Digimon Story Cyber Sleuth Hacker’s Memory bei uns im Test

Unser Review zum neuesten JRPG Ableger der beliebten Reihe.

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Die Frage aller Fragen, soll ich mein Metalgreynom zu einem Wargreymon digitieren lassen, oder nicht doch erst zu einem Greymon zurückentwickeln, um so seinen potentiellen Fähigkeitswert zu erhöhen, so dass er am Ende noch stärker ist, auch wenn dies längere Zeit benötigt? Oder soll ich in seiner Entwicklung gar noch weiter zurückgehen, und ihn in eine komplett andere Richtung weiterentwickeln, so dass er sich zu einem komplett anderem Digimon mit gänzlich anderen Eigenschaften „digitiert“, welches dann noch besser in mein Team passt?

Falls ihr in etwa wisst, wovon ich hier spreche, habt ihr euch bestimmt schon längere Zeit mit den Digimon in ihren mannigfaltigen Facetten (Animes, Mangas, Videospiele) beschäftigt. Falls all dies für euch aber nur nach undefinierbarem Kauderwelsch klingt, so geht es euch wie mir vor einigen Wochen.

Kurz zu meiner Person:
Ich habe als damaliger 10jähriges Kerlchen gebannt vor dem Fernseher gesessen, als die erste Digimon-Serie in Deutschland auf RTL 2 Premiere feierte und habe erbittert mit meinen Freunden gestritten, ob jetzt Pokemon oder Digimon die bessere Serie sei. Kurze Zeit später habe ich dann mit Digimon World mein erstes Digimon-videospiel auf der Playstation 1 gespielt, und war, trotz einiger mehr oder minder schwerer Bugs, sehr angetan und werde immer mit Wehmut an diese so sorgenfrei scheinende Zeit zurückdenken. Doch danach gingen ich und die digitalen Monster andere Wege und mein Fokus verschob sich langsam in andere Bereiche.

Bis uns neulich der Publisher eine Review-version des neuesten Werkes von Entwickler Media.Vision:
Digimon Story Cyber Sleuth Hacker’s Memory für die PS4 erreichte. Nachdem ich vor 2 Jahren bereits unbedingt den Vorgänger Digimon Story: Cyber Sleuth spielen wollte, dies in dem Meer aus anderen Spielen aber bis heute nicht geschafft habe dachte ich mir, es wäre mal wieder Zeit, in die eigene Vergangenheit abzutauchen. Und nebenbei, soviel sei schon einmal verraten, auch mal wieder ein durchaus gelungenes Jrpg zu spielen. (Ich möchte noch einmals wiederholen, dass ich den Vorgänger leider noch nicht gespielt habe. Inwiefern und ob der Nachfolger hier also Elemente des Vorgängers wiederverwertet kann ich leider nicht beurteilen und beurteile das Spiel aus den Augen eines Neulings)

                                                                 Huch, wo bin ich denn hier gelandet?

In diesem RPG spielen einen jungen Hacker, dessen Namen wir uns selbst frei wählen dürfen. Das Spiel wirft uns anschließend in ein Japan der Zukunft, in dem die Menschen sich in ihrer Freizeit fast durchgehend im sogenannten „Eden“ aufhalten, einer Art Internet 4.0.

Diese digitale Welt kann von den Akteuren mittels eines Access points, also einem handelsüblichen Computer oder einer neuartigen Art Telefonzelle, die überall in der Stadt verteilt sind, betreten werden. Wir erfahren, dass in dieser digitalen Welt vermehrt Hacker ihr Unwesen treiben. Diese haben es vor allem auf die sensiblen persönlichen Daten der Nutzer abgesehen, so dass diese vermehrt entwendet werden. Diese Problematik betrifft nun auch unseren jungen Helden, dem in Eden prompt seine digitale Identität gestohlen wird. Da Identitätsverlust in dieser zukünftigen Welt einen Menschen schnell automatisch in eine kriminelle Ecke stellt, entschließt er sich also, das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und schließt sich so selbst einer Gruppe Hacker an. Diese sollen ihm fortan dabei helfen, seine digitale Identität wieder zu erlangen.

Was sich zuerst etwas wirr liest, wird leider auch vom Spiel zu Beginn nicht immer ausreichend erklärt. So hatte ich beim Spielen gerade in den ersten Spielstunden immer wieder sehr große imaginäre Fragezeichen über meinem Kopf schweben. Die meisten dieser Fragen bzgl der Welt und der Rolle des Spielers klärten sich aber nach 5-6 Stunden Spielzeit langsam auf, als die Geschichte ein wenig an Fahrt aufnahm und man die unterschiedlichen Charaktere als auch ihre Motive nachvollziehen konnte.

