Fallout 76 – Fazit zur Beta

Vom Ödland-Muffel zum Fallout-Fan? Meine Meinung zur Beta von Fallout 76!

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Fallout und ich. Das sind jetzt, auf das Datum so ziemlich genau, zehn Jahre voll schwieriger Momente, Missverständnisse und gescheiterter Annäherungsversuche. Wie in einer richtigen Beziehung also. In Fallout 3 habe ich es nicht einmal aus der Vault geschafft, da packte mich schon die große Unlust. Den vierten Ableger ging ich dann deutlich ambitionierte an, doch auch hier wollte der Funke nicht richtig zünden. Dabei war es doch genau das, was ich eigentlich immer wollte. Ein postapokalyptisches Skyrim mit diesem ganzen Tamtam, für das wir die Open World-Titel von Bethesda so sehr lieben.

Vielleicht war es schlichtweg immer der falsche Zeitpunkt, Übersättigung durch andere, ähnliche Titel. Genau beschreiben, warum ich Fallout lieben wollte, aber bestenfalls ein bisschen mochte, kann ich jedenfalls nicht. Klingt also nach einer grandiosen Idee, ausgerechnet mich die Beta von Fallout 76 testen zu lassen, oder?

Um es vorwegzunehmen, Fallout 76 hat mich überrascht. Im positiven Sinne. Schon der Beginn des Spiels geht diesmal angenehm flott vonstatten. Kein stundenlanges Verweilen in der Vault, Erklärungen über wichtige Funktionen laufen eher beiläufig, aber immer noch gut wahrnehmbar über den Bildschirm, während ich schon die ersten Schritte im leergefegten Schutzbunker wage. Bereits an diesem Punkt holt mich der Titel immersiv ab, wie es keiner der Vorgänger geschafft hat. Wo sind bloß alle hin? Warum bin ich als einziger zurückgeblieben, als Teil einer auserwählten Elite, die das erneut verwüstete Amerika wieder aufbauen soll?

Den mysteriösen Holo-Aufzeichnungen der Aufseherin folgend, lande ich recht schnell in der offenen Spielwelt und kann quasi tun und lassen, wonach mir der Sinn steht. Daran hindern mich diesmal auch keine allzu redseligen NPCs, denn die gibt es in Fallout 76 überhaupt nicht. Bethesda setzt mit seiner aktuellen Software-Entwicklung voll auf Environmental Storytelling…und es funktioniert großartig!

Ehe ich noch über vergangene, oft fadenscheinige und quälend lange Dialoge der Vorgänger nachdenken kann, lausche ich schon vergnügt den ersten Audio-Logs, die mir ein wenig mehr über die schrecklichen Geschehnisse vor Ort erzählen. Selbst wenn es einmal nichts zu hören gibt, Geisterstädte, verlassene Camps und dergleichen sprechen ihre ganz eigene Sprache. Ich liebe es, wie Fallout 76 mich damit alleine lässt und zeitgleich meine Vorstellungskraft ankurbelt. Jeder hat wohl seine ganz eigene (Wunsch-)Auffassung einer postapokalyptischen Welt, mit dieser Version, der bedrückenden Einsamkeit und den großen Fragen im Hinterkopf, bringt es Bethesda aber sicher für viele ganz genau auf den Punkt.

Obwohl, so alleine bin ich dann doch nicht. Fallout 76 versteht sich als reiner Multiplayer-Titel. Die frei begehbare Karte von West Virginia wird somit zur riesigen Mehrspieler-Lobby, in der sich etliche Entdecker aus aller Welt tummeln – fast wie in einem MMO. Hier scheiden sich allerdings bereits die Geister, denn die aufgezwungene Gemeinsamkeit wirkt stellenweise etwas belanglos. Ich darf mit anderen Spielern tauschen, was aufgrund der stark fokussierten Crafting-Mechaniken und einem stets überfüllten Inventar durchaus Sinn macht, oder gemeinsam mit ihnen zahlreiche Aufgaben bewältigen. Mehr hat dieser Aspekt allerdings nicht zu bieten. Solisten können ihn sogar getrost ignorieren und, wie gewohnt, auf eigene Faust losziehen. Zumal sind Begegnungen dieser Art ohnehin eher selten, die Größe der Karte spricht da wohl für sich.

Lediglich regelmäßig stattfindende Multiplayer-Events trommeln alle Spieler zusammen. Die besonderen Missionen sind alleine kaum schaffbar und locken mit dem besten Loot des gesamten Spiels. Wenn sich also genügend Spieler finden lassen, machen diese Aufgaben eine Menge Spaß und lohnen sich dazu. Im Übrigen muss niemand Angst haben, nach so einer Mission leer auszugehen. Beute wird für jeden Spieler einzeln generiert, es kann uns also niemand etwas vor der Nase wegschnappen.

