Bravely Second bei uns im TestBravely Second bei uns im Test
0100

Bravely Second bei uns im Test

Während sich Bravely Default noch stark an bewährten Mechaniken der klassischen Final Fantasy-Reihe bediente, folgen wir dem roten Faden von Bravely Second: End Layer nun wieder zurück zu seinem Vorgänger. Das verspricht erneut viel Bekanntes und wenig Neues. Kann das Rollenspiel aus dem Hause Square Enix dennoch überzeugen oder wird die aufgewärmte Tradition langsam zur ollen Kamelle? Unser Test zu Bravely Second: End Layer auf dem Nintendo 3DS.

Bravely Second_02

Bevor ihr Bravely Second startet oder einen Kauf überhaupt in Erwägung zieht, lohnt sich eventuell ein Blick in den e-Shop des Nintendo 3DS. Dort steht nämlich eine besondere Testversion zum Download bereit, die die Geschehnisse aus Bravely Default und seinem aktuellen Nachfolger in Form eines Prolog-Kapitels geschickt miteinander verknüpft. So könnt ihr euch nicht nur selbst von der durchgehend hohen Qualität des Spiels überzeugen, mit dem mehrstündigen Einblick erfahren Neueinsteiger auch ein recht ausführliches Tutorial, das mit allen wichtigen Elementen des Rollenspiels vertraut macht. Außerdem bekommt ihr durch das Herunterladen der Demo einen zeitlich limitierten Rabatt beim Kauf der Vollversion von Bravely Second: End Layer im e-Shop und Ingame-Belohnungen. Mit enormer Spielzeit und sehr hübschem AR-360°-Intro, tröstet dieser Vorgeschmack sicher über den eher missverständlichen Auftakt der Bravely Default-Demo hinweg. Unbedingt mal ausprobieren.

Bravely Second End Layer (2)

Tapfer sein oder eine Runde aussetzen? Das ist hier die Frage.

Bravely Second spielt sich grundsätzlich wie ein klassisches Rollenspiel mit fernöstlichen Einflüssen. Während wir da über die Oberweltkarte streifen oder geheimnisvolle Dungeons erkunden, wird unsere Reise immer wieder von Zufallskämpfen unterbrochen, die rundenbasiert ablaufen und den vollen Einsatz der vier Mitstreiter erfordern. Ob nun mit physischen Attacken, schwarzer Magie oder verstärkenden Buffs, stets gilt es, die elementare Schwäche der Gegner herauszufinden und sie dahingehend zu malträtieren.

Alles wie gewohnt, möchte man meinen. Doch Bravely Second hat, wie schon sein Vorgänger, weitaus mehr zu bieten. Die zusätzlichen Aktionen Brave (Tapfer) und Default (aussetzen) verleihen dem Titel nicht nur seinen Namen, sie spendieren dem J-RPG auch eine nicht zu unterschätzende, taktische Tiefe. Die sogenannten Brave Points (BP) geben die Anzahl der ausführbaren Aktionen pro Charakter-Zug an. Da die aber keine direkte Begrenzung darstellen und wir mit jedem Mitglied in die roten Zahlen wandern können, ist ein vierfacher Angriff von einem einzigen Helden pro Zug durchaus möglich, bestraft ihn aber anschließend mit dem sprichwörtlichen Stillstand. Besagter Charakter darf also erst wieder eine Aktion ausführen, wenn dieser seinen Punktestand ausgeglichen, sprich mehrere Runden ausgesetzt hat. Komplett gegensätzlich verhält es sich mit dem Default-System. Dabei wird eine Verteidigungsposition eingenommen, die der Abwehrkraft temporär zugute kommt und natürlich keine Brave Points verbraucht. Stattdessen wird unser Punktekonto zusätzlich gefüllt und wir dürfen dann im nächsten Zug ordentlich draufhauen, ohne danach pausieren zu müssen.

