Happy Birthdays bei uns im Test

Geburtstag ist nur einmal im Jahr? Ha, von wegen! Happy Birthdays auf der Nintendo Switch bei uns im Test.

Das Leben findet einen Weg

Zugegeben, Titelbild und Namensgebung von Happy Birthdays sind durchaus irreführend. Wer sich mit dem neuesten Spiel der japanischen Entwicklerteams Arc System Works und Toybox Inc. im Vorfeld nicht genauer befasst, könnte womöglich eine Geburtstagssimulation erwarten, in der gut gelaunte Spieler eine Party nach der anderen schmeißen. Weit gefehlt, denn anstatt bunte Feten zu organisieren, vertraut uns der Titel mit einer weitaus wichtigeren Aufgabe: Dem Erschaffen von Leben.

Oberstes Ziel ist dabei stets die Schöpfung menschlicher Existenzen, doch bis dahin ist es ein langer, meist sehr holpriger Weg. Den besten Einstieg dafür bildet jedenfalls der Story-Modus von Happy Birthdays. Der hat zwar nicht mehr als eine austauschbare Pseudo-Geschichte auf dem Kasten, hier können wir uns aber immerhin zwischen vier vorgegebenen Szenarien entscheiden und mithilfe kleiner Erklärungstexte sofort loslegen. Während sich eine steinige Wüste und die schneebedeckten Gipfel einer Berglandschaft offensichtlich an fortgeschrittene Spieler richten, die ihre Schöpfungsgeschichte unter erschwerten Bedingungen beginnen wollen, sollten Neulinge unbedingt mit dem grünen Planeten starten.

Dort bietet das Ökosystem bereits prächtige Voraussetzungen für das buchstäblich blühende Leben. Dinosaurier stapfen an Palmen vorbei über grüne Grasflächen, im Wasser haben es sich prähistorische Algenarten und Quallen bequem gemacht. Doch wie geht es nun weiter? Die Antwort liegt auf der Hand, bzw. in unseren eigenen Händen. Mit einem kleinen Cursor fegen wir über die kubisch gehaltene Landschaft, die direkt einem ambitionierten Minecraft-Spieler entsprungen sein könnte, und verändern auf Knopfdruck das Terrain.

Senken wir es ab, entsteht erst ein kleiner Tümpel, später sogar eine richtige Tiefsee. Das hat natürlich auch Einfluss auf das vorherrschende Klima in unserem Biotop, denn je größer das Meer, desto wärmer die Luft. Lassen wir dagegen riesige Felsformationen entstehen, sinkt die Temperatur des Planeten. Neben dem Klima, spielen aber auch Luftfeuchtigkeit und andere Faktoren eine enorm wichtige Rolle in unserer Evolutions-Praxis. So sollten wir auch stets beachten, dass genügend Lebensraum für die unterschiedlichen Arten zur Verfügung steht und dabei die Bedürfnisse der verschiedenen Spezies im Blick behalten.

Chaostheorie

Ein Pflanzenfresser, der kein Gras mehr findet, stirbt selbstverständlich irgendwann aus und kann somit auch keine Nahrungsgrundlage mehr für die hungrigen Karnivoren bilden. Ein äußerst dynamischer Kreislauf, der zum Experimentieren einlädt. Im Sinne der Evolution sollten wir natürlich möglichst viele Arten am Leben halten, damit sich aus ihnen weitere Geschöpfe entwickeln. Doch manchmal ist genauso sinnvoll, eine Spezies aussterben zu lassen, um Platz für völlig neues Leben zu schaffen. Wie, wann und womit, das ist ganz unterschiedlich und hängt von der jeweiligen Lebensform und ihrer Umwelt ab. Um einen Eoraptor entstehen zu lassen, müssen wir beispielsweise erstmal einen Dimetrodon bei konstanter Temperatur zur Welt bringen. Ist das geschafft, machen wir es wieder ein bisschen wärmer und…Tada! Es heißt wieder mal: Happy Birthday(s) und der Titel zelebriert die Geburt einer neuen Lebensform, die weitere Möglichkeiten mit sich bringt, das Rad der Evolution am Laufen zu halten. Das aber wirklich nur als kleines Beispiel, denn mit über 300 unterschiedlichen Tier- und Pflanzenarten, die allesamt in der Luft, im Wasser und auf dem Erdboden heimisch sind, gibt es zahlreiche, meist auch sehr knifflige Wege, Geburtstag zu feiern.

