Dishonored 2 bei uns im Test

Corvo ist zurück! Dishonored 2 wandelt auf bekannten Pfaden, hat davon aber beispiellos viele zu bieten. Von tollem Leveldesign und der perfekten Therapie für Entscheidungsschwache: Unser Test zum Action-Stealth-Mix auf der Xbox One.

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Kaiserin werden ist nicht schwer, Kaiserin bleiben dagegen sehr

Über 15 Jahre nach den Ereignissen des Vorgängers, scheint sich im Kaiserreich von Dunwall einiges getan zu haben. Emily Kaldwin, Tochter der einst ermordeten Kaiserin, tritt würdevoll die Nachfolge ihrer Mutter an und regiert nun über die krisengebeutelte Hafenstadt. Immer an ihrer Seite: Schutzherr und leiblicher Vater Corvo Attorno, der sich ja bekanntermaßen aus den verstrickten Anschuldigungen des Vorgängers befreien konnte und mittlerweile ein eher friedliches Leben, ganz ohne Meuchelmorde, führt.

Klingt ja fast schon zu idyllisch, weshalb die großen Probleme in Dishonored 2 dann auch nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen. Während einer Gedenkfeier zu Ehren der verstorbenen Kaiserin, taucht plötzlich das schwarze Schaf der Familie, Delilah Copperspoon auf. Die dürfte den meisten bereits aus den beiden DLC-Episoden des Originals, The Knife of Dunwall und The Brigmore Witches, bekannt sein.

Jedenfalls erhebt die düstere Dame gleich mal Anspruch auf den Thron und wir stellen erneut fest, dass Familie die Art von Freunden ist, die man sich leider nicht aussuchen kann. Unser Alter-Ego in Dishonored 2 dagegen schon. Denn je nachdem, wie wir uns während der chaotischen Übernahme durch Delilah entscheiden, ziehen wir entweder mit dem kampferprobten Corvo oder mit Grünschnabel Emily auf Rachefeldzug. Doch Achtung, diese Wahl ist für die gesamte Dauer der Geschichte nicht mehr rückgängig zu machen. Unser Gegenpart wird nämlich versteinert. Große Unterschiede in der Erzählung tun sich dadurch übrigens nicht auf. Lediglich die späteren Fähigkeiten der beiden Charaktere spielen sich ein wenig verschieden.

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Das Juwel des Südens

Nun, der Plot mag erneut etwas generisch erscheinen und ist im Kern nur eine leicht abgewandelte Version der vorherigen Storyline, da wir ja schlicht schon wieder entehrt (dishonored) werden, der wahre Star in Dishonored 2 ist aber ohnehin ein ganz anderer. Denn nach erfolgreicher, spielbarer Flucht aus dem mittlerweile politisch umgekrempelten Dunwall, landen wir auf der Insel Karnaca.

Statt viktorianischer Architektur, schlechter Wetterlage und der Pest, erwartet uns hier das mediterrane Flair einer südfranzösischen Stadt am Meer. Wofür im Original noch London als Vorbild diente, findet nun seine Wurzeln in Lyon. Aber so traumhaft sich dieses Postkarten-Szenario auch gibt, das sogenannte Juwel des Südens hat mit ganz eigenen, wenn nicht sogar ähnlichen Problemen zu kämpfen.

Neben einer infektiösen Mückenplage, erleben wir auch hier die große Kluft zwischen Arm und Reich, machen uns erneut mit Steampunk-ähnlicher Technologie vertraut und müssen es wieder mit unzähligen, feindlichen Wachen aufnehmen. Denn unser Ausflug in den traumhaften Touristenort hat nicht ohne Grund stattgefunden. Viel mehr dient der emotionale Abstand zur Heimat dazu, auf eine Rückkehr zum Thron und den Kampf mit Delilah vorzubereiten.

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Oder oder oder…

Bei Dishonored 2 heißt das, dass wir abermals den Kontakt zu wichtigen, meist gut bewachten Persönlichkeiten der Spielwelt suchen. Eine offizielle Einladung zum freundlichen Kaffeeplausch sollte sich aber als durchaus schwierig erweisen, weshalb wir die Sache dann auch ganz anders, aber immer nach unseren eigenen Vorstellungen angehen.

