Shadow of the Colossus bei uns im Test

Alles anders, alles gleich – unser Test zu Shadow of the Colossus (Playstation 4)

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Es gibt Spiele, die sind wie gute Freunde

Völlig egal, wie lange wir uns schon nicht mehr gesehen haben, stehen sie plötzlich wieder vor uns, ist die Freude groß und es scheint fast so, als wäre keine Sekunde seit der letzten Begegnung vergangen. Glücklich schließen wir uns in die Arme, fangen an zu quatschen und alles ist so, wie es immer war.

Shadow of the Colossus ist ein solches Spiel. Während andere Titel nur vom reinen Gefühl der Nostalgie zu leben scheinen und bei heutigem Anspielen höchstens noch wohlige Erinnerungen an die damalige Zeit aufkommen lassen, nach fünf Minuten aber mindestens genauso schnell wieder aus dem Laufwerk der Konsole verschwinden, bleibt der indirekte Nachfolger zu ICO das, was er zu seiner ursprünglichen Veröffentlichung im Februar 2006 schon war – ein zeitloses Meisterwerk mit dramatischen Bosskämpfen und ebenso leisen Untertönen, die allerlei ethische Fragen aufwerfen.

Dass dieses einzigartige Spielgefühl vom modernen Zeitgeist völlig unberührt bleibt, konnte bereits die The ICO & Shadow of the Colossus Collection unter Beweis stellen. Ganze fünf Jahre später hievte Entwickler Bluepoint Games den Titel nämlich von der Playstation 2 auf Sonys nächste Konsolengeneration. Trophäen-Unterstützung und HD-Auflösung nahmen die Fans gerne an, Probleme mit der Framerate und die Änderungen am Ausdauerbalken eher weniger. Trotzdem gab es schlicht nichts, was die Immersion des Titels zum Schwanken hätte bringen können. Egal ob Verschlimmbesserungen am Port oder neuer Grafik-Glanz, Shadow of the Colossus fühlte sich auch 2011 immer noch unverändert gut an.

Kolossale Veränderungen

Heute, ganze zwölf Jahre später, machen uns Team ICO und Bluepoint Games ein ganz besonderes Geschenk. Statt schnöder Portierung, erscheint Shadow of the Colossus als komplett überarbeitetes Werk auf der Playstation 4. Wander’s Suche nach den 16 Kolossen durch ein mysteriöses Land erstrahlt dabei in buchstäblich neuem Licht. Charaktermodelle, Animationen, die Umgebung, Licht und Schatten – alles wurde einer gehörigen Frischzellenkur unterzogen. Die einzelnen Gebiete der weitläufigen Karte wirken nun noch stimmungsvoller, verlieren dabei aber keinesfalls ihren Wiedererkennungswert. Wer den Titel schon einmal gespielt hat, ob nun im Original oder im Rahmen der Collection, wird sich sofort heimisch fühlen, dabei aber sicher auch die ein oder andere Freudenträne verdrücken, weil das Spiel nun endlich den Look verpasst bekommen hat, den es schon immer verdiente.

Vergnügt lassen wir den Blick über unendlich weite Ebenen schweifen und beobachten den Grasbedeckten Boden, der sich leise im Wind wiegt, wir starren minutenlang über den Rand einer Klippe, um einem tosenden Wasserfall zuzuschauen oder wir verlieren uns ganz einfach in einem Wald aus riesigen Bäumen, dessen bezaubernde Schönheit uns gar nicht mehr loslassen will. Dem Stimmungsbild von Shadow of the Colossus kommt diese neue, ziemlich detaillierte Pracht nur zugute. Die Spielwelt des Titels ist nämlich nicht nur atemberaubend hübsch, sie versprüht auch jederzeit ein Gefühl der Einsamkeit. Denn nach wie vor ist nicht viel los im verbotenen Land und das Spiel selbst geht recht spärlich mit dem um, was man sonst wohl als Story bezeichnen würde.