Nun ist die Entstehungsgeschichte selbstredend kein Akt von Minuten, vielmehr braucht es dafür mehrere Millionen Jahre. Um also nicht irgendwann dabei einzuschlafen, wie der T-Rex seinen Zenit überschreitet und einer anderen Spezies die Bühne überlässt, dürfen wir das Geschehen regelmäßig vorspulen. Hierfür wechseln wir einfach in den Makro-Modus, der uns zudem einen komfortablen Überblick über den gesamten Planeten verschafft. Sollte im Zeitraffer etwas wichtiges passieren, das maßgeblichen Einfluss auf unser Ökosystem hat, informiert uns das Spiel sofort und wir greifen blitzschnell wieder aktiv ein.

Im Makro-Modus von Happy Birthdays erholen sich außerdem unsere TP. Ein Punktewert, den wir immer dann erschöpfen, wenn wir das Terrain verformen oder die Zeit vorspulen. Mit steigendem Level maximieren wir diesen Wert und können auch auf bessere Tools zurückgreifen, die mehr Fläche auf einmal anheben oder absenken. Dazu gesellen sich einige Fähigkeiten, mit denen Pflanzen zum Beispiel schneller wachsen oder wir sorgen für eine zerstörerische Sintflut, falls uns die Entwicklung in der Welt so gar nicht mehr in den Kram passt. Die Skills belasten unser Sterne-Konto, das wir aber regelmäßig wieder aufstocken, indem wir einfach durch das Level schweben oder gewisse Aufgaben erfüllen. Zudem sorgen weitere Modi, wie der Freie Modus und Challenges, die aber alle ein bisschen zu leicht ausfallen, für zusätzliche Motivation. Bisher erlerntes Wissen und Charakterlevel nehmen wir Modi-übergreifend mit, müssen also nicht jedes mal ganz von vorne beginnen.

Im Grunde macht das auch alles richtig viel Spaß, zumal wir neu entdeckte Spezies sogar einfangen und somit in eine Enzyklopädie aufnehmen dürfen. Pokémon lässt unverkennbar grüßen und wer den beliebten Hosentaschenmonstern nur einmal eine Chance gegeben hat, weiß, wie motivierend die Hatz nach neuen Lebensformen sein kann – selbst bei Happy Birthdays, wo es oft nur darum geht, dass eine neue Pflanze das Licht der Welt erblickt. Viel mehr ist es die Langzeitmotivation, die unserem Entdeckerdrang irgendwann den Riegel vorschiebt. Es passiert schlicht zu wenig und wer sich nicht auf eigene Faust mit der komplexen Menügestaltung befasst, bleibt ohnehin bald ratlos zurück und schafft es auch nicht, spätere Lebensformen auf die Welt zu bringen.

Technik im Entwicklungsstadium

Mit seiner niedlichen Präsentation und dem eher simplen Spielablauf lässt Happy Birthdays das wahrscheinlich nicht sofort vermuten, doch der Titel ist wirklich eine beinharte Gott-Simulation. Die Temperaturen in den Minusbereich treiben, damit es dem dicken Dinosaurier fröstelt und schon bald Bären über den Mini-Planeten wandern? Klar! Doch dabei bitte nicht die gesamte Flora einfrieren, die trägt schließlich auch einen ganz wichtigen Teil zur Evolution der Tierwelt bei. Und was erschaffen wir dabei sonst noch für Lebensformen, die dann in der Nahrungskette eventuell über dem Bären stehen? Unglaublich, wie viele Faktoren wir berücksichtigen müssen, um es von der ersten Qualle bis zum menschlichen Leben zu schaffen. Ständig verformen wir das Terrain neu, lassen die Temperatur steigen und sinken. Hilfe erhalten wir dabei von einer außerirdischen Lebensform mit dem bezeichnenden Namen Navi (nein, die hier schreit nicht dauernd listen), wobei das anfängliche Tutorial ruhig etwas umfangreicher hätte ausfallen können. Nach dem rund zehnminütigen Einstieg, wussten wir nämlich noch immer nicht ganz, was zu tun ist und haben uns schließlich etwas gernervt Hilfe bei diversen Gameplay-Videos geholt.

Dabei ist es wirklich schön, wie lehrreich Happy Birthdays mit seiner Thematik umgeht. Komplexe, evolutionstheoretische Zusammenhänge erschließen sich ganz automatisch im laufenden Spiel und auch die Gefahren des reellen Klimawandels werden uns hier deutlich vor Augen geführt. Schade nur, dass der Titel im selben Atemzug so wenige Erklärungen über das eigene Gameplay liefert, was vor allem jüngere Spieler, die hier wirklich noch was mitnehmen könnten, vor eine schier unlösbare Aufgabe stellt.

