Bayonetta 2 bei uns im Test

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Die laszive Umbra Hexe Bayonetta dufte uns 2009, noch unter dem Deckmantel von SEGA, auf Microsofts eingestaubter Heimkonsole, der Xbox 360, mit zweideutigen Sprüchen und frechen Move-Abfolgen ein für den Westen eher untypisches Action-Feuerwerk spendieren. Vor knapp vier Jahren schenkte Entwickler Platinum Games in Zusammenarbeit mit Publisher Nintendo der dunkelhaarigen Hexe dann eine Fortsetzung für die verzweifelte Wii U. Umso mehr dürfen Fans des haarsträubenden Japano-Bombast sich nun über die Wiedererweckung von Bayonetta 2 für Nintendos begabteres Wiegenkind freuen. Mit Blick auf den unlängst angekündigten dritten Serienableger rund um die sexualisierte Einzelkämpferin bleibt das Sequel für Nintendos Switch zumindest ein großartiges Angebot für alle diejenigen, die das sinkende Schiff von Nintendos vergangener Heimkonsole nicht betreten wollten. Was die Nintendo Switch-Version von Bayonetta 2 anders macht und warum auch einstige Besitzer der Wii U auf den Zug der reifenden Hybrid-Konsole aufspringen sollten, erfahrt ihr in unserer Review:

An den Haaren herbeigezogen

Bayonetta, die skurile, attraktive Umbra-Hexe, schlüft auch in Bayonetta 2 erneut in die Rolle der Protagonistin.

 

Wie könnte es auch anders sein: im Sequel zum Over-The-Top-Action-Bombast schlüpft ihr wieder einmal in die Rolle der attraktiven Vollzeit-Hexe Bayonetta. Diese hat einige Jahre nach ihrem ersten Abenteuer zwar ihre angriffslustige Haarpracht einbüßen müssen, das hält die keke Protagonistin allerdings nicht davon ab ihren Gegnern gehörig die Hintern zu versohlen. Dieses Mal trägt Bayonetta den Kampf allerdings auf den Rücken ihrer Kollegin Jeanne aus. Die nicht weniger elegante Umbra-Hexe muss zu Beginn eures konfusen Abenteuers nämlich ihr Leben lassen und wird dazu verdammt für eine ganze Ewigkeit in der Hölle zu schmoren. Ein haareraufender Schicksalsschlag, den die emanzipierte Hexe Bayonetta aber nicht einfach so hinnehmen will. Und ohne dass ihr es euch verseht, befindet sich die charakterstarke Schönheit samt Haut und Haaren auf dem Weg in die Unterwelt.

Das konfuse Konstrukt hinter der Story des Erstlings bleibt euch natürlich auch in Bayonetta 2 erhalten. So dürfen Spieler sich wieder einmal auf eine typisch-japanische Inszenierung freuen, die dank ihrer überspitzen Erzählweise und selbstironischen Darstellung zu unterhalten weiß. Der Spannungsfaden im Laufe des Abenteuers reißt aber auch nach dem mehr als bombastischen Start nicht ab und verbleibt dank Neueinführung von Charakteren sowie ihrer begleitenden Geheimnisse konstant. Dieser Spannungsbogen wirkt ab und an zwar etwas gekünstelt, beispielsweise wenn Zwischensequenzen den offensichtlichen Gedankengang der Beteiligten nicht zuende führen oder in einen sinnvollen Kontext bringen wollen, das stört allerdings nur in einem gewissen Rahmen.

Getragen wir das bunte Wirr-Warr natürlich vor allem von der charakterstarken Bayonetta, die Ihre Haare mitunter auch auf den Zähnen trägt. Leider schafft sie es dank der fortgeschrittenen Erzählung und der fehlenden Einsteigerhilfe nicht die zugrundeliegende Spielfigur mit der Charakterfülle zu präsentieren wie es für ein Sequel notwendig wäre. So verbleibt Frischlingen nicht nur die Story gerade zu Beginn teils undurchsichtig auch der Sympathiefaden, den wir einst 2009 zur lasziven Hexe aufbauen konnten, erhält ohne Vorkenntnisse leider keine Möglichkeit auf ähnliche Weise zu gedeihen.