Oft schreibt auch einfach der Zufall die unvergesslichen Geschichten. Wenn mich ein fremder Spieler mit seiner Unterstützung vor einem Mob aus Ghulen völlig unerwartet rettet, vergesse ich schnell den Frust voriger Treffen, bei denen mich die wunderbare Community anscheinend für einen Quell guten Loots hielt. In Sachen Immersion natürlich ein feiner Zug, in Anbetracht des gewohnten Komforts ziemlich frustrierend. Will man einem anderen Spieler so richtig auf die Nerven gehen, ist das also durchaus möglich. Diese Fälle sind zwar selten, doch auch während der Betaphase von Fallout 76 schon fester Bestandteil der Sitzungen. Warum Bethesda überhaupt einen so großen Anreiz für Gelegenheits-Rowdys schafft und mir einen PVP-Modus in einer Spielwelt aufzwingt, die ich eigentlich nur ganz in Ruhe erkunden möchte, bleibt zwar fragwürdig, scheint in erster Linie aber dem Endgame geschuldet zu sein. Das soll bei Fallout 76 komplett spielergetrieben ausfallen und die Leute durch Handel und hitzige Gefechte untereinander bei Laune halten.

Es ist halt so eine Entscheidung, die sich mal richtig gut, mal wirklich schlecht anfühlt, aber in jedem Fall noch jede Menge Feintuning verträgt. Koop mit Freunden macht natürlich Laune, klar, doch wenn ich eine Werkbank nicht benutzen kann, weil sich gerade ein anderer Spieler daran zu schaffen macht, stört das einfach nur den Spielfluss.

Apropos! Mit seinem Online-Zwang verabschiedet sich Fallout 76 vom gewohnten Speichersystem und damit irgendwie auch von den lustigen Experimenten, die wir alle in den Vorgängern so gerne unternommen haben. Selbstständig speichern, etwas lustiges ausprobieren, was dann doch total in die Hose geht, neu laden und wieder vernünftig weiterspielen? Das gehört nun der Vergangenheit an. Fallout 76 setzt automatisch Speicherpunkte und raubt mir diese Freiheit. Aufgrund der Online-Struktur durchaus nachvollziehbar, trotzdem ziemlich schade.

Die ständigen Diskussionen über das visuelle Gerüst von Fallout 76 lasse ich jetzt einfach mal außen vor. Im Vergleich mit anderen, aktuellen Spielen sorgt Bethesdas neuestes Werk bei einigen sicher für Ernüchterung, insgesamt kann sich der Titel aber schon sehen lassen. Bedenkt man einmal die Größe der Spielwelt und die zahlreichen Interaktionen mit ihr, schaut das digitale West Virginia sogar recht ansehnlich aus, woran nicht zuletzt hübsche Lichteffekte und der dynamische Wetterwechsel Schuld sind. Während der letzten Beta-Phase, konnte ich übrigens kaum noch größere Ruckler oder allzu heftige Bugs feststellen.

Fazit

Trotz meiner eher merkwürdigen Vergangenheit mit der Serie, freue ich mich auf den Release von Fallout 76. Das Auslassen von NPCs in der Spielwelt empfinde ich bislang als gelungene Entscheidung, die einen Großteil der Atmosphäre trägt. Spannende, gut vorgetragene Audio-Logs verschollener Bewohner lasse ich bequem nebenbei laufen, während ich schon wieder auf dem Weg zum nächsten Missionsziel bin, irgendwo nützlichen Loot suche oder einfach mal den Blick schweifen lasse. Zu Entdecken gibt es in der riesigen Spielwelt schließlich genug, denn abseits der durchwachsenen Multiplayer-Struktur, bietet Fallout 76 ja auch wieder das gewohnt starke Rollenspiel-Paket, das mich unzählige Stunden in der Charakterentwicklung, beim Craften neuer Gegenstände und mit dem Erledigen von Quests verbringen lässt.

Diesmal will ich sogar unbedingt der anfänglichen Ausgangssituation auf den Zahn fühlen und im Rahmen der Hauptstory herausfinden, wo denn jetzt alle anderen abgeblieben sind. Dass ich auf diesem umfangreichen Weg durch West Virginia auf Fabelwesen aus der hiesigen Folklore treffen kann, darunter auch ein übergrößes Faultier und der sagenumwobene Mottenmann (shut up and take my money!), macht mich als Fan von so ziemlich allem Fantastischen besonders glücklich und zeigt mal wieder, mit wieviel Detailverliebtheit Bethesda seine Projekte angeht.

Die Idee, Fallout 76 einer recht langen Beta-Phase zu unterziehen, war ein ziemlich cleverer Schachzug von Bethesda, von dem letztlich jeder profitiert hat. Unentschlossene konnten ausgiebig testen, Fans schon mal ordentlich Fortschritt erzielen und Bethesda hat die Zeit genutzt, um genügend Feedback zu sammeln und Anpassungen vorzunehmen.

Das perfekte Spiel wird Fallout 76 mit Sicherheit nicht. Doch es besitzt genügend Charme und geht mutig neue Wege, ohne dabei alte Stärken zu vernachlässigen. Ich bin jedenfalls wieder gespannt, diesmal klappt es bestimmt mit uns!