Tomb Raider im Test

“Ich bin wieder hier, in meinem Revier”, lautet der Songtext eines bekannten Kult-Klassikers von Marius Müller-Westernhagen. Ähnliche Verse wird wohl auch die toughe Lara Croft auf den Lippen gehabt haben, als sie ihrem Reboot in die Augen blickte. Immerhin fünf Jahre sind seit der letzten richtigen Tomb Raider-Umsetzung, wir blenden das halbgare Spielerlebnis Lara Croft and the Guardian of Light einfach mal gepflegt aus, vergangen. Doch anstatt in der Historie der Schatzjägerin voranzuschreiten, folgten zahlreiche Schritte zurück, bis hin zu den Anfangstagen als junger Teenager. Die Verjüngungskur hat Lara Croft jedoch nicht geschadet, sondern sie stattdessen in eine glaubhaftere Position gerückt. Plötzlich gibt es Material, mit dem man (der Spieler) sich identifizieren kann und Tomb Raider wirkt nicht mehr ganz wie ein Überwesen von einem anderen Planeten. Doch bekanntlich ist nicht alles Gold was glänzt und auch die neue Lara muss sich diesen Satz gefallen lassen. Wir haben uns für euch in das neueste Abenteuer der Archäologin, welches auch gut einem LOST-Drehbuch entsprungen sein könnte, gestürzt und unsere Erfahrungen in diesem Testbericht notiert.

Und plötzlich war der Schmerz da

Gemeinsam mit einem Team von Archäologiestudenten, einem renommierten Professor, einem erfahrenen Abenteurer sowie einem alten Haudegen als Kapitän, begibt sich die junge Lara auf die Suche nach der sagenumwobenen Insel Yamatai. Die Expedition führt die Crew mitten ins Drachen-Dreieck. Wer nun Ähnlichkeiten zum berühmten Bermuda-Dreieck vermutet, der darf sich fortan mit der Auszeichnung Meisterdetektiv schmücken. Denn auch im Drachen-Dreieck sorgt eine ungewöhnliche Naturgewalt für das Verschwinden zahlreicher Schiffe und Flugzeuge. Kein Wunder also, dass auch die Passagiere des Schiffs “Endurance” Opfer dieses Phänomens werden. Ein plötzlich aufkommender Sturm lässt das Schiff zerbersten und Lara Croft verschwindet hilflos in den Fluten des Ozeans. Was nun beginnt, ist eine Reise des Schmerzes. Benommen erwacht die aufstrebende Archäologin in einer feuchten Höhle, kopfüber an der Decke gefesselt. Mit einer einfachen Links-Rechts-Bewegung bringen wir das Mädchen zum Schwingen und können die Fesseln durch eine entzündete Fackel brennen lassen. Der anschließende Sturz Richtung Boden endet in einer schmerzhaften Erfahrung. Eine kleine Eisenstange bohrt sich in Lara’s Seite und wir sind live dabei. Uns entfährt ein mitleidendes Zischen und uns ist klar, dass uns die neue Tomb Raider bereits jetzt richtig Leid tut. Doch im gleichen Atemzug kommt uns der Gedanke, dass das wahrscheinlich auch das perverse Ziel der Entwickler sein könnte. Dass wir Mitleid mit der Protagonistin empfinden sollen, dass wir bei jeder verletzlichen Szene mitfiebern und dass wir stetig die Hoffnung haben, dass die Odyssee bald ein Ende findet. Laute, wie Keuchen, Fluchen, Schluchzen und resignierende Seufzer machen das Spielerlebnis nicht leichter, allerdings tragen sie deutlich zu der Atmosphäre bei. Lara macht ständig Geräusche, wirkt so lebendiger und lässt ihr Abenteuer wie einen interaktiven Film erscheinen.

