Dragon Quest 7: Fragmente der Vergangenheit bei uns im Test

Eine umständliche Menüführung, speichern nur an dafür vorgesehenen Orten und stumme Helden. Willkommen bei Dragon Quest 7: Fragmente der Vergangenheit für den Nintendo 3DS. Ob uns der Handheld-Titel trotz altbacken wirkender Mechaniken dennoch überzeugen kann, lest ihr in unserem Test zum Retro-Game mit Schönheitskur.

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16 Jahre / 16 Bit

Naja, allzu überraschend sollte euch der ganze Retro-Charme im vermeintlich neuesten Ableger der Dragon Quest-Reihe nicht treffen, denn bei Fragmente der Vergangenheit handelt es sich tatsächlich um das Remake eines 16 Jahre alten Klassikers, der damals noch unter dem Namen Dragon Warrior 7 exklusiv für die Sony Playstation und übrigens nur in Japan und Nordamerika veröffentlicht wurde. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen, erfreut sich das siebte Abenteuer rund um die von Mangaka-Legende Akira Toriyama gezeichneten Charaktere seit jeher größter Beliebtheit, wird von einigen sogar auf eine Stufe mit Meisterwerken wie Chrono Trigger und anderen wegweisenden J-RPGs der damaligen Zeit gestellt.

Grund genug also, endlich auch Europa mit einer vollwertigen Version zu versorgen. Doch sind 16 Jahre kein kleiner Zeitraum und 16 Bit nicht unbedingt das, wonach sich die meisten Spieler noch die Finger lecken.

Keine Panik, Entwickler ArtePiazza hat sich für das Remake von Dragon Quest 7: Fragmente der Vergangenheit nämlich ordentlich ins Zeug gelegt und dem Titel zumindest optisch zu einigermaßen modernen Standards verholfen. Ausgearbeitete 3D-Modelle in frei drehbaren Umgebungen, statt isometrischer Draufsicht und ebenso platten Charakteren. Aber reicht das schon aus, um auch heute noch zu begeistern?

Aller Anfang ist schwer

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Stereotypischer könnte unser Abenteuer nicht beginnen. Als Sohn eines Fischers, der sich auf einem beschaulichen Eiland bereits einen Namen gemacht hat, streben wir nach mehr. Viel mehr. Denn merkwürdigerweise behaupten alle anderen Bewohner, es gäbe keine weiteren Inseln. Eine ziemlich kleine Welt, was wir nebst Prinz Gismar und Bürgermeistertochter Maribel einfach nicht wahrhaben wollen. Voller Neugier fangen wir also an, gemeinsam unsere Heimat zu erkunden und sie dabei auf den Kopf zu stellen. Als wir dann irgendwann auf eine alte Ruine stoßen und sogar ihr gut gehütetes Geheimnis lüften, finden wir uns in einer spannenden, manchmal auch leicht verwirrenden Reise zwischen Raum und Zeit wieder, die sich nach einer guten Weile zu einem wahren Epos entfaltet.

Doch bis dahin müssen sich allzu ungestüme Spieler in Geduld üben. Dragon Quest 7: Fragmente der Vergangenheit lässt sich extrem viel Zeit. Bis zur ersten rundenbasierten Auseinandersetzung vergehen gute zwei Stunden, weitere acht um in den Genuss des Jobsystems oder anderer Feinheiten zu kommen. Das wird nicht jedem schmecken, bietet aber eine tolle Möglichkeit, um die liebevolle Atmosphäre des Titels in Ruhe kennenzulernen. Jeder NPC trägt teils informative, teils urkomische Kommentare zum aktuellen Geschehen in der Welt bei und auch sonst wirkt alles sehr stimmig und detailverliebt.

Ob gemütliches Fischerdorf, prunkvolles Schloss oder geheimnisvolle Ruinen, jede Location wurde mit vielen Einzelheiten versehen, die dem neuartigen 3D-Look nochmal den letzten Schliff verpassen. Passend dazu gibt es den obligatorischen Dragon Quest-Soundtrack aus orchestralen Musikstücken, weshalb wir uns dann doch recht schnell in dieser fantastischen Welt verlieren.

Klassische Klasse

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Aber was wäre ein waschechtes J-RPG ohne die rundenbasierten Kämpfe? Genau, nichts. Auf der Suche nach den verlorenen Fragmenten der Vergangenheit, durchstreifen wir im Laufe des Abenteuers unzählige Verliese und treffen dabei im Sekundentakt auf niedlich aussehende Gegner. Fans der Reihe wissen schon Bescheid, Neueinsteiger werden wohl schnell lernen müssen, dass man die knuffigen Widersacher besser mit dem Schwert, als mit der Bürste bearbeitet. Denn auch wenn unsere Gegner optisch eher harmlos daherkommen, was ziemliche Tradition bei der Serie hat, sollten wir sie nicht minder ernst nehmen.