Eine kolossale Aufgabe

Wir schlüpfen in die Haut von Wander, einem jungen Mann mit Schwert, Pfeil und Bogen. Die beschwerliche Reise ins verbotene Land soll natürlich nicht als Sonntagsausflug dienen, denn einer uralten Legende folgend, wollen wir hier unsere mysteriöse Begleitung aus ihrem Dornröschenschlaf befreien. Da das aber keinesfalls als einfacher Freundschaftsdienst zwischen Wander und den hiesigen Göttern zu verstehen ist, müssen wir uns auf einen Deal einlassen. Das Leben von 16 Kolossen, gegen das der hübschen, schlummernden Begleitung. Die Verbindung zwischen unserem Alter-Ego und der Frau scheint groß, denn prompt nehmen wir den Vertrag an.

Das war es dann auch schon mit den Erklärungen, die Shadow of the Colossus für uns bereithält, und wir begeben uns leicht verloren, aber voller Tatendrang in das verbotene Land. Doch bis auf das Heulen des Windes und eine karge, lebensfeindliche Landschaft, die sofort ein beklemmendes Gefühl von Isolation in uns aufkommen lässt, scheint es hier nichts zu geben, was uns der angestrebten Aufgabe irgendwie näher bringt. Ein Griff zum mitgeführten Schwert verschafft zum Glück Abhilfe, denn die Klinge dient nicht nur als Waffe, sondern auch als Orientierungshilfe. Gen Himmel gestreckt, weist sie uns wie ein Kompass den Weg. Jetzt einfach loszurennen, würde im weitläufigen Areal wohl ziemlich lange dauern, weshalb wir auch viel lieber auf den Rücken von Agro klettern. Unser Pferd steht einem menschlichen Begleiter in nichts nach und auch wenn wir das treue Ross in erster Linie als Fortbewegungsmittel nutzen, bauen wir doch eine erstaunlich enge Bindung zu unserem Freund mit den vier Hufen auf – Plötze und Epona können da locker einpacken.

Nach ein paar simplen Klettereinlagen, erreichen wir dann endlich unser erstes Ziel, mit dem uns Shadow of the Colossus direkt mal die Kinnlade herunterklappen lässt. Die Götter haben wohl nicht übertrieben und uns erwartet ein haushoher (Hochhaus, nicht Reihenhaus) Koloss. Mit einem einzigen Schritt zieht er uns den Boden unter den Füßen weg und wir straucheln unbeholfen umher. Vielleicht hätten wir uns das doch nochmal überlegen sollen – aber was tut man nicht alles für die Liebe? Auch hier spielt das Schwert wieder eine zentrale Rolle, denn das gebündelte Licht der Klinge gibt nun Aufschluss über diverse Schwachstellen. In diesem Fall ist das zuerst einmal das Bein des Riesen. Mit einem beherzten Sprung klammern wir uns an der zotteligen Ferse fest und holen zu einem kräftigen Schwertschlag aus. Unter einem dumpfen Aufschrei geht der Koloss in die Knie und gibt damit den Weg auf seinen Rücken frei. Mutig laufen wir das angewinkelte Bein entlang und nutzen erneut die Körperbehaarung als Kletterhilfe. Doch so einfach soll es nicht bleiben. Vom Schmerz befreit, richtet sich der Koloss wieder auf und schüttelt seinen ganzen Körper, als wären wir eine lästige Fliege. Ewig können wir hier allerdings nicht ausharren, denn während wir uns irgendwo versuchen festzuhalten, nimmt unsere Ausdauer unentwegt ab. Vor einem metertiefen Sturz auf den Boden kann uns also nur ein sicherer Platz retten, den wir in diesem Fall noch relativ einfach im Nacken des Titanen finden.

Kurz ausgeruht, schon geht es weiter. Mit verschwitzten Händen erklimmen wir den Kopf, der sich darauf wie eine Abrissbirne hin und her bewegt – jetzt bloß nicht herunterfallen. Doch wir sind fest entschlossen, wollen diesen Kampf auf Leben und Tod unbedingt gewinnen. Mit letzter Kraft holen wir zu einem finalen Schwertschlag aus und rammen das spitze Silber direkt in den Schädel der Kreatur. Endlich! Mit einem lauten Aufschrei entweichen dem Koloss die Lebensgeister und er geht zu Boden, als würde ein Hochhaus einstürzen.