Jagen für Anfänger

Schon bald gelangen wir an unsere erste Waffe, einen archaisch anmutenden Bogen, der in unseren Händen zu einer gnadenlosen Tötungsmaschine mutiert. Doch anstatt direkt auf den nächstbesten Feind zu feuern, vergreifen wir uns an wehrlosen Kaninchen, Vögeln und Rehen bzw. Hirschen. Wir erinnern uns an die letzte Lektüre im Survival-Handbuch für auf einer einsamen Insel Gestrandete und wissen, wir töten Tiere der Nahrung wegen, um nicht zu verhungern. Wir schleichen uns also vorsichtig an unser erstes Opfer heran, ein Reh, welches nichts ahnend, seinem Fressen nachgeht. Wir ziehen die Sehne unseres Bogens zurück, zielen ohne zu Zittern auf den Kopf des Tieres und lassen los. Blitzschnell verlässt der Pfeil die Sehne und spendiert uns zum Dank für seine Freilassung einen saftigen Tierkadaver. Wir sagen guten Appetit und erhoffen uns von dem erlegten Reh eine gehörige Portion leckeren Wildbrets. Während sich Lara mittels Pfeil an dem Opfer zu schaffen macht, kommt die Erkenntnis. Vorbei sind die Survival-Vorstellungen, dass die frischgebackene Schatzjägerin Nahrung benötigt, um diesen Trip durchzustehen. Stattdessen werden wir mit für Tomb Raider eigentlich eher untypischen Erfahrungspunkten belohnt, die wir für die Verbesserung unserer Fähigkeiten investieren können. An diesem Punkt sind wir doch etwas enttäuscht. Schließlich geht es doch um ein junges Mädchen, welches wider Erwarten auf einer geheimnisvollen Insel ums Überleben kämpfen muss. Nicht nur, dass sie ohne mit der Wimper zu zucken ein Tier erlegt, nein, sie macht es für einige läppische Erfahrungspunkte.

Austauschbares Rollenspiel

Überall auf der Karte verbergen sich Lagerfeuer, an denen wir uns nicht nur eine kurze Rast vom Abenteurerleben gönnen, sondern auch unsere hart verdienten Erfahrungspunkte ausgeben können. Erfahrungspunkte erhalten wir nicht nur durch das Erlegen potentieller Jagdbeute, sondern auch für das Erlegen von Feinden und dem Sammeln besonderer Gegenstände, wie Dokumente und Reliquien. Unsere Fähigkeiten sind verschiedenen Kategorien zugeordnet, unter anderem dem Jagdinstinkt und den Kampffertigkeiten. So haben wir die Möglichkeit, unsere Nahkampf-Skills zu verbessern und unseren Gegnern mit todbringenden Fatality-Moves den Garaus zu machen. Oder aber wir verfeinern unsere Sicht für Tiere aller Art, um diese auf der Karte leichter ausfindig zu machen und so mehr Erfahrungspunkte zu sammeln. Positiv ist, dass das Fähigkeiten-System von Tomb Raider in sich geschlossen ist. Negativ bewerten wir dagegen seine Überflüssigkeit. Nicht, dass wir darin enthaltenen Fähigkeiten nicht gebrauchen könnten, allerdings wirken sie austauschbar, völlig innovationslos. Zudem ist es möglich, sofern man sich auch auf die Suche nach sammelbaren Gegenständen begibt oder das ein oder andere optionale Grab aushebt, alle Fähigkeiten freizuschalten. Der Spieler wird nicht zum Denken animiert, sondern was folgt, ist die stupide Abklapperung der Fertigkeiten, bis man alle beisammen hat. Im Laufe des Spiels erhält Lara Croft neben dem bereits erwähnten Bogen noch weitere Waffen, unter anderem eine Kletteraxt oder auch ein Maschinengewehr. Überall in den Gebieten lassen sich Kisten und Truhen finden, die Handwerksmaterialen beinhalten. Mittels dieser Materialien lassen sich die bereits gefundenen Waffen upgraden und nachhaltig verbessern. Doch auch hier ist es möglich, alle Waffen bis zum Maximum zu craften.

