Layers of Fear bei uns im TestLayers of Fear bei uns im Test
0100

Layers of Fear bei uns im Test

Eine Schicht Horror hier, eine Schicht Kunst dort. Noch ein paar Pinselstriche Misanthropie dazu und schon ist das gemalte Meisterwerk mit dem Titel Layers of Fear fertig. Warum das Indie-Spiel trotz kurzer Spieldauer keine brotlose Kunst ist und vorwiegend mit leisem Horror punkten kann, lest ihr in unserem Test zum subtilen Schocker auf der Xbox One.

Layers of Fear Thumb

Künstler neigen ja dazu, ein gewisses manisches Verhalten an den Tag zu legen. Mal introvertiert, dann wieder eher expressionistisch schließen sie sich tagelang in ihren Zimmern ein, um ungestört und mit ganzer Leidenschaft an ihren Werken zu arbeiten. Dass darunter auch schon mal der gesunde Menschenverstand leiden kann, hat nicht erst Vincent Van Gogh mit seinem abgeschnittenen Ohr und anderen autoaggressiven Verhaltensweisen eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Von äußeren Einflüssen völlig isoliert, lässt es sich gewiss gut malen, der fehlende Austausch zu anderen Menschen, fließt jedoch allzu oft in die künstlerische Schöpfung mit ein und zieht zeitgleich das soziale Umfeld in Mitleidenschaft, den Künstler selbst dabei immer mehr in einen Strudel exzessiver Passion und zerstörerischer Selbstzweifel. Denn nicht alles will auch stets gelingen. Eine große, äußere und innere Erwartungshaltung führt da nicht selten in den Wahnsinn.

Scheitern und Verstehen gehört dann nicht unbedingt zu den größten Prinzipien überspannter Künstler und in ihrem Wahn gefangen, zerlegen sie schon mal das ganze Haus und lassen die Familie unschuldig für das eigene Versagen büßen. Kommt euch bekannt vor? Ja, das ist zwar die Story von Layers of Fear, die bedient sich erzählerisch aber ordentlich an bereits existierenden Elementen aus Büchern und Filmen wie Stephen King’s The Shining. Mit dem einzigen Unterschied, dass wir es in dem kleinen Indie-Titel mit einem Maler und nicht mit einem Schriftsteller zu tun haben. In ihrem aufopferungsvollen Arbeitsverhalten und der daraus resultierenden Einsamkeit, nehmen sich beide Protagonisten allerdings nicht sonderlich viel.

Layers of Fear (4)

Relativ schnell wird uns klar, während wir da in der Ego-Perspektive ein altes Herrenhaus betreten, dass mit unserem Alter-Ego etwas nicht stimmt. Das Erste, was wir nach den ersten Schritten zu Gesicht bekommen, ist das Beschwerdeschreiben einer Schädlingsbekämpfungs-Firma, die damit droht, beim nächsten Fehlalarm über die angebliche Rattenplage ihre Anwälte einzuschalten. Seltsam, denn wir sehen überhaupt keine Nagetiere. Und auch sonst scheint, bis auf die eindringliche Stille im Haus, alles in Ordnung zu sein. Schnappen wir uns also den Schlüssel zum Arbeitsraum und beginnen dort unser Werk, das noch völlig unfertig und verhüllt auf seiner Staffelei steht. Doch irgendwie will nichts geschehen. Lediglich ein paar verschlossene Schubladen und ein merkwürdiger Zettel mit fragwürdigen Stichworten lassen sich in diesem Raum finden.

