Yo-Kai Watch bei uns im TestYo-Kai Watch bei uns im Test
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Yo-Kai Watch bei uns im Test

Was macht Yo-Kai Watch besser als Pokémon? Keine Ahnung. Naja, eigentlich schon, aber als gefühlte Premiere werdet ihr in den kommenden Zeilen vom völlig überflüssigen Vergleich mit den traditionsreichen Hosentaschenmonstern verschont und wir betrachten das neue J-RPG aus dem Hause Level 5 als das, was es tatsächlich ist und letztlich auch verdient zu sein: Ein eigenständiges Spiel mit tollen Ideen und einer unverwechselbaren Präsentation. Yo-Kai Watch auf dem Nintendo 3DS bei uns im Test.

Yo-Kai Watch Thumb

Was ist in den letzten 20 Jahren eigentlich mit uns passiert, dass wir jedes digitale Monster, das sich fangen, sammeln und bekämpfen lässt, sofort mit Pokémon assoziieren und schonungslose Vergleiche ziehen? Pokémon als Deonym für eine Thematik, die eigentlich nicht neutraler sein könnte. Eine vermeintlich friedliche Welt, ein Held in Kinderschuhen und viele, meist freundlich gesinnte Wesen. Das Ganze verpackt als Abenteuer mit spaßigen Rollenspiel-Elementen. Klar, die Parallelen liegen irgendwie schon auf der Hand, doch Yo-Kai Watch verdient diesen ständigen Vergleich einfach nicht. Es musste sich in vielen vorangegangenen Reviews sogar härteren Kriterien unterwerfen, indem es als simples Abbild des knuddeligen Großmeisters dargestellt wurde und heimste dadurch fast automatisch ein paar Punkte weniger ein. Genau aus diesem Grund und übrigens auch, weil ich in diesem Leben bitte nie wieder in einem User-Kommentar lesen möchte, dass es eine Mischung aus Pokémon und Ni no Kuni sei (duh), wird Yo-Kai Watch in folgendem Test eigenständig und fair behandelt. Sorry, Pikachu.

Hier gibt es nichts zu sehen, gehen Sie bitte trotzdem NICHT weiter! Leider ist Yo-Kai Watch einer jener Titel, die eine Aufnahme von Screenshots über das Miiverse verweigern. Level 5 und Nintendo geizen auf ihren Presse-Servern ebenfalls mit Material. Für einen guten optischen Eindruck des Spiels, empfehlen wir an dieser Stelle die kostenlose Demo im e-Shop des Nintendo 3DS und den offiziellen Trailer weiter unten im Artikel.

Yo-Kai Watch leiht sich seine Rahmenhandlung vom traditionellen japanischen Volksglauben, in dem die kleinen Geister, Kobolde und Monster bereits im frühen 18. Jahrhundert ihr Unwesen trieben und bis heute in den Köpfen allzu abergläubischer Menschen überlebten. Was damals viel Stoff für schaurige Geschichten bot, ist zwar heute noch ziemlich präsent, wird zumeist aber eher belächelt. Die Mythologie wird im Japan der Moderne viel mehr als alberne Ausrede für allerlei Unglück missbraucht. Das Auto springt nicht an, der beste Freund ist extrem schlecht gelaunt und irgendwie streiten sich die Eltern in letzter Zeit andauernd. Da muss doch irgendwo ein Yo-Kai am Werk sein, der von besagtem Objekt oder der Person Besitz ergriffen hat. So funktioniert Aberglaube und übrigens auch Yo-Kai Watch auf dem Nintendo 3DS.

Yo-Kai Watch (1)

Als Junge oder wahlweise auch Mädchen in recht generischem Look, stoßen wir während der großen Sommerferien eher zufällig auf einen antiken Automaten mitten im stadtnahen Waldgebiet von Lenzhausen. Eine allzu neugierige Berührung führt wie immer zu ungeahnten Ereignissen, weshalb wir uns plötzlich dem Yo-Kai Diener Whisper gegenübersehen, der fortan nicht mehr von unserer Seite weicht und immer wieder wertvolle Tipps zum Besten gibt.

Viel mehr sei an dieser Stelle nicht verraten, tatsächlich ist diese kleine Begegnung aber der Auftakt zu einem erstaunlich großen, wenn auch alltäglich wirkenden Abenteuer, das einen ganz unfreiwillig an die eigenen Erlebnisse längst vergangener Sommerferien aus Kindheitstagen erinnert. Im Kern ist Yo-Kai Watch dagegen ein echtes J-RPG, das mit spannenden Erkundungstouren und dem süchtig machenden Schnapp sie dir alle-Prinzip aufwartet, sich erzählerisch aber eher wie die ebenfalls recht erfolgreiche TV-Serie präsentiert und uns einzelne, weniger zusammenhängende Episoden spielen lässt.

