Fallout 76 bei uns im Test

Noch ein Test zu Fallout 76. Uff.

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Süße, kleine Lügen

Wow, ein weiterer Test zu Fallout 76. Und ihr seid sicher wahnsinnig gespannt, wie der wohl ausfällt. Denn ich bin Spieleredakteur und wenn ich mit Dackelblick und engelsgleicher Zunge ein Presse-Exemplar anfrage, muss ich auch irgendwann meiner Pflicht nachkommen, das zur Verfügung gestellte Material so aufzuarbeiten, dass ihr den Drang verspürt, die gelesenen Zeilen für den nächsten Pulitzerpreis zu nominieren. Das findet ihr übertrieben? Pah!

Todd Howard kennt dieses Gefühl. Wenn Todd Howard verspricht, die beste Rollenspielerfahrung überhaupt abzuliefern und dabei über geniale Gameplay-Mechaniken auf den großen Bühnen dieser Welt schwadroniert, ja, dann kann man ruhigen Gewissens davon ausgehen, das dem letztlich auch so sein wird. Niemand würde je auf die Idee kommen, dass Todd Howard, ich wiederhole, fucking Todd Howard lügt, übertreibt…oder mal eben den Inhalt einer Collectors Edition austauschen lässt, um die Produktionskosten der hübsch verpackten Sonderedition voller Plastik noch weiter zu senken.

Nein, kein Day One-Patch, der größer ist als das eigentliche Spiel, soll der Glaubwürdigkeit dieses Mannes schaden. Keine Roadmap, die ausschließlich aus Fehlerbehebungen und Quality of Life-Improvements besteht, aber nicht aus interessanten Inhalten, soll uns die Freude an diesem Meisterwerk und ihren vorausgeeilten Versprechen nehmen. Überhaupt sollte niemand daran zweifeln, dass Fallout 76 das Spiel ist, das wir alle brauchen, wollen, verdienen.

Nichts sollte…ok, jetzt reicht’s. Spoiler: Fallout 76 ist schlecht. Langweilig. Meh! Es ist das No Man’s Sky der Triple A-Branche. Ein leeres Versprechen voller Enttäuschungen und merkwürdiger Entscheidungen. Davon habt ihr bestimmt schon an jeder Ecke gehört, weshalb ich liebend gerne meinen Sonntag opfere, um das Thema nochmal durchzukauen.

No Man’s Land

Aber hey, da wir gerade von No Man’s Sky sprechen: Can you grief other players? A little bit! Falls ihr euch an diese Konversation noch erinnern könnt, verschwendet ihr nicht nur wichtigen Platz im Gedächtnis, sondern könnt auch ungefähr abschätzen, wie gut der Multiplayer, der Hauptaspekt, von Fallout 76 funktioniert. Richtig, größtenteils gar nicht. Ja, mit Freunden macht das schon Spaß. Aber mit Freunden hat sogar Evolve Spaß gemacht. Evolve! EVOLVE!

Dabei will auch gar keine Zeit damit verschwenden, die Entscheidung an sich, die Welt von Fallout mit einem Online-Gerüst zu versehen, zu kritisieren oder mich in irgendeiner Art und Weise über Online-Only-Titel auslassen. Nein, Fallout 76 ist jetzt da und es bleibt alles so, wie es ist!

Der Mehrspieler von Fallout 76 löst in mir Gefühle aus, die ich so nicht erwartet hätte. Erstaunen. Verwunderung. Verwirrung? Es besteht ein permanenter Online-Zwang, um den Titel überhaupt spielen zu können, obwohl ich das Abenteuer auch ganz alleine bestreiten darf. Es gibt PVP, aber keinen Grund, gegen andere Spieler zu kämpfen. Es gibt PVE, aber keine Spielersuche, um gezielt mit Leuten der gleichen Stufe und ähnlichen Zielen zusammengewürfelt zu werden. Der Multiplayer ist ständig präsent, aber gleichzeitig total omnipräsent. Wer hat das entwickelt? Schrödingers Katze?