Bravely Second End Layer (6)

Zusammen mit den unterschiedlichsten Zaubern, Fähigkeiten und normalen Angriffen, die unser geselliger Trupp beherrscht, entsteht ein tiefgehendes, komplexes Kampfsystem, das regelmäßig zum Experimentieren einlädt und sogar während normaler Zufallsbegegnungen einen klaren Kopf erfordert. Bravely Second gibt dabei nicht vor, wann ihr Brave oder Default benutzen solltet, eine Faustregel kann man genauso wenig aufstellen. Es liegt viel mehr im eigenen Ermessen und der jeweiligen Situation, ob ihr sofort alle verfügbaren Aktionen aus dem Ärmel schüttelt oder ein paar Aktionen einspart, um dann bedenkenlos auszuteilen. Unabdingbar ist das System dann doch, mit simplen Schwerthieben, bzw. einem Angriff pro Zug kommt selbst das beste Quartett nicht weit.

Für zusätzliche Power während der Kämpfe sorgt dann noch die Bravely Second-Fähigkeit, die es uns erlaubt, die Zeit stillstehen und ohne den Verbrauch der BP die maximale Anzahl von vier Angriffen vom Stapel zu lassen. Allerdings mit nur einem Charakter und auf Kosten von SP (Sleep Points). Diese Ingame-Währung generiert sich mühsam durch den Standby-Modus des Nintendo 3DS oder darf in Form von Mikrotransaktionen digital erworben werden.

Per StreetPass holen wir übrigens Verstärkung ins Team oder senden sie an hilfsbedürftige Spieler. Die gespeicherten Charakterdaten stehen uns in den Auseinandersetzungen tatkräftig zur Seite und müssen nicht mal zwangsläufig von realen Personen stammen. Lasst ihr nämlich den Handheld lieber zuhause, vertröstet euch das Spiel mit computergenerierten Bots, die ihren echten Vorbildern in Nichts nachstehen.

Damit der relativ eintönige Trott aus Story- und Nebenmissionen und den ständigen Kämpfen auch etwas Abwechslung erfährt, bietet der Titel einige Minispiele, mit denen wir uns zusätzlich die Zeit vertreiben dürfen. So hat es zum Beispiel erneut ein Aufbau-Feature in das Rollenspiel geschafft, das in Echtzeit abläuft und alle Interessierten mit der Bevölkerung eines ganzen Planeten beschäftigt.

Bravely Second End Layer (7)

Nun lern‘ doch was vernünftiges, mein Junge

Ähnlich wie in den klassischen Ablegern von Final Fantasy, stellt uns Square Enix auch in Bravely Second vor die berufliche Qual der Wahl. Mal abgesehen von sämtlichen Ausrüstungsgegenstanden, ist vor allem der gewählte Job ausschlaggebend für Werte und Fähigkeiten eines Charakters. Die zahlreichen Berufe stehen allerdings nicht von Anfang an frei zur Verfügung, wir müssen sie uns hart erkämpfen. In Story- und Nebenmissionen treffen wir dafür gelegentlich auf Vertreter jener Klassen, dessen Asterisk, ein Kristall zum Erlernen des Berufs, es sich anzueignen gilt. Das darauf folgende Scharmützel ist zumeist recht anspruchsvoll, demonstriert aber vorab die zukünftigen Fähigkeiten des Jobs, sodass wir nicht mehr selbst experimentieren müssen, was besagte Klasse denn auf dem Kasten hat.

Zwar darf jederzeit zwischen den unterschiedlichen Jobs gewechselt werden, ratsam ist das aber nur bedingt. Denn ähnlich wie die Charaktere, steigt auch deren Beruf im Level. Haben wir also einen Rotmagier ordentlich trainiert und ihm durch den Kauf von Schriftrollen einige unverzichtbare Fähigkeiten beigebracht, wird die spätere Umschulung zum echten Rückschlag. Wir beginnen sozusagen erneut bei Null und müssen den Rückstand mit beinhartem Training abseits der Story wieder aufholen. Wer darauf keine Lust hat, was angesichts des ohnehin ständigen Grindings schon sehr verständlich ist, geht auch in Sachen Job-System keine Experimente ein und bleibt bei der anfänglichen Wahl. Schade eigentlich.