Denn nach unserem unfreiwilligen Rendezvous mit Whisper sehen wir die Stadt und ihre zahlreichen Bewohner mit völlig anderen Augen. Mithilfe der namensgebenden Yo-Kai Watch, einer bunten Uhr am Handgelenk des Protagonisten, können wir nun die mysteriösen Wesen, die sich in Vorgärten, Straßenzügen und sogar Personen verstecken, ausfindig machen. Die Uhr funktioniert dabei wie ein Radar, das je nach Abstand zum eigentlich unsichtbaren Yo-Kai stärker oder eben schwächer ausschlägt. Sind wir uns der Position aber sicher, aktivieren wir unsere alternative Wahrnehmung und halten eine Lupe auf das nun aufgeschreckte Monster. War die Identifizierung erfolgreich, wechselt das Geschehen meist sofort in den Kampfbildschirm, wo sich der Titel als Mischung aus Echtzeit-RPG und Touchscreen-Minispiel entpuppt.

Die Auseinandersetzungen laufen allesamt automatisch ab. Unser Team steht in Dreier-Formation vor der ebenfalls stets dreiköpfigen Gruppe aus feindlich gesinnten Yo-Kai und greift ohne weitere Eingaben unentwegt an. Kontrolle und Spielspaß stecken allerdings im Detail des Kampfsystems. So können wir bei gefüllter Anzeige mit jedem Yo-Kai eine sogenannte Ultiseel-Attacke durchführen, die besonders viel Schaden austeilt, negative Statuseffekte vom eigenen Kader entfernt oder sonstige nützliche Effekte besitzt. Damit unsere Yo-Kai diese Spezialattacken aber überhaupt ausführen können, müssen wir uns vorerst den Touchpen schnappen und eines von nur sehr wenigen Minispielen auf dem unteren Bildschirm des Nintendo 3DS bewältigen. Diese kleinen Einlagen bestehen eigentlich immer aus dem Nachzeichnen von Symbolen, dem Antippen von umherfliegenden Kugeln oder einer schwindelerregenden Drehbewegung auf dem Touchscreen und können nach gewisser Spielzeit ganz schön nerven. Die Idee an sich ist ganz nett, durch die eher geringe Auswahl an Minispielen und ihr verglichen hoher Gebrauch während der zahlreichen Kämpfe, werden Finger und Kopf aber schnell müde.

Yo-Kai Watch

Neben den Ultiseel-Attacken sollte man aber auch die Pins nicht vergessen. Durch sie bestimmen wir, wen oder was unsere Yo-Kai angreifen. Das mag in zufälligen Rangeleien noch recht unnütz erscheinen, bei Bosskämpfen, die oft herrlich bizarr in Szene gesetzt sind, gestaltet sich das Markieren von bestimmten Trefferzonen jedoch zur echten Bedingung für ein siegreiches Hervorgehen. Ebenfalls nicht zu vergessen und wohl zentralstes Element der Kämpfe in Yo-Kai Watch: Die Formation. Bis zu sechs Mitstreiter dürfen uns begleiten, aber nur drei davon nehmen gleichzeitig am aktiven Kampf teil. Hier kommt das Yo-Kai Rad ins Spiel. Ebenfalls auf dem unteren Bildschirm platziert, drehen wir an ihm und wechseln so immer wieder die Aufstellung unseres Monstertrios, was allerlei taktischen Nutzen zur Folge hat.

Drehen wir das Rad beispielsweise einen Schritt im Uhrzeigersinn, verschwindet der Yo-Kai rechts außen auf die Reservebank, was das zuvor geschonte Monster im unteren, linken Bereich des Rads auf den Plan ruft. So können wir uns um die Heilung des eben noch aktiven Monsters durch Items kümmern, profitieren wohl möglich aber auch von der neuen Aufstellung, indem der Typ des eingewechselten Yo-Kai mit dem der immer noch aktiven Kämpfer übereinstimmt und sich so ein Bonus auf Angriffswert oder weitere Statuswerte ergibt. Die unterschiedlichen Kombination sind dabei so zahlreich wie ihre Vertreter.

