Anime – Vom japanischen Daumenkino zum globalen Pop-Phänomen

0

Anime ist ein weltweites popkulturelles Phänomen, welches auch in Deutschland immer mehr an Bedeutung gewinnt. Allein die Mannheimer Convention, unter dem Namen AnimagiC, konnte im Jahre 2019 mit 29500 Besuchern (AnimagiC, 2019) in ihren Hallen einen neuen persönlichen Rekord verzeichnen. Zudem schafften es in den letzten Jahren immer mehr Publisher innerhalb Deutschland an Bedeutung zu gewinnen, weshalb vor allem AniMoon Publishing zu den beliebtesten Distributoren in der deutschen Anime-Industrie gehört, obwohl die in Potsdam ansässige Firma erst 4 Jahre auf dem Buckel hat.

Als ich mich kürzlich an das Werk „Anime: A History“ (2013) von Jonathan CLEMENTS herangewagt habe, ist mir aufgefallen, auf welch vielfältige Geschichte das Medium Anime zurückblicken kann. Von Enthusiasmus getrieben wollte ich unbedingt Anime zu meinem Thema in meinem Essay machen. Als ich dann zum Thema „The Pokémon Shock“ kam, war mir klar, dass ich mich gerne damit befassen würde, wie Anime es in westliche Kulturen schaffen konnte und wie eben diese Kulturen Anime als neues Medium aufnahmen. Um nicht zu weit auszuholen, habe ich mich dazu entschieden einen stärkeren Fokus auf Deutschland zu setzen und auf welche Geschichte das Medium Anime hierzulande blicken kann.

Was sind Anime?

Anime ist der verbreitetste Begriff, um Animationen aus Japan zu beschreiben. Der Begriff Anime als solcher existiert jedoch noch nicht so lange. Vor dem 20. Jahrhundert waren Wörter wie senga (Linienkunst), kuga (Flip-Bilder), oder besonders dōga (Bewegbilder) üblich (Clements, 2013). Da jedoch Anime heute am häufigsten genutzt wird, werden wir auch im Laufe des Essays mit diesem Begriff fortfahren.

Anime in Japan

Wann genau Anime seine Anfänge hat, ist unklar. Besonders Daten vor dem großen Kantō-Erdbeben 1923 sind schwer aufzufinden, da das Erdbeben viele Animationsstudios und deren Inhalte komplett zerstört hatte. Zumindest die Animation „Namakura Gatana“ ist bis heute erhalten geblieben und kann in etwa auf das Jahr 1917 verordnet werden (Clements, 2013).

Bis zum Jahr 1931 sind zwar einige Animationen in den japanischen Kinos erschienen, dank fehlendem Celluloid und dem Verwenden von Papier ging das Gestalten neuer Animationen dahingehend aber nur schleppend voran. Als die japanische Regierung in den 30ern dann endlich das Potenzial der Animation erkannte, wurde entschieden Anime dazu zu verwenden, um Propaganda zu verbreiten. Durch das starke Interesse wurde den neuen Animationen ein großer Zuschuss spendiert, durch den sich viele weitere Projekte finanzieren ließen. Während China mit dem ersten asiatischen Spielfilm „Princess Iron Fan“ Kritik an Japan und dem damit verbundenen Japanisch-Chinesischem Krieg ausübte, kreierte Mitsuyo Seo zur selben Zeit in Japan mit Momotarōs „Sea Eagles“ eine Animation, in welcher Affen dämonische Amerikaner bei Pearl Habour angreifen. Hier wird deutlich, wie die Hintergründe während den Entwicklungen und die Geschichte Animationen geprägt haben, was uns darauf schließen lässt, dass die jeweilige Kultur und die derzeit vorherrschenden Gegebenheiten großen Einfluss auf die Produktionen haben kann.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Japan erst einmal mit dem Wiederaufbau beschäftigt, was Animationen unwichtig werden ließ. 1961 ging es dann aber wieder weiter und mit „Panda and the Magic Serpent“ kam sogar der erste Anime in die amerikanischen Kinos. Inspiriert von amerikanischen Cartoons kreierte Osamu Tetzuka 1963 die Anime-Serie „Astro Boy“, durch welche eine Anime-Revolution losgestoßen wurde. „Astro Boy“ war nicht nur der erste Anime im Fernsehen, sondern tritt zudem eine ganze Reihe Anime im japanischen Fernsehen los, welche sich alle dem Sciene-Fiction Genre widmeten.

