Sonic Boom: Feuer und Eis bei uns im Test

Wer trägt eine merkwürdige Frisur, trotzt ständig jeglicher Kritik und ist trotzdem noch im Rennen? Nein, nicht Donald Trump. Sonic natürlich! Warum der blaue Igel endlich wieder einen guten Lauf hat, sein hohes Alter aber weiterhin nicht verbergen kann: Unser Test zu Sonic Boom: Feuer und Eis auf dem Nintendo 3DS.

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Lets make Sonic great again…or at least try to

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Einfach hatte es die einstige Videospiel-Ikone Sonic in den letzten Jahren gewiss nicht. Nach etlichen Veröffentlichungen mit eher durchwachsener, fast schon dreister Qualität, riss sogar mir der straffe Geduldsfaden. Ich wollte den Igel endlich dort sehen, wo er hingehört. Auf dem Friedhof der Kuscheltiere. Nur eben ohne das ganze Wiederbelebungs-Gedöns; viel zu aufwendig. Ein One-Way-Ticket, nie eingelöst, aber längst überfällig.

Und dabei habe ich sogar mal einen ganzen Sommer mit Sonic Unleashed auf der Xbox 360 verbracht. Was damals wohl eher zum Füllen des Sommerlochs und einige Schmunzler sorgen sollte, war in Wahrheit der Auftakt zu einer gar grässlichen Reihe von Titeln, die zwar alle einen berühmten Namen tragen durften, vor der ursprünglichen Qualität aber panisch Reißaus nahmen.

Die einzige Rettung im Line-Up zwischendurch: Sonic Generations. Eines der wenigen Spiele mit Segas Maskottchen, das noch heute selten wohlige Gefühle bei mir auslöst. Aber selbst dieser Ableger, nur ein Schwimmreifen mit zu wenig Luft. Kurze Zeit später überschwemmt von fragwürdigen Titeln wie Lyrics Aufstieg, Lost World und den unnötigsten Remakes ever. Mit dem ersten Ableger der TV-Adaption, Sonic Boom: Der zerbrochene Kristall, sollte ebenfalls kein positiver Wechsel stattfinden.

Als dann hier das Testmuster zu Sonic Boom: Feuer und Eis eintrudelte, war ich natürlich wenig begeistert. Doch, zu meiner Überraschung, ist das neueste Spiel mit dem sportlichen Igel kein erneuter Totalausfall. Im Gegenteil, zum ersten Mal seit Generations hatte ich wieder Freude daran, mit Sonic umherzudüsen. Wenn auch nicht diese Art von Freude, die mich in vollkommene Euphorie verfallen lässt. Aber lest selbst…

Roboter und andere Probleme

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Die Story ist, wie üblich für die Serie, ziemlich schnell erklärt. Surprise surprise, Dr. Eggman ist wieder da und hat sich gleich mal ein neu entdecktes Element unter den Nagel gerissen. Mit dem sogenannten Ragnium bastelt der kugelrunde Oberfiesling eine ganze Armee aus Robotern, dessen Geschwindigkeit sogar die von Sonic übertreffen soll. Zu allem Überfluss, macht sich eine der intelligenten Maschinen, D-Fekt genannt, auch noch selbstständig und sorgt für die Zerstörung der eigentlich so idyllischen, inselhaften Spielwelt.

Überall entstehen Risse, die mächtige Strahlenwirbel ausspucken und den vollen Einsatz von Sonic, seinen Freunden und erstmals der Elemente fordern.

Während die Handlung in den Zwischensequenzen hübsch und atmosphärisch präsentiert wird, ist es vor allem der platte Wortwitz der komplett vertonten, aber belanglosen Dialoge, der hier einiges von der guten Stimmung im selben Atemzug wieder zunichte macht. Egal in welcher Situation, meist kommt nur ein gewollt cooler Spruch über die Lippen der tierischen Gruppe. Dass bei der deutschen Synchronisation so postmoderne Floskeln wie „Warum? Weil Wissenschaft!“ zum Einsatz kommen, macht die Angelegenheit nicht gerade besser.