Pseudo-Bewegungsfreiheit

Achja, das waren noch Zeiten, als wir mit der etwas älteren Lara Croft durch antike Tempel und dichte Dschungel hüpften und verzweifelt nach dem richtigen Weg suchten. Wie oft gaben wir resigniert auf und versuchten es dann doch wieder. Beim Tomb Raider-Reboot folgte diesbezüglich erst einmal Ernüchterung in Form von Schlauchlevels. Schlauchlevels? Really? Die Karten zeigen es und wir fühlen uns frappierend an das Karten-Design von Dragon Age erinnert. Immerhin sind uns nach oben erst einmal keine Grenzen gesetzt und so klettern wir uns föhlich vergnügt durch die Level. Aufgrund der Begrenzungen sind wir uns aber  jederzeit darüber bewusst, wo wir uns gerade befinden und wohin wir müssen. Wirkliche Frustmomente wurden also erfolgreich eliminiert. Allerdings vermissen wir schmerzlich (ja, da ist er wieder, der Schmerz) das nicht immer gesunde Rätselraten in den älteren Tomb Raider-Teilen. Nichtsdestotrotz macht es Spaß, zu klettern, zu springen, zu fallen und zu rollen. Denn die Bewegungs-Animationen der jungen Lara sind durchgehend flüssig und fügen sich auch nahtlos in das Gesamtgeschehen ein. Auch wenn sich gerade viel auf dem Bildschirm bewegt, kommt es zu keinen kleineren oder größeren Rucklern. Zusätzlich sind die Bewegung durchaus realistisch dargestellt. Man hat jederzeit das Gefühl, dass sich jeder Muskel in Lara bewegt, während sie sich an einer Kante hochzieht.

Ach, auch wenn wir hier einen negativen Aspekt nach dem anderen aus unseren Ärmeln schütteln, lässt uns dieses Spiel einfach nicht los. Dafür ist die Atmosphäre einfach zu dicht, das Spielerlebnis zu intensiv und die Symphatie mit der jungen Lara einfach zu groß. Die Grafik überrascht durch eine abwechslungsreiche Szenerie. Blinzelt eben noch die Sonne verstohlen durch das Blätterdach, prasselt plötzlich dichter Regen auf den matschigen Boden. Oder wir schleichen uns durch ein riesiges Kloser, an dessen Wänden bestialisch der Wind vorbeisaust. Alles wirkt auf der einen Seite so unwirklich, während auf der anderen Seite uns die Realität begrüßt. Hinzu kommt die wirklich gelungene Sprachausgabe, wobei uns die englische Synchronstimme von Lara Croft doch etwas besser gefällt, als die deutsche Version gesprochen von Nora Tschirner. Diese wirkt öfter etwas gezwungen und vermag es nicht immer, die Furcht und Augeriebenheit von Lara zu transportieren. Das Gesamtpaket weiß zu überzeugen und macht aus Tomb Raider eines der besten Spiele des Jahres 2013, trotz der offensichtlichen Negativ-Punkte. Besonders die Story hat uns gefesselt und uns jedes Mal sagen lassen: “Nur noch eine Minute, Mami!”. Wir wollten jederzeit wissen, was es mit der sagenumwobenen Insel Yamatai auf sich hat.

Fazit

Der Tomb Raider-Reboot ist geglückt, auch wenn nicht unbedingt zur Zufriedenheit eingefleischter Lara Croft-Fans. Dafür ist das Spielerlebnis zu casual-lastig, zu einfach, zu vorhersehbar und zu stumpf. Das fängt mit dem schnöden Fähigkeits-System an und hört bei den nervigen Schlauchlevels auf. Trotz allem ist es Crystal Dynamics gelungen, Tomb Raider, der Person sowie der Spielereihe, zu neuer Stärke verhelfen. Das war auch bitter nötig, nach den verhunzten letzen Ablegern. Auf der jungen Lara kann man aufbauen und eventuell jetzt vernachlässigte Spieleaspekte in einem möglichen Nachfolger einbauen. Open World meets Tomb Raider wäre zum Beispiel eine lohnenswerte Erwähnung, um mehr spielerische Freiheiten zu erlauben, zum Beispiel auch bei der Erforschung alternativer Lösungswege. Man merkt dem Spiel an, dass die Entwickler möglichst viele neue Spieler für sich gewinnen wollten. Für einen ersten Einstieg in das Tomb Raider-Universum bestimmt nicht verkehrt. Doch darauf lässt sich später nicht mehr bauen. Mehr Abwechslung sollte an der Tagesordnung stehen. In Sachen Grafik, Synchronisation und Atmosphäre hat Crystal Dynamics jedoch ganze Arbeit geleistet. Selten haben wir ein so atmosphärisch dichtes Gesamtwerk erlebt. Einfach klasse!

Wertung

Sehr gut

Marc

Marc

Mitglied der Chefredaktion, Ansprechpartner Publisher
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