Während Animationen vor dem Jahre 1971 noch als Kindermedium zählten, fand in diesem Jahr ein Umbruch in der Welt der Anime statt. Mit „Lupin III“ erschien zum ersten Mal ein Anime im Fernsehen, welcher nur an Erwachsene gerichtet war. Die folgenden Jahre prägte eine Zeit voller Anime, die sich anders als ihre Vorgänger an ernste Themen wagten. Vor allem durch den Titel „Uchū Senkan Yamato“ begann sich in Japan eine „Otaku-Kultur“ aus Erwachsenen Fans zu entwickeln, die noch bis heute besteht. Auch die damit einhergehenden Conventionen wurden in den folgenden Jahren begründet, wobei diese erst noch in den Kinderschuhen steckten.

1984 erschien das bekannte Werk „Nausicaä aus dem Tal der Winde“, welches an den Kinokassen ein großer Erfolg wurde. 1985 gründete der Schöpfer Hayao Miyazaki das Studio Ghibli und wurde in den nächsten Jahren für viele große Hits bekannt. Vor allem „Chihiros Reise ins Zauberland“ aus 2001 feierte enorme Erfolge auf der ganzen Welt und konnte sich als einziger Anime einen Oscar sichern. Auch „Prinzessin Mononoke“ aus 1997 erfreute sich großer Beliebtheit und konnte mithilfe der anderen Studio Ghibli Filme eine Fangemeinde auf der gesamten Welt etablieren.  Studio Ghibli ist zudem dafür bekannt, Themen in seine Filme aufzunehmen, die besonders ihrem Schöpfer Hayao Miyazaki sehr am Herzen liegen.

Bleiben wir in den 90ern, einer Zeit, in der Anime zu dem wurde, wie wir es heute kennen. „Pokémon“, „Neon Genesis Evangelion“ und „Inuyasha“ zählen alle zu den Anime, die das Medium selbst Salonfähig gemacht haben. Anime erfuhr einen regelrechten Boom und begann sich somit an diesem Punkt zur riesigen Industrie zu entwickeln, die wir heute kennen. Auch die Jahre danach waren geprägt von Riesenhits, wie „Die Melancholie der Haruhi Suzumiya“, „Sword Art Online“ oder dem Film „Your Name“, welcher „Chihiros Reise ins Zauberland“ an Einnahmen überbieten konnte.

Warum erzähle ich das eigentlich alles? Wer Anime verstehen will, muss auch die Geschichte und Hintergründe verstehen können. Anime entsteht nicht einfach aus dem Nichts, sondern wird geprägt von ihren jeweiligen Machern und deren Erfahrungen. Diese wiederum sind in stetiger Beeinflussung durch ihre Umgebung und durch die Gesellschaft in der sie leben und aufgewachsen sind. Was ich damit zum Ausdruck bringen versuche, ist, dass Anime eine Repräsentation japanischer Kultur und japanischen Gegebenheiten ist. Heutzutage werden Anime über ein Komitee ins Leben gerufen, die meisten nur darauf abzielen ein bestimmtes Spielzeug oder den dazugehörigen Manga zu verkaufen. Trotzdem beeinflusst jedes Mitglied im Komitee den Anime mit. Ist ein Genre in der japanischen Gesellschaft gerade besonders beliebt, dann wird es ganz sicher einen Anime dazu geben. Anime sind also kein Produkt für sich, sondern abstrakte Produkte, die von ihrer Umgebung geformt und letztendlich in den Markt eingeführt werden.

Anime in Deutschland

Deutschlands Anime Geschichte beginnt im Jahre 1971 mit der Serie „Speed Racer“. Der Süddeutsche Rundfunk war für den Kauf des Anime verantwortlich und konnte sich acht Folgen der Serie sichern. Zwar war „Speed Racer“ bei den Kindern ein Hit, leider sahen viele Eltern und Pädagogen den Anime als Gefahr, woraufhin der Süddeutsche Rundfunk die Serie aus seinem Programm nahm (Kerl, 2017).

