Das Schwarze Auge: Memoria im Test

Vor gut einem Jahr erfuhr das Franchise von „Das schwarze Auge“ nach der dreiteiligen Drakensang-Reihe (Rollenspiel-Genre) eine Wiederbelebung mit einem etwas anderem Konzept: Daedalic Entertaiment nahm sich das Material rund um die Welt Aventurien und bastelte daraus ein Point and Click Adventure. In diesem geht es um den magisch begabten Vogelfänger Geron, der auf besondere Weise in mysteriöse Geschehnisse hineingezogen wird. Während dieser Ereignisse verliert allerdings auch seine Geliebte, die Fee Nuri, ihren Körper und fristet ihr Dasein in Form eines Raben. Da sie so nicht wirklich glücklich werden kann, versucht Geron in Memoria einen Zauber zu finden, um ihr den alten Körper zurückzugeben. Dabei stößt er auf einen mysteriösen Händler, welcher ihm einen dauerhaften Transversalis, also die gewünschte Verwandlung verspricht.

Voller Vorfreude besucht Geron den Reisenden in seinem Zelt, doch es erweist sich als gar nicht so einfach an den Zauberspruch heranzukommen… Denn hierfür muss er ein uraltes Rätsel lösen, welches bereits gut 500 Jahre zurückliegt. Doch aus irgendeinem Grund träumen der Händler und seine Tochter wieder und wieder von den damaligen Ereignissen. Kurz darauf werden der Händler und seine Tochter in Steinstatuen verwandelt und mit ihnen auch der Transversalis. So muss Geron auch die mysteriösen Geheimnisse um den Händler lösen und nicht nur die Ereignisse der Vergangenheit. Aber irgendwie scheint beides verknüpft zu sein und die Verbindung wird Geron im Laufe seines Abenteuers immer klarer und enthüllt ein altes Geheimnis…

Die Ereignisse in der Vergangenheit drehen sich um die Prinzessin Sadja, welche ein ganz anderes Abenteuer erlebt hat. Denn der Händler erzählt nur einen kleinen Ausschnitt der vollen Geschichte, in dem man die Rolle von Sadja einnimmt und auch aus ihrer Sicht die Geschehnisse erlebt. In der dortigen Zeit versuchen Sadja und eine Gruppe Abenteurer eine magische und mächtige Maske zu finden, welche wichtige Fähigkeiten besitzen soll und für den bevorstehenden Krieg eine wichtige Rolle spielt. Dabei sind die Abenteurer bisher auf steinerne Wächter gestoßen, welche das Grabmal beschützen und dabei auch eine Begleiter schon umgebracht haben. Letztlich gelangt Sadja als einzige überlebend zur Maske und stößt auf ein noch viel größeres Geheimnis. Dabei beginnt ihr Weg um den Krieg entscheidend zu verändern und als Heldin in die Geschichte einzugehen. Doch in den 500 Jahren bis Gerons Zeit ist irgendetwas geschehen, was diese Pläne durchkreuzt hat…

Die Story ist spannend und besitzt einige Wendepunkte. Zudem ist sie nicht vorhersehbar, sondern entwickelt sich immer weiter und wird bis zum Ende hin immer spannender, sodass man spätestens ab einem Drittel das Spiel nur so verschlingen wird.

Im Grund weiterhin „nur“ Point und Click

Die Steuerung ist wie immer nicht kompliziert, sondern intuitiv und orientiert sich genau wie das Gameplay am restlichen Genre. Allerdings gibt es einige Besonderheiten aus dem letzten Teil und auch einige neue gleich dazu. Aber mal von Anfang an:

Zum Spielen benötigt man nur eine Maus mit zwei Tasten. Die Umgebung lässt sich in Hotspots einteilen, so wird jedem wichtigen Merkmal oder Gegenstand ein solcher Hotspot zugewiesen. Also eine massive Wand wird ebenso angezeigt wie eine Feuerschale oder ein Verband. Auch die Übergänge zwischen den Bildschirmen, also verschiedenen Räumen oder Umgebungen kann man per Hotspot auswählen. Per Mausklick auf eine Schaltfläche der mit der Leertaste lässt man jeden Hotspot kurz blau aufleuchten.
Mit der rechten Maustaste kann man den Gegenstand betrachten, sodass der Hauptcharakter etwas dazu erzählt oder auch einfach nur beschreibt. Dabei gibt auch jeder Charakter je nach Situation und bisherigen Interaktionen einen anderen Kommentar.