Feuer und Eis

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Die spielerische Seite von Sonic Boom: Feuer und Eis hat aber weitaus mehr Tiefgang. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn neben dem gelungenen Leveldesign, überzeugt auch der 3D-Effekt. Höhen und Tiefen verleihen den bunten Umgebungen noch mehr Lebendig, von nervigem ghosting bleiben wir ebenfalls verschont.

Ganz klassisch also, rasen wir in einem Affenzahn und meist seitlicher Ansicht durch die unterschiedlichsten Szenarien, Sammeln dabei Ringe ein, besiegen Gegner mit Sprungangriffen und laufen der Bestzeit hinterher. Allerdings müssen wir uns nun auch mit den Elementen Feuer und Eis anfreunden. Per Tastendruck wechselt Sonic (oder einer seiner Freunde) von der einen Form zur jeweils anderen. Wenn z.B. ein riesiger Eisblock unseren Weg blockiert, müssen wir im vollen Lauf die Feuer-Form annehmen, um das Hindernis zum Schmelzen zu bringen. Ähnlich verhält es sich natürlich mit Blöcken aus Wasser oder gar Fontänen. Wer hier nicht rechtzeitig zur Eis-Variante greift, fällt durch den Block hindurch und damit wahrscheinlich in den sicheren Bildschirmtod.

Die Blöcke sind nämlich nicht nur Hindernis, sondern auch gerne mal Brücke, Treppe oder sonstiger Baustein für das Weiterkommen im Level. Durch diese neue Mechanik, erhält Sonic Boom: Feuer und Eis nicht nur den Titel, sondern fordert auch viel mehr Geschicklichkeit und Reaktionsvermögen von uns. Die Steuerung ist zwar sinnvoll belegt und reagiert vorbildlich genau auf unsere Eingaben, doch zwischen dem ohnehin hohen Tempo, wilden Seilschwüngen und einem nicht gerade geringen Gegneraufkommen, geht der Überlick schon mal flöten und wir in der nächsten Stachelgrube baden.

So richtig ärgerlich ist das aber nie, denn Checkpoints und Rücksetzpunkte wurden fair verteilt. Ebenso scheint Entwickler Sanzaru Games nochmal ordentlich an Dingen wie dem Field of view geschraubt zu haben, denn im Gegensatz zu früheren Ausflügen von Sonic auf dem Nintendo 3DS, beschleicht uns hier selten das Gefühl, einen viel zu kleinen Ausschnitt des Geschehens zu betrachten.

Es bleibt ein zweischneidiges, neues Feature. Auf der einen Seite macht der Wechsel zwischen den Elementen wirklich Spaß und fordert die komplette Aufmerksamkeit, auf der anderen Seite kann es dem Spiel sein eigentlich hohes Geschwindigkeitsgefühl nehmen und so manchen Spieler etwas überfordern.

Fähigkeiten und Sammelzeugs

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Ähnlich verhält es sich mit den unterschiedlichen Charakteren. Wie schon aus dem indirekten Vorgänger bekannt, dürfen wir jederzeit zwischen Sonic, Tails, Knuckles und Co. wechseln, sobald wir entsprechendes Symbol auf dem unteren Bildschirm berühren.

Das ist auch bitter nötig, vor allem wenn wir die zahlreichen Collectibles in einem Level abgreifen wollen. Jeder der fünf Freunde verfügt über eine einzigartige Fähigkeit, die oft für alternative Routen in den tatsächlich recht verwinkelten Levels gebraucht werden. Sonic führt zum Beispiel einen Dash in alle erdenklichen Richtungen aus, Tails kann mit seinem Schwanz mehr oder weniger durch die Lüfte gleiten und hat zudem eine Laserpistole im Gepäck.

Bezüglich der Abwechslung ist das natürlich eine tolle Sache, doch anders zum noch verschmerzlichen und recht flotten Wechsel der Elemente, nimmt das Durchschalten der Begleiter, bzw. der Einsatz ihrer Fähigkeiten deutlich mehr Dynamik aus der schnellen Platformer-Action. Da steht man schon mal wertvolle Sekunden vor einer Säule, ändert den aktuellen Charakter erst zu Amy und muss dann noch ihren Hammerschlag abwarten, damit sich der Pfeiler endlich senkt.