1972 kam es dann dazu, dass das ZDF und der ORF die schwedische Buchreihe „Wickie und die starken Männer“ ins Fernsehen bringen wollte. Mit dem japanischen Studio Nippon Animation fand man schließlich einen geeigneten Partner. Anders als noch „Speed Racer“ fand „Wickie und die starken Männer“ eine positive Resonanz und so ergab es sich, dass mit „Heidi“, „Biene Maja“ und auch „Pinocchio“ es nach Deutschland schafften und auch im hiesigen Fernsehen bleiben durfte. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass diese Anime nicht als japanische Animationen vermarktet wurden.

Während Frankreich und Italien schon früh damit anfingen Anime kurz nach japanischem Release in den heimischen TV-Kanälen zu zeigen, blieb es in Deutschland lange Zeit bei den kinderfreundlichen Serien. 1980 kam dann aber doch mit „Captain Future“ die erste Anime-Serie nach Deutschland, die nicht in erster Linie an ein jüngeres Publikum gerichtet war. Trotz eines neuen Soundtracks, welcher direkt aus Deutschland selbst kam, wurde auch „Captain Future“ von Eltern und Pädagogen als zu gefährlich erachtet, weshalb auch diese Serie aus der deutschen Fernsehlandschaft ausschied.

Nachdem wieder nur kinderfreundlich Anime in Deutschland gezeigt wurden, entschied sich 1988 der Privatsender Tele 5 „Saber Rider und die Starsheriffs“ zu zeigen. Auch in den nächsten Jahre brachte Tele 5 einige Anime nach Deutschland. 1993 begannen dann auch Kabel eins und RTL 2 Anime in ihr Programm mitaufzunehmen. Das besondere dabei ist, dass RTL 2, anders als seine Vorgänger, nicht versuchte zu verstecken, dass Anime aus Japan kommen. Vor allem bei „Mila Superstar“ wird diese Tatsache besonders deutlich, da hier schon im deutschen Opening davon die Rede ist, dass Mila aus dem fernen Japan stammt. Zum wirklich ersten Anime-Boom in Deutschland kam es aber erst, als der Magical Girl Anime Sailor Moon seinen Weg zu uns fand.

In den folgenden Jahren schafften es immer mehr Anime nach Deutschland. Vor allem Titel wie „Pokémon“, „Dragon Ball“ oder „One Piece“ sorgten dafür, dass sich auch in Deutschland Anime regelrecht eine große Fangemeinde aufbauen konnten. Wie im vorherigen Kapitel genannt, sind auch Studio Ghibli zum Großteil dafür verantwortlich gewesen, dass Anime einen Platz in der deutschen Medienkultur finden konnte.

Anders als in anderen europäischen Ländern hatte Anime in Deutschland viele Startschwierigkeiten und es hat lange gebraucht, bis das Medium hierzulande akzeptiert wurde. Anime ereilte das gleiche Schicksal wie Videospiele und wurde unter vielen Erwachsenen als zu brutal oder gar verdummend erachtet. Trotz einiger kinderfreundlicher Vertreter war es schwer für viele Anime mit erwachsenen Themen angenommen zu werden, was zu einer Stagnation im deutschen Anime geführt hat. Nichtsdestotrotz konnte sich Anime in den letzten Dekaden einen hohen Stellenwert in der deutschen Bevölkerung sichern und wird heutzutage nicht nur akzeptiert, sondern in einer großen Fangemeinde gefeiert.