Bravely Second End Layer (11)

Grinden bis zum Umfallen

Trotz all dieser frischen Komponenten, leidet Bravely Second: End Layer dann doch unter einem altbekannten Problem, für das es letztendlich die meisten Kritikpunkte einheimst: Das obligatorische Grinding. Egal wie fleißig wir uns anstellen, im nächsten Dungeon angekommen, warten ja doch wesentlich stärkere Gegner, dessen Stufe wir uns wieder müßig annähern müssen. Von den Bosskämpfen ganz zu schweigen. Da möchte man sich schon mal Reißzähne wachsen lassen und beherzigt in den Handheld beißen, wenn der hübsch inszenierte Kampf selbst beim dritten Versuch nicht klappen mag und wir uns sichtlich benommen am letzten Speicherpunkt wiederfinden.

Zum Glück darf aber der Schwierigkeitsgrad frei gewählt und sogar an den zufälligen Begegnungen und deren Geschwindigkeit geschraubt werden. Auf eigenen Wunsch schalten wir die willkürlichen Rendezvous mit den Monstern einfach aus, vermindern zumindest ihre Häufigkeit oder lassen sie auf Befehl schneller ablaufen. In die andere Richtung geht es selbstverständlich auch. Wer noch härter trainieren will, verdoppelt die Anzahl der Zufallskämpfe und kommt so aus den taktischen Gefechten gar nicht mehr heraus.

Apropos, denn einmal in eine Zufallsbegegnung geraten, verdienen wir für das Aneinanderreihen von Kämpfen einen lohnenswerten Erfahrungspunkte-Bonus. Ist es uns gelungen, eine Monsterschar in nur einer Runde auszulöschen, haben wir die Möglichkeit auf einen weiteren Kampf, der sich ohne Pause an den Vorigen reiht. Verbrauchte BP bleiben erhalten, weshalb es also sein kann, dass gewisse Charaktere vorerst aussetzen müssen. Konnten wir jedoch auch diese Partie mit nur einem einzigen Zug gewinnen, steigt der Multiplikator noch höher. Das geht dann immer so weiter, bis wir letztlich selbst entscheiden, die Serie zu beenden oder eben mehr als eine Runde für den Sieg benötigen.

Mit seiner enormen Benutzerfreundlichkeit nimmt es Bravely Second ohnehin sehr genau. Das Spiel verfügt über ein automatisches Speichersystem, bietet aber auch ein manuelles Absichern der eigenen Daten, das jederzeit aus dem Menü heraus vorgenommen werden kann. Die Steuerung wirkt nicht überladen und beide Bildschirme des Nintendo 3DS werden sinnvoll genutzt. Das untere Display versorgt uns meist mit wichtigen Informationen zu Charakteren, Dungeon-Maps und Statusanzeige, während der obere Bildschirm das eigentliche Geschehen zeigt.

Bravely Second End Layer (4)

Die Spielwelt, ein (bekanntes) Kunstwerk

Die minimalistische Oberweltkarte, wahnsinnig detaillierte Städte und Örtlichkeiten, die mit ihrem handgemalten Pappmaché-Look insbesondere bei eingeschaltetem 3D-Effekt für offene Münder sorgen, ein tolles Monsterdesign und verträglicher Chibi-Stil. Komplexe Verstrickungen in der Story, lebhaft in englischer Sprachausgabe synchronisierte Charaktere mit deutschen Untertiteln und eine passende Portion Humor. Stimmungsvolle Musik, überragendes Art-Design und ein tiefgreifendes Kampfsystem. All diese bunten Komponenten fügen sich in Bravely Second zu einem fast schon meisterhaften Kunstwerk zusammen, dessen Stil uns nur leider schon sehr bekannt vorkommt und dieses Vorwissen auch gleichzeitig fordert.

Der Vorgänger Bravely Default orientierte sich stark am klassischen Final Fantasy und wollte somit an die besten Zeiten der traditionsreichen Rollenspiel-Reihe erinnern. Bravely Second: End Layer tut das immer noch. Mit dem großen Unterschied, dass einen jetzt das Gefühl beschleicht, man würde wieder beim Vorgänger landen, folgte man dem roten Faden des aktuellen Ablegers. Dass das Kampfsystem größtenteils so beibehalten wurde, wirkt sich nicht sonderlich negativ auf das Erlebnis aus. Ein gewisses Recycling von Orten, Monstern und handlungsrelevanten Charakteren, fällt dem geneigten Spieler dann schon eher auf.

