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Need for Speed Payback bei uns im Test

Glücksspiel statt Getriebe-Tuning?

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Mit seiner kinoreifen Inszenierung dürfte die Kampagne von Need for Speed Payback zumindest bei Anhängern der The Fast & The Furious-Filmreihe für einige Freudentränen sorgen. Der Machtkampf auf vier Rädern um eine fiktive Casino-Stadt, weist in Sachen Präsentation allerlei Analogien auf, die Rennliebhaber bereits in den letzten Jahren auf der großen Leinwand bestaunen konnten. Kompromisslose Action, waghalsige Fahrmanöver und ein sympathischer, wenn auch deutlich stereotyper Charakter-Cast. Popcorn-Kino eben.

Warum muss der dunkelhäutige Typ stets als Spaßvogel mit den lustigen Sprüchen herhalten? Warum sind die weiblichen Darstellerinnen eigentlich so übertrieben tough? Und wer zur Hölle schafft es, einen sündhaft teuren Sportwagen unbeschadet über eine Sprungschanze zu jagen, um ihn dann punktgenau in der Ladefläche eines LKWs zu landen? Fragen, die wir uns bei Need for Speed Payback besser nicht stellen sollten. Wobei Widersprüche wohl kein so schlechter Einstieg in die Diskussion um Electronic Arts neuesten Racer zu sein scheinen. Denn während die Story und ihre abwechslungsreichen Missionen durchweg motivieren, schafft es das restliche Gameplay aus qualitativer Sicht nur auf die hinteren Plätze.

Eine Open World zum Davonfahren

Nach einer kurzen Einleitung und der ersten der sogenannten Blockbuster-Missionen, die wir ähnlich wie bei Grand Theft Auto V abwechselnd mit allen drei Hauptcharakteren spielen, wirft uns der Titel in seine offene Spielwelt.

Hier gibt es eigentlich alles, was das Racer-Herz begehrt. Von der schroffen Wüstenlandschaft im Norden der Karte, brettern wir durch die Hochhausschluchten einer Glücksspiel-Stadt und erreichen so auch irgendwann eine bewaldete Bergregion. Klingt jetzt erstmal nach einer optisch gelungenen Open World, sieht im Endeffekt aber eher langweilig aus. Der Welt von Need for Speed Payback fehlt es schlicht an eindrucksvollen Highlights, bzw. dem Gefühl, Teil einer organischen, wirklich lebendigen Umwelt zu sein. Da helfen dann leider auch keine Blitzer oder Speed Zonen mehr, die sich Entwickler Ghost Games hier anscheinend ziemlich dreist bei Forza Horizon abgeschaut hat.

Hätten sie das bloß auch für die Wracks getan. Die betagten Rennwagenklassiker funktionieren ähnlich wie die Scheunenfunde in Microsofts exklusivem Racer, wollen also anhand eines ungefähren Standorts erstmal von uns aufgespürt werden, damit wir sie restaurieren und irgendwann wieder auf die Straße bringen. Statt einer spaßigen Suche nach edlen Karosserien, erwartet uns hier allerdings echte Arbeit. Jedes Wrack benötigt ganze fünf Einzelteile, die völlig willkürlich und meist auch eher unlogisch in der offenen Welt verstreut liegen. Einen Motorblock auf einem Felsmassiv erreichen wir beispielsweise nur über eine entfernte Sprungschanze – wie auch immer das Teil da überhaupt hochgekommen sein soll.

Ansonsten feiert Need for Speed Payback mit seinen Sammelobjekten ein eher unfreiwillig komisches Revival. Werbetafeln haben wir schon damals in Burnout zuhauf zerstört – allerdings ohne nervige Slow Motion und einer fragwürdigen Kameraperspektive – und wer im Jahr 2017 noch Bock auf das Einsammeln von schwebenden Sammelobjekten, hier als Glücksspiel-Token dargestellt, hat, soll doch bitte seinen Controller essen. Es hätte so viel besser funktioniert, wenn sich Ghost Games wieder auf ein strukturiertes Konzept konzentriert und das Open World-Design über Bord geworfen hätte, denn die offene Spielwelt steht dem Titel tatsächlich mehr im Weg, als dass sie ihm gut tut.

