Guitar Hero Live – Deshalb bist Du vielleicht zu jung dafür!?

Eigentlich wollte ich ja den Text mit der Standard-Floskel beginnen, dass früher alles besser war. War es aber gar nicht. Nur anders. Umständlicher und analoger. Dafür intensiver. Den gewünschten Song auf Tastendruck gab es nicht. Zumindest nicht, wenn man über das übliche Taschengeld von ungefähr 10 Mark pro Woche verfügte und sich somit eher selten eine Musik-CD gönnte. Auch der DJ der örtlichen Dorfdisko gab keine Garantie, während wir da mit viel zu großen Hosen vor dem Pult standen und mit unsicherer, langsam von hohen zu tiefen Tönen mutierender Stimme, unseren Wunsch äußerten. Doch wenn es dann doch passierte, war es der beste Moment unseres Lebens, der für drei oder vier Minuten festgehalten wurde, als wäre er eine akustische Henkersmahlzeit, die uns statt in die Hölle, eher in den siebten Himmel beförderte. Aber auch zuhause funktionierte das ganz gut, sofern wir denn Glück hatten und zur richtigen Zeit den richtigen Sender einschalteten. Ey, mach mal lauter, da läuft grad das neue Video von Nirvana im Fernsehen! 

Guitar Hero Live Thumb

Noch lange bevor seltsame Sendungen auf den Plan traten, die Eltern ihre zukünftigen Schwiegersöhne abchecken und halbnackte Kerle Butterstücke mit langen Frauenhaaren fressen ließen, das vermeintlich echte Leben fremder Menschen durch den Bildschirm plötzlich interessanter schien als das eigene und man sich für nur 4,99 Euro verrückte Frösche auf das Handy im Telefonzellen-Format laden konnte, gab es einen Sender im frei zugänglichen Fernsehen, der von morgens bis abends kaum etwas anderes tat, als Musikvideos abzuspielen. Kein nerviges Gelaber, keine Kostenfallen. Niemand, der dir zeigt wie gut du doch bist, weil er es so viel schlechter macht.

MTV. Nahezu 24/7 bot der Kanal ein reichhaltiges Angebot an allen erdenklichen, jemals produzierten Titeln, die über ein entsprechendes Video verfügten. Egal, ob man genervt von der Schule nach Hause kam oder spätnachts noch über den Schwarm und seine geplante Eroberung in der nächsten großen Pause grübeln wollte, MTV war für dich da und zeigte, wenn auch nicht immer sofort, dann aber bestimmt im nächsten Clip die akustische und visuelle Reinkarnation deiner pubertären Emotionen. Traurig und verzweifelt, weil die Noten schlechter werden und die Angehimmelte einfach nicht auf deine zaghaften Annäherungsversuche reagiert? Mit Don’t Speak von No Doubt sind dann auch bestimmt passend die heimlichen Tränen gerollt. Da half dann auch kein I Want You Back von *NSYNC mehr. Aber spätestens beim Mambo No. 5 waren dann alle Sorgen wieder vergessen und restliche Aggressionen wurden mit irgendwas von Nirvana oder gar Slipknot abgebaut. Hach, die 90er.

MTV war ein Gefühl und kein bloßer Sender. Jugendliche Attitüde, der wir uns nur zu gerne hingaben, um mitreden zu können und die manchmal mehr half über die eigenen Wirrungen des Erwachsenwerdens hinwegzukommen, als die Bravo mit ihren beschwichtigenden Antworten auf die großen Fragen des Lebens. Aber selbst, wenn es bloß darum ging, einfach ein bisschen Musik nebenbei zu hören, hat das für jeden frei empfangbare Music Television einen verdammt guten Job gemacht. MTV war unser Tor zur Welt, die Globalisierung im Jugendzimmer und gleichzeitig Dekoration, die der wirkliche Vorläufer des digitalen Bilderrahmens zu sein schien und unseren selbstverwirklichten Räumlichkeiten den letzten optischen Schliff verpasste.

