diese groteske Situation, bildet damit aber auch einen erzählerisch starken, für den Leser stets nachvollziehbaren Kontrast. Er hinterfragt, merkt kritisch an und kommt dabei dem ein oder anderen Mysterium auf die Schliche. Schließlich ist es Haru, der in diesem namensgebenden Raging Loop feststeckt und täglich das Murmeltier begrüßt.

Als Visual Novel ist Raging Loop eine durchweg klassische Erfahrung. Richtiges Gameplay fehlt, dafür wird auf eine klar strukturierte Erzählung gesetzt. Doch an bestimmten Stellen der Story dürfen wir selbst eingreifen und aus mehreren Möglichkeiten wählen, die dann den weiteren Verlauf der Geschehnisse bestimmen. Ein bisschen fadenscheinig ist das schon, denn letztendlich führen alle falschen Entscheidungen, ob nun lang- oder kurzfristig, zum eigenen Tod, während wir die korrekten Wege ebenso beschreiten müssen, um irgendwann das echte Ende zu erreichen. Aus rein immersiver Sicht, gefällt die verzweigte Story aber ungemein gut, denn mit jedem Ableben erhalten wir auch eine neue Erkenntnis, im Spiel als Schlüssel dargestellt. Sogar Hauptdarsteller Haru behält sein Wissen über vergangene Erlebnisse und Fehltritte, was immer wieder alternative, zuvor verschlossene Routen in der Story freischaltet und das nebenbei relativ logisch erklärt. Ganz im Stil der 999-Trilogie also, greifen wir auf einen übersichtlich begleitenden Flowchart zu und reisen munter in der Zeit umher.

Zugegeben, auf den ersten Blick wirkt in Raging Loop vieles vorhersehbar, doch der Titel versteht es durchaus, diese falsche Gewissheit mit klugen Twists ständig zu durchbrechen. Denn so klar wie die Regeln des Festmahls auch sein mögen, so irrational menschlich agieren ihre Teilnehmer. Und auch das Ritual selbst, scheint nicht immer den gleichen Verlauf zu haben…

Fantasy-Thriller in Romanqualität

Es beginnt ein perfide gestricktes, psychologisch wahnsinnig komplex aufgebautes Rennen gegen die Zeit, das die eigentliche Idee dahinter zwar vom kommunikativen Gesellschaftsspiel Die Werwölfe von Düsterwald leiht, narrativ aber einen ganz eigenständigen Weg einschlägt. In seinen stärksten Momenten, und davon gibt es einige, erinnert Raging Loop an Filme wie The Village. Denn den Horror, der trotz des eher gemächlichen Spieltempos durchaus gelungen mit starker Controllervibration und aus der monotonen Lethargie des ständigen Verfolgens scrollender Texte aufrüttelnden Sounds gelegentlich aufschrecken lässt, hätte man genauso gut weglassen, all die Folklore und den sonstigen Hokuspokus streichen können. Ist es wirklich ein Werwolf, der hier wütet oder nicht doch bloß ein Teil der humanen, in seiner Charakterzeichnung überaus glaubwürdigen Besetzung, der hier durch misstrauisch dreinblickende Kulleraugen ausnahmsweise einmal nicht die unerfüllten Wünsche sabbernder Otakus erfüllen will, stattdessen aber tief in den gesellschaftlichen Spiegel blicken lässt? Rau, unverblümt, ja, irgendwie einfach menschlich, geht es weit hinunter in den soziologischen Abgrund voll hässlicher Wahrheiten über eine Gemeinde im Clash der Kulturen, im Streit über Generationen, Glaube, Demographie, aber vor allem am Rande ihrer Existenz. Natürlich, selbst die Liebe findet da noch Platz, doch ist es eben nicht jene Darstellung von emotionaler Begierde, die sich irgendwo zwischen knapp geschnittener Schuluniform und dem ständigen Überreichen von Präsenten trifft, sondern in der Realität. Dem engen Spalt, den all die Hysterie, der ganze religiöse Fanatismus überhaupt noch zulassen, wenn überhaupt. Sie existieren, selbstverständlich, die Referenzen zur Popkultur, die schrägen Sprüche und auch der dem Genre wohl einfach innewohnende, verklemmt-naive Umgang mit Liebe und Sexualität, doch bleibt das alles sehr auf dem Boden der Tatsachen. Nachvollziehbarkeit schreibt Raging Loop ganz groß. Von den zahlreichen Dialogen, über die Entwicklung der Charaktere, bis zum Plot und seinen etlichen Wendungen, hier führt nur eine Tatsache zum verwunderten Kopfschütteln: Die hohe literarische Qualität der Geschichte.

