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Philosophisch und brachial wie Bertolt Brechts Eisenhämmer. Neben knallharter Action, hat NieR: Automata auch eine ganz einfühlsame, nachdenkliche Seite, die ihr euch nicht entgehen lassen solltet. Unser Test zur märchenhaften Maschinen-Metzelei.

NieR: Automata ist ein Spiel, das nicht so recht in diese Zeit passen will. Das fängt schon damit an, dass wir gleich zu Beginn unseres Abenteuers auf die nicht vorhandene, automatische Speicherfunktion hingewiesen werden. Stattdessen sollen wir doch selbst herausfinden, wie sich unser Spielfortschritt festhalten lässt. Unmittelbar davor, nämlich beim Starten des Titels, fällt uns außerdem auf, dass die hintere Leuchte des Playstation 4-Controllers nicht im gewohnt blauen Farbton, sondern in einem grellen Beige erstrahlt.

Das mögen Nichtigkeiten sein, im Grunde beschreibt das den Titel aber bereits sehr gut. Denn NieR: Automata ist anders. Von der Präsentation, über das Gameplay, bis hin zu Story – ihr werdet derzeit nichts Vergleichbares finden. Das galt schon für die beiden Vorgängertitel Drakengard und NieR (Gestalt / Replicant) und wird sich auch mit Automata nicht wesentlich ändern. Doch bedeutet anders in diesem Fall auch gut?

Unterdrückte Gefühle

NieR: Automata spielt in einer fernen Zukunft. Der Angriff einer außerirdischen Intelligenz, hat die Menschheit längst auf den Mond vertrieben. Auf der Erde breiten sich derweil mächtige Maschinenwesen aus, die eine Rückkehr in die alte, mittlerweile völlig zerstörte Heimat unmöglich machen. Um dieser Lage wieder Herr zu werden, entwickeln die Menschen eine Armee aus Androiden, die den Planeten in einem erbitterten Krieg zurückerobern soll.

Darunter auch 2B und 9S. Zwei Androiden, dessen äußerliches Erscheinungsbild dem eines Menschen zum Verwechseln ähnlich sieht. Doch sind sie auch in der Lage, Wut, Trauer oder gar Liebe zu empfinden? Was im anfänglichen Gemetzel stur ausgeführter Befehle noch eher Beiläufig erscheint, entwickelt sich während der Revolte zum narrativen Kernstück. Emotionale Annäherungen suchen die Dialoge zwischen unseren Protagonisten immer wieder heim, können dem von Kälte und Objektivität geprägten, militärischen Hintergrund aber nur schwer standhalten.

Das Setting einer postapokalyptischen Dystopie ist ja nun auch nicht gerade der ideale Schauplatz für Gefühlsduseleien. Doch in den kargen Schatten einer vertriebenen Zivilisation treffen wir nicht nur auf feindselige Maschinenwesen, sondern auch auf ebenjene, denen einiges an einem friedlichen Miteinander zu liegen scheint. Roboter, die sich in einem Disneyland-ähnlichen Freizeitpark buntes Konfetti um die Ohren schmeißen oder sich fürsorglich um ihren Nachwuchs kümmern. Erstaunlich menschlich eben.

Diese Begegnungen setzen der ursprünglichen Motivation des Duos schwer zu und führen zu einem inneren, aber deutlich sichtbaren Konflikt, der nicht nur philosophische Floskeln zulässt, sondern sogar vor dem Bildschirm zum Nachdenken anregt und ähnlich ethische Fragen aufwirft, wie es schon ein Shadow of the Colossos vermochte.

Zwar hat NieR: Automata auch diese hollywoodreifen Bombast-Momente, in denen uns meterhohe Bossgegner an den virtuellen Kragen wollen und dabei die gesamte Umwelt in Schutt und Asche legen, diesen filmischen Vergleich aber einmal weitergesponnen, reicht Automata eher an die subtilen Untertöne einer Arthouse-Produktion, die ihre wichtigsten, erzählerischen Aspekte auf der Metaebene vermittelt.

Anfängliche Verwirrung ist also fast schon garantiert und wer die gesamte Komplexität des Plots begreifen möchte, braucht dafür drei Durchgänge der Hauptstory. Die werden aber jedes mal aus einer anderen Perspektive erzählt, damit es bis zum tatsächlichen Finale auch wirklich spannend bleibt.

Bayonetta + Dark Souls = NieR: Automata?

Spielerisch gibt sich NieR: Automata wesentlich konkreter. Hier übernehmen wir die Rolle von 2B und fühlen uns unweigerlich an Titel wie Bayonetta oder Metal Gear Rising erinnert, von dessen Dynamik sich der jüngste Titel aus dem Hause PlatinumGames anscheinend ein gutes Stück abgeschnitten hat. In der Third-Person-Ansicht führen wir stylische Angriffe aus, halten den Gegner mit Juggle-Combos in der Luft und greifen in Notfällen auch schon mal auf das gut funktionierende Ausweich- und Kontersystem zurück.