Guitar Hero Live (4)

Heute, zurück in der Zukunft, ist das einstige Musik-Utopia nur noch ein Trümmerhaufen, aus dessen muffigen Rauchschwaden die Erinnerungen an polyphone Klingeltöne, Spar-Abos und merkwürdige Reality-TV-Sternchen emporsteigen. Der Rettung aus der Post-Apokalypse ins Pay-TV folgten wir dem Sender nicht. Dafür war es auch viel zu spät. Aus dem Ground-Zero der Musikvideos schoss ein völlig neues Medium hervor. Das Internet. Streaming-Dienste wie Youtube, Dailymotion, später auch Spotify und Co. brachten gleichzeitig Sorg und Leid über das Geschäft. Nie war es einfacher an Musik zu kommen. Tausende von Titeln jeglichen Genres, immer und überall. In Sekundenschnelle. Leider verkam die Musik damit auch zu einem Wegwerfprodukt. Niemand war mehr bereit Geld dafür zu zahlen und viele sind es auch heute nicht.

Aber um die goldenen Taler der Industrie soll es hier gar nicht gehen. Viel mehr steht das Gefühl zur Debatte. Es braucht ungefähr zwei Wochen bis mein Spotify Premium mit selbst erstellten Playlists überquillt und ich den Überblick verliere. Die Folge: Ich höre keinen einzigen Song davon und lösche die Listen irgendwann wieder, ohne auch nur einen Gedanken an die eigentlich sehr wertvollen Lieder, die sich darin tummeln, zu verschwenden. Das gleiche gilt für Youtube und all die anderen Dienste, über die ich mir die Songs sogar inklusive Video anschauen kann.

Versteht mich nicht falsch, ich liebe all die positiven Möglichkeiten, die ich mit diesen Anwendungen habe, aber sind wir mal ehrlich. Habt ihr wirklich noch eure fünf zuletzt gehörten Songs im Gedächtnis? Habt ihr das Video dazu wirklich angeschaut und die Intention des Künstlers verstanden, den Text versucht zu deuten? Wahrscheinlich nicht. Wäre auch viel zu kompliziert, denn im Wandel der Schnelllebigkeit und des Überflusses schlägt dir der Algorithmus deiner bevorzugten Musik-App ja auch gleich den nächsten Titel vor, den es sich anzuhören gilt. Warum? Weil es möglich ist. Kostenlos und mit nur einem Klick.

Guitar Hero Live (2)

Alles wunderbar, aber eben so austauschbar. Kein Digital-Native der heutigen Generation wird sich an das wahnsinnig belohnende Gefühl erinnern, wenn man nach der Schule gebannt vor dem Fernseher saß und fast schon besessen auf sein Lieblings-Musikvideo gewartet hat und das dann irgendwann tatsächlich lief. Ohne Pause-Button oder Replay-Funktion. Nur mit der Hoffnung darauf, dass der Titel vielleicht in den nächsten Stunden nochmal gespielt wird und wir wieder anarchisch durch das eigene Zimmer tanzen konnten.

Mit Youtube, seinen Streaming-Kollegen und dem Ende von MTV im Free-TV sind wir faule Erwachsene geworden, die nicht mehr tanzen, sondern nur noch faul vor dem Rechner sitzen, nicken und weiterklicken. Auf zur nächsten Empfehlung, dem neuen Ohrwurm, der nicht mehr länger als ein paar Minuten anhält und neuen personalisierten Playlists, für die uns schon lange kein passender Name mehr einfällt. Die Wertschätzung eines einzelnen Stücks oder eines Künstlers geht da in den meisten Fällen gegen Null.

Was das jetzt alles mit Guitar Hero Live zu tun hat? Eine ganze Menge. Zumindest mit dem zweiten Modus im Spiel, Guitar Hero TV. Denn aus dieser durchaus nostalgischen Perspektive betrachtet, ist GH TV nichts anderes als das verstorben geglaubte MTV, nur etwas interaktiver. Jedenfalls in seinen beiden freien Kanälen, die ähnlich wie ein Musiksender ablaufen und im halbstündigen, thematischen Wechsel mittlerweile über 300 Songs ohne Pause im Stream abspielen. Rock-Hour um 19:30 Uhr, später dann Iconic Shreds oder auch wahlweise irgendwelche Pop-Hymnen. Zwar können wir jeden Song auch aus einer Liste auswählen und für dessen einmaliges Spielen einen sogenannten Durchgang hinblättern, der mit Spielwährung oder Echtgeld bezahlt werden kann, Einfluss auf das Programm im Stream haben wir aber nicht. Wann und ob wir überhaupt in den Song einsteigen bleibt uns dagegen völlig selbst überlassen. Es ist also durchaus Möglich, einfach einen Song anzuhören und sich das dazu passende Video entspannt reinzuziehen.