Ein Rennfahrer hat es nicht leicht

Nun aber endlich zum Herzstück des Spiels, den Rennen. Von den bereits im Vorfeld hoch angepriesenen Blockbuster-Missionen, die ihren Namen redlich verdient haben, gibt es lediglich etwas mehr als eine Handvoll. Um uns dazwischen also die Zeit zu vertrieben, bzw. im Sinne der Narrative weitere Rennfahrer-Crews für den großen Rachefeldzug gegen die Untergrund-Bosse der Stadt zu rekrutieren, nehmen wir an Meisterschaften teil. Die beschäftigen sich mit jeweils einer der Gruppierungen und sind einer bestimmten Rennkategorie zugeordnet. Von Rundkursen, über Drift-Rennen, bis hin zu Drag-Races und Sprints sind wieder jegliche Disziplinen vertreten, was spielerisch auch wirklich für Abwechslung sorgt. Schade nur, dass uns Need for Speed Payback dabei zu solchen Höchstleistungen anspornen will. Bis auf den ersten Platz, gilt nämlich jede Platzierung als Niederlage. Wer also beispielsweise lieber normale Rennen fährt und mit dem Handling während der Drift-Herausforderungen absolut nicht klarkommt, hat hier eindeutig das Nachsehen. Das ist besonders ärgerlich, da selbst die Qualität des Streckendesigns häufig schwankt. Off-Road-Rennen über Stock und Stein bringen zwar auch im zweiten Anlauf noch Spaß, nach der Niederlage bei einem trostlosen Sprint über mehrere Meilen, legen wir den Controller aber erstmal genervt zur Seite.

Apropos. Die Steuerung von Need for Speed Payback wirkt jederzeit durchdacht und geht zusammen mit dem arcadigen Spielgefühl gut von der Hand. Trotzdem fühlt sich die Lenkung unserer Boliden immer etwas schwammig, ja, fast wie ein ständiger Kampf gegen irgendwelche Fahrhilfen an, die sich nur bedingt über das Live-Tuning-Feature anpassen lassen.

Neben einer fehlenden Rewind-Funktion, die in modernen Rennspielen durchaus Sinn macht, weil sie eben zu mehr Risiken verleitet und somit auch deutlich mehr Dynamik in das Spielgeschehen bringt, ist an unseren Niederlagen aber genauso gerne die gescriptete K.I. der gegnerischen Fahrer schuld. Es ist wirklich immer das gleiche Schauspiel. Zu Beginn eines Rennens setzt sich ein Feld aus bis zu drei Fahrern nach vorne ab. Um die einzuholen, dauert es, trotz besseren Leistungswerten, meist eine ganze Weile. Irgendwann an der Spitze angekommen, können wir diese Position mit fehlerfreiem Fahrverhalten auch ganz gut halten. Zumindest bis kurz vor der Ziellinie, denn dann kommt garantiert mindestens ein anderes Fahrzeug von hinten angebrettert und will uns das Podium noch streitig machen – der typische Gummiband-Effekt. Das nervt unwahrscheinlich, passt aber vielleicht ganz gut in das Gesamtbild von Need for Speed Payback, denn eigene spielerische Leistung zählt hier gar nicht so sehr…

Loot aus der Werkstatt

Was machen wir mit einem durchschnittlichen Rennspiel, damit es in die heutige Zeit passt und vielleicht noch ein paar zusätzliche Mäuse abwirft? Genau, wir packen es in ein Rollenspiel-Kostüm mit Level-basierten Stats und klatschen noch ein zufallsbasiertes Sammelkartensystem, das aber absolut notwendig ist, um überhaupt Fortschritt zu machen, obendrauf. Hat ja schon bei NBA 2K18  so unglaublich viel Spaß gemacht.

Jedenfalls haben alle Rennen eine Stufen-Empfehlung. Ungeachtet der drei Schwierigkeitsgrade, sollten wir uns auch ungefähr auf diesem Level befinden, um überhaupt nur den Hauch einer Chance zu haben. Die Stufe des aktuellen Fahrzeugs steigern wir natürlich mit individuellen Leistungsupgrades in unterschiedlichen Kategorien. Bessere Bremsen oder mehr Nitro und dergleichen gibt es nun allerdings nicht mehr direkt in Shops zu kaufen, wir erhalten sie eher willkürlich durch die sogenannten Speed-Karten. Wer also unbedingt an der Beschleunigung seines Wagens schrauben möchte, braucht schon ein wenig Glück. Zwar gibt es auch entsprechende Tuning-Werkstätten, die uns die Karten direkt gegen Ingame-Währung verkaufen, das Sortiment fällt aber genauso zufällig aus und wird nur alle 20 Echtzeit-Minuten ausgewechselt.

Es gibt halt irgendwann diesen Punkt, an dem es einfach nicht weitergeht. Unser Wagen ist beispielsweise auf Stufe 145, das nächste Rennen der aktuellen Meisterschaft hat aber plötzlich schon eine Voraussetzung von Stufe 165. Eine Fahrt zum Tuning-Shop bringt uns ebenfalls nicht weiter, denn der hat leider keine höherwertigen Speed-Karten mehr im Angebot. Also nochmal stupide die vorigen Veranstaltungen wiederholen und bei Abschluss auf lohnenswerten Loot hoffen. Immer und immer wieder, denn dieses tolle Belohnungssystem basiert ja schließlich rein auf Glück. Und genau hier stößt einem übrigens auch wieder diese unnötige Open World auf, denn langfristig frustriert das ständige Pendeln zwischen den Events. Schnellreisepunkte helfen zwar beim Überbrücken von größeren Distanzen, die selbstständige Fahrt zur eigentlichen Veranstaltung ist aber immer noch Pflicht.