Kolossale Zweifel

Doch was ist das? Die Freude über unseren Sieg wird plötzlich von einem Gefühl des Mitleids überschattet. Wie aus dem Nichts durchdringt uns die Frage der Schuld. Jetzt, wo uns das Adrenalin der wahrhaft kolossalen Begegnung verlässt, pumpen stattdessen Zweifel durch unsere Adern. Sahen wir uns zuvor nur einer Bedrohung gegenüber, die es zu vernichten gilt, erkennen wir nun die unvergleichliche Schönheit der Kreatur, ihren Anmut und ihre Einzigartigkeit. Waren es nicht wir, die zum Eindringling, ja, sogar zum Angreifer wurden?

Shadow of the Colossus braucht keinerlei Worte, keinen Kommentator oder ähnliche Hinweise, die uns dieses Bewusstsein aufdrängen. Das Hinterfragen der eigenen Taten kommt von ganz alleine und nimmt auch während der 15 weiteren Begegnungen nicht ab. Im Gegenteil. Immer häufiger stellen wir unsere Motivation in Frage, ein Menschenleben gegen das von etlichen, wirklich faszinierenden Fabelwesen einzutauschen. Der Sound trägt an dieser Achterbahnfahrt im eigenen Kopf eine große Mitschuld. Während uns in den Gefechten basslastige Orchesterstücke um die Ohren fliegen, herrscht ansonsten eher Stille. Nur die Natur selbst vermag es, dieser Trostlosigkeit ein wenig Leben einzuhauchen. Das vermittelt nicht nur ein schauriges Gefühl der Abgeschiedenheit, die Ruhe lässt auch unseren Gedanken und all den Zweifeln freien Lauf.

In spielerischer Hinsicht plagen uns allerdings keine Zweifel. Zwar gibt es außer dem Besiegen der Kolosse nicht wirklich viel zu tun, die Begegnungen fallen aber derart einzigartig aus, dass für genügend Abwechslung gesorgt ist. Schnell finden die Kämpfe nicht mehr nur an Land, sondern auch im Wasser und in der Luft statt, wobei jeder Koloss nach einer ganz eigenen Herangehensweise verlangt. Für das Besteigen vieler Kreaturen müssen wir die Umgebung geschickt ausnutzen und auch schon mal Agro zu Hilfe rufen. Und es ist auch völlig egal, ob auf zwei, auf vier oder ganz ohne Beine, die Faszination für unsere riesigen Gegner nimmt schlicht nie ab.

Kolossaler Zeitvertreib

Wer nicht stur Koloss für Koloss abarbeiten und somit schon nach 10 Stunden das Ende von Shadow of the Colossus über den Bildschirm flimmern sehen will, kann sich auch anderweitig die Zeit vertreiben. Zum Beispiel auf der Suche nach Eidechsen und Früchten. Die Erhöhen nach Verzehr dauerhaft die Ausdauer, bzw. den Lebensbalken, was unser Vorhaben deutlich vereinfacht. Außerdem haben es wieder ein paar nette Secrets ins Spiel geschafft, die für zusätzliche Motivation sorgen. So sollten neugierige Spieler auch unbedingt wieder die anstrengende Klettertour auf das Dach des heiligen Schreins in Angriff nehmen und Pferd Agro nebenbei ein paar Kunststücke beibringen. Neu dagegen sind einige Easter Eggs, die vor allem Freunden von The Last Guardian ein Lächeln ins Gesicht zaubern sollten. Mit dem New Game+ nehmen wir unsere verbesserten Attribute mit und können uns gleich an einem kleinen Speed-Run versuchen, der ebenfalls mit einer hübschen Trophäe belohnt wird.

Das Erkunden der Umgebung wirkt dagegen nicht sehr lohnenswert, zumindest auf den ersten Blick. Denn wer sich von fehlenden Questmarkern oder ähnlichem nicht die Laune vermiesen lässt, findet in dieser kargen und doch so abwechslungsreich gestalteten Umgebung sicher ein paar optische Highlights, die den Inhalt der Screenshot-Galerie schnell wachsen lässt.

