The Last Guardian bei uns im Test

Nach der Zeit des ewigen Wartens erscheint The Last Guardian endlich für Sonys Playstation 4. Zehn Jahre mussten wir ausharren. Lange genug hat es also gedauert, Zeit genug gab es für die Entwickler dem gehypten Beziehungs-Drama den nötigen Feinschliff zu verpassen. Warum The Last Guardian einerseits beeindruckt und andererseits enttäuscht, erfahrt ihr in diesem Test.

Eine tiefe Freundschaft

Zwischen Mensch und Tier besteht von Natur aus eine beinahe unnachahmliche Verbindung. In negativer wie in positiver Hinsicht. The Last Guardian thematisiert die enge Bindung zwischen einem asiatischen Jungen und Trico, einem großen, struppigen Fabelwesen. Beide lernen sich in einer ausweglosen Situation kennen, welche prädestiniert für den Beginn einer tiefen Freundschaft ist: Trico wird von Stammeskriegern angegriffen und verletzt und scheint zu versiechen, woraufhin ihm der Junge hilft und Tricos von Speeren gespickten Körper von diesen befreit. Ein Menschenfreund ist Trico nach den Peinigungen seiner Angreifer nicht, verhält sich Menschen gegenüber vielmehr argwöhnisch und vertraut auch der neuen Bekanntschaft nur eingeschränkt.

The Last Guardian erzählt den Verlauf der Freundschaft und von dem Abenteuer, welches beide Charaktere gemeinsam durchleben. Da sie alsbald merken, dass sie beidseitig auf sich angewiesen sind, entsteht eine tiefe Verbindung der vom Schicksal zusammengeführten „Helden“. Der eine verletzlich, geschickt und flink, der andere stark, kraftvoll und bedrohlich – und in manchen Momenten dennoch hilflos. Zusammen ergibt das ein ungleiches, sich jedoch sehr gut ergänzendes Team, denen man gerne auf ihrem Weg ins Ungewisse folgt. Die mysteriöse Welt erinnert mit seinen Ruinen, Tempelanlagen und Grünflächen ein bisschen an Tomb Raider, ohne dabei aber viel über Hintergründe aufzuklären. Was hat es mit den Symbolen auf der Haut des Jungen auf sich? Welches Geheimnis verbirgt sich hinter Tricos Charakter? Woher kommen beide? Gesprochen wird, wenn überhaupt nur in asiatischer Sprache und nur durch einen Off-Sprecher. Die bildgewaltigen Szenen sind es, die packen, mitreißen und unsere Fantasie anregen.

Störrische Kamera

Tief im Innern ist The Last Guardian sehr spartanisch angelegt, zumindest im Hinblick auf die eigentlichen Spiel-Mechaniken: Wir erkunden die atmosphärischen Schauplätze, hüpfen waghalsig von einem Vorsprung zum nächsten, zwängen uns durch enge Schächte. Was sich teilweise altbacken anfühlt und sich wegen der sturen Bedienung auch ähnlich altbacken steuern lässt, macht meistens doch großen Spaß, weil wir anders als in anderen Spielen keine offensichtlichen Hinweise vorfinden, wo es denn jetzt zur vorgegebene Route langgeht. Wir müssen durch Ausprobieren selber herausfinden, wo es weitergeht und das kann in regelmäßigen Abständen auch einiges an Zeit kosten. Auch weil die richtigen Routen aufgrund der manchmal störrischen Kameraperspektive einfach übersehen werden oder weil Trico nicht immer mitmacht. Dieser hat nämlich eine eigene, meist sehr intelligente KI, die sehr eigenwillig und eines Tieres angemessen funktioniert, solange wir nicht mal wieder eine Weile warten müssen, damit Trico endlich seinen vorgesehene Script ausführt.

Zwei Freunde für´s Leben

Trotzdem erwischen wir uns häufig dabei, dass wir Trico einfach nur bei seinem Vorhaben beobachten und als Voyeur regungs- sowie tatenlos danebenstehen und dem Geschehen willkürlich passiv beiwohnen. Das kennen wir von kaum einem anderen Spiel. Regelmäßig klettern wir auf den Rücken unseres treuen Begleiters, weil dieser Stellen erklimmen kann, die für den kleinen Jungen unerreichbar erscheinen. Allein der Fakt, dass wir von allen Seiten auf Trico majestätisch hochklettern können und Trico nach einer Zeit Befehle erteilen können, lässt ein mächtig erhabenes Gefühl aufkommen. Viele Momente lassen uns Staunen, sind überraschend wie einzigartig. Die Rätseleinlagen bewegen sich im durchschnittlichen Bereich, überzeugen aber mit klugen Einfällen und nutzen sich nicht so schnell ab, wie man am Anfang befürchten könnte. Die Geschichte und die Beziehung der beiden Protagonisten steht allerdings ganz klar im Vordergrund. Meist müssen wir Trico mit Essbarem versorgen, Schalter umlegen, dunklen Mächten ausweichen oder im richtigen Moment mit Trico zusammenarbeiten.

An vielen Stellen merkt man dem Spiel leider an, dass es schon vor langer Zeit in die Entwicklung gegangen ist und sich dort längerfristig, genauer 10 Jahre, befunden hat. Manchmal erinnert die grafische Qualität an längst vergangene PS3-Zeiten, manchmal ist die Beleuchtung viel zu übertrieben, manchmal wirkt die Kollisionsabfrage beziehungsweise die Physik veraltet. Dann wiederum sehen das Fell und die Bewegungen von Trico so beeindruckend und lebensecht aus, dass man alle hässlichen Seiten des Titels ausblendet. Wie die Story ist auch die Optik ein kleines Mysterium. Im Kontext nie so richtig hässlich, aber auch nie richtig schön.

Fazit:

Die lange Wartezeit hat sich insbesondere storytechnisch gelohnt. Dass die Geschichte rund um das eigentlich dünne Story-Gerüst so gut funktioniert, ist vor allem Trico zu verdanken, der unheimlich lebensnah rüberkommt und für einzigartige Momente sowie für ein Wechselbad der Gefühle sorgt. Die Partnerschaft beider Charaktere ist oft herzzerreißend und entschädigt für die überwiegend schwache Technik und die Komfort-Mängel wie die nervige Kameraführung und die häufig ungenaue Steuerung. So ganz final wirkt die Version auch in Sachen Framerate nicht, dennoch sollten Spieler mit Hang zu erinnerungswürdigen Geschichten hier zugreifen.

Unsere Wertung
82%

Freier Redakteur/in