Na gut, dann also erstmal raus hier. Vielleicht braucht es ja noch ein wenig Inspiration. Aber anstatt wieder im Foyer zu landen, fangen wir an, immer tiefer in unser ganz persönliches Loch aus Selbstzweifeln, Hass, schizophrenen Taten und vergangenen Erlebnissen zu fallen, die anscheinend nicht nur unsere momentane Persönlichkeit, sondern auch die Kunstwerke gezeichnet haben. Mit der Zeit finden wir durch handgeschriebene Notizzettel heraus, welch verbitterter Charakter uns innewohnt, lernen wie es zu dieser gefrierenden Stille im Haus kommen konnte und werden dabei mit den Abgründen der eigenen Seele konfrontiert, indem wir ständig auf überall vermerkte Vorwürfe der Familie und zweifelnde Botschaften wie What if you fail? (Was, wenn du scheiterst?) stoßen. Das stört uns aber sichtlich wenig. Mit imaginären Scheuklappen auf dem Kopf, abstrahieren wir unser komplettes Umfeld und verfolgen das einzig erdenkliche Ziel. Die Fertigstellung unseres Gemäldes.

Layers of Fear (3)

Die Erkundungstour durch das einst lebendige Heim wird jedoch zum Spießrutenlauf, das uns ständig mit der eigenen, grauenhaften Vergangenheit konfrontiert. Jedes Bauteil scheint sich gegen uns verschworen zu haben und sich ständig zu verschieben. Humpelten wir eben noch einen verlassenen, schlecht beleuchteten Gang hinunter, an dessen Ende eine verschlossene Tür wartet, entfaltet sich bereits im nächsten Moment die größte Stärke von Layers of Fear in ihrer vollen Wucht. Der subtile, aber wahnsinnig dichte Horror. Weil wir an dieser Stelle anscheinend nicht weiterkommen, wollen wir uns selbstverständlich umdrehen und den Korridor einfach wieder zurückgehen, stoßen dabei aber sofort mit der Nase auf eine Wand. Die war eben noch nicht da. Genauso wenig wie der lange, dunkle Gang, der sich nun statt der abgeriegelten Tür präsentiert, nachdem wir uns erneut um 180 Grad gedreht haben. Dass aus dieser Richtung Kinderschreie zu hören sind und die Wände des Hauses langsam in schwarzer Farbe zu versinken drohen, lassen das Herz genauso höher schlagen, wie die plötzlich zuschlagenden Flügeltüren vor uns.

Ich will an dieser Stelle wirklich nicht zu viel verraten, denn Layers of Fear ist tatsächlich ein sehr kurzes Vergnügen, das ihr bestenfalls, wie ich, an einem Stück durchspielt. In den knapp 4 Stunden werdet ihr allerdings eine erzählerische Dramatik vorfinden, die selbst ein Spiel mit massivem Dialog-Anteil nicht mal annähernd erreicht. Hier fällt fast nie ein Wort und trotzdem erzählt euch der Titel eine facettenreiche, dunkle Story. Ein gewisses Story-Telling geschieht viel eher durch das Finden und Lesen von Notizen, herumliegender Briefe und Botschaften an den Wänden, was aber nie als nervig oder eine geschickte Ausrede für fehlendes Synchronisations-Budget empfunden wird. Wenn dann doch mal ein Wort fällt, sind es zumeist geisterhafte, vorwurfsvolle Schreie, Stimmen durch nicht existente Telefonate oder das Weinen eines Babys, das uns das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Layers of Fear (2)

Layers of Fear hat natürlich auch Jump-Scares, vermischt dieses neumodische Erschrecken aber stilsicher mit seinem subtilen Horror, der neben schrecklich enstellter Gemälde, auch Poltergeist-Elemente verwendet, um mit schwebenden Puppen oder umherfliegenden Zeichen-Utensilien für Panik zu sorgen. Es sind die lauten Momente, die uns immer wieder zusammenzucken lassen. Aber es sind viel mehr die stillen Sekunden, die uns einen kräftigen Schauer über den Rücken jagen und damit verdeutlichten, in welch abstrakter Welt wir hier gelandet sind.

