Unravel bei uns im TestUnravel bei uns im Test
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Unravel bei uns im Test

Das Leben ist schön. Meistens. Denn wenn es wieder einmal bergab gehen sollte, bleiben immer noch die Erinnerungen an die guten Momente. Vergesst das nie. Warum Unravel es schafft, ganz ohne Sprachausgabe oder Texte eine der wertvollsten Geschichten zu erzählen und dabei auch noch so unglaublich hübsch auszusehen, lest ihr in unserem Test.

Unravel Thumb

Alter Schwede, sieht das gut aus.

Unravel verzichtet auf das Erzählen einer Geschichte mit Dialogen, Textfenstern oder ähnlichen Stilmitteln. Vielmehr spielen wir die Handlung selbst und erleben dabei die frühen Erinnerungen einer alten Frau aus erster Hand. Als Garn-Figur Yarni, der einem roten Wollknäuel entspringt, schlüpfen wir fortan durch fotografische Memoiren in die idyllischen Orte längst vergangener Tage. Allein hier präsentiert sich Unravel schon verdammt stilsicher und zeigt die Bilder-Portale als Mix aus Foto und Video.

In den thematisch abwechslungsreichen Gebieten angekommen, betrachten wir natürlich zuerst die umwerfend hübsche Optik des Titels. Da wir mit Yarni den nicht gerade größten Helden der Videospielgeschichte vor uns haben, befinden wir uns meist auf Augenhöhe mit Grashalmen und anderem Gestrüpp, was aber nicht bedeuten soll, dass der Titel mit detaillierten Darstellungen geizt. Im Gegenteil. Wie in einer Makro-Aufnahme finden wir uns inmitten von sich im Wind wiegenden Gräsern, Blüten und allen erdenklichen Pflanzen, die zur Thematik passen, wieder.

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Knackig scharfe Texturen auf Steinen, Pilzen, und Hölzern tun ihr Übriges und verwandeln die Kulisse in einen lebendigen Schauplatz, dessen Harmonie höchstens ein vorbeifliegender Schmetterling zu stören vermag. Für ein fast schon fotorealistisches Bild der Umgebung sorgt dann noch die stimmige Tiefenschärfe, die fast alles über Yarnis Kopf in eine leichte Unschärfe hüllt und der unvergleichbare Einsatz der Lichtgestaltung. Regelmäßig brechen Sonnenstrahlen durch das dichte Unterholz und spenden so den manchmal auch etwas schaurigen Kulissen hübsche Oasen aus Sonnenlicht. Yarni wirkt in dieser bedrohlich wirkenden Szenerie gerne mal etwas verloren, hebt sich farblich aber stets vom Rest der Umgebung ab.

Aber egal, ob wir nun im Wald, auf meterhohen Bäumen oder an der Küste unterwegs sind, egal welche von Moos bewachsenen Steine, brüchigen Holzstücke oder umgeknickten Grashalme uns Unravel vor die kleinen Füße wirft, der Detailgrad ist das gesamte Spiel über unglaublich hoch. Entwickler Coldwood hat hier die Miniatur-Welt eines Stilllebens geschaffen, das an optischer Pracht und Atmosphäre kaum zu toppen ist und schon im Design der Umwelt zeigt, wieviel Intensität doch auch in den ruhigen Momenten stecken kann. Doch nicht nur optisch bedient sich das schwedische Entwicklerstudio an inländischer Thematik, auch in Sachen Sound lässt der Titel meist heimische Folklore erklingen.

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Ein roter Faden zur richtigen Lösung

Nun schauen wir uns diese Szenarien aber nicht nur an, wir müssen sie gemeinsam mit Yarni auch spielen. Das Ziel besteht stets darin, ein Erinnerungsstück am Ende des Levels aufzusammeln, das der lebendige rote Faden dann auf ein Buch heftet, um darin die Seiten mit Fotos zu füllen. Hört sich jetzt leichter an, als es tatsächlich ist, denn auf spielerischer Ebene ist Unravel ein durchaus anspruchsvoller, physik-basierter Plattformer mit Knobeleinlagen.

Yarnis einzige Möglichkeit die Gefahren einer für ihn haushohen Schubkarre zu überwinden, ist Yarni höchstpersönlich. Wie man das so von einem Wollknäuel gewohnt ist, entwirrt (deutsch für Unravel) sich das rote Männchen fortlaufend selbst, was uns vor allem zugute kommt, indem wir uns mit dem überschüssigen Garn nun über Abgründe schwingen oder daran emporklettern können. Wir benutzen das Seil aber auch, um es an zwei vom Spiel vorgegebenen Endpunkten zu befestigen und ein Trapez zu erschaffen, das uns im Steilflug auf den nächsten Vorsprung befördert. Es geht aber auch schwerer, denn allzu oft sind die Denksportaufgaben mit Mechanismen in der Umwelt verbunden.