Besitzer einer Playstation 4 Pro dürfen aus zwei unterschiedlichen Darstellungen wählen. Der Kinomodus bietet die beste grafische Qualität in 4K und mit HDR, vorausgesetzt ihr verfügt über ein entsprechendes TV-Gerät, während der Performance-Modus satte 60 Bilder pro Sekunde liefert und so für ein flüssigeres Spielgeschehen sorgt. Aber auch auf einer normalen Playstation 4 schaut Shadow of the Colossus noch extrem gut aus. Neben den anfangs erwähnten Änderungen an der Landschaft, hat man auch das Fell der Kolosse einer kleinen Schönheitskur unterzogen, denn das wirkt jetzt richtig zottelig – wie echtes Haar.

Den Vergleich zum Original muss Shadow of the Colossus auf der Playstation 4 keinesfalls fürchten, das Spiel stellt sich diesem sogar. Durch freischaltbare Vergleichsbilder in der Galerie, erleben wir den enormen Unterschied zur modernen Fassung in einer direkten Gegenüberstellung, was wirklich interessant ist. Hier fällt auch erst so richtig auf, mit wieviel Liebe zum Detail Entwickler Bluepoint Games den Titel auf die PS4 gebracht hat.

…und ein winziges Manko

Als bestenfalls interessant lässt sich wohl die Steuerung bezeichnen. Die ist nämlich ausnahmsweise nicht sonderlich gut gealtert und fühlt sich immer noch viel zu steif an. Selbst ein, an moderne Verhältnisse angepasstes, Controller-Set Up hilft da nur wenig und zusammen mit der, leicht verbesserten, aber weiterhin etwas störrischen Kamera, sorgt das oft für unfreiwillige Abstürze nach anstrengenden Kletterpartien. Hier ist aber einfach etwas Eingewöhnung gefragt, denn Shadow of the Colossus nur aufgrund der altbackenen Steuerung links liegen zu lassen, wäre ein wahres Verbrechen.


Der Test, sowie alle Screenshots, basieren auf unserer Test-Version von Shadow of the Colossus für die Playstation 4, die uns freundlicherweise von Publisher Sony zur Verfügung gestellt wurde.

Shadow of the Colossus ist seit dem 7. Februar 2018 als Remaster exklusiv für die Playstation 4 erhältlich. Für knapp 40 Euro könnt ihr den Titel digital oder als physische Version im Handel erwerben.

 

94%

Das ist Kunst, das darf nicht weg!

Shadow of the Colossus hat mich damals so nachhaltig geprägt, wie kein anderes Spiel. Ein zeitloses Kunstwerk, das laute und leise Momente sensibel miteinander kombiniert und eine Geschichte erzählt, die keinerlei Worte bedarf. Im Kampf gegen die Kolosse verspürte ich erst Verzweiflung, dann Entschlossenheit und Wut. Das Schwert sollte es schon richten, die Leere in Wander's Herz vertreiben, doch genau die blieb und wurde immer größer, auch in mir. Eine Reise durch ein Land, in dem ich nicht sein durfte, das mich aber für eine lange Zeit nicht mehr loslassen wollte. Auf der Suche nach dem Leben fand ich das genaue Gegenteil und eine viel zu späte Erkenntnis.

Von diesem Gefühl hat Shadow of the Colossus absolut nichts verloren. Diese einzigartige Perle der Videospielgeschichte fühlt sich immer noch so schmerzhaft schön an, als wäre sie erst in diesem Jahr veröffentlicht worden. Das zu glauben fällt auch gar nicht schwer, denn die zahlreichen technischen und optischen Verbesserungen verpassen dem Titel ein überaus modernes Gewand. Einer der besten Remaster-Titel überhaupt, unbedingt kaufen.

  • Grafik 100%
  • Sound 100%
  • Umfang 90%
  • Story/Atmosphäre 100%
  • Steuerung 80%