Dabei verfügt 2B über zwei Waffensets, die jeweils zwei Nahkampfwaffen beinhalten. Ob Schwert, Lanze oder Axt, jede Waffe lässt sich mithilfe entsprechender Rohstoffe aufrüsten und somit noch stärker machen. Für den Fernkampf ist dann ein sogenannter Pod zuständig. Eine stets über uns schwebende Roboter-Einheit, die salvenartige Geschosse oder gleich einen verheerenden Laserstrahl abfeuert. Natürlich leistet auch Kollege 9S seinen Beitrag zum Geschehen. Den können wir zwar nicht selbst steuern, jedoch steht er uns mit diversen, jederzeit veränderbaren Verhaltensschemata zur Seite und greift somit unerbittlich an oder schlüpft in die Rolle des Heilers.

Unsere Gesundheit sollten wir ohnehin stets im Auge behalten. NieR: Automata ist auf keinem der vier Schwierigkeitsgrade ein Spaziergang. Davon zeugen die überall in der Welt verstreuten Leichen anderer Spieler. Hier bedient sich der Titel an einem bereits aus der Dark Souls-Reihe bekannten Element. Wenn wir sterben, wird die genaue Position unseres digitalen Ablebens in ein Netzwerk hochgeladen. Zudem dürfen wir eine Botschaft aus vorgefertigten Textbausteinen hinterlassen, die z.B. als Warnung vor besonders schweren Gegnern dient. Findet uns nun ein anderer Spieler, erhält dieser nicht nur wertvolle Informationen über den bevorstehenden Weg, er kann auch buchstäblich für uns beten und sackt somit Erfahrungspunkte, Geld und variierende Status-Boosts ein.

Ein gelungener Twist

Und als wäre dieser brachiale Mix aus Hack’n’Slay und Rollenspiel nicht schon genug, versetzt uns NieR: Automata von Zeit zu Zeit hinter das Steuer einer Flugeinheit. Das besondere daran? Der Titel spielt sich dann plötzlich wie ein klassisches Shoot’em Up im Stil von R-Type oder gar Panzer Dragoon Orta, wobei antike Top-Down-Ansicht und dynamische Verfolgerperspektive im fliegenden Wechsel stattfinden.

Festgelegt scheint hier sowieso nichts. Shoot’em Up-Passagen verschmelzen regelmäßig mit den obligatorischen Third-Person-Kämpfen. Selbst die Perspektive macht gerne einen Abstecher in die Zweidimensionalität und verzichtet dabei keinesfalls auf Plattformer-Einlagen, die einem Castlevania absolut ebenbürtig sind.

My body is ready

Als waschechtes Rollenspiel, versteht sich NieR: Automata spätestens bei der Charakterentwicklung. Je nach ausgerüstetem Waffentyp, lassen wir unterschiedliche Kombos und Bewegungsmuster vom Stapel, das Upgraden unserer Argumentationsverstärker ist hingegen abhängig vom Auffinden unterschiedlicher Rohstoffe, die in der ganzen Welt verstreut liegen. Außerdem motiviert ein klassisches Levelsystem, etliche Roboter in ihre Einzelteile zu zerlegen. Für zusätzliche Hilfe sorgt eine breite Palette an statusverstärkenden Items, die, genauso wie Tränke, über ein Schnellauswahlmenü in Windeseile benutzt werden dürfen, was die hitzigen Kämpfe enorm entlastet.

Richtig interessant wird es aber erst mit dem Ausbau der eigenen Fähigkeiten. Die sind nämlich an ein Upgrade-System gebunden, das sich mit Plugin-Chips füttern lässt. Die Anzahl der Slots ist selbstverständlich begrenzt, was einiges Überlegung erfordert. Denn hiermit dürfen wir nicht nur so hilfreiche Skills wie ein automatisches Heilen oder Ausweichen lernen, wir beeinflussen damit auch das HUD. Richtig, die Anzeige gegnerischer Lebenspunkte oder das Einblenden der Minikarte ist in NieR: Automata quasi eine austauschbare Fähigkeit.

Zu Beginn kann das durchaus für Verwirrung sorgen, zumal der Titel dieses System zu keiner Zeit erklärt. Wer sich aber einmal damit auseinandersetzt, findet mit den Chips eine tiefgreifende Methode, seinem Spielstil einen ganz persönlichen Anstrich zu verleihen. Schwächelnde Anfänger erhalten hier zudem eine tolle Möglichkeit, den Schwierigkeitsgrad nochmal gehörig nach unten zu schrauben. Mit automatischem Ausweichen, Kämpfen und Heilen sollte die Herausforderung wirklich nicht mehr allzu groß ausfallen.