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So müssen wir uns beispielsweise geschickt mit einer Pumpe verknoten, die durch Yarnis Gewicht Wasser in ein Becken befördert, dürfen darüber hinaus aber das Stück Holz nicht zu weit wegtreiben lassen, das uns noch als Floß dienen soll. Der Knackpunkt hierbei: Das holzige Beförderungsmittel treibt automatisch ans andere Ende des tiefen Beckens, sobald wir es mit Wasser befüllen. Also braucht es wohl noch den ein oder anderen Knoten mehr. Knifflig. Andere Objekte gilt es ebenfalls mit einzubeziehen. Da wollen Steine aus dem Weg geschoben oder leere Blechdosen als Stufen benutzt werden. Spannd wird es dann, wenn wir beide Elemente miteinander verbinden müssen und mit unserem Garn erstmal eine Brücke für den zu schiebenden Stein zaubern. Doch Achtung, unser kleiner Held verfügt nicht über unendlich viel Garn, was uns sprichwörtlich zum Stillstand zwingen kann. Ist kein Stück Faden mehr übrig, bewegt sich Yarni auch nicht mehr nach vorne. In den Abschnitten zwischen den einzelnen Checkpoints, die mit weiterem Garn aufwarten, sollten wir also nicht zu verschwenderisch mit der roten Wolle umgehen.

Doch auch in diesen Momenten klingt Panik immer noch wie ein Fremdwort. Sollten wir nicht Gefahr laufen zu ertrinken oder irgendwo hinabzustürzen, haben wir wirklich alle Zeit der Welt, um ein Rätsel zu lösen. Außerdem sind die Rücksetzpunkte fair verteilt, was selbst mehrmalige Versuche nie mit Frust verbindet.

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Und plötzlich grüßt das Murmeltier

Ganz so ruhig und gelassen geht es dann aber doch nicht immer zu. Wenn wir zum Beispiel von einem uns größenmäßig überlegenen Murmeltier aus seiner Höhle vertrieben werden und die Flucht über Stock und Stein passend mit treibenden Trommelklängen untermalt wird, vermag es der sonst so stille Titel durchaus, unser Herz ein klein wenig schneller schlagen zu lassen. Diese Momente sind aber höchst selten, weshalb wir uns die meiste Zeit über mit eher weniger flinken, tierischen Feinden auseinandersetzen müssen.

Mückenschwärme verlangsamen Yarnis Bewegungen und lassen ihn nicht mehr so hoch springen, Krebse dagegen sind schon wieder etwas gefährlicherer Natur und speisen anscheinend gerne roten Wollgarn. Die kleinen Fluss- und Meeresbewohner umgehen wir im besten Fall großräumig, zweckentfremden sie aber auch mal zur Lösung eines Rätsels. Wehren kann sich Yarni nicht, der pazifistische Faden tritt lieber den Rückzug an oder rettet sich auf eine höher gelegene Ebene. Ohnehin trotzt unser Held den unterschiedlichsten Gefahren. Grollendes Gewitter, eisige Kälte oder starker Wellengang, pausenlos erweckt das kleine Männchen unseren Beschützerinstinkt und steigert somit auch die Motivation, es unbeschadet durch das Level zu bringen.

Unravel bietet mit seinen physik-basierten Rätseln und dem Garn, das auch mal aufgebraucht und an längst passierter Stelle völlig falsch eingesetzt worden und nun unwiderruflich sein kann, zwar genügend Potential für trial and error-Elemente, spielt sich entgegen dieser Erwartung aber ziemlich gut. Bis auf wenige Ausnahmen, sind die Knobeleien schnell zu durchschauen und auch mit dem Garn geht man irgendwann bewusst genug um. Gegner verursachen meist den sofortigen Tod, was manchmal ein wenig nervig sein kann, lässt die Rolle des kleinen Yarni aber tatsächlich nochmal eine Ecke glaubwürdiger erscheinen. Denn schließlich sind wir kein riesiger Superheld, nein, nicht einmal ein normaler Mensch, sondern nur ein kleines Wesen aus rotem Garn.

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Was ist denn jetzt mit der Story?