Interessanter und praktischer ist dabei die linke Maustaste, mit der man etwas benutzt oder verwendet. Je nach Gegenstand kann man ihn lediglich aufheben und mit etwas anderem benutzen, in seine Itemtasche packen, aktivieren oder auch einfach mal nichts machen. Denn was will man mit einer massiven Wand ohne irgendwelches Werkzeug machen? Genau, außer einen sarkastischen oder verzweifelten Kommentar passiert gar nicht.
Die Items kann man mit jedem Hotspot verwenden und sogar kombinieren. So lassen sich sehr simple Sachen kombinieren, wie etwa Hammer und Meißel zu einem Werkzeugeset um einen Stein herauszubrechen, oder um komplexere Gebilde zu schaffen.

Wie immer geht es um das Lösen von Rätseln, so muss man Hindernisse überwinden. Ob das ein verärgerter Bewohner ist, man Informationen zum Vorankommen benötigt oder eine Wand im Weg steht, ist dabei verschieden. Dabei kommt man durch gezieltes Fragen und Dialoge, Kombination von Items und dem genauen Untersuchen der Umgebung weiter. Wie schnell übersieht man einen Hammer oder kommt nicht auf die Verbindung von einem Haken, ein Stahlkugel und einem endlos tiefen Loch? Bei den Rätseln glänz das Spiel und erweist sich als abwechslungsreich und interessant. Dabei sind die Rätsel durchgehend schwer, allerdings auch nicht frustrierend schwer. Außerdem kann man sich einmalig kleine Hinweise im Menü holen, wobei die eher weniger helfen. Meistens muss man nachdenken und nochmal alles absuchen. Somit sind die Rätsel sehr gut gelungen.

Perspektivenwechsel, quer durch Raum und Zeit

Im Gegensatz zum Vorgänger wechselt man immer wieder zwischen den beiden Personen. So spielt man mal die Hauptperson Geron, der durch die Stadt Andergast und Umgebung reist, um das geheimnisvolle Rätsel zu lösen. Immer wieder werden Ausschnitte aus Sadjas Geschichte eingeblendet, in denen man sie spielt und etwas über ihre Geschichte erfährt. Auch wenn das jetzt ein wenig chaotisch wirkt, sind die Übergänge fließend und sehr gut gemacht. Dabei machen gerade die beiden unterschiedlichen Fähigkeiten und Storys der Charaktere die Hauptspannung und Motivation des Spieles aus. Warum es solche Übergänge gibt? Das stellt sich erst nach und nach heraus und ist ein Teil des großen Geheimnisses…

Außerdem unterscheidet sich das Gameplay ein wenig der beiden Charaktere. Die Itemtaschen sind natürlich voneinander getrennt, allerdings spielt auch eine spezielle Sorte der Magier eine wichtige Rolle. Geron kann einen einfachen Zauber wirken, der kaputte Gegenstände repariert oder zerbrechliche zerstört. Eine Wand ist dafür viel zu massiv, aber um beispielsweise eine Flasche zu zerstören und die Splitter als Gefäß zu verwenden ist diese Magie äußerst hilfreich. Außerdem erhält er ein besonderes Amulett, dass ein wenig an „The Night of the Rabbit“ erinnert und auch nach dem dort vorkommenden Marquis de Hoto benannt ist. Mit diesem kann er magische Aktivitäten und Spuren sichtbar machen und so etwa spezielle Gegenstände suchen oder bestimmten Personen folgen. Die letzte Besonderheit ist die Fee Nuri, die als Rabe fliegen und so Geron unterstützen kann. Personen ablenken oder Items holen sind dabei nur einige der Möglichkeiten.

Sadja hingegen ist als Tulamidin grundsätzlich nicht magisch begabt. Jedoch trifft sie auf einen mysteriösen Zauberstab, der mit ihr einen Pakt schließt: Wenn sie ihn aus dem Grabmal retten und mitnimmt, stellt er ihr seine Zauberkräfte zur Verfügung. Denn Sprechen ist auch eine der vielen Fähigkeiten. Die Magie ist dabei relativ begrenzt und beschränkt sich auf das Erwecken von Wächtern, mit denen man viele Mechanismen und Aktionen durchführen kann. Außerdem kann man mit entsprechenden Gegenständen Licht erzeugen oder auch wieder verschwinden lassen. So erkenn man einen Spalt in der bröckeligen Mauer und kann sie zerstören. Auf der anderen Seite ist die Dunkelheit schlecht, da man gar keine Hotspots erkennen kann und so nur zum nächsten Bildschirm weiterlaufen kann, wenn überhaupt.

Gerade diese zusätzlichen Fähigkeiten und der Wechsel beider Charaktere machen das Spiel komplexer, aufwendiger und vor allem spannender. Mit der Zeit finden die einzelnen Zauber auch immer mehr Anwendungsmöglichkeiten und man entdeckt neue Wirkungen auf andere Gegenstände oder Personen. Langeweile kommt da erst gar nicht auf, weder beim Gameplay, noch bei der Story.

