Homo Machina bei uns im Test

Mit Homo Machina entführt uns Arte auf eine spannende Reise ins industrielle Ich

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Der menschliche Körper, ein wahres Mysterium. Doch was, wenn unsere Organe eben nicht so selbstständig funktionieren, wie wir oft denken? Was, wenn in Wahrheit winzig kleine Arbeiter dafür zuständig sind, dass sich unsere Beine bewegen und wir nach einem erholsamen Schlaf die Augen wieder öffnen? Der menschliche Körper, eine Maschine? Diese Idee hatte schon Fritz Kahn, als der Autor im frühen 20. Jahrhundert seine Mensch-Maschine-Analogien aufstellte und damit die Welt der Wissenschaft ordentlich ins Wanken brachte.

Mit der ikonischen Buchreihe Das Leben des Menschen sorgte Kahn erstmals dafür, dass auch das gemeine Volk etwas von der eigenen Anatomie, dem Mensch als Industriepalast verstand. Durch detaillierte, fast schon künstlerisch humoristische Illustrationen, die auch heute noch als äußerst anschaulich gelten, schaffte es der damals in Deutschland antisemitisch verfolgte Arzt bis an die weltweite Spitze der publizierenden Populärwissenschaftler.

In der modernen Welt leider etwas in Vergessenheit geraten, haucht TV-Sender Arte dem mittlerweile verstorbenen Pionier wieder Leben ein und widmet ihm, in Zusammenarbeit mit Entwickler Darjeeling, ein ganzes Smartphone-Spiel. Nach Vandals kehrt die deutsch-französische Fernsehanstalt also schneller zum mobilen Gaming zurück, als gedacht und bringt mit Homo Machina ein Puzzle-Spiel auf den Markt, das definitiv seinesgleichen sucht.

Komplexe Abläufe

Für uns scheint das alles so alltäglich, wie unbeschwert. Augen öffnen, einen Kaffee trinken, nach dem Job ein wenig Musik hören. Doch für unseren Körper ist das echte Schwerstarbeit. Frei nach Fritz Kahns Theorie, schlüpfen wir in Homo Machina in die Rolle eines schusseligen Direktors, der es sich im menschlichen Gehirn bequem gemacht hat und von dort aus allerlei Befehle an seine Arbeiter gibt. Ob nun das allmorgendliche Erwachen oder ein Treffen mit der großen Liebe, dem Boss mit notorischem Schlafdrang und seiner eifrigen Sekretärin Josiane wird es jedenfalls nie langweilig.

So bringen wir den menschlichen Körper beispielsweise durch einen anstrengenden Arbeitsalltag, indem wir im Aktivitätszentrum die entsprechenden Befehle für wichtige Funktionen anstoßen. Das Bewegen von Armen und Beinen, das Entleeren der Blase und sogar ein kleiner Snack um Punkt 12 Uhr für unseren Magen, alles wird über Impulse gesteuert, die wir bequem mit dem Touchscreen auf ihren Weg in die richtige Region schicken. Das mag einfach klingen, ist es aber gar nicht. Die Stromkasten-ähnlichen Befehlsgeber sind nie direkt mit den Organen verbunden, ihre Leitungen schlängeln sich wie in einem klassischen Wimmelbild kreuz und quer über den gesamten Bildschirm. Auf Zeit und mit mehreren Körperteilen pro Aktion, wird es schon mal hektisch, allerdings nie unfair. Im schlimmsten Fall fliegt uns eine Sicherung um die Ohren und wir müssen den Stromkasten mit einer beherzten Wischbewegung wieder schließen, um es gleich nochmal zu versuchen. Dabei kann es auch vorkommen, dass ein gewisses Organ streikt, etwa weil die Beine müde sind oder sich zu viel Glucose im aufgenommenen Zucker befindet. Dann wechselt das eigentliche Rätsel kurzzeitig in ein Minispiel, in dem oft auch unser Rhythmusgefühl gefragt ist. Für eine einzige Knobelaufgabe, von denen Homo Machina in 30 Leveln einige zu bieten hat, fällt das Design der Rätsel überraschend vielseitig und unterhaltsam aus.

Nach dem anstrengenden Job schlägt das Nervenzentrum regelrecht Alarm. Entspannende Musik ist da sicher nicht verkehrt, wenn das Trommelfell nicht derart streiken würde. Ein Anruf aus der Zentrale genügt aber und die Arbeiter im Gehörgang gehen an ihre Arbeit. Mit vorsichtigen Drehbewegungen an Rädern mit Zahlenskala machen wir langsam den Weg für den akustischen Genuss frei – fast so, als würden wir einen Tresor öffnen. Damit aber nicht genug, denn selbstverständlich will auch der Klang richtig eingestellt und die richtige Frequenz für das eingehende Signal entschlüsselt werden. Unser Arbeitsplatz, der menschliche Körper, soll ja schließlich seine wohlverdiente Erholung bekommen.

Im Übrigen kommt uns Homo Machina nie mit Erklärungen oder gar Hilfestellungen zuvor. An welchen Stellen wir wann drehen, wischen oder tippen sollen, müssen wir ganz alleine herausfinden. Für einen kurzen Moment mag das schon mal frustrieren, denn die organische Industrie kommt optisch tatsächlich ziemlich detailliert daher, bewegliche Objekte sind aber meist visuell hervorgehoben, sodass wir nicht allzu lange im Dunkeln tappen. Knifflig bleibt es aber allemal, viele Vorgänge entpuppen sich im Sinne der Immersion als äußerst ausgeklügelte Mechaniken, die es erstmal zu begreifen gilt. Die Funktion der Lunge ist eben ein ziemlich komplexer Ablauf, den wir auch spielerisch zu spüren bekommen. Gut so, denn auf diese Weise bleiben die Kopfnüsse wunderbar anspruchsvoll und auch ein gewisser Lernfaktor ist vorhanden, indem uns Homo Machina die Funktionsweisen des menschlichen Körpers anschaulich näher bringt – eben ganz im Sinne der Buchvorlage.