Hier komme ich aber leider auch direkt zu einem weiteren Punkt, der mich zu Beginn des Spieles massiv gestört hat: Das Pacing. So dauert es mehrere Stunden, bis wir endlich unser eigenes kleines Digimonteam in die Schlacht führen dürfen und uns nichtmehr durch Dialoge klicken oder geskriptete Tutorialkämpfe drücken. Hier wäre meines Erachtens mehr möglich gewesen, eventuell auch mit einem längeren Intro im Animestil, dass die Welt etwas tiefgehender vorstellt.

Aber nichts desto trotz, sobald dieser langsame Einstieg überwunden war, entfaltete die Mixtur aus Gameplay und spannender Geschichte schnell einen Sog, der zu dem klassischen Verlangen nach „noch einer Evolutionsstufe höher“ und „Ach komm, die Quest mache ich noch kurz“ geführt hat. Fürwahr nie das schlechteste Zeichen bei einem Videospiel.

                                            Aber jetzt, Butter bei die Fische: Wie spielt es sich denn nun?

Im ersten als auch zweiten Moment hatte ich immer wieder den Vergleich mit diversen Ablegern der Persona-Reihe im Kopf. So wandeln wir tagsüber durch die Straßen, nehmen Quests an, kümmern uns sorgfälig um unsere verschiedenen Digimon und legen in Eden mit deren Hilfe fiesen Hackern das Handwerk. Auch Freundschaften können wir manchmal mittels Nebenquests vertiefen, um so besondere Items, andere Sichtwinkel auf bestimmte Charaktere oder andere nette Nebeneffekte zu erhalten.

Das ganze Spielgeschehen in der „realen Welt“ verläuft dabei leider in sich sehr starr: Die Menschen, die wir auf den Straßen und in den großen Einkaufszentren treffen haben selbst nach einigen Kapiteln immer noch dieselben Einzeiler auf den Lippen. Auch ansonsten wirkt die reale Welt fast schon klinisch steril. Auch das Hackerteam, mit dem wir viel Zeit verbringen, wirkt abseits der Geschichte meist leider nur wie starre Kulisse.
In der digitalen Welt bestreiten wir meist Kämpfe und sind auf der Suche nach wichtigen Personen, die uns der Lösung unserer Quest näher bringen.

So dürfen wir aber immer nur eine Nebenquest auf einmal erledigen. Führt uns die nächste und gar übernächste wieder in dasselbe Gebiet (was häufiger vorkommt) so müssen wir immer wieder dieselben Wege gehen und uns Zufallskämpfe mit den selben (oft weit unter unserem Level liegenden) Gegnern liefern.
Schade, das bekommen andere Vertreter heutzutage besser hin. Außerdem drosselt dies den „Flow“ des Spielgeschehens ungemein.

                                                                   …und was ist nun mit den Digimon?

Diese sind, wer hätte es gedacht, natürlich der Kern des Spieles und bei allen Kritikpunkten, die ich an dem Spiel bisher hatte: Hier macht der Entwickler verdammt viel richtig.

Während wir uns in Eden aufhalten und das Web erkunden dürfen wir ein Team von bis zu 11 Digimon bei uns haben und kommandieren. 3 Digimon befehligen wir im Kampf und bis zu 8 in Reserve. Diese dürfen wir auf Kosten einer Aktion im Kampf beliebig auswechseln, um uns so den Gegebenheiten anzupassen.
Die Digimon werden nicht klassisch eingefangen, sondern müssen über den Kampf analysiert werden. Dies bedeutet, dass wir zu Beginn einer jeden Begegnung mit einem bestimmten Digimon eine Prozentanzeige erhöhen. Sobald diese über 100 Prozent liegt, dürfen wir uns dieses Digimon im Digilab quasi selbst „erschaffen“.

Die Digimon unterscheiden sich außerdem in verschiedenen Aspekten voneinander: Entwicklungsstufe, Typus und Element. So macht z.b ein Digimon vom „Serum“ Typ doppelten Schaden an einem Digimon vom „Virus“ Typ. Ebenso verhält es sich mit den Elementen. Wenn dann noch in Betracht gezogen wird, dass das Spiel uns über 400 Digimon bietet, sind der Lust am Experimentieren wirklich keinerlei Grenzen gesetzt.

Das Kampfsystem selbst läuft in klassischer Weise rundenbasiert ab. Unsere Digimon haben TP (Trefferpunkte) und SP für verschiedene Spezialattacken. Die Kampfreihenfolge wird uns anhand der Zeitleiste rechts oben im Bild angezeigt, so dass wir einige Runden im voraus planen können. Leider setzt die KI hier ihre Elemente und Typen nicht immer sinnvoll gegen uns ein, so dass wir auf dem normalen Schwierigkeitsgrad abseits der Bosskämpfe oft sehr leichtes Spaß haben.