Optisch also ein grandioser Titel, verspricht Unravel sogar spielerischen, wenn auch etwas kurzen Spaß, was vor allem dem tollen Leveldesign und dessen Präsentation verschuldet ist. Wo bleibt also die Geschichte? Nunja, die versteckt sich nicht etwa wie so vieles in diesem vermeintlich kleinen Titel im Dickicht der schwedischen Landschaften, sondern eher auf der Meta-Ebene.

Unravel ist eine stille Ode an das Leben, die Vergänglichkeit und unsere Erinnerungen, die uns wohl als Einziges bleiben werden. Yarni übernimmt hier metaphorisch die Rolle des sprichwörtlichen roten Fadens, der sich durch die versunkenen Erlebnisse einer alten Frau zieht und dabei eine ganz eigene Sichtweise auf die Dinge erhält.

Niemand spricht in Unravel, niemand lässt einen Text erscheinen. Lediglich ein paar Fotografien und schemenhafte Darstellungen in den Gebieten lassen erahnen, was die gute Dame denn hier erlebt hat. Und doch schafft es der Titel, die gespielten Erinnerungen stets lebendig wirken zu lassen. Fast so, als würde uns die eigene Großmutter von Früher erzählen und ihre Worte mit einem „…als wäre es gestern gewesen“ beenden. Das Spiel zwängt sich einem dabei auch nicht auf oder versucht eine Bewertung über die Memoiren abzugeben, trotzdem spielt die eigene Empathie eine nicht zu unterschätzende Rolle. Offensichtlich sind all diese Erinnerungen friedlicher Natur, doch vernehmen wir auch den leisen Ton der Melancholie, der da so hörbar mitklingt und uns jederzeit wieder verdeutlicht, dass all dies bloß Andenken im eigenen Kopf sind, die so nie wieder kommen werden, aber aus genau diesem Grund unser Herz erfüllen sollten.

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Fazit

Unravel ist ganz große Kunst auf Triple A-Niveau aus kleinem Hause, das mit stillen Tönen die Schallmauer durchbricht und sich auf eine Ebene mit Limbo und Braid stellen darf. Das Spiel bietet abseits der Plattformer-Abschnitte auf den ersten Blick nicht viel, wer jedoch genauer hinschaut, dem entfaltet sich in ruhigen Tönen eine sehr erwachsene Geschichte, die doch sehr zum Nachdenken über das eigene Leben anregt. Die Abenteuer des kleinen Yarni sind leider viel zu schnell wieder vorbei, bleiben dafür aber unvergesslich.

Jeder wird Unravel auf seine ganz eigene Art und Weise erleben, was sicher stark davon abhängt, wie sehr ihr euch subtilen Varianten eine Story zu erzählen hingeben könnt oder welche eigenen Lebenserfahrungen ihr mit in den Titel bringt. Die starke Orientierung am ländlichen, schwedischen Setting gefällt euch besser auch, denn so könnt ihr noch mehr Liebe für Unravel aufbringen.

Bitte mehr von solchen Spielen und bitte mehr von diesem Mut, den der noch recht unbekannte Entwickler Coldwood hier aufgebracht hat, um ein solches Meisterwerk umzusetzen. Der Dank gebührt aber ebenso Publisher Electronic Arts, die sich diesem Titel und seiner Veröffentlichung so bereitwillig annahmen.


Der Test, sowie die Screenshots basieren auf unserer Test-Version von Unravel für die Xbox One.

Dennis

Dennis

Games-Magger Dennis findet gerne mal die Nadel im Heuhaufen und legt sie dann auf die Goldwaage. Wahre Liebe darf auch kritisieren.
Heimisch auf Xbox One und Nintendo 3DS.
Dennis

Games-Magger Dennis findet gerne mal die Nadel im Heuhaufen und legt sie dann auf die Goldwaage. Wahre Liebe darf auch kritisieren. Heimisch auf Xbox One und Nintendo 3DS.


 
Unsere Wertung
91%


Fazit
Höchstwertung! Und ich werde es sicher nie bereuen. Ich sitze immer noch vor meinem Bildschirm und bin von der optischen und akustischen Präsentation des Spiels begeistert wie ein kleines Kind an Weihnachten. Die metaphorischen, subtilen Hinweise, die mir Unravel statt einer richtigen Story immer wieder leise ins Ohr flüstert, nehme ich dankend auf und bastel mir daraus meine ganz eigene Botschaft. Dass Yarni es sogar ohne richtige Augen schafft, den Beschützerinstinkt in mir zu wecken, spricht neben den detaillierten Miniatur-Welten und dem kurzweiligen Spielspaß, für eine ausgesprochen hohe Qualität. Bitte mehr davon. Ich weiß sonst nicht wohin mit all der Liebe in mir <3