Im Ernst. Fallout 76 als halbgare MMO-Erfahrung zu verkaufen, wirkt an jeder Ecke im Spiel so, als wollte man einen modernen Hochgeschwindigkeitszug steuern, an dem noch die rostigen Waggons der letzten Generation hängen. Das Jahr 2018 ist fast vorbei und Bethesda hält verbissen am monotonen Missionsdesign und dem grausamen Gunplay eines Skyrim von 2011 fest. Das machen die wackeligen Schritte in die Moderne erst so richtig sichtbar. Konnten Immersion der Spielwelt, NPCs und die etlichen ineinander verzahnten Dialoge bei Fallout 4 noch darüber hinwegtäuschen, dass bereits hier einiges der Vergangenheit angehört und einmal gründlich überdacht werden sollte, fehlen Fallout 76 die Ausreden von Beginn an.

Es entledigt sich seiner funktionierenden, auch für das Genre extrem wichtigen Elemente, steht nun nackt und beschämt vor der entsetzten Öffentlichkeit und muss gestehen: Ich habe nichts zu bieten! Nicht für Fans der Reihe, nicht für Fans von Rollenspielen. Eigentlich für niemanden. Der hilflose Versuch, sich in dieser Situation mit fremden Federn zu schmücken, um nicht mehr ganz so entblößt zu sein, schlägt fehl. Denn wer Destiny sagt, muss auch gutes Gunplay sagen. Wer PVE sagt, muss eben auch von interessanten, zugänglichen Mehrspieler-Events und so etwas wie Matchmaking sprechen. Und wer PVP schreit, sollte eventuell auch dafür sorgen, dass dieser einen Anreiz bietet, ihn überhaupt zu spielen.

Fallout 76 spricht diese Sprache nicht. Es nuschelt unverständlich. Willkürlich werde ich von fremden Spielern in ihren Trupp eingeladen, weiß überhaupt nicht, welche Quest sie aktuell verfolgen, dackele ihnen aber trotzdem minutenlang hinterher. Stets mit der Hoffnung im Hinterkopf, diese verdammt repetitive Erfahrung gemeinsam ein klein wenig erträglicher zu machen. Oder Hilfe zu erhalten, weil der Schwierigkeitsgrad so unausbalanciert ist und mir die zahlreichen Mobs mal wieder im Allerwertesten spawnen. Doch laden wir uns nicht gegenseitig in eine Party oder den Chat ein, ist überhaupt nicht klar, worauf der jeweils andere Spieler gerade aus ist.

Bitte nicht falsch verstehen. Fallout 76 hat eine überwiegend großartige Community, die gerne hilft und unterstützt. Die Kritik geht eindeutig an Bethesda, denn die könnten den PVE deutlich besser begleiten. Push-to-talk wäre schon mal ein Anfang, aber auch UI-Design und Missionsgestaltung gelten in Fallout 76 nicht gerade als Paradebeispiel. Gemeinsam große Gegner plätten und sich über lohnenswerten Loot freuen geht immer, klar, aber die Aufgabenstellungen der Event-Quests sind teilweise so abstrus, dass ich sie nur ungern ein zweites mal spielen möchte. Vom stupiden Abschlachten zahlloser Gegnerwellen, bis hin zu Tower Defense-Abwandlungen ist hier alles mit von der Partie, was wir eigentlich schon längst hinter uns geglaubt hatten.

Aber selbst wenn ich darauf verzichte (oder gerade dann) und mich ganz alleine auf die Socken mache, mich nicht mit anderen Spielern zusammenschließe und auch das hilfreiche Tauschen untereinander ignoriere, bietet Fallout 76 wenig, das mich wirklich motiviert.

Die Beta war better…

Aber warum hast du die B.E.T.A. dann so übertrieben gefeiert, wenn dir das Hauptspiel überhaupt nicht gefällt? Bist du etwa Todd Howard? Ja, äh, und nein. Diese Frage hat mich tatsächlich mal länger beschäftigt und ich glaube, die Testphase konnte mich deshalb so sehr überzeugen, weil Fallout 76 in genau diesem Zeitfenster funktioniert. Für europäische Spieler war es kaum möglich, die Beta exzessiv zu spielen, weil die Server oft spät und nur für kurze Zeit online gingen. Dadurch fühlte sich das Erlebnis wie eine Demo an, die man nach Feierabend für ein oder zwei Stunden startet und alles darin antestet. Ein Appetithappen, der Lust auf mehr macht.