Da wir die Charaktere aber eh erst im Verlauf der Story freischalten, kommt hier tatsächlich so etwas wie Metroidvania-Feeling auf und wir besuchen die toll designten Level ohnehin ein weiteres Mal, um auch das letzte Sammelstück zu ergattern. Nach einer gewissen Anzahl an gefundenen Sammelkarten, Hämmern, mechanischen Federn und weiteren Gegenständen, belohnt uns Sonic Boom: Feuer und Eis nämlich mit diversen Boni, die mehr oder weniger lohnenswert erscheinen. Für Amy schalten wir beispielsweise neue Hämmer frei, was durchaus sinnvoll sein kann, das Abgeben der mechanischen Federn zahlt sich allerdings erst gegen Ende der Story und damit viel zu spät aus. Trotzdem eine nette Dreingabe, die auch neben der Jagd auf Bestzeiten immer wieder dazu motiviert, einzelnen Gebieten einen erneuten Besuch abzustatten und dem Charaktersystem quasi seine Daseinsberechtigung gibt.

Gib mir mehr, Sonic

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Damit aber nicht genug, denn Sonic Boom: Feuer und Eis hat noch weitaus mehr zu bieten. Neben den eher klassischen, seitlich scrollenden Levels, dürfen wir auch wieder über Strecken aus der Schulterperspektive rasen, beide Bildschirme ausfüllende, leider etwas zu einfache Bossgegner besiegen und kurzweilige Minispiele absolvieren.

Und Letztere sind wirklich ein ganz besonderes Schmankerl im Spiel. Wenn Fuchs Tails auf sein Boot einlädt, erwartet uns strapaziöse Action wie in einem Top-Down Shooter. Gegen Eisberge und Strudel, heißt es dann, vor Ablauf der Zeit die begehrte Sammelkarte am Zielpunkt einzusacken. Das ist, im Gegensatz zum allgemeinen Schwierigkeitsgrad des Hauptspiels, gar nicht mal so einfach. Jede Berührung mit einem dieser Objekte kostet uns wertvolle Zeit auf der Uhr, die sowieso schon unaufhaltsam tickt.

Ähnlich verhält es sich mit den Ausflügen in Tails U-Boot. Hier navigieren wir vorsichtig durch ein Unterwasser-Labyrinth aus Felsen und meiden jeden Kontakt mit Felsbrocken und Minen, um buchstäblich keine Zeit zu verlieren. Wirklich charmant: Der untere Bildschirm des Nintendo 3DS fungiert hier als Sonar. Bei jeder Berührung wird uns also eine ungefähre Karte der Umgebung, mit allen Gefahren und den wichtigen Sammelobjekten, angezeigt. Allerdings nur für wenige Sekunden, ganz wie ein echtes Gerät zur Ortung von Gegenständen.

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Die zusätzlichen Spielvarianten erreichen wir übrigens, wie jedes andere Level auch, über die Oberwelt-Karte, die ähnlich wie ein Brettspiel aufgebaut ist. So bekommt man schnell das Gefühl einer zusammenhängenden Spielwelt, allerdings machen sich dadurch auch lästige Laufwege bemerkbar, da wir dann häufig doch nochmal überlegen müssen, wo auf der Karte denn jetzt der werte Knuckles haust, bei dem wir unsere mühselig eingeheimsten Sammelkarten abgeben wollen.

Und das wollen wir unbedingt, weil damit neue Robo-Rennen gegen Dr. Eggman freigeschaltet werden, ein weiteres Minispiel in Sonic Boom: Feuer und Eis. Hierbei erwarten uns drei Runden auf einer anspruchsvollen Strecke, inklusive Einsatz der Elemente. Zugegeben, spielt sich nicht bedeutend anders als die seitlichen Abschnitte aus dem Hauptabenteuer, macht aber eine Menge Spaß. Diese speziellen Rennen dürfen wir dann auch gegen einen echten Freund bestreiten. Allerdings nur per lokalem Spiel und wie üblich nur dann, wenn beide Partien jeweils eine Kopie des Spiels besitzen.