Die komplette Umgebung verformt sich zu einer völlig anormalen Gegend. Manchmal ist überhaupt nicht mehr klar, wo Oben und wo Unten ist. Oft müssen wir uns mehrmals umdrehen, um von Wand zu Wand zu blicken, die dann irgendwann doch einen Weg freigibt und uns erneut mit grausamen, Gestalt annehmenden Erinnerungen empfängt. Haben wir unseren Hund wirklich getötet oder ist die sich verändernde Malerei des Tieres und das begleitende Bellen nur eine Ilusion konfuser Gedanken? Egal was auch passiert, auf der Meta-Ebene wird schnell klar, dass die geräumigen vier Wände nur ein Abbild unserer völlig durcheinandergebrachten Seele sind. Das Irrenhaus unser eigener Kopf ist, in dem wir wahrlich gefangen scheinen.

Layers of Fear (1)

Der Sound trägt übrigens eine gewaltige Mitschuld an der fast zum Ersticken aufgebauten Atmosphäre. Das Spiel empfiehlt nicht umsonst den Einsatz von Kopfhörern und ich rate euch, dem auch unbedingt folge zu leisten. Knirschender Dreck und zerbrochene Glassplitter unter unseren Füßen, eine wie von Geisterhand zuschlagende Tür, gellende Schreie aus der Ferne, dann wieder ein basslastiges Wummern, dass aus dem Nichts von einem lauten Knall abgelöst wird. Wäre der Score nicht so verdammt gut gewählt und abgemischt, das Feeling von Layers of Fear wäre nur halb so mitreißend.

In spielerischer Hinsicht gibt es allerdings nicht sonderlich viel zu erleben. Das Spiel ist in Kapitel unterteilt und jeder damit verbundene Gang durch das Haus gleicht eher einem Schlauchlevel. Frei erkundet werden darf hier nie. So ziemlich alle Wege sind vorgegeben und erlauben somit keinerlei alternative Routen. Mit dem Controller jonglieren müssen wir ebenfalls nicht. Lediglich die Sticks werden zum Bewegen, bzw. Umschauen beansprucht, der rechte Trigger dient zum Greifen von Objekten und Türknäufen. Das ist aber auch gar nicht nötig, denn bis auf das seltene Lösen einfacher Rätsel, dem Öffnen von Schubladen und der generellen Wanderung durch die verstummten Hallen, nehmen wir selten aktiv am Geschehen teil, können auch überhaupt nicht sterben. Es gibt zwar ein paar Objekte, die optional eingesammelt werden dürfen und somit einen gewissen Wiederspielwert bieten, im Grunde verläuft Layers of Fear aber ziemlich linear und will halt vordergründig seine komplex verworrene Geschichte erzählen.

Layers of Fear (7)

Ein leichtes Grauen ist dabei leider auch die Technik. Alles ist sehr stimmungsvoll aufgebaut, der Art-Style wirklich überragend, Licht und Schatten passend integriert. Sämtliche Gemälde existieren sogar im echten Leben und wurden ihren Vorbildern originalgetreu nachempfunden. Was jedoch ein wenig auf die tiefe Atmosphäre drückt, sind starkes Kantenflimmern und insbesondere die instabile Bildrate. Es ruckelt was das Zeug hält und nur selten scheint das gerechtfertigt. Im Finale nimmt der eher stille Schocker ordentlich an Fahrt auf, aber bereits vorher, in den weniger explosiven Stunden, hat der Titel ordentliche Probleme mit seiner Bildwiederholungsrate, was angesichts heutiger Technik und dem relativ geringen Detailgrad von Layers of Fear nicht ganz nachvollziehbar ist. Schade eigentlich, denn wir reden hier sicher nicht über optischen Geschmack, sondern von etwas, das ein angenehmes Betrachten der Geschehnisse schier unmöglich macht. Für die Augen ist der psychotische Trip stellenweise echt schmerzhaft. Ich hoffe inständig, dass hier noch mit einem Patch nachgearbeitet wird.

Layers of Fear (6)

Aber selbst die schwache technische Seite kann ich außer Acht lassen, wenn ich an meinen Ausflug in die Seele dieses menschenverachtenden Mannes denke und mich dabei erinnere, wie leicht man doch von diesem Schocker gepackt wird. Es mag nicht alles stimmen mit Layers of Fear, mit seinem Protagonisten sowieso nicht, aber das richtige Gespür für die feinsinnige menschliche Psyche, die völlig in neurotische Verhaltensweisen abrutscht und die Realität mitunter komplett verschwinden lässt, dabei aber trotzdem noch ein Individuum bleibt, haben die Entwickler von Bloober Team eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Es ist fast schon erschreckend, welch bizarre Ideen das Team hier visualisiert und passend vertont hat.