Es liegt nämlich wieder ganz bei uns, welchen Pfad wir wählen, ob wir morden oder lediglich bewusstlos schlagen, ob wir schleichen oder actionreich die Waffen zücken und ob wir das Mal des Outsiders überhaupt annehmen und von etlichen Fähigkeiten profitieren oder eben nicht.

Die große Freiheit beginnt dabei schon im offenen Leveldesign, dem eigentlichen Star von Dishonored 2. Auf dem Weg durch die Straßen Karnacas, dürfen wir fast jedes der toll designten Gebäude betreten. Somit weichen wir dann zum Beispiel den aufmerksamen Blicken feindlicher Wachen aus oder umgehen Lichtschranken. Aber auch hier ist noch äußerste Vorsicht gefragt, damit wir nicht von einem dort arbeitenden Dienstmädchen bemerkt werden oder direkt in ein Nest der angriffslustigen Blutmücken tappen. Vielleicht also doch lieber auf die Dächer klettern oder gar nach einer unterirdischen Route suchen?

Sicher keine schlechte Idee, um sich wie ein Schatten von A nach B zu bewegen, so könnten wir aber tatsächlich einiges verpassen. Denn die Spielwelt von Dishonored 2 fällt diesmal deutlich lebendiger aus. Neutrale NPCs streifen durch die Gassen der Stadt, lassen gern mal eine lohnenswerte Nebenquests springen oder halten wichtige Informationen über weitere alternative Wege, bzw. die nächste Zielperson bereit. Aber auch eher belanglose Dialoge und allerlei optionaler Papierkram führen dazu, dass wir uns immer mehr in dieser liebevollen Welt verlieren. Sogar das mit Mühe und Sorgfalt entworfene Interieur so mancher Wohnräume wird zum stillen Geschichtenerzähler.

Und ganz gleich für welchen Weg wir uns letztlich entscheiden, im Vordergrund steht dabei stets eine beispiellose Ungezwungenheit. Wir müssen eine Route nicht stur verfolgen, können ein Gebäude auch auf halber Strecke verlassen und ein Fenster öffnen, um in eine Seitengasse zu verschwinden, die dann doch irgendwann auf die offene Straße führt, wo bereits ein paar Wachen darauf warten, Bekanntschaft mit unserem Schwert zu machen.

Wir sind also keinesfalls gezwungen, eine Methode hartnäckig zu verfolgen, dürfen viel mehr beliebig kombinieren. So lassen wir mal die Klinge kreisen, töten ein paar Gegner und schleichen uns dann vor der anrückenden Verstärkung davon. Falls das einmal schief gehen sollte, profitieren wir von der Option, jederzeit einen Spielstand speichern oder eben laden zu dürfen. Auch das macht einen großen Teil des Spielflusses in Dishonored 2 aus. Denn durch diese Möglichkeit, gehen wir mit Vorliebe volles Risiko und sind nicht frustriert, falls sich die Situation dann doch nicht zu unseren Gunsten entwickeln sollte.

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Tot oder Lebendig

Richtig spannend wird es aber erst wieder, wenn wir eines der riesigen Bauwerke betreten, die mit ganz eigener Architektur aufwarten und eine wichtige Zielperson beherbergen. Auch hier bricht das Leveldesign keineswegs auf die Wahl zwischen offener Konfrontation oder dem simplen Schleichen durch Lüftungsschächte hinunter. Im Gegenteil. Während wir durch die verfallenen Hallen eines Minenbesitzers streifen oder das sich ständig verändernde Haus eines debilen Wissenschaftlers unter die Lupe nehmen, eröffnen sich oft unzählige Wege, die nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen sind.

Wer sich etwas genauer umsieht, erhält Schlüssel oder Kombinationen für versteckte Räume oder erfährt wie er die Zielperson lediglich neutralisiert, anstatt sie zu töten. Diese Entscheidung über Leben und Tod liegt zwar immer noch in unserer Hand, nicht tödliches Vorgehen erscheint in den meisten Fällen aber durchaus lohnenswerter. Nicht im Sarg gelandete Zielpersonen schließen sich unserer Sache nämlich an und rücken vor den blutigen Ausflügen gerne mal mit mehreren Manatränken raus oder helfen anderweitig aus.