Wie jedem Buch auch, stehen Raging Loop nur begrenzte visuelle Stilmittel zur Verfügung. Der ursprünglich für japanische Smartphones entwickelte Titel, sorgt mit seinen detailarmen Sprites und monotonen, oft minutenlang auf dem Bildschirm verharrenden Hintergründen wirklich nicht für Freudensprünge, schafft es aber rein inhaltlich, dieses Manko gekonnt auszumerzen und in seinen Bann zu ziehen. Mehr Novel als Visual, verwandelt Raging Loop die Nintendo Switch in einen e-Reader und erklärt detailverliebt, was gerade vor sich geht. Es bedarf überhaupt keiner Veranschaulichung, so exakt bringen es die geschrieben Zeilen auf den Punkt. Nur die nötige Vorstellungskraft, fortgeschrittene Englischkenntnisse und große Lust auf ganz viel Text braucht es noch, um in den nächsten 40 Stunden zwar nicht immer bestens, dafür aber nachhaltig und verdammt clever unterhalten zu werden. Das ist halt nicht die Art von unbeschwertem Entertainment, die viele von einem Call of Duty gewohnt sind. Es braucht schon Ausdauer, den detailreichen Erklärungen über Glauben, Umwelt und den teils gar nicht so wichtigen Worten der Dorfbewohner, geschweige denn ihren traditionell-japanischen Namen, aufmerksam Folge zu leisten und zwischendurch nicht den Faden zu verlieren. Doch ähnlich wie jedes gute Buch, belohnt auch Raging Loop nach einer gewissen Eingewöhnungsphase mit unschlagbarer Immersion und einer gewissen Verbundenheit zu seinen Protagonisten.

Traditionelles Design, moderner Komfort

Raging Loop ist zwar auch für die Playstation 4 und schon bald auf PC via Steam erhältlich, doch Käufer der Nintendo Switch-Version müssen keine faule Portierung fürchten, im Gegenteil. Die Steuerung über den Touchscreen fällt überraschend vielseitig und dabei angenehm komfortabel aus, während sich Nutzer des Tablet-Modus über die Bedienung mit lediglich einem JoyCon-Controller freuen dürften. Darüber hinaus lassen sich die teils wirklich starken Vibrationseffekte jederzeit ausschalten und wer die gelungene japanische Originalvertonung eines bestimmten Charakters überhaupt nicht leiden mag, der mutet ihn einfach, ohne dabei die anderen Darsteller verstummen zu lassen.

Mit seinen zahlreichen Enden und den verschachtelten Pfaden, erzählt Raging Loop eine sehr ausführliche, zeitintensive Geschichte. Nach dem ersten kompletten Durchgang, für den – je nach Lesegeschwindigkeit – knapp 40 Stunden anfallen, lockt ein weiterer Lauf, bei dem sogar die Gedanken der Charaktere sichtbar werden. Das weckt nicht nur das Interesse von Spielern, die bereits tief im Raging Loop versunken sind und da auch gar nicht mehr raus wollen, auch die Angst um den eigenen Spielstand steigt. Doch sollte der einmal verloren gehen, schalten Pechvögel im Optionsmenü einfach alle Kapitel und deren Zweige automatisch frei, was extra für diesen Fall gedacht ist.


Raging Loop ist seit dem 18. Oktober 2019 für Nintendo Switch und Playstation 4 erhältlich. Die Steam-Version folgt am 5. Dezember 2019. Für einen Preis von 29,99€ erhaltet ihr hierzulande lediglich die digitale Version im jeweiligen Store. Der physische Import kostet 39,99€, kommt allerdings auch mit einem exklusiven Artbook daher.

Der Test basiert auf unserer Testversion von Raging Loop für die Nintendo Switch, die uns freundlicherweise als Downloadcode vom Publisher PQube zur Verfügung gestellt wurde. Assets entstammen ebenfalls der vom Publisher bereitgestellten Quelle.

84%
Nr.1 Noir-Novel

Entwickler Kemco, eigentlich weniger für hochwertige Softwareperlen bekannt, bringt mit Raging Loop einen echten Geheimtipp auf den Markt. Ein soziales Experiment zum Miterleben, das zwar audio-visuell hinterherhinkt, aber narrativ ganz weit vorne mitspielt. Von sämtlichen Klischees befreit, jederzeit nachvollziehbar und so erfrischend ehrlich-brutal, ein herausstechendes Beispiel für geniales Storytelling. Das Loop-Feature mag etwas aufgesetzt wirken, ist letztlich aber ein konsequenter Zusatz, der einen Großteil der Atmosphäre trägt. Fans von Visual Novels, und alle die es noch werden wollen, sollten hier unbedingt zugreifen. Neben Steins;Gate Elite eine der besten passiven Videospielerfahrungen in diesem Jahr!

  • Grafik 60%
  • Sound 70%
  • Atmosphäre / Spielspaß 100%
  • Steuerung 100%
  • Umfang 90%