Sympathische Arbeitskräfte

Ziemlich überrascht sind wir auch vom Charakterdesign, wofür Homo Machina mit erstaunlich detaillierten Persönlichkeiten aufwartet. Der Direktor unserer anatomischen Arbeitsstelle handelt wie ein richtiges, menschliches Gehirn. Hin und wieder etwas faul, vor allem aber äußerst emotional. Seine Sekretärin, die andere Hälfte des Gehirns, agiert dagegen total gewissenhaft und übereifrig. Die etwas komplizierte Beziehung der beiden spitzt sich in den humorvollen Dialogen immer weiter zu und entpuppt sich als erzählerischer Höhepunkt des Titels.

Damit der reibungslose Ablauf der Körperfunktionen auch stets gewährleistet ist, stehen der Direktor und seine Angestellte im ständigen telefonischen Kontakt mit den Mitarbeitern aus anderen Körperteilen, was so eine gewisse Komik mit sich bringt, die aber nie albern, sondern einfach nur herrlich sympathisch wirkt. Arbeiter wuchten mächtige Schneidemaschinen, um Nahrung zu zerkleinern oder sie lassen sich wie in einem Kinosaal nieder, um die Angebetete vor den Augen ihrer wandelnden Arbeitsstelle gespannt zu betrachten – natürlich erst, nachdem diese Bilder wie ein altes Foto in der Dunkelkammer entwickelt wurden. Der gesamte Körper wird als komplexes Bauwerk präsentiert, das auch optisch nichts vom Charme der ursprünglichen Zeichnungen verliert und sich weiterhin im stilistischen Zeitalter von Fritz Kahn bewegt. Die Detailverliebtheit, die die App-Entwickler von Arte und Darjeeling mit Homo Machina an den Tag legen, ist für ein iOS-/Android-Spiel jedenfalls kaum noch zu überbieten.


Um dieser herzerfrischenden Detailversessenheit noch ein wenig mehr Ausdruck zu verleihen, hier mal der Textauszug aus dem Day One-Patch, der zum Release von Homo Machina veröffentlicht wurde. Arte erspart uns selbst hier generische Begriffe und serviert uns viel lieber diesen reizenden Dialog als Patch-Note:

„Josiane! It was our very first day, what went wrong? It is taken care of? I’m getting phone calls from all centers!“

„It’s now handled, Sir. A few booboos and ouchies, nothing serious, all clear now.“

„Good. Let’s get back to work.“


Am Sound gibt es ebenfalls nichts zu bemängeln. Die eigens produzierten Stücke passen sich stets der jeweiligen Situation an und kommen mal ruhig, mal etwas aufgeregter daher, sind in jedem Fall aber angenehm für die Ohren. Maschinengeräusche klingen satt und stimmungsvoll und wenn die Knobeleien mal wieder eine Pause einlegen und der Titel zum Rhythmus-Spiel mutiert, sorgt der Sound auch dabei für akustische Unterstützung.

Die Steuerung ist das, was sie letztlich sein soll, nämlich eine gut funktionierende Bedienung über den Touchscreen, auf die die Rätsel perfekt abgestimmt wurden. In ganz seltenen Fällen kann es zu kleinen Problemen mit Edge-Modellen geläufiger Smartphones kommen. So bereiteten uns die abgerundeten Ecken des Samsung Galaxy S8 im Test ein paar Schwierigkeiten beim Lösen eines noch sehr frühen Rätsels, das sich aber leicht umgehen ließ, indem wir die automatische Edge-Berührungssperre des Game Tools kurzerhand ausgeschaltet haben. Generell solltet ihr die aber schon aktivieren, denn einige Elemente befinden sich einfach so weit am Bildschirmrand, dass ihr höchstwahrscheinlich immer wieder aus Versehen das Control Panel öffnet.

Immerhin läuft der Titel auch auf größeren Smartphone-Displays im vertikalen Fullscreen-Modus und wurde komplett deutsch lokalisiert. Über weitere Ingame-Käufe, Werbung oder fragwürdige Berechtigungsanfragen müsst ihr euch ebenfalls nicht den Kopf zerbrechen.

Homo Machina ist seit dem 17. Mai 2018 für iOS und Android verfügbar und kostet einmalig 3,49 €.

Der Test basiert auf unserer Testversion von Homo Machina für Android, die uns freundlicherweise von unseren Medienpartnern der ICO Media zur Verfügung gestellt wurde. Screenshots stammen aus dem Dossier des Entwicklers Darjeeling.

90%

Die wunderbare Reise ins Ich

Eine großartige Hommage an einen fast vergessenen Wissenschafts-Autor, die mit knackigen Rätseln spielerisch überzeugt und durch die einzigartige Präsentation begeistert. Homo Machina ist ein funkelnder Stern am App Store-Himmel, der das verdunkelte Firmament aus dreisten Free to Play-Spielen und ewig gleichem Einheitsbrei wieder zum Strahlen bringt. Für einen angenehm niedrigen Preis, erhalten Freunde der Rätselkunst einen überraschend liebevoll designten, lehrreichen und gleichzeitig spaßigen Titel für unterwegs. Weiter so, Arte.

  • Grafik 90%
  • Sound 90%
  • Umfang 80%
  • Story/Atmosphäre 100%
  • Steuerung 90%