Außerdem beeinflussen wir so den Chaosfaktor der Stadt. Hat der einen hohen Wert erreicht, erscheint die komplette Spielwelt deutlich düsterer und gefährlicher. Um dem vorzubeugen, sollten wir also einen eher bedächtigen Spielstil wählen und möglichst wenig auf tödliche Angriffe setzen. Aber es hat ja niemand gesagt, dass ein hoher Chaosfaktor unbedingt schlecht ist, das liegt ganz im Auge des Betrachters. So setzt uns Dishonored 2 dann auch keine Ethik-Brille auf und lässt uns moralische Entscheidungen selbst treffen. Denn wirklich klar ist die Verteilung der Wertvorstellungen nie, jeder Charakter im Spiel verfolgt schlicht seine eigenen, meist nachvollziehbaren Absichten. Ist es Bösewicht Delilah also zu verdenken, dass sie nach ihren qualvollen Erlebnissen die eigentlich längst verdiente Thronfolge antreten will? Darauf wird wohl jeder eine andere, vollkommen individuelle Antwort finden.

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Bitte (nicht) blinzeln

Im Gegensatz zum überwiegend offensiven Inventar aus Minen, Granaten, Schuss- oder Stichwaffen, sind es vor allem die magischen Fähigkeiten, die es uns das Schleichen enorm erleichtern. Hier finden sich dann auch die größten Unterschiede zwischen den Charakteren. Corvo fährt die bereits bekannte Magie-Palette des Vorgängers auf. Mit ihm übernehmen wir wieder kurzzeitig die geistige Kontrolle über Ratten oder andere Lebewesen und teleportieren uns mittels Blinzeln an Gegnern vorbei.

Emily hingegen kommt da schon etwas verspielter daher. Zwar verfügt auch sie über ähnliche Blinzel-Kräfte, ihr Domino-Effekt ist dagegen neu. Ähnlich wie in Splinter Cell Conviction, visieren wir hier mehrere Ziele gleichzeitig an und schalten sie mit nur einem Schuss aus. Ihre Fähigkeit einen Doppelgänger zu erstellen, nutzen wir dann, um weitere Wachen von unserer eigentlichen Position fernzuhalten.

Für das Erlernen und verbessern der Fertigkeiten, braucht es natürlich wieder Runen. Die verstecken sich überall in den Abschnitten und wollen erstmal gefunden werden. Dabei hilft uns erneut das pochende Herz der Kaiserin, das die Position der gut versteckten Objekte punktgenau verrät. Auf die gleiche Art und Weise schnappen wir uns dann auch die begehrten Knochenartefakte und gelangen so an kleinere Vorteile.

Auf die magischen Helfer können die Beiden jedoch nur zurückgreifen, wenn wir zu Beginn des Spiels das Mal des Outsiders annehmen. Für eine noch größere Herausforderung, dürfen wir das Angebot der mysteriösen Erscheinung nämlich auch komplett ablehnen, was allerdings nicht unbedingt die beste Idee ist.

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Der Herausforderung würdig?

Während der Vorgänger noch als zu einfach galt und gerade durch Mechaniken wie das Blinzeln jegliche Herausforderung verlor, hat Entwickler Arkane Studios in Dishonored 2 offensichtlich stark am Schwierigkeitsgrad geschraubt. Stealth zählt seit Splinter Cell zu meinen persönlichen Lieblingsgenres und für mich kommt eine andere Vorgehensweise in solchen Spielen auch gar nicht in Frage, trotzdem hatte ich selbst auf der Schwierigkeit Normal so meine Probleme.

Wachen haben nun einen erschreckend großen Sichtradius, scheinen mich mit all ihren Sinnen wahrnehmen zu können und sind zudem viel zahlreicher vertreten. Die Fähigkeit durch Wände zu sehen, wurde außerdem enorm abgeschwächt. Das ist ja irgendwie schon eine Verbesserung gegenüber dem Original, Dishonored 2 reagiert hier aber teilweise etwas zu unverzeihlich auf kleinere Fehltritte. Zum Glück darf aber jederzeit zwischen insgesamt vier Schwierigkeitsgraden, die von Einfach bis Sehr Schwer reichen, gewechselt werden.