Guitar Hero Live (3)

Ganz wie in alten Zeiten also. Und da Guitar Hero TV mittlerweile über eine recht ansehnliche Auswahl an Titeln verfügt, kommt es nicht selten vor, dass plötzlich ein Musikvideo über den Bildschirm läuft, das wir schon lange nicht mehr gesehen haben und uns in wohligen Erinnerungen schwelgen lässt. Die ein oder andere Neuentdeckung ist sicher auch mit dabei. Natürlich kann der Song dann gegen besagte Durchgangs-Währung erneut abgespielt werden, da das ganze System aber recht begrenzt ist und wir, ohne Echtgeld bezahlen zu wollen, das niemals unendlich tun könnten, bleibt das Erlebnis im Kern einmalig. Bis der Titel erneut auftaucht. Da gilt es also wie damals, den Moment festzuhalten und abzurocken, als wäre es das letzte Mal. Oder ganz simpel der Maxime folgen, sich einfach mal wieder ein Musikvideo anzusehen.

Das neue Guitar Hero musste vor allem wegen seinem TV Modus einiges an Kritik einstecken, die teilweise auch berechtigt sein mag. Die Song-Auswahl lässt viele Künstler bisher vermissen. Metallica, Queens of the Stone Age, Nirvana und etliche andere hatten bisher keinen Auftritt auf der virtuellen Bühne. Tatsächlich weist der Katalog nur wenig Metall, Grunge oder Stoner Rock auf, die bisherige Selektion von Indie, Rock, Pop und vorwiegend Screamo / Post-Hardcore geht aber durchaus in Ordnung und bewegt sich mit alten Klassikern und modernen Hits irgendwo zwischen den letzten drei Jahrzehnten.

Die Kritk am Bezahlmodell kann ich ebenfalls nicht ganz nachempfinden. Will ich explizit einen bestimmten Song spielen, muss ich dafür einen Durchgang aufbringen. Durchgänge sind begrenzt und wollen entweder mit der Spielwährung oder Echtgeld gekauft werden. Die Balance an im Spiel verdienten Münzen und den Kosten für Durchgänge geht auf jeden Fall in Ordnung. Auch die echten Preise für Durchgangs-Pakete sind von Wucher weit entfernt, denn ein für alle Mal: Musik ist nicht gratis und das ist auch gut so.

Guitar Hero Live (1)

Guitar Hero TV macht im Grunde also alles richtig. Ich kann dafür bezahlen, wenn ich genau diesen einen Song spielen möchte, ähnlich wie bei einer Jukebox. Und wenn nicht, dann lasse ich einfach wie damals das Programm laufen und schaue was da auf mich zukommt. Das MTV-Gefühl ist garantiert mit dabei und vielleicht ist die fehlende Präsenz des Musiksenders genau das, was der jüngeren Generation nicht am neuen Guitar Hero schmeckt. Sie fühlt sich nicht an die alten Zeiten von MTV erinnert, in der das Warten einfach dazugehörte und es keine vorgeschlagenen Playlists gab, die uns mit fünfzig perfekt aufeinander abgestimmten Songs den Weg zur Arbeit versüßen sollen, aber eigentlich mindestens genauso nervtötend sind wie der Stau, in dem wir dadurch täglich landen.

Musik sollte keine Massenware sein und endlich wieder mehr wertgeschätzt werden. Dass das überhaupt nicht geschieht, will ich nicht sagen. Auch ich profitiere sehr gern von den unendlichen Vorzügen heutiger Streaming-Dienste, das tun ja sogar die Künstler. Aber so richtig verzaubert ist man eben irgendwie nicht mehr, wenn man plötzlich alles haben kann.

Jedenfalls ist Guitar Hero TV die perfekte Möglichkeit nochmal in das goldene Zeitalter des Music Television abzutauchen und dort eine Weile die Luft anzuhalten, bis man wieder auftauchen muss, um gleich wieder schnell atmend loszurennen. Der Zeit und der Technik hinterher. Am Besten mit einer der steigenden Herzfrequenz angepassten Playlist.

Ohne darüber nachzudenken: Was läuft bei euch grad für Musik im Hintergrund? 😉

Games-Magger Dennis findet gerne mal die Nadel im Heuhaufen und legt sie dann auf die Goldwaage. Wahre Liebe darf auch kritisieren. Heimisch auf Xbox One und Nintendo 3DS.