Kulturelle Wechselbeziehungen am Beispiel von Anime

Wie in einem der vorangegangenen Abschnitte bereits erwähnt, wird Anime stark von den Produzenten geprägt. Es sollte aber auch in Betracht gezogen werden, dass eben diese Produzenten verschiedenen Einflüssen unterliegen. So ist es kein Wunder, dass zum Beispiel Osamu Tezuka, der kreative Kopf hinter „Astro Boy“, selbst zugibt, dass er von Disneyproduktionen inspiriert wurde. Während dem Zweiten Weltkrieg formte Tōhō Production aus einigen Mitarbeitern den sogenannten „Shadow Staff“ (Clements, 2013), welcher in einem geheimen Screening Disneys „Fantasia“ angeschaut hat, um auf Grundlage dessen Animationen zu kreieren, die als Propaganda vertrieben werden konnten. Auch Hayao Miyazaki trifft sich noch heute häufiger mit seinem Freund John Lasseter aus dem Studio Pixar, welches unter Disney Animationen gestaltet. Anhand dieses Beispiels wird der kulturelle Austausch noch deutlicher, da nicht nur Miyazaki von Lasseter lernt, sondern auch  Lasseter von Miyazaki (Otmazgin, 2014). Vor allem heutzutage lassen sich viele amerikanische Studios von Anime inspirieren. „Avatar – Der Herr der Elemente“ aus dem Jahre 2005 beinhaltet nicht nur eine Welt, die stark an japanische Strukturen und Gesellschaften erinnert, sondern übernimmt zudem die schnellen Geschichtsabläufe und den etwas anderen Humor aus Anime.

Obwohl sich Anime und westliche Cartoons schon länger gegenseitig als Inspiration dienten, war es schwer für japanische Animationen in den westlichen Kulturen einen Platz zu finden. Dies kann vor allem darauf begründet werden, dass Personen aus westlichen Kulturen keinen Bezug zu Anime aufbauen konnten. In den letzten Jahren konnte man hier jedoch einen Wandel feststellen. Zwar gibt es keine klaren Beweise worauf dieser Wandel zurückzuführen ist, es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass besonders verschiedene Subkulturen eine große Rolle gespielt haben. Neben Anime haben sich auch Medien, wie Videospiele oder Comics etabliert. Da auch diese Medien in Japan verankert sind, muss davon ausgehen, dass sich Manga und Comics, sowie japanische und westliche Videospiele gegenseitig inspiriert haben. Folglich ist es leicht nachzuvollziehen, dass zum Beispiel ein Gamer ein japanisches Rollenspiel in die Hand nimmt und damit auf die Existenz von Anime aufmerksam gemacht wird. So benutzt die von Bandai Namco Entertainment entwickelte „Tales of“ Reihe Zwischensequenzen, die vom Animationsstudio Ufotable produziert werden und damit stark einem Anime ähneln.

Auch wenn damit der oftmals genannte Anime-Mix (Clements, 2013) dafür sorgt, dass Personen aus den verschiedensten Kulturen über Subkulturen Zugang zu Anime finden, ist damit noch nicht geklärt, wieso genau Deutschland so lange gebraucht hat, Anime zu akzeptieren. Anders als Frankreich oder andere europäische Länder, hat Deutschland wenig eigene Animationen bzw. die eigenen Animationen, die im deutschen Fernsehen zu sehen waren, kamen meist aus Ländern wie den USA oder Japan selbst. Auch in Sachen Comics hat Deutschland keine wirkliche Geschichte, auf die das Land zurückblicken kann. Es ist also kein Wunder, dass die ersten Erwachsenen Anime abgelehnt wurden, da es sich bei eben diesen Anime um ein neues Medium handelte, dass von der deutschen Bevölkerung als etwas Fremdartiges aufgenommen wurde und so zu einer Gefahr wurde. Anime die in Deutschland einen Platz in Fernsehen fanden, wurden zumeist als „Deutsch“ vermarktet, weshalb diese nicht fremdartig und neu wirkten. Warum aber hat Deutschland keine Geschichte in Bezug auf Comics? Diese Tatsache ist dem NS-Regime und anderen Einflussfaktoren zu verdanken. So wanderte der gebürtige deutsche Rudolph Dirks von Deutschland nach Amerika im Alter von zwölf Jahren aus und schrieb in New York seinen Comic „Die Katzenjammer Kids“ (1897) mit dem er noch bis heute als Erfinder des modernen Comics gilt (Penkert-Henning, 2016).