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Raus aus den Schatten

Anders als Corvo oder Emily, muss sich die Präsentation von Dishonored 2 aber nicht verstecken. Prächtige Bauwerke und hoch entwickelte Steampunk-Technologie, treffen stilvoll auf Verfall und Armut und bilden zusammen mit dem gezeichneten Look diesen einzigartigen Charme, der bereits das Original prägte. Dank toll gesetzter Lichteffekte und ordentlicher Politur, kann Dishonored diesmal sogar in der oberen Liga mitspielen, bleibt jedoch nicht ganz frei von Macken, denn hier und da flimmert schon mal eine Kante oder wir stören uns an seltenen, aber nervigen Rucklern.

Der Sound passt ebenfalls, bleibt jedoch etwas hinter seinen Möglichkeiten zurück. Hier hätte es in so mancher Situation durchaus bombastischer zur Sache gehen können. Die deutsche Sprachausgabe bleibt allerdings Geschmackssache, obwohl die Sprecher schon motiviert klingen. Corvo wird beispielsweise von Manfred Lehmann, der deutschen Synchronstimme von Bruce Willis gesprochen, was jetzt nicht ganz in mein audiovisuelles Bild des bislang stummen Assassinen passt.

Viel ärgerlicher fällt allerdings die K.I. unserer Gegner aus, zumindest stellenweise. Die brabbeln nämlich gerne mal wild durcheinander, sodass wir gar kein Wort mehr verstehen oder strapazieren unsere Nerven bis ans Limit. Denn als ich einmal versuchte, eine Gruppe aus drei Wachen von ihrem Platz wegzulocken, damit die den Weg zu einer Rune freigeben, hatte der elitäre Wachtrupp anscheinend nichts besseres zu tun, als sich ständig selbst umzulaufen, was sie dann letztlich auch daran hinderte, von ihrer Position abzurücken.

Fazit und Wertung gibt es weiter unten!


Auch mal durch die Schatten schleichen? Dishonored 2 ist seit dem 11. November 2016 für Playstation 4, Xbox One und PC zum Vollpreis von knapp 60 Euro erhältlich.

Der Test basiert auf unserer Xbox One-Testversion von Dishonored 2, die uns freundlicherweise von Publisher Bethesda zur Verfügung gestellt wurde. Screenshots stammen diesmal vom offiziellen Bethesda Presse-Server.

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Fazit

Wow! Dishonored 2 bietet mit der Stadt Karnaca einen riesigen, toll inszenierten Spielplatz voller Möglichkeiten. Durch den Einsatz unzähliger Waffen, Fähigkeiten und das konkurrenzlose Leveldesign, erlebe ich jede Situation völlig unterschiedlich, aber immer so, wie ich es gerade möchte. Nach knapp 15 Stunden für den ersten Durchlauf ist also lange noch nicht Schluss und ich stürze mich sofort erneut ins Abenteuer. Dass die Story dabei eher austauschbar wirkt und das Spiel mit ein paar technischen Problemen zu kämpfen hat, ist angesichts der spielerischen Vielfalt aber locker zu verschmerzen. Jedes Mal entdecke ich neue Pfade oder bisher übersehene Hinweise und nehme so noch mehr von der interessanten Spielwelt, nebst ihren skurillen Bewohnern, mit. Dishonored 2 ist ganz große Kunst für kreative Köpfe und eine einzigartige Erfahrung auf dem modernen Videospielmarkt.

Unsere Wertung
92%
Dennis

Dennis

Games-Magger Dennis findet gerne mal die Nadel im Heuhaufen und legt sie dann auf die Goldwaage. Wahre Liebe darf auch kritisieren.
Heimisch auf Xbox One und Nintendo 3DS.
Dennis

Games-Magger Dennis findet gerne mal die Nadel im Heuhaufen und legt sie dann auf die Goldwaage. Wahre Liebe darf auch kritisieren. Heimisch auf Xbox One und Nintendo 3DS.