Allgemein kann man das Kampfsystem von Yo-Kai Watch als durchaus innovativ beschreiben, auch wenn es an manchen Ecken noch etwas unausgereift wirkt und die vielen Touchscreen-Einlagen irgendwann nerven, beim Liegen im heimischen Bett sogar zur echten Akrobatik-Nummer verkommen. Und auch der Schwierigkeitsgrad beweist erneut, dass der Titel an ein eher jüngeres Publikum gerichtet ist. Wer seine Yo-Kai fernab der Hauptstory in Nebenmissionen oder normalen Begegnungen regelmäßig trainiert, wird schnell ein überstarkes Team auf die Beine gestellt haben, das keinen noch so fiesen Boss mehr scheut.

Trotzdem macht das alles eine Menge Spaß, was nicht zuletzt auch am süchtig machenden Sammelfaktor liegt. Zur Stärkung des eigenen Teams und weil wir seit über 20 Jahren eh nicht genug davon bekommen können, wollen in Yo-Kai Watch gleich über 200 Wesen gefangen, trainiert und sogar entwickelt werden. Leider läuft das Einfangen hier etwas anders, wesentlich zufälliger ab. Wir schmeißen keine Bälle und werfen auch kein Netz aus. Viel mehr freunden sich Yo-Kai mit uns willkürlich an. Lediglich ein paar Items, die wir zu Beginn der Begegnung einsetzen, erhöhen die Chance auf eine freundschaftliche Bindung nach dem Kampf, was die Sammellaune leicht herabsetzt. Allerdings profitiert davon die Glaubwürdigkeit. Wir unterwerfen unsere zukünftigen Mitstreiter nicht oder zwängen sie gar in viel zu kleine Käfige. Stattdessen schließen wir Freundschaft mit ihnen und rufen sie über Medaillen herbei. Denn tatsächlich besitzen wir die Yo-Kai nicht, sie führen immer noch ihr meist sogar sichtbares Eigenleben in der Stadt und eilen uns für die Kämpfe schnell zur Hilfe.

Apropos Glaubwürdigkeit. Die Spielwelt in Yo-Kai Watch ist überraschend weitläufig ausgefallen und präsentiert sich dabei angenehm detailliert. Eine ganze Stadt, die wir jederzeit frei erkunden dürfen, liegt uns zu Füßen, lädt zu regelmäßigen Entdeckungstouren oder auf einen Plausch mit den zahlreichen Bewohnern ein. Selbst wenn man das Radar einmal für ein paar Minuten völlig außer Acht lässt und sämtlichen, übrigens niemals zufälligen, Begegnung mit den Yo-Kai aus dem Weg geht, hat man ordentlich Spaß mit dem Spiel und seiner Umgebung. Dann dürfen wir sogar Fische angeln, Insekten fangen oder einen der vielen Shops besuchen. Einzig und allein die Orientierung fällt dabei manchmal nicht ganz so leicht. Obwohl die Karte aus allerlei Straßen, Gassen und anderen Örtlichkeiten besteht, gibt es für kaum etwas einen Namen. Da die Karte zu allem Überfluss auch noch in verschiedene Bereich aufgeteilt ist, kann allzu unbedachtes Erkunden gerade zu Beginn des Abenteuers schnell damit bestraft werden, dass sogar der Weg ins eigene Heim, um die aktuelle Episode abzuschließen, zum strapaziösen Umhergeistern in den Straßen von Lenzhausen verkommt.

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Gleiches Problem findet sich in den vielen Nebenmissionen wieder. Die sind wirklich toll geschrieben und bieten eine gute Möglichkeit, um unser Team wertvoll aufzubessern und noch einiges aus der allgemeinen Spielzeit herauszukitzeln, jedoch gibt es keine Markierungen für sie auf der Karte. So kann es also sein, dass wir für einen Polizisten ein Problem, natürlich in Form eines Yo-Kai, klären, dann aber nicht mehr zu ihm zurückfinden, um die Belohnung einzuheimsen und erst lange suchen müssen. Das ist wirklich ärgerlich und mindestens genauso fragwürdig, warum hier auf entsprechende Markierungen verzichtet wurde.

Die deutsche Lokalisierung hat leider komplett versagt. Eigentlich entspringt das Setting einer modernen, japanischen Stadt, was nicht zuletzt durch viele Kleinigkeiten wie das automatische Ausziehen von Schuhen beim Betreten eines Gebäudes, streunenden Katzen in dunklen Gassen und Münzautomaten an jeder Straßenecke detailverliebt in Szene gesetzt ist. Die Namensgebungen der deutschen Version machen davon aber vieles wieder kaputt. Lenzhausen als Schauplatz, Euro als Währung und Charakternamen, die selbst hierzulande für peinlich berührtes Schmunzeln sorgen, trüben die Atmosphäre von Yo-Kai Watch gewaltig. Einzig und allein während der seltenen, aber durchaus gelungenen Sequenzen mit Sprachausgabe kann die Lokalisierung glänzen. Für die Fortsetzung hätte ich es gerne etwas origineller.