Lust auf das leergefegte, post-apokalyptische Setting. Lust auf die unverbrauchte Narrative, die sich hier lediglich an akustischen Stilmitteln in Form von Audio-Logs bedient. Doch mit der Vollversion von Fallout 76, einem 40 Stunden-Abenteuer, nutzt sich diese Designentscheidung relativ schnell ab. Irgendwann verliere ich schlicht den Faden und lausche nur noch mit einem Ohr den Nachrichten längst verstorbener NPCs. Warum? Weil es so unfassbar belanglos ist. Während der Beta hat meine rechte Gehirnhälfte einen entscheidenden Fehler gemacht. Sie hatte die Hoffnung, eine interessante Verschwörung im Rahmen der Hauptquest aufzudecken. Einen erzählerischen Höhepunkt zu finden, warum ich der einzige Überlebende aus Vault 76 bin. Aber den gibt es nicht. Der Grund für die Ausgangslage von Fallout 76 ist so ernüchternd wie simpel.

Wie ein Hund, der versessen nach dem Stöckchen jagt, renne ich stupide einem Questmarker hinterher, nur um den nächsten Questmarker zu triggern. Dabei wirft Bethesda das begehrte Objekt immer weiter weg, um mich noch mehr von der durchaus riesigen, aber optisch ziemlich betagten Spielwelt Appalachia / West Virginia entdecken zu lassen. Dem Hund macht das wahrscheinlich Spaß, mir…eher weniger.

Sogar die Charakterentwicklung kommt diesmal nicht ohne Patzer aus. Das S.P.E.C.I.A.L.-System mit seinen Sammelkarten-ähnlichen Perks ist im Grunde eine tolle Idee, leidet aber am eigens auferlegten Prinzip, das komplett dem Zufall überlassen ist. Will ich meinen Charakter mit besonders nützlichen Nahkampf-Skills ausrüsten und ihn darauf ausbilden, brauche ich Glück. Das war ja schon bei Need For Speed Payback eine ganz liebreizende Idee und fühlt sich bei Fallout 76 nicht wirklich besser an. Immerhin wird das ganze optisch nett verpackt, jedes Perk-Pack kommt mit Kaugummi und lustigem Spruch daher.

Mit dem Weglassen von Dialogen oder anderen essentiellen Elementen, für die wir das Rollenspiel-Genre eigentlich so sehr lieben, bleibt Fallout 76 nur noch der Loot, um halbwegs bei Laune zu halten. Doch der hat seine ganz eigenen Probleme.

Survival hat sich überlebt

Survival-Games sind echt cool…ist ein Satz aus dem Jahr 2016. Trotzdem bedient sich Fallout 76 völlig ungeniert am einst beliebten Sub-Genre, um das eigene Gameplay damit aufzustocken. Durst, Hunger, ich bin total verstrahlt. Mit solchen Aussagen nerven wir nicht nur täglich unsere Liebsten, auch das neueste Abenteuer im Ödland schreibt sich diese Grundbedürfnisse auf die Brust. Es will also regelmäßig Wasser aufgesammelt, abgekocht und dem selbst erstellten Charakter zugeführt werden, genauso wie feste Nahrung. Mit spielerischem Anspruch hat dieses Feature nur leider wenig zu tun. Es existiert halt einfach nebenher und möchte bedient werden. Klar, ein kleiner Vorrat an frischem Wasser und gebratenem Fleisch ist bei Streifzügen durch West Virginia immer von Vorteil, strategisch planen muss diese Ausflüge aber niemand, dafür gibt es schlicht zu viele Ressourcenquellen in der Spielwelt.

Apropos, denn neben dem Proviant, füllt sich das Inventar auch schnell mit allerlei anderen Dingen, die für ein Weiterkommen in Fallout 76 unabdingbar sind. Schrott zum Verscherbeln an automatisierten Tauschstationen, Komponenten zum Craften von Waffen und Ausrüstung, richtig, der Titel bietet das komplette Loot/Crafting-Paket, wie man es aus etlichen anderen Spielen bereits kennt. Da darf natürlich auch ein kuscheliges Eigenheim nicht fehlen, das grundsätzlich auf dem Bau-Feature von Fallout 4 basiert, durch die C.A.M.P.-Variante nun aber vollständig mobil wird.