Aber auch wenn Anime es in Deutschland schwierig hatte, muss man doch davon sprechen, dass Anime einen starken Einfluss auf seine Zuschauer ausübt. Diese Annahme gilt jedoch nicht nur für Deutschland alleine, sondern für viele weitere westliche Kulturen. Natsuki Fukunaga (2006) beschäftigte sich in seinem Artikel „‚Those Anime Students‘: Foreign Language Literacy Development through Japanese Popular Culture“ aus dem Journal of Adolescent & Adult Literacy mit Studenten aus dem Bereich JFL und wie diese durch Anime beeinflusst werden. Fukunaga zeigt hier, dass viele Studenten, die sich für JFL entschieden haben, durch Anime das Interesse an der japanischen Sprachen gefunden haben. Hier hören die Erkenntnisse von Fukunaga aber noch nicht auf. Es zeigte sich, dass seine Studenten, welche Anime schauen, eine bessere Aussprache und ein stärkeres Verständnis der Sprache vorweisen konnten. Dies ergibt sich, da Anime viele kulturelle Aspekte aus der japanischen Gesellschaft aufgreift und sie in die Geschichte einbaut. Auch Sprache ist hiervon betroffen. So zeigen Anime, wie die japanische Sprache im Alltag eingesetzt wird, welche Abweichungen zu beachten sind und wie Akzente aus unterschiedlichen Regionen klingen. Schaut sich ein Student nun nach dem Unterricht einen Anime an, kann er das gelernte direkt in den Bezug setzen und in den richtigen gesellschaftlichen Bereichen anwenden. Fukunaga gibt in seinem Artikel zudem hilfreiche Tipps, wie Lehrkräfte Anime in ihren Unterricht einbauen können, was, wie ich finde, sinnvoll ist, da Anime auch in westlichen Kulturen an immer stärkerer Bedeutung gewinnt. Ich selbst wollte an dieser Stelle jedoch eine Warnung an die Leser geben. Auch wenn Anime dem Zuschauer viel Wissen vermitteln kann, so sollte man sich nicht alleine auf das Wissen aus Anime stützen, sondern auch andere Quellen dem Lernprozess hinzufügen. Sollte sich der Lernende nur auf Anime beziehen, läuft er Gefahr sich ein gefährliches Halbwissen anzueignen, durch welches einem das Gefühl vermittelt wird, die Sprache verstanden zu haben, obwohl er nicht mal richtig damit angefangen hat. Trotzdem kann ich hier nur aus eigener Erfahrung einbringen, dass Anime einem jedem einen Anreiz geben kann, später ein Teil der Anime-Industrie werden zu wollen. Schließlich war auch für mich Anime ein Anreiz Management zu studieren, um damit vielleicht sogar einen Zugang zu deutschen Anime-Industrie zu bekommen.