Mit der Bedienbarkeit wird es nämlich nicht besser. Teilweise müssen wir ganze Tastenkombinationen gedrückt halten, um gewisse Befehle auszuführen und so manch wichtige Information versteckt sich im Sub-Sub-Menü des Untermenüs eines Menüs. Technisch verhält es sich ähnlich, denn gerade im Handheld-Modus der Nintendo Switch wirkt das Geschehen oft unscharf. Beim optionalen Wechsel in die First-Person-Perspektive gehen sogar etliche FPS verloren und es ruckelt an jeder Ecke.

Ein echter Fauxpas, denn trotz quietschbunter Würfel-Optik, fühlen wir uns in Happy Birthdays immersiv ziemlich wohl. Eine Pause vom harten Schöpfer-Alltag kommt eigentlich immer gelegen und so ertappen wir uns ständig dabei, wie wir tatenlos, aber völlig entspannt und zufrieden, dem Treiben im digitalen Terrarium beiwohnen. Viel passiert dort ohne unser Eingreifen zwar nicht, doch zusammen mit dem atmosphärischen Soundtrack aus sorglosen Klängen, entfaltet der Titel schnell einen ganz eigenen Sog, der uns gemütlich mitreißt.

Entgegen der Tradition des Publishers NIS America, hat Happy Birthdays sogar eine vollständige Lokalisierung erhalten – naja, mehr oder weniger. Gerade die deutsche Übersetzung fällt ein wenig holprig aus und wir entdecken oft falsche Wörter oder einen Titelbildschirm, der dann doch mit englischen Texten erscheint. Netter Versuch, aber gerade bei Veröffentlichungen von NIS America bleiben wir dann doch lieber bei der englischen Version. Die Kosten für die Übersetzung darf sich das Team in Zukunft gerne wieder sparen, womit wir schon beim letzten großen Kritikpunkt von Happy Birthdays wären, nämlich dem Preis.

In der mehrstündigen Testphase haben wir den Titel stets als das empfunden, was er letztlich auch ist: Ein charmanter Indie-Spaß für zwischendurch, der keinesfalls mehr als rund 20 Euro kosten sollte. Happy Birthdays verlangt jedoch das Doppelte – sowohl digital, als auch in der physischen Edition – was zu keiner Zeit gerechtfertigt wirkt und sicher auch viele Käufer abschreckt. Wer den Titel dagegen einmal kostenlos ausprobieren möchte, findet eine ausführliche Demo-Version im Nintendo eShop.

Happy Birthdays erscheint zwar exklusiv für die Nintendo Switch, der Titel hatte aber bereits im vergangenen Jahr einen Auftritt auf der Playstation 4 und dem PC. Dort erschien er unter dem Namen Birthdays the Beginning – inhaltsgleich und für den selben Preis.

Happy Birthdays ist seit dem 8. Juni 2018 für die Nintendo Switch erhältlich. Unser Test basiert auf unserer Testversion von Happy Birthdays, die uns freundlicherweise vom Publisher NIS America zur Verfügung gestellt wurde.

68%
Geburtstagsparty mit Hindernissen...

Happy Birthdays punktet mit seinem cleveren Zusammenspiel aus Terraforming und den daraus resultierenden Ergebnissen. Jede Veränderung der Umwelt, bringt gleichzeitig auch eine glaubhafte Veränderung ihrer Lebensformen. Hinter der niedlichen Optik des Titels versteckt sich eine wahnsinnig komplexe Sandbox-Aufbausimulation, die viel Spaß verspricht, dem Titel aber oft zum eigenen Verhängnis wird. Durch das schwache Tutorial fällt der Einstieg äußerst frustrierend aus, eine unnötig komplizierte Menüführung und Steuerung leisten ebenfalls ihren Beitrag. Hinzu kommt eine halbherzige Lokalisierung, fehlende Langzeitmotivation und natürlich der Preis, der für einen solchen Titel viel zu hoch angesetzt ist.

Fans von Spore und Birthdays the Beginning dürfen natürlich zugreifen, allen anderen sei erstmal die Demo-Version ans Herz gelegt.

  • Grafik
  • Sound
  • Umfang
  • Story/Atmosphäre
  • Steuerung

Games-Magger Dennis findet gerne mal die Nadel im Heuhaufen und legt sie dann auf die Goldwaage. Wahre Liebe darf auch kritisieren. Heimisch auf Xbox One und Nintendo 3DS.