Mit physischen Angriffen, Zaubern, Fähigkeiten oder speziellen Items rücken wir den Monstern dann auf den Pelz und stufen unsere bis zu vierköpfige Truppe durch gewonnene Kämpfe ordentlich auf. Für schwächere Party-Mitglieder ist es aber zeitweise klüger, die Verteidigungshaltung einzunehmen oder einen Fluchtversuch zu wagen. Wer es, angesichts der wirklich zahlreichen Auseinandersetzungen, etwas komfortabler mag, weist seinen Charakteren bestimmte Verhaltensmuster zu und genießt automatisierte Kämpfe. Gegner erscheinen allerdings nur in Gruppen, das gezielte Bekämpfen einzelner Monster ist somit nicht möglich und zieht die Begegnungen manchmal unnötig in die Länge.

Ganz schön klassisch also, was die Reibereien aber nicht weniger spannend, bzw. spaßig macht. Eine große Mitschuld daran trägt wohl das einzigartige Gegnerdesign, das immer mal wieder zum Schmunzeln anregt. Aber auch das Jobsystem bringt im späteren Verlauf des Spiels frischen Wind in das traditionelle Kampfsystem von Dragon Quest 7.

Hierbei haben wir dann die Wahl aus über 30 verschiedenen Professionen, die jederzeit gewechselt werden dürfen. Die durch einen Beruf erlernte Fähigkeit geht bei einer Umschulung nicht verloren, was schier endlose Möglichkeiten bei der Charaktergestaltung ergibt. Ihr wollt, dass Prinz Gismar sowohl heilende Fähigkeiten, als auch die Künste der Schwarzmagie beherrscht? Kein Problem. Allerdings beeinflusst der Job die aktuellen Charakterwerte, weshalb es wohl ratsam ist, einen auf Magie ausgelegten Protagonisten nicht mit Nahkampfwaffen auszurüsten und ihn in die direkte Konfrontation laufen zu lassen.

Werte wie Ausdauer, Weisheit und Stärke wollen also gut im Blick behalten werden. Gleiches gilt für die Ausrüstung, die wir uns für bare Münze bei Händlern zulegen oder in Dungeons finden.

Viel zu erzählen

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Der Umfang von Dragon Quest 7: Fragmente der Vergangenheit ist schier riesig. Allein die Story beansprucht mehr als 100 Stunden vor den beiden Bildschirmen des Nintendo 3DS. Während die Reise zwischen Vergangenheit und Gegenwart der Hauptquest stets interessante neue Wege in der jeweils anderen Zeit eröffnet, locken Nebenmissionen mit zusätzlichem Verdienst und jeder Menge Erfahrung.

Aber auch abseits des Plots gibt es eine Menge zu entdecken und zu erleben. Da wäre zum Beispiel die eigene Zuflucht und ein dazugehöriger Monsterpark. Für letzteren lassen sich Monster zähmen und auf Streifzüge schicken. Kleinere Rätsel tragen ihren Teil zur Motivation bei und wer sein Glück herausfordern möchte, besucht einfach mal das Casino.

Nur schade, dass die eigentliche Story des Spiels nicht so richtig überzeugen will. Zwar ist das Abenteuer recht nett inszeniert, geizt aber mit Spannung oder wirklichen Überraschungen. Ohnehin stehen die kleinen, in sich abgeschlossenen Geschichten der Bewohner weitaus mehr im Fokus, als die Handlung der Protagonisten.

Zeig mir deine Falten

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Natürlich wurde der Titel auch perfekt an den Nintendo 3DS angepasst. So findet ihr zum Beispiel eine Karte der Umgebung auf dem unteren Bildschirm, was die Orientierung deutlich vereinfacht. Zudem wurde der Schwierigkeitsgrad gegenüber dem Original angepasst und allzu nervige Zufallskämpfe gehören, durch jederzeit sichtbare Gegner auf der Oberweltkarte und in Dungeons, mittlerweile der Vergangenheit an.

Und dennoch merkt man Dragon Quest 7: Fragmente der Vergangenheit sein hohes Alter an. Charaktere bleiben weiterhin stumm und ohne jegliche Sprachausgabe, weshalb eifriges Lesen der vielen Texte genauso dazugehört wie etwa stundenlanges Aufleveln der eigenen Gruppe, um für den nächsten Bosskampf gerüstet zu sein. Das mit den ausgemerzten Zufallskämpfen ist auch so eine Sache. Zwar hopsen Gegner jetzt sichtbar in den optisch abwechslungsreichen Gebieten umher, allerdings in einem derart hohen Aufkommen, dass ein Ausweichen in den ohnehin engen Gängen der Dungeons fast unmöglich ist. An der Häufigkeit der rundenbasierten Kämpfe hat sich effektiv gesehen also nichts geändert.

Außerdem müssen wir den jeweiligen Charakteren ihre Items zuteilen, damit diese sie im Kampf auch benutzen können. Das erfordert ein wenig logistisches Geschick, da das persönliche Inventar über erschreckend wenig Platz verfügt.