Kommen wir als letztes noch einmal explizit auf Deutschland zurück. Wie im Abschnitt „Anime in Deutschland“ erwähnt, hatte das  Medium Anime in Deutschland einen schweren Start, konnte sich aber in den 90er und Anfang der 2000er zu einem festen Bestandteil der deutschen Fernsehkultur entwickeln. Auch wenn Anime nach einer Talfahrt von 2007 bis 2013 immer mehr Fans gewinnen konnte, muss man doch erwähnen, dass Anime auch noch heute unter vielen Personen als Kinderkram oder gar Schmuddelkram bekannt ist. Woher diese Vorurteile genau kommen kann man leider nicht genau sagen, es kann aber damit zusammenhängen, dass Anfang der 2000er noch 20% (Kerl, 2019) aller Anime in die Kategorie Hentai fielen. Der Begriff Kinderkram resultiert wahrscheinlich daraus, dass viele frühen Anime nur an ein Kinderpublikum gerichtet waren, was jedoch die Folge davon ist, dass Anime mit erwachsenen Themen keine Chance hierzulande bekommen haben. Nehmen wir nun also auf die Wechselbeziehungen Bezug. Deutschland war wegen seiner Ablehnung kein lukrativer Markt für japanische Produzenten, weshalb deutsche Fernsehsender selbst auf die japanischen Publisher zugehen mussten. Diese machten es deutschen Fernsehsendern oftmals schwer, weshalb viele Anime hierzulande nur in Etappen oder nicht mal komplett erschienen. Zwar ist heute der Lizensierungsprozess immer noch eine große Hürde für viele Publisher, da zum Beispiel komplette Serien gekaufen werden müssen, auf die japanische Veröffentlichung gewarten werden muss oder weil der japanische Produzent einfach überall ein Wort mitzureden hat, trotzdem ist durch das Internet und durch den stärkeren deutschen Markt ein klarerer Austausch zwischen deutschen und japanischen Publishern möglich. In der Folge dessen wird also klar, dass Anime in den letzten Jahren einen besseren Austausch zwischen der deutschen und der japanischen Kultur gefördert hat, da beide Seiten Kooperationen eingehen, durch welche beide Länder mehr übereinander lernen können. Ein interessantes Beispiel für diesen Austausch ist die stärkere Nachfrage an Streaming-Services. Neben vielen Plattformen, wie Crunchyroll, die eigens für Anime existieren, setzt auch Netflix immer mehr auf die Produktion neuer eigener Anime. Mitglieder von Crunchyroll und Netflix sitzen tatsächlich heutzutage mit in vielen Produktionskomitees, weshalb sie direkt auf die Produktion Einfluss nehmen können. Dieser Einfluss ist aber nicht einseitig. Da viele Plattformen einen Anime für sich selbst wollen entsteht ein Bieterwettstreit, wovon die verschiedenen Mitglieder des Produktionskomitees profitieren. Außerdem müssen Streaming-Services sich an die Vorgaben der japanischen Mitarbeiter halten.

Abschluss

 Anime ist ein exzellentes Beispiel für die kulturellen Wechselbeziehungen zwischen zwei Ländern. Da das Medium Anime von so vielen unterschiedlichen Einflüssen geprägt ist, kann Anime als kulturelles Gut bezeichnet werden. Die immer größere Bedeutung von Anime zeigt, dass viele an der japanischen Kultur interessiert sind, was auch bedeutet, dass die Kultur verbreitet wird. In diesem Essay ging es um die Wechselbeziehungen, daher müssen wir uns auch den Einfluss anderer Kultur auf Anime anschauen, was vor allem durch Disney und dem Austausch mit Publishern außerhalb Japans auf jeden Fall eine Rolle spielt. Somit komme ich zu dem Schluss, dass Anime die Wechselbeziehungen von Japan und westlichen Kulturen fördert. Auch wenn hier eine Wechselbeziehung deutlich ist, sollte immer darauf geachtet werden, welches kulturelle Bild denn überhaupt vermittelt wird. Durch den Austausch eines Guts alleine darf man nicht auf eine gesamte Kultur Schlüsse ziehen. Anime als Kulturgut ist also mit Vorsicht zu genießen. Schaut keinen Anime und denkt direkt, ihr wisst wie Japaner und ihre Kultur im gesamten funktionieren. Als ich 2018 in Tokio war, hab ich viele kulturelle Aspekte kennengelernt, die über Anime hinaus gehen. Diese Reise hat mir aber auch gezeigt, dass Anime oft das Bild verzerren. Es herrscht also eine Wechselbeziehung aber nur in Teilen.

Die Forschungen zu diesem Thema sind noch immer nicht abgeschlossen. Niemand kann vorausahnen, wie sich Anime in Zukunft entwickeln wird und welche Folge diese Entwicklung auf andere Länder haben wird. Auch sind noch viele Lücken in der Geschichte des Anime, die es zu untersuchen gilt. Wie Anime aufgenommen wird und wie sich das kulturelle Bild in Bezug auf Japan verändert, wird zwar schon in Teilen behandelt, könnte aber noch genauer unter die Lupe genommen werden, schließlich wäre es interessant herauszufinden, inwiefern wir neue Kulturen kennenlernen können ohne im jeweiligen Land sein zu müssen und ohne dass unser Bild in Bezug auf andere Kulturen zu stark verzerrt wird.

Bibliographie

Hinterlasse einen Kommentar