Selten kommt es zu speziellen Kämpfen mit anderen Hackergruppierungen, die an eine Art Schach erinnert.
Hier steuern wir bis zu 3 Charaktere mit ihren jeweiligen Digimonteams. Unser Ziel ist es, mehr Felder als das gegnerische Team zu kontrollieren. Die besetzten Felder besitzen dabei unterschiedliche Werte, so dass z.B. um ein 10 Punkte Feld wesentlich mehr Kämpfe entbrennen als um ein 1 Punkt Feld. Trifft euer Charakter auf einen generischen, beginnt ein Digimon-Kampf. Gelingt es euch, diesen Charakter zu besiegen, wird er auf sein Startfeld zurückteleportiert und ihr übernehmt das Feld, auf dem er stand.

Dasselbe gilt natürlich auch andersherum, so dass ihr stets mitdenken müsst, wie ihr nun vorgeht.
Ich persönlich hatte mit diesen Rangkämpfen viel Freude, heben sie das altbekannte rundenbasierte Kampfprinzip doch auf eine weitere taktische Ebene, werden aber gezielt so eingesetzt, dass sie nicht lästig werden.

                                                                                        Urlaub für die Liebsten

Das wäre aber noch nicht alles. Kurz, nachdem ihr eure ersten eigenen Digimon kontrolliert, stoßt ihr in Eden auf einen versteckten Raum. Dort könnt ihr eure Digimon verwalten, sie nebenbei auf der Digifarm trainieren lassen, sie weiter- oder zurückentwickeln, Multiplayerkämpfe austragen lassen, Items einkaufen, Materialien herstellen lassen und noch einiges mehr.

Dieser Ort ist damit sozusagen euer Verwaltungsraum für alles, was eure Digimon betrifft. Ab und an meldet sich eines eurer Digimon von dort bei euch auf eurem Handy und teilt euch Kleinigkeiten mit oder stellt euch allgemeine Fragen bezüglich der Digimonwelt. Eine nette Idee.

                                                                   Und….wie siehts von technischer Seite aus?

Nun, das Spiel ist in seiner Optik definitiv stimmig. Die Digimon sind oft schön anzusehen, die reale Welt als auch Eden bieten ihren eigenen Flair. Auch die Charaktere sind meiner Meinung nach gut gelungen.
Leider merkt man aber hier, dass das Spiel sich mit der Playstation Vita die Plattform teilt. So wirkt einiges, vor allem in der digitalen Welt, oft leer und trist, die Texturen sind leicht verwaschen und kantig, Animationen sind oft sehr steif und ungelenk.

Ebenso hat der Spieler oft ein wiederkehrendes Gefühl von „hier war ich doch schon“, weil eine neu entdeckte Ebene den 10 vorherigen leider doch wieder sehr ähnlich aussieht in Farbgebung und Gestaltung.
Gut gefallen haben mir dagegen die verschiedenen Mimiken der Figuren, sind diese doch so herrlich überzeichnet, wie man es von so manch gutem Anime kennt. Der Sound ist gut, die japanischen Stimmen legen sich ins Zeug, die Musik ist dezent und passend, aber nicht omnipräsent und somit störend.

Die deutschen Untertitel wirken somit meist auch in sich stimmig, nur selten hatte ich das Gefühl, dass eine gewisse Äußerung im aktuellen Kontext wenig Sinn ergibt.

Anmerkung: Die Screenshots wurden aus in ersten Spielstunden erstellt, so dass keine nennenswerten Spoiler zu sehen sind.

77%

Puh, Digimon Story Cyber Sleuth Hacker's Memory machte es mir wirklich nicht leicht.
Wirkte das JRPG in den ersten Spielstunden seltsam leer und trocken, fühlte ich mich kurz nachdem ich meine ersten eigenen Digimon erhielt von all den Spielelementen fast schon erschlagen.
Aber die guten Tutorials als auch die Geschichte mit ihren mir durchaus sympathisch gewordenen Nebencharakteren halfen mir, am Ball zu bleiben. Die Geschichte ist mit ihrer Cyberpunkartigen Welt zum Glück überhaupt nicht so kindlich, wie ich zu Beginn befürchtete, auch wenn wir die meisten Charaktere so oder so ähnlich bereits aus anderen Produkten der japanischen Unterhaltungsindustrie kennen.
Über einige Elemente ärgere ich mich aber nach wie vor (Warum darf ich nur eine Quest auf einmal annehmen und wieso sehen sich so viele Ebenen in Eden so ähnlich?), aber das hält mich wohl nicht davon ab, beizeiten den Vorgänger nachzuholen. Denn irgendwie scheinen ich den kleinen digitalen Monstern doch wieder verfallen zu sein und bin gespannt, was da in Zukunft noch so neues auf uns zukommt.

  • Grafik 65%
  • Sound 75%
  • Steuerung 85%
  • Umfang 80%
  • Story 80%