Technisch gibt es dagegen wenig zu bemängeln. Obwohl der Titel schon ganze drei Jahre auf dem Buckel hat und wir einfach ziemlich lange auf eine westliche Veröffentlichung warten mussten, gibt Yo-Kai Watch noch ein recht hübsches Bild auf dem Nintendo 3DS ab. Der Engine merkt man ihr fortgeschrittenes Alter zwar an, doch ist es vor allem der allgemeine Look und die daraus entstehende Atmosphäre, die dem Auftakt dieser neuen Serie ihren besonderen Charme verleiht. Lenzhausen und Umgebung präsentieren sich detailliert, in geschmeidiger und flüssiger Grafik und auch die eher kindgerechte Optik weiß dabei zu überzeugen. Das Aussehen der mythischen Monster mag dabei aber schon starke Geschmackssache sein. Längst nicht alle Yo-Kai sind derart erträglich und gekonnt entworfen wie Whisper oder Jibanyan, weshalb sich auch ihr Wiedererkennungswert in Grenzen halten dürfte. Bei Möter, ein Mix aus Mensch und Köter (Spaceballs, anyone?) wird es selbst mir zu absurd. Der Soundtrack ist aber wieder ein echter Genuss. Hier erklingen passend zur Thematik vorwiegend poppig-schaurige Töne aus den Lautsprechern, die schnell zum echten Ohrwurm mutieren.

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Wer von den schrillen Yo-Kai überhaupt nicht genug bekommt, freut sich neben dem gut funktionierenden 3D-Effekt über weitere Features des Nintendo 3DS. Mit der integrierten Yo-Kai-Kamera zaubern wir in bekannter VR-Manier die kleinen Wesen auf unseren Schreibtisch und erhalten dafür sogar Belohnungen im eigentlichen Spielgeschehen. Über StreetPass und Co. gibt es dann besondere Items. Kompetitive Naturen dürfen über das lokale Spiel gegen echte Kontrahenten antreten. Leider nicht online, denn diese Funktion soll dem Nachfolger vorbehalten sein, der schon seit geraumer Zeit in Fernost erhältlich ist.

Dort erfreuen sich die Geister altertümlicher Folklore nämlich nicht erst seit gestern äußerster Beliebtheit. Neben den Videospielen, gibt es eine TV-Serie, Filme und massenweise Merchandise, das sich nun auch seinen Weg in den europäischen Raum bahnt. Yo-Kai Watch wird es nicht schaffen, langjährigen Serien mit einem ähnlichen Prinzip den Rang abzulaufen, aber es hat zumindest das Zeug dazu, genauso ernst genommen zu werden. Der Titel von Level 5 macht auf dem Nintendo 3DS jedenfalls schon eine Menge Spaß und scheint ein gelungener Auftakt für viele weitere, digitale Abenteuer mit den bunten Yo-Kai zu sein. Denn trotz der leichten Kritik am Kampfsystem und wenigen ärgerlichen Details, ist Yo-Kai Watch ein echtes must-have für alle, die noch immer gerne sammeln und jagen und nicht in jeder gelben Maus automatisch ein Pikachu sehen. // Autor: Dennis


Der Test basiert auf unserer Test-Version von Yo-Kai Watch für den Nintendo 3DS. Yo-Kai Watch ist seit dem 29. April 2016 exklusiv für den Nintendo 3DS erhältlich.

Dennis

Dennis

Games-Magger Dennis findet gerne mal die Nadel im Heuhaufen und legt sie dann auf die Goldwaage. Wahre Liebe darf auch kritisieren.
Heimisch auf Xbox One und Nintendo 3DS.
Dennis

Games-Magger Dennis findet gerne mal die Nadel im Heuhaufen und legt sie dann auf die Goldwaage. Wahre Liebe darf auch kritisieren. Heimisch auf Xbox One und Nintendo 3DS.


 
Unsere Wertung
86%


Fazit
Detailverliebt, motivierend, einfach charmant. Yo-Kai Watch schafft es wie kein anderer Titel, mich an längst vergangene Abenteuer in den Sommerferien meiner Kindheitstage zu erinnern. Darüber hinaus macht aber auch das eigene Spielprinzip eine Menge Spaß, bringt frischen Wind in ein leicht angestaubtes Genre und sieht dabei zuckersüß aus. Ich hoffe inständig auf einen großen Erfolg der Serie hierzulande, um in den Genuss weiterer Ableger zu kommen, die dann hoffentlich nicht so grausig lokalisiert sind und das Kampfsystem noch ein klein wenig verfeinern.