Und natürlich winkt da auch bereits der Shop mit den Echtgeld-Paketen. Allzu aufdringlich werden uns die Mikrotransaktionen in Need for Speed Payback nicht präsentiert, die reine Möglichkeit ist in den Menüs aber allgegenwärtig, zumal sie eine verlockende Zeitersparnis gegenüber dem Grind bietet, dem der Titel überraschend früh verfällt. Kein Pay-to-Win, trotzdem noch absolut kritikwürdig. Die Upgrade-Karten lassen sich nämlich auch nicht auf andere Disziplinen übertragen. Ein Motorblock für Driftrennen, bleibt ein Motorblock für Driftrennen. Stehen mit der nächsten Meisterschaft also Drag-Veranstaltungen auf dem Plan, geht der Spaß von vorne los. Ähnlich verhält es sich mit neu gekauften Wagen. Die schlucken ebenfalls erstmal wieder eine Menge hart verdienter Karten, bevor sie überhaupt Wettbewerbsfähig sind. Und daran führt momentan kein Weg vorbei. Ein und dasselbe Rennen bis zu zehn mal fahren oder richtiges Geld ausgeben – willkommen in der Zeit, in der Free-to-Play-Titel plötzlich 60 Euro kosten.

Ein Blick unter die Motorhaube

In technischer Hinsicht hinterlässt Need for Speed Payback einen bestenfalls soliden Eindruck. Es ist unverkennbar, dass die Entwickler die eigentlich so leistungsstarke Frostbite Engine nicht immer ganz im Griff hatten. Ständig ploppt irgendwo ein Objekt in der Umwelt auf, wir entdecken matschige Texturen oder müssen mit einer instabilen Framerate kämpfen. Auf der Gegenseite überzeugen realistische Charaktermodelle und passende Gesichtsanimationen und natürlich die hübschen Modelle der Autos, die endlich wieder von einem äußerst umfangreichen Optik-Tuning profitieren. Im Vergleich mit der Forza-Serie, wirkt die optische Präsentation der Fahrzeuge aber gerne mal etwas altbacken und nur wenig spektakulär.

Auf die Ohren gibt es satte Motorensounds und einen stimmigen, modernen Soundtrack aus allen erdenklichen Genres, der insgesamt aber eher Hip Hop-lastig ausfällt. Die deutsche Synchronisation geht in Ordnung, wobei es etwas ärgerlich ist, dass wir nicht einfach zur englischen Tonspur wechseln dürfen. Eine individuelle Zusammenstellung der Musik-Playlist ist ebenfalls nicht möglich.


Der Test, sowie alle Screenshots, basieren auf unserer Xbox One-Testversion von Need for Speed Payback, die uns freundlicherweise von Electronic Arts zur Verfügung gestellt wurde.

Need for Speed Payback ist seit dem 10. November 2017 für Playstation 4, Xbox One und den PC erhältlich.

Dennis

Dennis

Games-Magger Dennis findet gerne mal die Nadel im Heuhaufen und legt sie dann auf die Goldwaage. Wahre Liebe darf auch kritisieren.
Heimisch auf Xbox One und Nintendo 3DS.
Dennis

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57%

Ziel verfehlt!

Gerne hätte ich mal wieder richtig viel Spaß mit einem Need for Speed gehabt, doch Payback zeigt mir völlig ungeniert, warum ich der Serie schon vor Jahren den Rücken gekehrt habe. Eine frustrierende K.I. und die öde Open World lassen sich ja noch irgendwie verschmerzen, der Fortschritt über ein weitestgehend zufallsbasiertes Lootsystem hat in einem Racer aber überhaupt nichts verloren. Ich will mich selbst steigern können und dann gezielt Upgrades kaufen und nicht darauf hoffen, eine Karte mit den passenden Werten zu erhalten. Und das muss ich, denn die Events werden relativ schnell hinter einer geschickten Paywall versteckt, die man nur durch langwierigen Grind oder echtes Geld überwinden kann - ein faules und lächerliches Gamedesign. Höchstens noch als irgendwann mal kostenfreies Spiel über EA Access zu empfehlen.

  • Grafik 70%
  • Sound 70%
  • Umfang 70%
  • Story/Atmosphäre 70%
  • Steuerung 70%
  • Balance Mikrotransaktionen / Eigene Leistung 20%
  • Präsenz potentieller Ingame-Käufe 30%

Games-Magger Dennis findet gerne mal die Nadel im Heuhaufen und legt sie dann auf die Goldwaage. Wahre Liebe darf auch kritisieren.
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