Open World und Immersion

NieR: Automata bietet eine riesige Open-World, die sich über thematisch unterschiedliche Gebiete erstreckt. Spieler, die gerade von Horizon: Zero Dawn kommen, sollten ihre Erwartungen allerdings nicht zu hoch ansetzen. Viele Designentscheidungen, wie etwa der größtenteils einheitliche Look unserer Widersacher oder der optische Einheitsbrei aus vorwiegend braun-grauer Farbgebung und der monotonen Umgebungsgestaltung, mögen dem erzählerischen Hintergrund geschuldet sein, ein wenig abschreckend wirkt die optische Präsentation dann aber schon.

Wie gesagt, der Immersion eines postapokalyptischen Settings tut dieser Look ungemein gut, aber wenn ein eigentlich detailarmer Wald oder eine trockene Sandwüste schon visuelle Freudensprünge bei uns auslösen, läuft designtechnisch irgendetwas falsch. So nutzt man dann auch viel lieber die unzähligen Schnellreiseportale, die übrigens auch über eine nützliche Speicherfunktion verfügen.

Auch sonst wirkt die Welt von NieR: Automata recht leer. Mal abgesehen von immer wieder spawnenden Gegnergruppen und ein paar wildlebenden, tatsächlich organischen, (Reit-)Tieren, gibt es hier wenig, das unsere Neugier weckt. Keine Postkartenpanoramen oder ähnliche Szenarien, die zum Drücken der Share-Taste einladen. Dafür sind dann wohl eher die regelmäßigen Zwischenbosse im Hochhausformat zuständig.

Wer dennoch nach alternativer Beschäftigung sucht, wird wohl bei den etlichen Nebenquests fündig. Aus Sicht ihrer toll geschriebenen Erzählweise, laden die immer wieder auf ein halbes Stündchen abseits der Story ein, können damit aber nicht vom langweiligen, stets gleichen Missionsdesign ablenken, das vorwiegend aus Sammelaufgaben, Erkundungstouren und einschläferndem Backtracking besteht.

Flüssige Angelegenheit

Trotzdem ist NieR: Automata kein technischer Totalausfall. Im Gegenteil. Mit konstanten 60 Fps und stimmungsvollen Licht- und Explosionseffekten, zaubert der Titel auch den verwöhntesten Spielern ein Lächeln ins Gesicht. Bewegungen, sowie alle Charaktermodelle wirken geschmeidig und selbst, wenn eine vermeintlich kleine Gegnerschar plötzlich zum Bildschirmfüllenden Problem wird, läuft das Geschehen jederzeit flüssig. Der charakteristische Blaustich, der die cineastischen Zwischensequenzen ziert, ist sicher Geschmackssache, passt aber erstaunlich gut. Auch wenn wir uns etwas unsicher sind, was dieser lomographische Stil überhaupt aussagen soll.

In Sachen Sound geht ein riesiges Lob an die ambitionierten Sprecher, die einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur bedrückenden Atmosphäre leisten. Und das gilt sowohl für die englische, als auch japanische Sprachausgabe, wobei wir euch letztere eindeutig ans Herz legen – da geht dann einfach wieder am wenigsten von der ursprünglich angedachten Betonung verloren. Für das richtige Verständnis hierzulande, sorgen vernünftig übersetzte Untertitel auf Deutsch.

Ein ebenso wichtiger Aspekt ist natürlich der Soundtrack. Hier erklingen heitere J-Pop-Hymnen und bedeutsamer Orchestergesang aus den Lautsprechern, was im Hinblick auf das Setting manchmal etwas skurril wirkt, aber diesen starken Kontrast zwischen emotionaler Kälte und gefühlvollem Wandel noch weiter befeuert.

Fazit und Wertung gibt es weiter unten!

Der Test, sowie alle Screenshots, basieren auf unserer Playstation 4-Version von NieR: Automata, die uns freundlicherweise von Publisher Square Enix zur Verfügung gestellt wurde.

NieR: Automata ist seit dem 10. März 2017 für die Playstation 4 und mittlerweile auch für den PC erhältlich. Für den üblichen Vollpreis von knapp 60 Euro, könnt ihr den Titel digital oder physisch erwerben.

Fazit

Hübsch, dynamisch, emotional intensiv. NieR: Automata schafft das, was nur wenigen modernen Titeln vorbehalten bleibt. Die melancholische Geschichte reizt mit ihren leisen, philosophischen Untertönen selbst im dritten Anlauf noch und sogar spielerisch stellen sich nur selten Ermüdungserscheinungen ein. Der ausgeklügelte Genre-Mix hält unglaublich lange bei Laune und wer über die kleine Prise Japano-Kitsch hinwegsehen kann, findet mit Automata eine erwachsene Story, die durch ihren Schwermut extrem nachhaltig wirkt.

Pflichtkauf – nicht nur für Fans der Vorgänger!

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