Schade, ein wenig mehr Mehrspieler hätte sich bestimmt noch besser im neuen Boom-Ableger gemacht. Immerhin dürfen wir anstelle dessen, fleißig StreetPass-Begegnungen sammeln, die dann sogar in den regulären Stages erscheinen und überholt werden wollen. Hierfür winkt dann zusätzliches Ragnium, aus dem wir einen besonderen Roboter für die Robo-Rennen basteln.

Hyperschall und Rauch?

Sonic Boom: Feuer und Eis birgt die obligatorischen Sounds, die wir seit jeher aus der Serie kennen. Die unverkennbaren Geräusche beim Aktivieren des Boosts oder wenn wir in einen Gegner rasseln und dabei alle bisher gesammelten Ringe verlieren, klingen auch heute noch nach Musik in unseren Ohren. Apropos: Für die musikalische Untermalung ertönt ebenfalls wieder dieser poppige Japano-Techno-Mix aus den Lautsprechern des Nintendo 3DS. Stimmig ist das allemal. Ja, sogar die deutschen Synchronstimmen klingen überzeugend.

Optisch gibt es ebenfalls wenig zu bemängeln. Auf 3D-Effekt und Übersicht sind wir ja schon zur Genüge eingegangen. Aber auch der Rest kann sich sprichwörtlich sehen lassen. Das Geschehen läuft jederzeit flüssig und sieht dabei recht nett aus. Keine Grafik-Granate, auch auf dem Nintendo 3DS wäre da weitaus mehr möglich gewesen, aber einige Effekte und Umgebungsdetails sind doch sehr hübsch anzusehen.

Fazit gibt es weiter unten!


Der Test, sowie alle Screenshots basieren auf unserer Testversion von Sonic Boom: Feuer und Eis, die uns freundlicherweise von Sega zur Verfügung gestellt wurde.

Lust auf eine Runde mit dem blauen Igel bekommen? Sonic Boom: Feuer und Eis ist seit dem 30. September 2016 exklusiv für den Nintendo 3DS erhältlich. Statt dem Vollpreis von ca. 40 Euro, zahlt ihr bei vielen führenden Online-Händlern derzeit nur noch knapp 30 Euro. Das Spiel wurde vollständig für den deutschen Markt lokalisiert.

Fazit

Klingt alles wunderbar, keine Frage. Und obwohl ich noch nie ein großer Fan des blauen Igels war, habe ich genügend Zeit mit schlechten Spielen der Sonic-Reihe verbracht, um jetzt nicht doch froh über diesen soliden Platformer zu sein. Aber mehr als das, ist Sonic Boom: Feuer und Eis eben auch nicht. Ein nettes Jump ’n‘ Run mit witzigen Ideen, einer tollen Präsentation und genügend Spielzeit. Es holt mich nirgends ab, lässt mich nahezu gleichgültig vor dem Bildschirm verweilen. Null Euphorie. Sonic ist wieder großartig, ja, aber er hat den Kampf gegen das Altern längst nicht gewonnen und bleibt wohl für immer der Kinderstar unter den Videospielhelden. Den alten Zeiten nachhängend, stampft er als selbstbewusster Dinosaurier überzeugt, aber irgendwie auch melancholisch durch die moderne Landschaft. Einigen gefällt das, viele werden schreiend davonlaufen. Fast wie bei Donald Trump.

Unsere Wertung
75%
Dennis

Dennis

Games-Magger Dennis findet gerne mal die Nadel im Heuhaufen und legt sie dann auf die Goldwaage. Wahre Liebe darf auch kritisieren.
Heimisch auf Xbox One und Nintendo 3DS.
Dennis

Games-Magger Dennis findet gerne mal die Nadel im Heuhaufen und legt sie dann auf die Goldwaage. Wahre Liebe darf auch kritisieren. Heimisch auf Xbox One und Nintendo 3DS.