Ein Problem bei dem Nintendo aber bereits Abhilfe geschafft hat: Käufer der Retail-Fassung von Bayonetta 2 dürfen sich nämlich ebenfalls über einen kostenfreien Download-Code für den SEGA-Erstling freuen. Ein liebenswertes Angebot, dass Neueinsteiger zweifelsohne annehmen müssen.

Und erneut stehen ihr die Haare zu Berge

Wer gekonnt ausweicht, präzise Schläge und Tritte verteilt und einheitliche Kombos vom Zaun bricht, erhält eine höhere Puntkzahl am Ende jedes Kapitels.

 

So absurd wie die Geschichte von Bayonetta 2 auch ist, umso absurder wirkt das Kampfgeschehen des Platinum Games-Spiels. Wie auch schon im Vorgänger kämpft ‘Cereza’ vor allem mit ihrer angriffslustigen Mähne. Dabei setzt der japanische Spieleentwickler wieder einmal auf ein blitzschnelles Kampfsystem, dass eine ausgeklügelte Auffassungsgabe und eine schnelle Reaktionsfähigkeit voraussetzt. Ganz nach dem Motto ‘Easy to Learn, Hard to Master’ dürfte das Kampfgeschehen auch Grobmotoriakern nicht ‘die Haare vom Kopf fressen’. So sorgen schon wenige Tasteneingaben für ausgedehnte Kombo-Angriffe, die den Bildschirm mit spektakulären Attacken und blutigen Explosionen füllen.

Dabei spielt sich Bayonetta 2 um einiges simpler als es noch der 2009-erschienene Erstling tat. Wer die Herausforderung sucht kann sich jedoch auch hier wieder über mehrer Schwierigkeitsgrade freuen, die Einstellung ‘normal’ dürfte den eingefleischten Action-Enthusiasten allerdings vorerst kein Frustpotential mehr bieten. Interessant bleibt jedoch ein Wii U-Überbleibsel: So lässt sich das Abenteuer der Umbra-Hexen auch ausschließlich mittels Touch-Screen steuern. Ein Spielmodus, der die Faszination am überzogenen Franchise dank des geringen Schwierigkeitsgrades, aber zu keiner Zeit einfangen kann. Die Steuerung im Handheld-Modus gestaltet sich im übrigen recht intuitiv, kann aber der Steuerung durch den separat erhältlichen Pro-Controller nicht vollständig das Wasser reichen.

Insgesamt motiviert die Bewertung der eigenen Leistung in den einzelnen Kapiteln nach wie vor am stärksten. Wer gekonnt ausweicht, präzise Schläge und Tritte verteilt und einheitliche Kombos vom Zaun bricht, erhält nicht nur eine höhere Punktzahl sondern wird auch im Kampfgeschehen des öfteren belohnt. So kann Bayonetta bei einem Asuweichmove, der zum richtigen Zeitpunkt gezündet wird, eine Hexenzeit freisetzen, die euch einen temporären Vorteil verschafft. Zudem lässt sich nach einigen erfolgreichen Kombos der Umbra-Klimax einsetzen. Hier formt die schwarzhaarige Schönheit überdimensionale Gliedmaßen oder gleich ganze Lebewesen aus ihrer schwarzen Mähne, welche den Gegnern ordentlich einheizen. Die brutalen Foltangriffen sind als Finisher natürlich auch im Sequel wieder mit von der Partie.

Der stark überzogene und hochironsiche Tonus spielgelt sich auch im Gegnerdesign wieder. So kämpft ihr gegen groteske und absurde Engelsgestalten, die bereits zu Beginn des Spiels durch ihre gigantische Größe überzeugen. Das Ganze verliert sich typisch Bayonetta aber niemals im ‘Lächerlichen’ sondern findet das richtige Maß um der Absurdität der Protagonistin und ihrer Geschichte in einem liebenswerten Rahmen gerecht zu werden.