Eine magische Umgebung

Das gesamte Spielgeschehen findet im „Das schwarze Auge“-Universum (kurz: DSA) in Aventurien statt. Und auch wenn man nach den RPGs nicht unbedingt eine wirklich hervorragende Umsetzung als Point and Click erwartet, so gelingt das wie bereits beim Vorgänger sehr gut. Auch die Dialoge sind sehr ausgestaltet und bieten oft Wahlmöglichkeiten, welches Thema man nimmt oder wie man antwortet. Außerdem passen sich diese Gespräche in den Kontext ein und wirken nicht etwa gezwungen oder Ähnliches, sondern typisch für das DSA-Franchise.

Grafisch stellt das Spiel das ganze sehr gut dar. Dabei versucht der Grafikstil möglichst realistisch die Dinge darzustellen, allerdings sind die Charaktere, Objekte und Hintergründe gezeichnet. Dabei ist alles sehr detailliert und animiert, sodass alles sich bewegt und lebendig wirkt. Die Schweine laufen ein wenig herum, die Personen atmen und stehen nicht steif herum. Auch Mimik und alle anderen Handlungen und Emotionen werden sehr genau dargestellt und man sieht auch hier die vielen Details und den realistsichen Grundgedanken der dabei sehr passend umgesetzt wurde. Auch das passt wunderbar zum Das schwarze Auge – Franchise, das sowohl auf die mysteriöse Umgebung und besondere Fähigkeiten wie Magie setzt, als auch auf den realistischen und mittelalterlichen Grundgedanken. Den auch die Stadt Andergast fügt sich in dieses Schema ein und hält Tavernen, alte Frauen mit mysteriösen Rätseln und auch alten Forschern mit magischen Diplomen bereit.

Auch der Soundtrack passt sich sehr gut in die Atmosphäre ein, sodass Memoria es perfekt schafft, die Welt und Atmosphäre Aventuriens darzustellen. Auch die vielen Cutscenes werden dabei passend unterlegt und werden durch eine Vielzahl verschiedener Tracks und eine Variation derer unterstützt.

Insgesamt versinkt man regelrecht in dem Spiel und will am liebsten auch gar nicht mehr raus. Eine magische Umgebung, tolle NPCs und Rätsel, eine wunderschöne Stadt: Daedalic Entertaiment hat ganze Arbeit geleistet diese Atmosphäre herzustellen und schließt so direkt an den Vorgänger von der Qualität her an.

Der Spielumfang ist von der Qualität sehr groß. Viele NPCs mit unterschiedlichen Persönlichkeiten, Fähigkeiten und Aufgaben in der Geschichte, vielen neuen Umgebungen und eine spannende und umfangreiche Story. Die Spielzeit liegt bei etwa 15 Stunden, je nach Erfahrung und Entdeckungslust, sowie Dialogen können es auch ein oder zwei Stunden mehr oder weniger sein. Das ist wie fast immer bei Point and Click Adventures wenig für ein Vollpreisspiel für 40€, allerdings ist das gebotene dafür wirklich sehr gut umgesetzt. Von daher geht die geringe Spielzeit nicht als Abzug in die Wertung ein.

Fazit

Insgesamt ein toller Nachfolger, sowohl die Neuerungen des Gameplays, als auch die Einbindung von Sadjas spannender Geschichte klappen perfekt. Dabei tritt auch keine Ermüdung oder Wiederholung auf, sondern einfach eine Erweiterung des Gameplays und eine Fortsetzung der Story. Rätsel, Items und Ideen sind dabei natürlich auch alle neu und abwechlsungsreich. Auch die Atmosphäre, die Dialoge und die Handlungsmöglichkeiten und Gegenstände passen dabei gleichzeitig toll zu DSA und machen es somit zu einem tollen Nachfolger. Das einzige Manko ist die Spielzeit von um die 15 Stunden, was aber auch verkraftbar ist und die Qualität ja natürlich nicht gerschlechtert. Nachdem ich die komplette Preview Version doch glücklicherweise erhalten habe, kann ich euch voll und ganz versichern: Das Spiel ist super und legt sogar noch einen im Gegensatz zum Vorgänger drauf. Für alle Fans von DSA und ähnlichen Rollenspielen oder Point and Click-Adventures ein Muss!

Wertung: Sehr gut

(C) Tim Hildmann

Markus

Markus

Chefredakteur bei Markus Biering Verlag
Chefredakteur, Inhaber MB Verlag, erster Ansprechpartner und Gründer von Games-Mag
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