Beim Speichersystem bleibt es weiterhin klassisch. Hier zwingt uns das Spiel, eine Kirche in den etlichen Ortschaften zu besuchen, damit wir unseren Fortschritt festhalten dürfen. Ohnmächtige oder verfluchte Charaktere werden in der religiösen Einrichtung ebenso behandelt. Zum Heilen des Trupps geht es dann aber in die hiesige Gaststätte, was gerade bei längeren Grind-Sessions, zwischen denen wir immer wieder heilende Hilfe benötigen, gehörig nervt.

Zum Glück hat es noch eine Schnellspeicher-Funktion ins Spiel geschafft. Die dient jedoch wirklich nur dazu, wenn das Spiel im Notfall unterbrochen werden muss. Etwa wenn der Akku des Handhelds zur Neige geht. Denn nach dem Speichervorgang müssen wir das System ausschalten. Ist aber immer noch besser, als den gesamten Fortschritt zu verlieren.

Die technische Seite der Medaille

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Eine gute Nachricht vorweg: Die Lokalisierung von Dragon Quest 7 ist tatsächlich gut gelungen. Deutsche Bildschirmtexte, passende Namensgebungen und sogar Akzente aus unseren Gefilden haben es fehlerfrei in diese Version des Spiels geschafft.

Was die liebevolle Optik aber gehörig trübt, sind ständige Ruckler und verhältnismäßig leer wirkende Gebiete. Der Look der Oberweltkarte wurde gelinde gesagt simpel gehalten, umso verwunderlicher ist es dann aber, dass immer noch Gegenstände wie etwa Bäume aus dem Boden aufploppen, sobald sie in unser Sichtfeld geraten und die Framerate willkürlich ein paar Stufen hinabsteigt.

Der 3D-Effekt ist dagegen recht ansehnlich, wenn auch nichts besonderes. Eine StreetPass-Funktionalität, zum Austausch von Landkarten-Tafeln, hat der Titel ebenfalls zu bieten. Die Steuerung geht gut von der Hand, hier dürften sich Veteranen der bisherigen Ableger für den Nintendo DS schnell zurechtfinden.

Es bleibt allerdings die Frage, wie hart man mit Dragon Quest 7: Fragmente der Vergangenheit überhaupt ins Gericht gehen darf. Immerhin hat die Portierung des Remakes ganze drei Jahre gebraucht, um es nach Europa zu schaffen. Der Titel erschien bereits 2013 auf dem japanischen Markt. Das ist dann wohl der Grund für die fehlende Sprachausgabe und übrigens auch dafür, dass der Titel nicht für die Möglichkeiten des New Nintendo 3DS angepasst wurde. C-Stick und Co. kommen leider überhaupt nicht zum Einsatz.


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Test und Screenshots basieren auf unserer Testversion von Dragon Quest 7: Fragmente der Vergangenheit, die uns freundlicherweise von Nintendo zur Verfügung gestellt wurde.

Wer jetzt am liebsten sofort loszocken möchte, kann das gerne tun. Dragon Quest 7: Fragmente der Vergangenheit ist seit dem 16. September 2016 exklusiv für den Nintendo 3DS erhältlich. Der digitale Download im Nintendo E-Shop und die normale Verkaufsversion schlagen mit knapp 40 Euro gleichermaßen zu Buche.

Fazit:

Ein riesiges Abenteuer, klassische Rollenspielkost und ein so liebevolles Design. Fast perfekt, möchte man meinen. Und doch werde ich mit Dragon Quest 7: Fragmente der Vergangenheit nicht so richtig warm. Trotz optischem Facelift und verbesserten Mechaniken, kann ich den Titel partout nicht zu den Rollenspielen zählen, die wirklich würdevoll gealtert sind. Ich stoße mich an vielen Ecken und Kanten verstaubter Gameplay-Elemente und empfinde die Story als zu lasch (Wie hat Earthbound das nur geschafft?). Als Neueinsteiger werdet ihr mit dem Remake von Dragon Quest 7 die traditionsreiche Serie auch nicht unbedingt lieben lernen. Vielleicht wäre es eine gute Idee, auf die Neuveröffentlichung des Nachfolgers im nächsten Jahr zu warten, die sich wesentlich zugänglicher, noch charmanter präsentiert und sich danach auf die Suche nach den Fragmenten der Vergangenheit zu begeben. Dennoch eine solide, aber eben sehr klassische Erfahrung, die stundenlangen Spielspaß garantiert.

Unsere Wertung
80%
Dennis

Dennis

Games-Magger Dennis findet gerne mal die Nadel im Heuhaufen und legt sie dann auf die Goldwaage. Wahre Liebe darf auch kritisieren.
Heimisch auf Xbox One und Nintendo 3DS.
Dennis

Games-Magger Dennis findet gerne mal die Nadel im Heuhaufen und legt sie dann auf die Goldwaage. Wahre Liebe darf auch kritisieren. Heimisch auf Xbox One und Nintendo 3DS.