Bravely Second End Layer (8)

Neueinsteiger haben mit diesem Abnutzungseffekt natürlich keine Probleme, sie stoßen aber spätestens mit der Story an ihre Grenzen. Bravely Second macht da weiter, wo Default aufhörte und nimmt sogar etliche Charaktere mit in die Fortsetzung. Lediglich eine kleine Sequenz zu Beginn von Bravely Second erklärt Unwissenden den Plot des Vorläufers, was aber angesichts des mittlerweile riesigen Handlungsspektrums schlicht nicht reicht, um unbedacht in die historischen Wirrungen einzusteigen. Da hilft selbst der nette Demo-Prolog nicht viel. Wenigstens kann auch abseits der Sequenzen bestimmten Dialogen des Helden-Quartetts gelauscht werden. Ähnlich wie in Tales of Vesperia dürfen wir hin und wieder nicht vertonten Gesprächen der vier Helden untereinander beiwohnen und dabei ein wenig mehr über die Spielwelt und ihre Geschehnisse in Erfahrung bringen. Das ist übrigens der Grund, warum ich bislang noch nicht weiter auf die Story eingegangen bin. Zum einen will ich gar nicht viel von der durchaus spannend erzählten Geschichte verraten, zum anderen hatte ich aufgrund kleiner Wissenslücken in Bezug auf den Vorgänger so meine ganz eigenen Probleme mit dem Plot. Seid euch jedoch sicher, dass die Geschehnisse aus dem ersten Teil stilsicher fortgeführt werden und selbst Neulinge ihren Spaß auf der zweiten Reise durch Luxendarc haben werden.

Davon aber mal ab, macht der Titel jede Menge Spaß und lässt so schnell nicht wieder los. Die Konkurrenz auf dem Nintendo 3DS ist inzwischen enorm, das eher traditionelle Rollenspiel mit modernen Einflüssen sticht aber klar hervor und sichert sich einen verdienten Platz an der Spitze. Der Vergleich mit Final Fantasy kommt nicht von ungefähr, dennoch muss sich Bravely Second zu keiner Zeit vor seinem großen Bruder verstecken. Ganz im Gegenteil, ebenbürtig und stellenweise überlegen tritt das Abenteuer um die Suche nach Religionsoberhaupt Agnès Oblige erneut in die breiten Fußstapfen von Final Fantasy und übertrumpft dabei sogar den Vorgänger.


Der Test, sowie alle Screenshots basieren auf unserer Test-Version von Bravely Second: End Layer auf dem Nintendo 3DS. 

Games-Magger Dennis findet gerne mal die Nadel im Heuhaufen und legt sie dann auf die Goldwaage. Wahre Liebe darf auch kritisieren. Heimisch auf Xbox One und Nintendo 3DS.


 
Unsere Wertung
88%


Fazit
Square Enix schafft mit Bravely Second: End Layer erneut ein fantastisches Epos voller Emotionen und toll geschriebener, sogar vertonter Dialoge. Das einzigartige Kampfsystem weiß zu motivieren, auch wenn sich Job-System und stundenlanges aufleveln manchmal daran reiben. Technisch glänzt der Titel mit hübscher Präsentation, stimmiger Akustik und sinnvoller Nutzung des Nintendo 3DS. Wenn doch jetzt nur die Story etwas einsteigerfreundlicher wäre und ich mich auch mit den wirklich liebevollen Charakteren vollends identifizieren könnte. So bleibt leider alles ein wenig fremd. Doch trotz aufgezwungener Vorkenntnisse und der traditionellen Pfade, von denen das Rollenspiel nur selten abweicht, fühlt sich der Tauchgang in diese glaubhaft detaillierte Welt einfach erfrischend an. Bravely Second: End Layer ist große Kunst auf kleinem Gerät und momentan unangefochtener Meister auf dem hart umkämpften Handheld-RPG-Thron.