Eine Prise ‚Haarspalterei‘

Ingesamt stehen euch zwei Ausrüstungssets zur Verfügung, die sich ganz indivduell gestalten lassen.

 

Um das Spielgefühl etwas individueller zu gestalten, lassen sich Bayonetta’s Angriffsoptionen ebenfalls variieren. So stehen euch im Shop bei Barkeeper Enzo diverse neue Waffen, Kombo-Angriffe sowie Fähigkeiten zur Verfügung, die gegen die Ingame-Währung eingetauscht werden können. Insgesamt lassen sich dabei zwei Bewaffnungssets ausrüsten, die auch jederzeit innerhalb eines Kampfes getauscht werden wollen. Ein interessantes Konzept, dass das ohnehin schon schnelllebige Spielgefühl um eine individuelle Komponente erweitert.

Bayonetta 2 für die Nintendo Switch wartet natürlich auch mit einigen Features auf, die das Abenteuer unbestreitbar aufwerten. So hält neben dem amiibo-Support, der euch Items sowie nette Kostüme spendiert, ebenfalls der Hexenklimax-Modus Einzug in das überspannte Action-Spektakel. Hier könnt ihr kooperativ lokal sowie online die actionlastigen Kämpfe meistern und zusätzliche Heiligenscheine verdienen, die sich dann wiederum im Shop für Items ausgeben lassen. Im Gegensatz zum Koop-Modus wirkt der amiibo-Support allerdings etwas unliebsam in die Korsage von Bayonetta 2 hineingepresst. So wandelt die ‘kostenfreien’ Items das herausfordernde Abenteuer ungewollt ein eine zu stark vereinfachte Version seiner selbst.

Technisch macht Bayonetta 2 einen mehr als passablen Eindruck. Das Spiel läuft mobil als auch im Dock zwar ‘nur’ mit 720p, bietet aber konstant eine flüssige Framerate. Texturen und Ladezeiten wurde indes für die Nintendo Switch Fassung etwas überarbeitet, das Spiel macht optisch auch nach wie vor einen gelungenen Eindruck und überzeugt vor allem im Handheld-Modus trotz einiger matschiger Texturen.

89%

Die Nintendo Switch-Fassung von Bayonetta 2 schafft es mit Leichtigkeit sich aus den Zwängen der unliebsamen Portierungen zu befreien und wirkt vielmehr wie eine Rettung für das einst Wii U exklusive Sequel. Weg von dem zum scheitern verurteilten Sorgenkind hin zum etablierten Wiegenkind mit ausgeprägtem Käufermarkt. Anmutige Sexualität, erfrischende Frauenpower gepaart mit einer starken Prise Selbstironie gewährt auch Bayonetta 2 den Sympathiebonus den der Erstling seinerzeit bei Fans mit Vorliebe zum japanischen Erzähl-Wirr-Warr einheimsen konnte. Die Story wirkt nach wie vor an den Haaren herbeigezogen, das Kampfsystem strotzt vor flüssigen Movesets und bietet Anfängern als auch Fortgeschrittenen Erfolgserlebnisse ohne großes Frustpotential. Mit Hinblick auf den Switch-exklusiven Koop-Modus und die optischen Anpassungen, mutiert die Nintendo Switch-Portierung ohne Haarspalterei zu einer mehr als gelungenen Action-Prügelei, die trotz überzogener Darstellungen es nie schafft ins ‘Lächerliche’ abzurutschen. Japano-Neulinge werden vermutlich - ohne den Erstling gespielt zu haben - einige Haare mehr in der Suppe vorfinden, euch sei allerdings nahegelegt: Nintendo bietet neben dem Kauf einer Bayonetta 2 Retail-Version ebenfalls kostenfrei einen Download-Key für Bayonetta an. Ein Angebot, dass Neueinsteiger definitiv nicht ausschlagen sollten!

  • Grafik 85%
  • Sound 85%
  • Story/Atmosphäre 90%
  • Steuerung 90%
  • Umfang 95%