Zum Release von Fallout 76 war es fast ein Ding der Unmöglichkeit, sein eigenes C.A.M.P. irgendwo zu errichten, geschweige denn auszubauen. Ständig war ein Stein im Weg, ein Ast ragte zu weit in die eigenen vier Wände, ihr wisst schon. Das stieß auf heftige Kritik und zumindest in diesem Punkt konnte Bethesda bereits nachbessern und ein Dampfwalzen-Feature in die Baumechaniken integrieren, das störende Objekte in der Spielwelt dem Erdboden gleich macht. Denn wer nicht ständig mit überfüllten Taschen umherlaufen möchte, braucht einen solchen Wohnsitz und die dazugehörige Lagerkiste, in der sich aktuell nicht benötigte Gegenstände aufbewahren lassen. Auch hier gab es eine nicht ganz überdachte Entscheidung zur Veröffentlichung des Titels. Lediglich 400 Plätze zum Verstauen von unnützem Loot waren schlicht zu wenig, mittlerweile wurde die Kapazität um 50% auf insgesamt 600 Plätze erhöht.

Das Looten und Bauen bleibt reine Geschmackssache, nimmt in jedem Fall aber einen Großteil der Spielzeit von Fallout 76 ein. Wem die Bauhaus-Bastelei schon in Titeln wie Fortnite nicht zusagt, wird auch mit den weitaus komplexeren Mechaniken in Bethesdas RPG-MMO-Hybrid keine Freude daran finden.


Der Test basiert auf unserer Testversion von Fallout 76 für die Xbox One, die uns freundlicherweise von Bethesda zur Verfügung gestellt wurde.

Screenshots stammen diesmal aus dem offiziellen Presse-Kit.

Fazit

Fallout 76 ist kein fertiges Produkt. Etliche Bugs, Schönheitsfehler und im Langzeittest von vielen als störend empfundene Elemente wurden bereits beseitigt. Die Roadmap der anstehenden Korrekturen ist noch lang, doch mehr als ein nettes, kleines Entgegenkommen und Einsehen von anfänglichen Fehlern ist das nicht. Was dem Titel fehlt, ist Stabilität im Kern. Doch diesen Kern kann nachträglich niemand mehr ändern. Das Grundgerüst steht. Wackelig, aber es ist hier. Es polarisiert – von den meisten gehasst und nur von wenigen geliebt. Aus diesen Gründen habe ich mich übrigens auch dazu entschlossen, dem Spiel keinen klassischen Score zu geben. Ich denke, der Text spricht für sich.

Ein interessanter und wichtiger Titel ist Fallout 76 aber allemal, denn er zeigt unverblümt, wie schnell die Macht einstiger Branchenriesen schwinden kann, wenn diese zu sehr an traditionellen Konzepten festhalten und es nicht verstehen, moderne Elemente sinnvoll zu integrieren. Jedenfalls hatte ich beim Spielen von Fallout 76 nie Spaß oder das Gefühl, dieser Titel solle irgendwem gefallen. Es ist Bethesdas engstirnige Idee eines neuen Fallout-Spiels. Ein Fallout-Spiel, das niemand wollte, hätte man uns bloß gefragt.

Unterm Strich bleibt die ungeschickte Mischung aus Rollenspiel und MMO im Fallout-Universum und ein Entwicklerstudio, das mit ihrem fehlgeschlagenen Experiment tief blicken lässt. Es reicht eben nicht, die alte Engine immer wieder zu modernisieren, technisch sowie spielerisch. Fallout 3 und Skyrim können oder dürfen nicht länger als Standard für zukünftige Produktionen dienen, wobei ich mir ziemlich sicher bin, dass zumindest Skyrim auch noch auf die nächste Konsolengeneration geprügelt und dort als Super-Duper-Leck mich überall-Edition verkauft wird. Bethesda muss loslassen und umdenken. Der Markt ist mittlerweile heiß umkämpft. Selbst Indie-Entwickler mischen inzwischen ganz vorne mit und verdrängen große Namen mit tollen Eigeninterpretationen – Stichwort: Metroidvania.

Aber was rede ich eigentlich? Die nächste E3 kommt bestimmt und damit auch eine weitere Möglichkeit für Todd Howard und sein Team, etwas noch viel besseres vorzustellen, das dann bestimmt den warmherzig-verheißungsvollen Worten im Vorfeld gerecht wird. (Tell me lies, tell me sweet little liessumm).