Aber auf seltsame Weise muss man sich letztendlich die Menschlichkeit dahinter eingestehen und zugleich feststellen, dass all der Horror seinen Grund haben mag, auch wenn er nur im Kopf des Protagonisten und irgendwann auch in unseren stattfindet. Der Titel zeichnet ein realitätsnahes Bild, ein psychologisches Profil einer gescheiterten Persönlichkeit nach, das einfühlsamer und gleichzeitig verstörender nicht sein könnte und sich aus genau diesem Grund von anderen Titeln des Genres abhebt. Ohne Survival oder gar spielerischen Tiefgang, bietet der Indie-Hit trotzdem bemerkenswerte Abgründe, die sich vielleicht nicht unbedingt angenehm anfühlen, aber ihre Spuren hinterlassen werden. Bitte mehr davon.

Layers of Fear (5)

Ein kleiner Vermerk zum Schluss:

Trotz teils heftiger Darstellung geht Layers of Fear erstaunlich sensibel mit den Themen psychischer Erkrankungen um und begegnet ihnen in gewisser Weise sogar auf Augenhöhe, indem wir eben nicht der verrückte Typ sind, der alle abschlachtet und dabei auch noch freudig grinst. Viel mehr betrachtet das Spiel rückwirkend die Auswirkungen unseres Verhaltens, lässt uns aber stets im Ungewissen, was wirklich geschehen ist oder dazu geführt hat. Ebenso fehlt jegliche Bewertung. Wir werden nicht verurteilt. Lediglich der stille Klang der Reue schwingt in den Geschehnissen mit, von denen unser geblendeter, völlig besessener Protragonist aber nichts sehen kann, was im realistischen Bezug auf solche Krankheiten nicht besonders verwerflich ist. In diesem Test sind übrigens auch einige Wörter wie Neurosen, Psychosen und Schizophrenie gefallen. Ich sehe mich nicht in der Position, diese Begriffe zu erklären, genauso wenig möchte ich aber, dass das falsche Bild einer ungerechten Verurteilung entsteht. Eine Psychose ist nicht gleich eine Psychose und geht in den meisten Fällen auch nicht mit derart destruktivem Verhalten einher. Die ganze Thematik ist im realen Leben sehr individuell zu betrachten und sollte nicht mit fehlendem Hintergrundwissen beurteilt werden.


Der Test, sowie alle Screenshots, basieren auf unserer Test-Version von Layers of Fear für die Xbox One. Ihr könnt den Titel digital für knapp 20 Euro im Online-Store der Xbox One, Playstation 4 und über Steam erwerben.

Games-Magger Dennis findet gerne mal die Nadel im Heuhaufen und legt sie dann auf die Goldwaage. Wahre Liebe darf auch kritisieren. Heimisch auf Xbox One und Nintendo 3DS.


 
Unsere Wertung
88%


Fazit
Layers of Fear ist wahrlich ein verstörendes Meisterwerk, das über die gesamte Zeit hinweg fesselt und selbst danach noch zum Grübeln anregt. Der Horror kann ziemlich direkt sein, verkommt dabei aufgrund seiner intelligenten Inszenierung jedoch nie zur stumpfen Grusel-Orgie. Sound und Präsentation tun ihr Übriges, um ein schauriges und stets interessantes Gesamtbild zu zeichnen. Das hinkt spielerisch zwar genauso wie unser verbittertes Alter-Ego, in erzählerischer Hinsicht legt der Titel aber eine wesentlich flottere Gangart ein und vermischt reale Themen mit bizarr dargestelltem Gedankengut stilsicher zu einer ganz besonderen Erfahrung im heutigen Horror-Genre. Unbedingt mal spielen!